Archiv der Kategorie: Introducing…

Hier können sich Institutionen, Initiativen und Gruppen kurz vorstellen…

Bildungs- und Begegnungsstätte “Givat Haviva”

“Givat Haviva – The Center for a Shared Society”

Von Torsten Reibold

Givat Haviva ist die 1949 von der Kibbutzbewegung Ha´Kibbutz Ha´artzi gegründete nationale Bildungs- und Begegnungsstätte. Benannt ist sie nach der jüdischen Widerstandskämpferin Haviva Reik, die ein Mitglied der Kibbutzbewegung war.

Während Givat Haviva in seiner Anfangszeit vor allem als das nationale Bildungszentrum der Bewegung diente, wurde bereits im Jahre 1963 das jüdisch-arabische Zentrum für den Frieden (JACP) gegründet. Diese Gründung war eine Reaktion auf die Erkenntnis, dass der Anspruch der Kibbutzbewegung, Freiheit und Gleichheit für alle Staatsbürger zu erreichen, im Gegensatz zur offensichtlichen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Ungleichheit zwischen jüdischen und arabischen Israelis stand. Ab diesem Zeitpunkt nahm die Arbeit Givat Havivas als führende Einrichtung für den Ausgleich zwischen Juden und Arabern in Israel, die Förderung der Demokratie und der zivilen Konfliktbearbeitung ihren Anfang. Im Jahr 2015 gab sich Givat Haviva darüber hinaus den Untertitel The Center for a Shared Society. So wird Givat Havivas Mission deutlich, eine gemeinsam gestaltete, inklusive und demokratische Zivilgesellschaft zu schaffen, in der sich alle ihre Mitglieder gleichsam zuhause fühlen und Verantwortung für die Wohlfahrt der Gesellschaft übernehmen. Im Shared Society Programmcluster bündelt Givat Haviva seine vielfältigen pädagogischen, edukativen, zivilgesellschaftlichen und politischen Einzelprojekte und führt sie inhaltlich und pädagogisch zu einem wirkungsvollen und schlagkräftigen Programmbündel zusammen.

Givat Haviva leistet Verständigungsarbeit zwischen Arabern und Juden und fördert das Zusammenleben beider Bevölkerungsgruppen in Israel. In den zahlreichen Projekten haben beide Seiten oft zum ersten Mal die Gelegenheit, sich gegenseitig kennenzlernen und Erfahrungen auszutauschen. Ziel der Projekte ist es, Vorurteile abzubauen und das Verständnis für die gemeinsame Verantwortung aller Israelis für die Zukunft in einer gerechten und demokratischen Gesellschaft zu fördern. Givat Haviva geht bei der Gleichberechtigung selbst mit gutem Beispiel voran: Die Projektteams und viele Leitungspositionen sind, wenn immer möglich, sowohl geschlechterparitätisch als auch gleich mit Juden und Arabern besetzt. Neben dem jüdisch-arabischen Zentrum für den Frieden existieren auf dem Campus auch ein Kunstzentrum, ein Frauenzentrum, das die spezifisch frauen- und genderpolitischen Projekte Givat Havivas entwirft und umsetzt, das CoLab, ein Campus, für internationale Partnerschaften sowie weitere jüdische und arabische Institutionen der Zivilgesellschaft, die sich bei Givat Haviva niederlassen möchten, sowie ein renommiertes Zentrum für arabische Sprache und Kultur. Als genuine Teile der Kibbutzbewegung existieren daneben noch Archive zur Dokumentation des Widerstands während der Shoa und der Jugendbewegung Hashomer Hatzair sowie die Friedensbibliothek, eine der größten nichtstaatlichen privaten Bibliotheken in Israel mit Focus auf die Geschichte Israels und des Nahen Ostens sowie Friedenspädagogik. Im Sommer 2018 öffnete auf dem Campus zusätzlich die Givat Haviva International School: ein internationales Oberstufeninternat nach IB-Standard.

