Archiv der Kategorie: Geschlechterstereotype

Sexuelle Gewalt im bewaffneten Konflikt: Welchen Einfluss hat die Präsenz weiblicher Kombattantinnen?

Sexuelle Gewalt im bewaffneten Konflikt: Welchen Einfluss hat die Präsenz weiblicher Kombattantinnen?

Von Viktoria Reisch

Sexuelle Gewalt gegen Frauen in bewaffneten Konflikten stellt ein kontroverses und umstrittenes Thema dar. Sie wird oftmals als omnipräsent wahrgenommen, wohingegen es durchaus Fälle gibt, wo dieses Phänomen abwesend ist. In Anbetracht dessen stellt sich die Frage, welche Faktoren Einfluss auf das Auftreten von sexueller Gewalt gegen die weibliche Zivilbevölkerung nehmen. Als ein möglicher Erklärungsfaktor wird zuweilen die Anwesenheit weiblicher Kämpferinnen genannt. Im Folgenden wird diese These anhand der Fallbeispiele der kolumbianischen FARC-EP und der kurdischen YPG/YPJ näher diskutiert.

Die Auswirkungen von bewaffneten Konflikten auf Frauen sind weitreichend und vielfältig: Lebensmittel- und Ressourcenknappheit, mangelnde medizinische Versorgung und psychische Belastungen sowie oftmals Zwangsvertreibungen und das Erleben sexueller Gewalt. Die Frage, wann und warum bewaffnete Gruppen sexuelle Gewalt gegen Zivilistinnen einsetzen und viel mehr wann und warum sie das nicht tun, ist vieldiskutiert und wird in der entsprechenden Literatur sehr unterschiedlich beantwortet[1]. Laut der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Dara Kay Cohen gab es in 81% der von ihr untersuchten 91 Bürger*innenkriege zwischen 1980 und 2012 Berichte von Fällen sexueller Gewalt. Sie betont, dass diese in allen Konfliktregionen und unabhängig vom Konfliktgegenstand (wie bspw. Territorium, Autonomie, Ressourcen etc.) vorkommen, allerdings sind durchaus Variationen zu erkennen. Zum einen unterscheidet sich das Ausmaß, beispielsweise wurden in 18 Bürger*innenkriegen nur vereinzelte Übergriffe registriert. Zum anderen fallen innerhalb der beobachteten Konflikte Abweichungen zwischen den beteiligten Gruppen auf. Wendet eine Konfliktpartei diese Gewaltform an, wird diese nicht notwendigerweise von der oder den anderen übernommen[2]. Daran zeigt sich, dass sexuelle Gewalt[3] in bewaffneten Konflikten ein weitverbreitetes, jedoch nicht allgegenwärtiges Phänomen ist.

Angesichts der Tatsache, dass es eine nicht geringe Zahl an bewaffneten Gruppen gibt, die in Konfliktsituationen keine sexuelle Gewalt anwenden, betont Elizabeth Wood, Professorin für Politikwissenschaft in Yale, dass Vergewaltigung, Übergriffe oder Zwangssterilisation nicht unvermeidlich sind. Es gibt demnach keine empirische Evidenz für einen Automatismus von sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten. Umso wichtiger ist es zu untersuchen, welche Faktoren die Wahrscheinlichkeit verringern, dass bewaffnete Akteur*innen sexuelle Gewalt gegen Zivilistinnen anwenden. Dies soll Aufschlüsse für Handlungsmöglichkeiten geben und helfen, Policies zum Schutz der Bürgerinnen zu entwickeln[4].

Mögliche Faktoren

In der Suche nach Gründen stellt die These, dass Frauen als Teil einer bewaffneten Gruppe einen relevanten Einfluss auf die Abwesenheit sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten haben, einen Erklärungsversuch dar[5]. Autor*innen, die sich diesem Argument bedienen, ziehen dafür unterschiedliche Annahmen und Subthesen heran. Ceyda Kuloğlu, Wissenschaftlerin an der Başkent Universität in Ankara, ist der Ansicht, dass diese Frauen sensibilisiert für Genderthemen sein und einen bestimmten Prozentsatz in Relation zu den männlichen Mitgliedern überschreiten müssten („critical mass“)[6]. Ist dieser Prozentsatz erreicht, würde nicht nur die Anzahl der Fälle sexueller Gewalt gegen Zivilistinnen zurückgehen, sondern auch innerhalb der bewaffneten Gruppe. Die Annahme dabei ist, dass bei einem starken Ungleichgewicht der Geschlechter – in diesem Fall Männer – das zahlenmäßig dominante Geschlecht eher in klassische Rollenbilder verfällt.

