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Kein technischer Prozess

Traditionelle Versöhnungsrituale in der Reintegration von Kindersoldaten

von Nahla El-Menshawy

Die Entwaffnung, Demobilisierung- und Reintegration (kurz DDR) von Ex-Kombattanten und zunehmend auch Kindersoldaten ist heute fester Bestandteil von Friedensmissionen weltweit. Uganda und Sierra Leone zeigen dabei: Internationale Geber sollten in der Reintegration von Kindersoldaten kulturelle und traditionelle Versöhnungsrituale nicht vernachlässigen.

Reintegrationsprozesse, die ehemalige Kombattanten ins zivile Leben eingliedern ist ein wichtiger Grundsatz in Friedensprozessen. Der Reintegration ehemaliger Kindersoldaten wird in diesen Prozessen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt. In Sierra Leone etwa wurden zwischen 1999 und 2004 36,5 Millionen US Dollar für das DDR-Programm der UN bereitgestellt, davon aber weniger als eine Million Dollar in Maßnahmen für Kindersoldaten investiert. Dabei sind es oft diese Kindersoldaten, die besondere Unterstützung benötigen, da ihnen eine familiäre Sozialisierung oder eine schulische Ausbildung fehlt. Durch ihre Beteiligung an Kriegsgewalt drohen in Postkonfliktgesellschaften Stigmatisierung und Ablehnung. Auch Drogen- und Alkoholabhängigkeit, Depressionen, Ängste oder Verhaltensstörungen können ihren Reintegrationsprozess weiter erschweren.

Reintegration von Kindersoldaten heißt also nicht nur die Rückkehr zu ihren Familien oder die ökonomische Unterstützung und psychologische Betreuung zur Traumbewältigung: die Reintegration von Kindersoldaten ist kein technischer Prozess. So gibt es bei der Reintegration ehemaliger Soldaten kein universales Programm, welches in der Lage sein wird, die Erfahrungen und Bedürfnisse der Kindersoldaten in Gänze zu fassen.

Denn ein besonderes Problem stellt die Sozialisierung und Indoktrinierung von Kindern in Rebellengruppen mithilfe spiritueller und kultureller Elemente dar. Rebellengruppen nutzen oft spirituelle Praktiken und missbrauchen Religiosität, um Kinder zu manipulieren und für Gewalttaten gefügig zu machen. Dieser Beitrag argumentiert, dass solche Praktiken aber ebenfalls jahrelange Indoktrinierungen aufbrechen und Heilungsprozesse unterstützen können. Verschiedene Studien aus Uganda und Sierra Leone zeigen, dass traditionelle Versöhnungsrituale im DDR-Prozess daher viel Potential haben.

Kindersoldaten in Uganda

Die von Joseph Kony 1987 gegründete Rebellengruppe Lords Resistance Army (LRA) begann als Widerstandsbewegung gegen die ugandische Regierung, mutierte jedoch schnell zu einer „spirituellen Bewegung“, die (nach eigenen Angaben) „im Namen Gottes“ kämpfte um Uganda  zu „reinigen“.

Interviews mit Kindersoldaten in einer Studie zeigen,  dass diese zunächst aufgrund von Einschüchterung, Gewalt und Angst vor Bestrafung in der LRA blieben, sich später aber oft zu überzeugten Kämpfenden entwickelten. Viele von ihnen berichteten von einem starken Zugehörigkeitsgefühl. Sie fanden in der LRA eine neue Familie, knüpften Freundschaften und bekamen mit ihrer Waffe auch ein neues Machtgefühl. Dörfer ausrauben, „ungehorsame“ Kinder töten – wurde zur Normalität, auch mithilfe spiritueller Rituale. „Shea Butter” Zeremonien sollten Kinder beispielsweise zu „neu geborenen“ Soldaten machen. Das Auftragen von Shea Butter hat für die Acholi Kultur – eine ethnische Gruppe, welche im Norden Ugandas angesiedelt ist – einen besonderen Stellenwert und wird zur Heilung eingesetzt. Den Kindern sagt man in der LRA, es solle sie vor Kugeln schützen.

Im Reintegrationsprozess erhielten Kinder psychologische Traumatherapie. Doch vielen DDR-Programmen unterliegen westlichen Konzepten von Trauma. Derek Summerfield ein renommierter Psychiater und Experte für internationale psychische Gesundheitsforschung, problematisiert diese westliche Therapiemaßnahmen, die er als losgelöst von „persönlichen, sozialen und kulturellen Variablen“ beschreibt. Außerdem zeigte eine 2010 durchgeführte Langzeitstudie von Christopher Blattmann und Jeannie Annan eine „bemerkenswerte“ psychologische Resilienz bei ehemaligen ugandischen Kindersoldaten. Sie stellten fest, dass psychische Belastungen von Kindern einen sekundären Stellenwert hatten. Worunter die Kinder aber besonders litten war die spirituelle Indoktrinierung.