Über 50.000 Menschen aus Israel und aller Welt, Schülergruppen, Bildungsreisende, Studierendengruppen, sowie die tausenden Teilnehmer und Teilnehmerinnen der gesellschaftspolitischen Projekte besuchen jedes Jahr den Campus und lernen zu Demokratie, Frieden und Gerechtigkeit. Für die unentwegte Arbeit im Konfliktmanagement wurde Givat Haviva im Jahre 2001 mit dem UNESCO Prize for Peace Education ausgezeichnet. Viele weitere Auszeichnungen, wie der Albert Schweizer Award for Excellence der Chapman University, Kalifornien, der Chaim Konstantiner-Preis für Erziehung der Universität Tel Aviv oder der Intercultural Achievement Award der Republik Österreich kamen im Laufe der Jahre hinzu. Im November 2015 wurde außerdem zwei Bürgermeistern aus Givat Havivas Shared Communities Projekt, stellvertretend für alle Beteiligten, der Menschenrechtspreis der Friedrich Ebert Stiftung zuerkannt.

Nähere Informationen:
http://www.givathaviva.org/

Friedvolle Straßen? Eine Zwischenanalyse zu einem interdisziplinärem Kunst-, Forschungs- und Friedensprojekt

Friedvolle Straßen? Eine Zwischenanalyse zu einem interdisziplinärem Kunst-, Forschungs- und Friedensprojekt

Dr.in Nicole Pruckermayr

Was sind „friedvolle Straßen“? Die Künstlerin, Initiatorin und Kuratorin Nicole Pruckermayr stellt das Projekt „Comrade Conrade“ vor, das sich mit geschlechtlicher Repräsentation im öffentlichen Raum in Graz beschäftigt.

„Friedvolle Straßen“

Was kann man unter „friedvollen Straßen” verstehen? Und wie können öffentliche Räume auf friedensfördernde Art gestaltet werden? Mit diesen Fragen setzt sich das Projekt „Comrade Conrade“ auseinander, dass sich zugleich als Kunst-, Forschungs- und Friedensprojekt versteht. Bei der Frage, was den öffentlichen Raum friedvoll oder gewaltvoll macht, spielt zum einen die Repräsentation eine Rolle, die in Straßennamen zum Ausdruck kommt: Nach wem werden Straßen benannt und wer wird wie repräsentiert? Aus der Benennung von Straßen lassen sich Schlüsse darüber ziehen, welche Handlungen in unserer Gesellschaft wertgeschätzt und geehrt werden. Die Politik spielt hier als Entscheiderin und Vertreterin des Volkes eine große Rolle. Zum anderen geht es auch um die Frage, auf welche Weise öffentlicher Raum unterschiedlichen Personengruppen zugänglich gemacht wird. Hier zeigt sich auch, wie viel potenziell gemeinschaftsbildenden Raum sich eine Gesellschaft leistet, um zukünftige Konflikte bereits im Vorfeld abfedern zu können. Dabei ist vor allem die Stadt- und Raumplanung gefordert, die Rahmenbedingungen definiert. Städtische Räume sind nach der Geografin und Sozialwissenschafterin Doreen Massey immer geschlechtlich „codiert“. „Dies reicht von symbolischen Bedeutungen, die Räumen zugeschrieben werden und die eindeutige geschlechtlich differenziert sind, bis hin zur direkten Ab- und Ausgrenzung durch (die Angst vor) Gewalttätigkeiten.“ [1] Räume drücken die Art und Weise, wie Geschlechterverhältnisse konstruiert werden aus und beeinflussen so das Erleben und Verständnis von Geschlecht. Umgekehrt prägen sie aber auch Geschlechterbilder. Gesellschaftliche Machtverhältnisse wie auch unaufgearbeitete Konflikte und Ungleichgewichte werden so im öffentlichen Raum sichtbar. Darauf will das Projekt „Comrade Conrade“ am Beispiel der Conrad-von-Hötzendorf-Straße in Graz aufmerksam machen.

Der Krieger und die Pazifistin: Wem begegnen wir im öffentlichen Raum?