Die Substitutionsthese[7] vertritt die Idee, dass männliche Kombattanten zur Anwendung sexueller Gewalt neigen, wenn sie keine regelmäßige sexuelle Befriedung haben – gleich ob durch Kontakt zu Prostituierten, Nahestehenden (Paarbeziehung, Mitkämpferinnen o. Ä.) oder Zivilistinnen im gegenseitigen Einverständnis. Die Vertreter*innen dieser These argumentieren unter anderem mit der Korrelation zwischen militärischer Präsenz und der Entwicklung von Prostitution[8]. Neben anderen berichtet Wood[9] über Aussagen vonseiten militärischen Personals und Offizieren, die das Verlangen männlicher Soldaten nach sexuellem Kontakt und dessen Befriedigung als Thema darstellen, das die Soldaten beschäftigt und maßgeblich in ihrem Handeln beeinflusst. Diese würden argumentieren, wenn nun Frauen Teil der eigenen Gruppe und sexuelle Beziehungen in- und außerhalb der Gruppe möglich sind, das „Ausweichen“ auf Außenstehende unnötig wird. Hier muss betont werden, dass sich solche Theorien meist gängiger (heteronormativer) Gender-Stereotype bedienen und gesellschaftliche Geschlechterrollen auf bewaffnete Gruppen in Konflikten übertragen. Zudem bleibt das bewusste Einsetzen von sexueller Gewalt als Kriegsstrategie völlig unberücksichtigt.

Andere Wissenschaftler*innen[10] argumentieren, dass Frauen generell vor der Anwendung sexueller Gewalt zurückschrecken und sie grundsätzlich kein Teil ihres Gewaltrepertoires ist. Dieses Argument birgt die Gefahr, in klassische Genderstereotype zurückzufallen. Allerdings weisen etwa Eriksson Baaz und Stern[11] sowie Reed et. al.[12] auf Variationen bei männlichen und weiblichen Täter*innen, was ihre Beweggründe, den Kontext und die Konsequenzen von sexueller Gewaltanwendung angeht, hin. Sie begründen dies damit, dass Männer von anderen geschlechtsspezifischen Normen auf gesellschaftlicher Ebene beeinflusst werden als Frauen und deshalb die Neigung zu dieser Form von Gewalt zwischen Geschlechtern divergiert. Allerdings ist nicht geklärt, ob die hier wirksamen Effekte gesellschaftlicher Einflüsse auch in dieser Form für bewaffnete Gruppen übernommen werden können.

Ein weiterer Erklärungsansatz ist das sogenannte male bonding[13], was die Herstellung von kollegialen Beziehungen unter Männern mittels spezifischer Trainingspraktiken bezeichnet, um Kameradschaft zu stärken. Zwar fördert nicht das Phänomen an sich die Anwendung sexueller Gewalt, allerdings die Mechanismen, die dabei eingesetzt werden. Männliche, heterosexuelle Identität gekoppelt mit männlicher Überlegenheit und Macht spiele eine wichtige Rolle, um eine bestimmte Form von Männlichkeit, soldatischer Männlichkeit, die in bewaffneten Konflikten als wichtige Charaktereigenschaft gesehen wird, zu produzieren[14].

Weibliche Kämpferinnen in Kolumbien und Nordsyrien

Um die eingangs aufgestellte These, dass Frauen als Teil einer bewaffneten Gruppe einen relevanten Einfluss auf die Abwesenheit sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten haben, zu diskutieren, ziehe ich als Fallbeispiele zwei bewaffnete Gruppen heran, die beide eine signifikant hohe Anzahl weiblicher Kämpferinnen aufweisen: die kolumbianische Guerilla FARC-EP (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee) sowie die die kurdische Miliz YPG/YPJ (Volksverteidigungseinheiten/Frauenverteidigungseinheiten).