Zum Beispiel blieb die umfangreiche Auseinandersetzung mit den traditionellen Mythen und der Esoterik der LRA für viele Kinder auch lange nach dem Krieg noch relevant, da diese auch in der Acholi Kultur fest verankert sind. Sie glaubten, vom Geist ihrer Opfer verfolgt zu werden. Mehrere Studien kommen daher zu dem Ergebnis: Kulturelle und traditionelle Maßnahmen waren fundamental, um diese Kinder in die Gemeinschaft zurückzuführen. In Norduganda setzten viele Gemeinschaften traditionelle Reinigungszeremonien voraus, bevor sie die Kinder wiederaufnahmen. Aus Sorge vor den „bösen Geistern“ (cen) verstorbener Opfer, die Kinder in die Gemeinschaft tragen würden, veranlassten Familien Austreibungszeremonien, in denen diese „cen spirits“ durch Opfergaben kompensiert wurden. So zum Beispiel mit der „nonyo tong gweno“, einer Zeremonie, bei der das Kind auf zerbrochene Eischalten läuft. Das Ei steht symbolisch für Reinheit und das Schreiten auf Eierschalen versinnbildlicht das Aufnehmen eines neuen Lebens und die Versöhnung sozialer Beziehungen. Im Anschluss erfolgte eine Reinigungszeremonie, die eine Opfergabe erforderte. Nach dem Ritual gaben Festlichkeiten den Kindern das Gefühl, wieder Teil der Gemeinschaft zu sein.

Kindersoldaten in Sierra Leone

Die Revolutionary United Front (RUF) wurde 1991 gegründet, um die Regierung in Sierra Leone zu stürzen. Wie in der LRA wurden auch in der RUF entführte Kinder lange Zeit in einem gewaltdominierenden Umfeld sozialisiert. Sie wurden gezwungen, ihre Dörfer auszuplündern und im schlimmsten Fall ihre eigenen Eltern zu töten. Wie eine qualitative Studie von Richard Maclure and Myriam Denov, zeigt: Dieser Prozess der „erzwungenen Überzeugung“ resultierte in einem Abhängigkeitsverhältnis zur RUF. In regelmäßigen Motivationsreden von Kommandanten wurde Kindern eine bessere Zukunft versprochen. Auch Tattoos förderten die Gruppenkohäsion und kamen zum Einsatz, wenn die Kinder erfolgreiche Kämpfe austrugen.

Im Reintegrationsprozess wurden ehemalige Kindersoldaten zunächst in intermediäre Betreuungseinrichtungen geschickt, um sie auf ein ziviles Leben vorzubereiten. Wenn sie volljährig waren, durften sie sich für die neue Armee registrieren; andere konnten handwerkliche Arbeiten erlernen. Auch Sierra Leone zeigt, dass kulturspezifische Rituale und Traditionen im Reintegrationsprozess nicht wegzudenken waren. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Juni 2020 veröffentlichte Langzeitstudie des Boston College School of Social Work, die aufdeckt, dass ein stärkerer Fokus auf Familie und Gemeinde im Reintegrationsprozess ehemaliger Kindersoldaten eine erfolgreichere soziale Wiedereingliederung versprach.

Das unterstützt auch die Ergebnisse der Studie von Lindsay Stark von 2006, die resümiert: Traditionelle Reinigungszeremonien waren eine effektive symbolische Geste für ehemalige Kindersoldaten, um zu demonstrieren, dass sie wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden wollten. Viele entführte Mädchen berichteten etwa, sie seien durch Vergewaltigungen „beschmutzt“ („noro“). Sie wünschten rituelle Reinigungen, um wieder ein normales Leben führen zu können. Die Reinwaschung von „noro” repräsentierte einen symbolischen Bruch von der Vergangenheit in der bewaffneten Gruppe. Auch wenn die tieferliegende strukturelle Gewalt, die Frauen und junge Mädchen durch diese Wertvorstellungen ausgesetzt sind, damit in keiner Weise gelöst wurde, so war der Rückgriff auf diese Rituale ein erster Schritt, um die Integration von Mädchen in die Gemeinschaft überhaupt zu ermöglichen.

Diese Auseinandersetzung mit der Literatur zu Kindersoldaten in Uganda und Sierra Leone zeigt also die Ambiguität und Mehrdeutigkeit spiritueller Praktiken in Konfliktkontexten. Kulturelle und spirituelle Praktiken sind ein Instrument der Indoktrinierung, welches Kinder an bewaffnete Gruppen bindet. Um diese aufzubrechen, kann es hilfreich sein spirituelle Heilungs- und Reinigungsrituale in Reintegrationsprogrammen zu berücksichtigen und so stärker dem kulturellen und politischen Kontext gerecht zu werden. Dabei bleibt die Gefahr, Formen der strukturellen Gewalt, den beispielsweise Frauen ausgesetzt sind, zu reproduzieren. Insgesamt zeigen die Beispiele, dass kulturelle Praktiken unter kritischer Reflexion des jeweiligen Kontextes ein möglicher Baustein sein können, um ehemaligen Kindersoldaten zu helfen, wieder Teil einer Gemeinschaft zu werden. Gemeinschaften können schließlich durch Rückruf auf Traditionen einen Weg, finden, symbolische Schlussstriche zu ziehen und Wege für Schlichtung und Friedensprozesse zu öffnen.

Nahla El-Menshawy ist Masterstudentin am Institut für  Politikwissenschaften an der Universität Heidelberg. Ihre Interessenschwerpunkte sind Postkonfliktstaaten, sozialer Wandel und zivile Konfliktbearbeitung. Aktuell arbeitet sie als Projektmanagerin bei Migration Hub Heidelberg, absolviert ein Praktikum bei der Stiftung Wissenschaft und Politik und forscht für ihre Masterarbeit.