Seit einigen Jahren befindet sich die Conrad-von-Hötzendorf-Straße in einem massiven städtebaulichen Transformationsprozess, der durch verschiedene Um- und Neubau-Projekte das Antlitz der Stadt Graz weiter verändern wird. Ein Teil dieses Prozesses betrifft die Auseinandersetzung um die Namensgebung der Straße nach Franz Conrad von Hötzendorf (1852-1925) – Chef des Generalstabes für Österreich-Ungarn und wesentlich mitverantwortlich für den Weg in den Ersten Weltkrieg, die brutale Kriegsführung und Übergriffe gegen Zivilist*innen.

Eine – wesentlich von der Partei „die Grünen“ ausgehende Initiative hatte zum Ziel, die Straße in Bertha-von-Suttner-Straße umzubenennen. Bertha von Suttner (1843-1914) war eine österreichische Pazifistin, Friedensforscherin und Schriftstellerin, die 1905 als erste Frau mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Sie lebte in etwa zeitgleich mit Conrad von Hötzendorf. In der medialen Auseinandersetzung bildete sich jedoch schnell eine starke Opposition, welche ökonomische Aspekte der Namensänderung in den Vordergrund rückte, woraufhin die Initiative fallen gelassen wurde. Als Ergebnis der gescheiterten Initiative zur Umbenennung der Straße entstand jedoch das Ansinnen, einen gemeinschaftsfördernden Platz zu Ehren von Bertha von Suttner. Dieser Platz ist als generationenübergreifende Grünoase, die zum Verweilen und Spielen einlädt, geplant.

Die Schaffung des Bertha von Suttner-Platzes ist nicht nur für Friedensfreund*innen, sondern auch für diejenigen, denen an der Repräsentation von Frauen im öffentlichen Raum gelegen ist von Bedeutung. Denn von den etwa 52,5 Prozent der nach Personen benannten Straßen im Grazer Stadtgebiet sind bis heute lediglich ca. 2,5 Prozent nach Frauen benannt. Die restlichen Namen gehen auf Flurnamen, Zielpunkte einer Straße oder Tier- und Pflanzennamen zurück. Dabei reichen zum Beispiel die eher raren Pflanzennamen mit 2,11 Prozent fast schon an die Frauenquote heran. Da sich das Stadtgebiet in absehbarer Zeit nicht wesentlich verändert, ergeben sich voraussichtlich auch keine zusätzlichen Neubenennungen.

 „COMRADE CONRADE”

Das interdisziplinäre und mehrjährige Kunst-, Forschungs- und Friedensprojekt „COMRADE CONRADE. Demokratie und Frieden auf der Straße“ beschäftigte sich, anhand der Conrad-von-Hötzendorf-Straße, mit Zustand und Zukunft von Demokratie und Frieden der österreichischen Stadt Graz.

Das Projekt begann recht klein mit der Autorin als Initiatorin, fand aber schnell einen großen gesellschaftlichen und medialen Wiederhall und wuchs dementsprechend schnell. Rund 50 Personen und Institutionen aus Wissenschaft, Kunst und Zivilgesellschaft waren über den Zeitraum von 2016 bis 2019 in das Projekt eingebunden und gewährleisteten einen multidisziplinären und vielschichtigen Zugang zur Thematik. Teil des Projektes waren universitäre Institute, wie das Centrum für Jüdische Studien, die Institute für Kulturanthropologie und Ethnologie sowie das Europäische Trainings- und Forschungszentrum für Menschenrechte und Demokratie der Universität Graz, Fachhochschul-Lehrveranstaltungen des Themenkreises Städtebau und Stadtentwicklung, der Verein Frauenservice, das Institut für Männer- und Geschlechterforschung, die Lebenshilfe, das Stadtteilzentrum, das GrazMuseum, Künstlerinnen und Künstler und viele mehr.