Die FARC-EP ging in den 1960er Jahren aus kommunistischen Guerillabewegungen im ländlichen Gebiet hervor und war bis zur Unterzeichnung des Friedensvertrags mit der kolumbianischen Regierung 2016 eine der einflussreichsten Akteurinnen im Jahrzehnte andauernden Bürger*innenkrieg. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie weniger als 6.000 Mitglieder[15], nach Höchstzahlen von 10.000 – 15.000 im Jahr 2008[16]. Die YPG/YPJ gründete sich im Oktober 2011 im Kontext des syrischen Bürger*innenkriegs mit der Zielsetzung, die vorwiegend kurdisch bewohnten Gebiete Syriens zu verteidigen. Ihr wird eine enge Beziehung zur türkischen PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) und der syrischen PYD (Partei der demokratischen Region) nachgesagt, nachdem die YPG/YPJ auch als Streitkraft der Demokratischen Föderation Nordsyriens/Rojava gilt. 2017 wurde ihre Truppenstärke auf rund 50.000 Kämpfer*innen geschätzt.

Auf Basis von Berichten des Internationalen Strafgerichtshofs, des UN-Menschenrechtsrats und Amnesty International[17] zeigt sich das Bild, dass es eindeutig Fälle sexueller Gewalt vonseiten der FARC-EP gab, bislang jedoch keine Berichte von der Beteiligung der YPG/YPJ an solchen Praktiken vorliegen.

Werden die oben dargestellten Subthesen auf die einzelnen bewaffneten Gruppen angewendet, zeigt sich ein anderes Bild, als die hier diskutierte These vermuten lässt: Die FARC-EP erfüllt mehr Kriterien, die eine geringere Wahrscheinlichkeit der Anwendung sexueller Gewalt nahelegen, als die YPG/YPJ. Auch wenn beide einen hohen Frauenanteil aufweisen (FARC-EP rund 40%, YPG/YPJ etwa ein Drittel), weist die YPG/YPJ mehr „Risikofaktoren“ auf. Beispielsweise werden bei der FARC-EP die Kämpfer und Kämpferinnen gemeinsam ausgebildet und trainiert, wohingegen die YPG/YPJ ihre Mitglieder in geschlechtergetrennten Einheiten trainiert. Hier muss darauf hingewiesen werden, dass die kurdische Miliz grundsätzlich in eine getrennte Männereinheit (YPG) und Fraueneinheit (YPJ) gegliedert ist, in der FARC-EP sind die Kombattantinnen Teil der regulären Einheiten und leben in den gleichen Camps. Des Weiteren sind intime Paarbeziehungen zwischen FARC-EP-Mitgliedern erlaubt, während diese zwischen den Kämpfer*innen der YPG/YPJ streng verboten sind, wie aus dem Bericht einer Kämpferin hervorgeht[18].

Fazit

Wie die Diskussion der Fallbeispiele zwischen der kolumbianischen Guerilla und der kurdischen Miliz zeigt, weist die Präsenz von weiblichen Kämpferinnen an sich ein geringes Erklärungspotential für die Abwesenheit sexueller Gewalt gegen Zivilist*innen auf. Denn folgt man den hervorgebrachten Annahmen, wäre es wahrscheinlicher, dass die YPG/YPJ auf dieses Gewaltmittel zurückgreift. Allerdings zeigt sich bei den ausgewählten Fällen das Gegenteil. Dementsprechend sind Theorien, die auf Basis der reinen Anwesenheit von Frauen argumentieren, zum einen wenig erkenntnisreich, zum anderen oftmals von starken Gender-Stereotypen durchzogen. Vielversprechender scheinen allerdings weitere Untersuchungen bezüglich Fragen darüber, welche Funktionen Frauen in der jeweiligen bewaffneten Gruppe übernehmen und wie sich damit einhergehend ihr Mitspracherecht und ihr Einfluss auf das Handeln und die Ausrichtung der Gruppe gestaltet. Elisabeth Wood[19] schlägt darüber hinaus vor, dass ein größerer Fokus auf die hierarchische Struktur innerhalb der Gruppe sowie die zugrundeliegende Ideologie und den (gesamtgesellschaftlichen) sozio-politischen Kontext gelegt werden muss. Zudem wird deutlich, dass es einer stärkeren Berücksichtigung von Gender-Stereotypen sowie der Sozialisierung von Kombattant*innen bedarf.