Während des gesamten Projektzeitraumes wurden fünf methodisch und inhaltlich eigenständige Diskurs-Plattformen realisiert. Als erste Diskursebene diente ein niederschwelliges, ganzjähriges Rundgangsprogramm von insgesamt zehn Rundgängen, welches sich auf die etwa zwei Kilometer lange Straße und ihre Umgebung konzentrierte. Mithilfe der Expertise verschiedener Mitwirkender wurden unterschiedliche Aspekte des Lebens in der Stadt beleuchtet. Die Soziologin Elli Scambor fokussierte beispielsweise auf die verschiedenen Arten von Männlichkeit in der Conrad-von-Hötzendorf-Straße während die Diversitätsfachfrau Edith Zitz im von ihr gestalteten Rundgang die Kultur der Arbeit und Wirtschaft in der Conrad-von-Hötzendorf-Straße mit stadtentwicklerischen Perspektiven und Fragen der Geschlechterdemokratie in Verbindung brachte.

Eine weitere Projektplattform stellten mehrere „Kunst-im-öffentlichen-Raum-Projekte“ dar, die teils partizipativ angelegt und teilweise über mehrere Monate im öffentlichen Stadtraum besichtigt und erlebt werden konnten.

Weiters wurde eine mehrtägige internationale Tagung gemeinsam mit dem Centrum für Jüdische Studien und dem Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie zum breiteren Thema von „Demokratie und Frieden auf der Straße“ durchgeführt und auch in den Nahbereich der Straße getragen. Es fanden viele Veranstaltungen vor allem auch vor Ort statt, die sich mit dem täglichen Miteinander auseinandersetzten und den Wünschen der Bevölkerung Raum boten.

Was bleibt?

Zentrales methodisches Element innerhalb dieses Projektes waren die niederschwelligen Rundgänge, die Anknüpfungspunkte an die lokale Umgebung und vor allem an die Bevölkerung schufen, und die vor allem essenziell für ein friedvolles Miteinander stehen. Dadurch dass ganzjährig und konstant immer wieder Veranstaltungen zum Thema durchgeführt wurden konnten viele Menschen erreicht werden.

Eine Herausforderung für das Projekt bestand darin, einen Prozess der Öffnung anzustoßen, der notwendig ist, um die Bevölkerung teilhaben zu lassen aber gleichzeitig ein handhabbares Format zu wahren – mit klar begrenztem Ende und definiertem Ergebnis. Hier war es wichtig, Netzwerke zu bilden und die unterschiedlichen Beteiligten als selbstbewusste und eigenständige Akteur*innen in einen gemeinsamen Rahmen einzubinden. Die US-amerikanische Autorin und Literaturwissenschaftlerin Bell Hooks, die dafür plädiert alle Adressatinnen und Adressaten als aktive und eigenständige Personen wahrzunehmen und verschiedene Sorten an Wissen miteinander ins Gespräch zu bringen, war hier eine große Inspiration.[2]

In der Planungsphase des Projekts lag der Fokus auf dem aktuellen Stand der Geschlechtergerechtigkeit in einem bestimmten Stadtteil. Im Projektverlauf weitete sich dieser Schwerpunkt zunehmend aus, sodass viele weitere friedensrelevante Aspekte thematisiert werden konnten. Zentral hierfür war die Etablierung von friedvollen, diskursiven Räumen, die einen sachlichen Austausch in heterogenen Gruppen ermöglichen. Das Projekt „Comrade Conrade“ konnte wesentlich dazu beitragen, wechselseitiges Vertrauen zwischen Ortsansässigen und Vertreter*innen der Politik auf Bezirksebene und der Verwaltung aufzubauen. Das gesammelte Wissen soll nun in Form einer Publikation wieder in die Stadt eingebracht werden, um auch andere zu inspirieren, sich an der Gestaltung des öffentlichen Raums zu beteiligen.

 

Dr.in Nicole Pruckermayr

Nicole Pruckermayr studierte Biologie, Architektur, Visuelle Kultur und Kunstanthropologie. Zwischen 2004 und 2012 unterrichtete sie als Universitätsassistentin am Institut für Zeitgenössische Kunst /TU Graz vorwiegend Kunst im öffentlichen Raum. Derzeit lebt sie als freischaffende Künstlerin und Kuratorin in Graz/Österreich.