[1] Für eine Auswahl: Cohen, D. K. (2016): Rape During Civil War. Ithaca, NY. Kirby, P. (2013): How is rape a weapon of war? Feminist International Relations, Modes of Critical Explanation and the Study of Wartime Sexual Violence. European Journal of International Relations 19 (4), 797–821. Eriksson Baaz, M./Stern, M. (2009): Why do Soldiers Rape? Masculinity, Violence, and Sexuality in the Armed Forces in the Congo (DRC), International Studies Quarterly 53 (2), 495–518. Wood, E. J. (2009): Armed Groups and Sexual Violence. When Is Wartime Rape Rare?, Politics & Society 37 (1), 131–162.

[2] Cohen, D. K. (2016), 73.

[3] Für die Definition von sexueller Gewalt siehe: International Criminal Court (2000): Elements of Crimes, U.N. Doc. PCNICC/2000/1/Add.2 Article 7 (1) (g). Verfügbar unter: https://documents-dds-ny.un.org/doc/UNDOC/GEN/N00/724/27/PDF/N0072427.pdf?OpenElement [16.06.2019]

[4] Wood, E. J. (2009).

[5] Wood, E. J. (2009), 135-136.

[6] Kuloğlu, C. (2008): Violence Against Women in Conflict Zones. In: Carreiras, H. & Kümmel, G. (Hrsg.): Women in the Military and in Armed Conflict. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 227–238.

[7] Enloe, C. H. (2000): Maneuvers. The International Politics of Militarizing Women’s Lives. University of California Press, Berkeley, Calif, S. 111. Cohen, D. K. (2016). Wood, E. J. (2009): 135.

[8] Enloe, C. H. (2000),111.

[9] Wood, E. J. (2009), 135.

[10] Ebd.; Reed, E./Gupta, J./Silverman, J. G. (2014): Understanding Sexual Violence Perpetration. JAMA Pediatr., 168(6), 581-582.

[11] Eriksson Baaz, M./Stern M. (2018): Curious erasures. The Sexual in Wartime Sexual Violence, International Feminist Journal of Politics, 20:3, 295-314,

[12] Reed, E./Gupta, J./Silverman, J. G. (2014).

[13] Tiger, L. (2004): Men in Groups. Taylor and Francis, Somerset.

[14] Cockburn, C. (2004): The Continuum of Violence. A Gender Perspective on War and Peace. In: Giles, W. M./ Hyndman, J. (Hrsg.): Sites of violence: Gender and conflict zones. University of California Press, Berkeley, 24–44.

[15] Heidelberg Institute for International Conflict Research (2017): Conflict Barometer 2016, Heidelberg.

[16] Uppsala Conflict Data Program: FARC. http://ucdp.uu.se/#actor/7438 [28.08.2019].

[17] Siehe beispielsweise für Kolumbien: International Criminal Court (2012): Situation in Colombia: Interim Report. Verfügbar unter: https://www.icc-cpi.int/NR/rdonlyres/3D3055BD-16E2-4C83-BA85-35BCFD2A7922/285102/OTPCOLOMBIAPublicInterimReportNovember2012.pdf [23.09.2018] oder Amnesty International (2017): Amnesty International (AI) (2004) Colombia. Cuerpos Marcados, Crímenes Silenciados.Violencia Sexual contra las Mujeres en el Marco del Conflicto Armado. Editorial Amnistía Internacional, Madrid, verfügbar unter: https://www.amnesty.org/es/documents/AMR23/040/2004/es/ [31.08.2019]; siehe beispielsweise für Syrien die Berichte der Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic verfübar unter: https://www.ohchr.org/EN/HRBodies/HRC/IICISyria/Pages/Documentation.aspx [31.08.2019].

[18] Buckler, J.-B. (2016): Ein deutscher YPG-Kämpfer erzählt, wie der Krieg gegen den IS von innen aussieht. https://www.vice.com/de/article/8gbj5v/ein-deutscher-ypg-kaempfererzaehlt-wie-der-krieg-gegen-den-is-von-innen-aussieht-885 [25.09.2018].

[19] Wood, E. J. (2009).

Viktoria Reisch studiert Inter-nationale Studien/ Friedens- und Konfliktforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt mit einem Schwerpunkt auf Südamerika,  Indigene und Gender Studies. Zuletzt hat sie ein Praktikum beim Klima-Bündnis, einem europäischen Städtenetzwerke mit Sitz in Frankfurt, gemacht. Aktuell ist sie Praktikantin bei der Heinrich-Böll-Stiftung Cono Sur in Santiago und forscht für ihre Masterarbeit.