 

https://umlaeute.mur.at/CV/nicole-pruckermayr/

Quellen:

[1] Massey, Doreen. 1994. „Space, Place and Gender” In: Belina, Bernd / Naumann, Matthias und Anke Strüver (Hrsg.): Handbuch Kritische Stadtgeographie. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot.

[2] hooks, bell. 2010. Teaching Critical Thinking: Critical Wisdom . New York/London: Routledge.

Pfälzer Initiative “Entrüstet Euch!”

Pfälzer Initiative “Entrüstet Euch!”

Von Helmut Schmidt

Unsere Initiative wurde Anfang 2016 in Kaiserslautern gegründet. Viele in unserer Gruppe sind schon lange in der Friedensbewegung aktiv, manche aber auch erst seit kurzer Zeit – und wir freuen uns über jede(n) weitere(n) Mitstreiter(in).

Unser zentrales Ziel ist es, eine umfassende Abrüstung bei uns in der Region, in Deutschland und weltweit zu erreichen. Der alte Slogan aus den 1970er Jahren: Rüstung tötet täglich – ist leider wieder sehr aktuell geworden. Die erhoffte Minderung der weltweiten Rüstungsausgaben durch das Ende des Kalten Krieges 1991 ist leider nicht eingetreten. Im Gegenteil – und die durch neuerliche Hochrüstung ‘verschwendeten‘ Mittel fehlen mehr denn je für eine gerechte und humane Politik, sei es bei uns oder auch weltweit.

Konkret wollen wir vor Ort die Bürgerinnen und Bürger aufklären über die Bedeutung von Militärbasen in ganz Deutschland. Im Fokus haben wir dabei insbesondere die US-Airbase Ramstein in der Nähe von Kaiserslautern. Auf dieser Airbase Ramstein befindet sich nicht nur die für den weltweiten mörderischen Drohnenkrieg der USA notwendige Relaisstation, sondern auch die Befehlszentrale für das US-Raketenabwehrschild und für die Koordinierung der völkerrechtswidrigen Kriegsaktionen der US-Armee.

Ein weiterer Punkt neben der Aufklärung über diese militärischen Fakten ist die aus unserer Sicht notwendige Konversion. Das biblische Motto ‘Schwerter zu Pflugscharen’ gibt auf bildliche Weise sehr gut wieder, was auch unser Ziel ist: Waffen und Militäranlagen sollen umgewandelt werden in zivile Güter und zivile Infrastruktur, die für das Leben allgemein und für die Entwicklung unserer Region speziell sehr hilfreich sind.

Wir distanzieren uns ganz entschieden von der imperialen Machtpolitik der USA und der Nato – selbstverständlich aber auch genauso von der Militarisierung Deutschlands und von der im Aufbau befindlichen EU-Militärmacht. Wir fordern ein Russland einschließendes Friedens- und Sicherheitskonzept, sodass der Bau des gemeinsamen, europäischen Hauses endlich begonnen werden kann.

Die nächsten Veranstaltungen, bei denen man die Pfälzer Initiative “Entrüstet Euch!” kennenlernen kann sind: der Ostermarsch am 20. April 2019 in Kaiserslautern, der Vortrag “Militär und Umwelt” am 24. Mai 2019, der Vortrag “Neue atomare Bedrohung” am 13. Juni und die Aktionswoche “Stopp Airbase Ramstein” vom 23. Juni bis 30. Juni 2019. Weitere Informationen – Veranstaltungen, Termine, Links – findet man auf unserer Homepage.

 

Von lokal bis global: Eine neue Perspektive auf den Zusammenhang zwischen Ressourcenmanagement und Konflikten

Von lokal bis global: Eine neue Perspektive auf den Zusammenhang zwischen Ressourcenmanagement und Konflikten

Von Janpeter Schilling, Christina Saulich und Nina Engwicht

In einem aktuellen Sonderheft der Fachzeitschrift Conflict, Security and Development gehen wir der Frage nach, wie globale und lokale Dynamiken von Rohstoffmanagement und Rohstoffkonflikten einander bedingen.

Wie beeinflussen globale Prozesse, wie die Nachfrage nach wertvollen Primärrohstoffen und die Zertifizierung von Wertschöpfungsketten, Ressourcen- und Konfliktdynamiken auf der lokalen Ebene betroffener Gesellschaften, und umgekehrt? Um diese Frage zu beantworten, haben wir in der Fachzeitschrift Conflict, Security and Development ein Sonderheft herausgegeben, das eine lokal-globale Perspektive zur Untersuchung von Ressourcenmanagement und Konflikten entwickelt.

Die von uns vorgeschlagene Perspektive stützt sich auf eine Auswertung der Fachliteratur zu den Themengebieten Ressourcenfluch, Umweltsicherheit und Landnahme in großem Stil. Alle drei Ansätze verfügen nur über eine begrenzte Aussagekraft in Bezug auf Konfliktdynamiken auf der lokalen Ebene. Die lokal-globale Perspektive, die wir im Rahmen der Sonderausgabe entwickeln und auf diverse Fallbeispiele anwenden, beginnt daher mit einer Analyse der relevanten Akteure von Ressourcen-Governance und Ressourcenkonflikten auf der lokalen Ebene  und wendet sich anschließend der nationalen, internationalen und globalen Ebene zu (siehe Bild unten).

Konkret nehmen die Perspektive und der dazugehörige Analyserahmen zunächst die zentralen Dimensionen und Akteure – einschließlich deren Motivationen und Fähigkeiten – von Ressourcenmanagement und -konflikt auf der lokalen Ebene in den Blick. Dadurch werden Unterschiede, Überschneidungen und Verflechtungen zwischen Governance- und Konfliktakteuren deutlich. Diese treten oftmals  gleichzeitig in mehreren Rollen mit divergierenden Interessen in Erscheinung – zum Beispiel als Konfliktakteur und Staatsvertreter.

Lokal-globaler Analyserahmen

In einem zweiten Schritt erweitern wir unseren Fokus vertikal auf relevante Akteure und Prozesse über die lokale Ebene hinaus. Dies ermöglicht, die Beziehungen zwischen Akteuren von der lokalen bis zur globalen Ebene zu untersuchen und zu verstehen. Konkret wird herausgearbeitet, wie Ressourcen- und Konfliktdynamiken auf lokaler Ebene Prozesse und Akteure auf  der subnationalen Ebenen (z.B. Kreisverwaltung), auf nationaler Ebene (z.B. Zentralregierung, inländische Unternehmen, nationale Nichtregierungsorganisationen), auf internationaler Ebene (z.B. Sitz internationaler Unternehmen, internationale Geber, zwischenstaatliche Organisationen) und auf globaler Ebene (z.B. Klimawandel, globale Ressourcennachfrage, internationale Regulierungsmechanismen) beeinflussen.

In einem letzten Schritt betrachten wir, wie sich Prozesse auf globaler, internationaler und nationaler Ebene auf lokale Konflikt- und Ressourcendynamiken auswirken. Diese duale Analyse von lokal zu global und global zu lokal ist gewinnbringend für die Entwicklung von Strategien zur Konfliktentschärfung.

Was bedeutet diese Perspektive für die Praxis? Die Sonderausgabe enthält fünf Artikel, die den beschriebenen Analyserahmen auf Fallstudien in Subsahara-Afrika, Lateinamerika und Südostasien anwenden. Diese heben zwei wichtige Erkenntnisse hervor.

Erstens, internationale und nationale Unternehmen arbeiten oft Hand in Hand mit nationalen Regierungen, um Ressourcen zu gewinnen. Auf lokaler Ebene profitieren oft nur die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Eliten, während die Mehrheit der lokalen Bevölkerung kaum Möglichkeiten hat, die Ressourcennutzung zu beeinflussen. Sie bleibt weitgehend von Profiten ausgeschlossen und ist den negativen Auswirkungen der Ressourcengewinnung ausgesetzt.