Negating the existence of female combatants hurts women’s status in peace processes

Negating the existence of female combatants hurts women’s status in peace processes

By Emanuel Hermann

 The gender-essentialist assumption that women are only involved in armed conflict as civilians and victims, never as combatants and perpetrators, leads to their exclusion from economic opportunities that are awarded to potential spoilers of peace. In Sierra Leone, where women constituted a large part of the armed groups, the Disarmament, Demobilization and Reintegration-program provides a salient example for this.

 

Women were labelled the “worst losers” of Sierra Leone’s eleven years long civil war.[1] News articles, reports by international organisations and academics predominately depicted women as victims and highlighted their vulnerability in the conflict. Although a large percentage of fighters were actually women, their role as perpetrators of violence was largely ignored. Most international organisations refused to refer to former female combatants as “fighters” and instead termed them “women associated with armed groups” or “dependents”. This discourse deprived women of agency during and after the conflict and influenced the programs offered to women in the post-conflict phase by international organisations.

The role of female combatants in the Sierra Leonean conflict

Approximately 75,000 people were killed in the civil war in Sierra Leone between 1991 until 2002. The conflict was characterised by various factions fighting each other and the government respectively. All conflict parties were responsible for atrocities and all factions had female combatants in their ranks. In total, it was estimated that around 10-30% of all fighters were women and girls.[2] It is impossible to make generalisations about the experiences of women and girls during the war since they varied considerably among individuals. Some tried to escape the groups they were to become a part of, some married fellow combatants out of love, some were forced to do so, some divorced, some had children, and some took up the opportunity to join the fight.[3] Only a minority of women decided to join the groups by choice. Most of them were abducted (as were many men and boys) and subsequently suffered sexual abuse and forced labour within their respective armed group.[4]

For those women who decided to take up arms it is important to point out that they did not do so primarily to improve their own or women’s status more generally. Instead, many chose to fight for their own or families’ survival. Their decisions were constrained by the social context they found themselves in. Their options were often very limited, consisting of either taking up arms, becoming the lover of a commander, having to work in the camps or being killed by fellow group members. Choosing between life and death is of course “more a matter of bare survival” than a choice.[5] However, although highly constrained in their choice, women in the camps could decide between different survival strategies. Some women who decided to fight, stated that this enabled them to access resources through looting, to protect themselves against the enemy but also against members of their own armed groups. Some stated that possessing a gun made them “feel strong and fearless”.[6] Thus, becoming a combatant enabled some women to have a certain degree of independence and agency. However, conditions for female combatants still differed strongly from those of their male counterparts. They remained more vulnerable to sexual violence and forced labour were relatively powerless within the armed groups.[7]

The DDR-process and the influence of gender essentialist ideas

Sierra Leone’s civil war was followed by a massive peacebuilding and subsequent statebuilding project. As in other post-conflict countries, Disarmament, Demobilization and Reintegration (DDR) was a major component of this processes. DDR-programs are generally based on the assumption that former members of armed groups are “potential spoilers to the peace process and therefore pose a danger in a post-conflict environment”.[8] A crucial element of DDR-processes is the disarming of groups. Demobilisation refers to the process of “decommissioning active combatants from Armed Forces and other armed groups”. [9] Reintegration aims at giving combatants economic opportunities either by returning to civilian life or, in some cases, by integrating into the national army. In the case of Sierra Leone, the DDR-process was mainly funded by the World Bank, the United Nations Mission to Sierra Leone (UNAMSIL), UNICEF and the Sierra Leonean government. At first, the program was supposed to “support the short term economic and social integration” of around 45,000 former combatants of all factions. The actual number of former fighters turned out to be much higher and when the program ended in 2002, around 75,000 people had taken part in the process.[10]