In Kambodscha gründete beispielsweise ein europäisches Unternehmen eine große Kautschukplantage. Die entsprechende Konzession wurde dem Investor von der Zentralregierung erteilt. Der Protest lokaler Gemeinschaften konnten die darauf folgenden Enteignungsprozesse nicht verhindern. Das lag auch daran, dass nach Jahren des Bürgerkriegs und der Vertreibung der gesellschaftliche Zusammenhalt fehlte, der es der lokalen Bevölkerung ermöglicht hätte, dem Unternehmen und der Zentralregierung entschlossen und effektiv entgegentreten zu können.

In Äthiopien erklärte die Zentralregierung von den Viehhaltern genutztes Land im Maji-Gebiet als “unbewohnt” und lud Investoren ein, das Land in großem Stil zu pachten. Dies führte zu gewalttätigen Konflikten zwischen Regierungskräften und Viehhaltern. Im Nordwesten Kenias sind die Konflikte zwischen Ölgesellschaften und lokalen Gemeinschaften weniger durch die Ressource Land verursacht, sondern vielmehr durch fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten im Ölsektor. Dies führt dazu, dass sich die lokale Bevölkerung von den Profiten aus dem Ressourcenabbau ausgeschlossen fühlt.

Sowohl in Äthiopien als auch in Kenia überschneiden sich die, eher neuen, Konfliktdynamiken mit bereits bestehenden Gewaltkonflikten zwischen Viehhaltergruppen. Als die Unternehmen in ihr Gebiet eindrangen, nutzten die lokalen Gruppen ihre, in früheren Konflikten entwickelten Fähigkeiten (Erfahrung, Arbeitskräfte, Waffen, Angriffstaktiken), um sich den Investoren entgegenzustellen. In Kenia blockierten zum Beispiel Gemeindemitglieder die Zufahrtswege zu Ölförderanlagen, und forderten das Unternehmen auf, den Beschäftigungsanteil der lokalen Bevölkerung zu erhöhen.

Die zweite Erkenntnis legt nahe, dass Systeme zur globalen Rohstoffzertifizierung sich oft auf ambivalente Weise auf lokale Gemeinschaften auswirken. In Costa Rica könnte das globale Programm “Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation” (REDD+) das Konfliktpotenzial zwischen Akteuren, die Wälder für den Klimaschutz erhalten wollen und Gemeinschaften, die Wälder für ihren Lebensunterhalt benötigen, potentiell erhöhen. Andererseits bietet REDD+ indigenen Völkern eine Plattform, um in Dialog mit der Nationalregierung zu treten.

In Sierra Leone wurde ein globales System zur Zertifizierung von Diamanten nur partiell umgesetzt, da lokale Normen, Gebräuche und Machtverhältnisse einen genuinen institutionellen Wandel verhinderten. Das Zertifizierungssystem hat jedoch dazu beigetragen, die Belästigung, Erpressung und Gewalt gegenüber illegalen Kleinbergbauern und Händlern zu reduzieren.

Diese Beispiele zeigen, dass die Analyse lokaler Ressourcen- und Konfliktdynamiken essentiell ist, um zu verstehen, wie der globale Bedarf an Ressourcen, wie Land und Öl, sowie globale Zertifizierungssysteme für Wälder und Diamanten die lokale Ebene beeinflussen können – und umgekehrt. Auf dieser Grundlage ist es Organisationen und Regierungen möglich, nachhaltige und realistische Strategien zur Konfliktprävention und -bearbeitung zu entwickeln. Wie diese aussehen können, ist in der frei verfügbaren Sonderausgabe  beschrieben.

 

Janpeter Schilling ist Klaus-Töpfer-Stiftungsjuniorprofessor für Landnutzungskonflikte am Institut für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau und Geschäftsführer der Friedensakademie Rheinland-Pfalz.

 

Christina Saulich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektkoordinatorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und affiliiertes Mitglied der Friedensakademie Rheinland-Pfalz. In ihrer  wissenschaftlichen Arbeit führt sie Fragen der  Entwicklungsforschung und der Friedens- und Konfliktforschung zusammen.

 

Nina Engwicht ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit  Ressourcensektorreform und illegalen Märkten im Übergang von Krieg zu Frieden.