The planning and execution of the DDR-process in Sierra Leone was based on the gendered assumption of men as “perpetrators” in war and women as “victims” of war.[11] In general, this dichotomy is predominant within the international policy community. In the case of Sierra Leone, women combatants were portrayed as “camp followers”, “sex-slaves” and “wives” but not as “fighters” or “combatants” although some were exactly that. In contrast, men associated with armed groups, were exclusively defined as soldiers but never as “men involved in armed groups” or similar terms that were used to describe former female fighters. Since most women were first abducted and usually raped, they were seen solely as “victims”. That a person can be both, a “victim” but also a “perpetrator”, is not considered in this discourse. This oversimplification had serious consequences in Sierra Leone where it led to the different treatment of male and female combatants within the DDR-process, especially in the reintegration phase. Women were not seen as “real soldiers” and hence, not as a potential security threat to the peace. As MacKenzie highlights, DDR-process are essentially “securitisation”-processes in which potential threats are constructed and policies designed to produce security. Thus, not being recognised as a threat can have serious policy implications.[12] In Sierra Leone, it led to the “depoliticization” of women’s role in the conflict and since in a post-conflict climate the international community is more likely to prioritise perceived security threats, reintegration efforts for male combatants received considerably more attention and funding. Reintegration programs for men encompassed a range of different training programs to prepare them for a legal occupation while reintegration for women was largely seen as “a social process” in which women were expected to return to their communities to start a “normal” life.[13] Furthermore, the training options for women were very limited and based upon gender-essentialist ideas of the role of women in the economy. While the training programs for men included potentially lucrative skills like auto mechanics, computer skills or masonry and plumbing, the options for women were limited and consisted of low-income activities such as soap-making, tie-dying or tailoring. Another part of the program that should help female women to return to their communities encompassed a micro-credit scheme that was designed to help women to “reduce the family pressure on male ex-combatants”.[14] Again, it was assumed that women want to act in the way that is expected of them, which is to be married, stay married and support their breadwinning husband.

Conclusion

The programs implemented by international organisations in post-conflict Sierra Leone were based on gender essentialist ideas about women’s role in conflict and society. By describing female combatants solely as “victims”, they were assigned a fixed personal status rather than acknowledging that female combatants were also perpetrators of violence. This categorisation determined their perceived importance in the peace process as well as the economic options offered to them. While former male combatants were viewed as a potential threat to stability that needed to be managed by providing them with economic opportunities, women’s reintegration was understood as a social process. They were assumed to return to their previous place in society depriving them from the positions of authority or economic opportunities some of them had known during the civil war. The post-conflict period can be a source of social change and an opportunity for the political and economic inclusion of previously marginalised groups. In the case of Sierra Leone, however, this did not happen as peace builders deprived women of agency and instead reinforced stereotypical gender views.

Emanuel Hermann

Emanuel Hermann studiert Development Studies mit dem Schwerpunkt “Conflict, Power and Development” am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf. Er ist zudem als studentischer Mitarbeiter an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz angestellt und arbeitete mehrere Jahre für das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK).

 

Quellen

[1] MacKenzie, Megan (2009a) Securitization and Desecuritization: Female Soldiers and the Reconstruction of Women in Post-Conflict Sierra Leone, Security Studies 18:2, 241-261.

[2] Coulter, Chris (2008) Female Fighters in the Sierra Leone War: Challenging the Assumptions?, Feminist Review 88:1, 54-73.

[3] MacKenzie, Megan (2009b) Empowerment boom or bust? Assessing women’s post-conflict empowerment initiatives, Cambridge Review of International Affairs 22:2, 199-215; MacKenzie, Securitization and Desecuritization; Coulter, Female Fighters in the Sierra Leone War; Lahai, John Idriss (2012) ‘Fused in Combat’: Unsettling Gender Hierarchies and Women’s Roles in the Fighting Forces in Sierra Leone’s Civil War, ARAS 33:1, 34-55.

[4] Coulter, Female Fighters in the Sierra Leone War, p.58/59. It is difficult to determine the number of female combatants who joint armed groups voluntarily. About 93% of women who served in the Revolutionary United Front (RUF), the armed group with the highest number of female combatants, stated that they were abducted and forcefully recruited (Cohen, Dara Kay (2013) Female Combatants and the Perpetration of Violence: Wartime Rape in the Sierra Leonean Civil War, World Politics 65:3, 383-415, p.402).

[5] Coulter, Female Fighters in the Sierra Leone War, p.68.

[6] ibid., p.68.

[7] ibid., p.68. Rape and other sexual violence was also committed against boys and men, though on a much smaller scale (see: Human Rights Watch (2003) ‘We will kill you if you cry’: Sexual Violence in the Sierra Leonean Conflict, https://www.hrw.org/reports/2003/sierraleone/index.htm#TopOfPage [13.02.2019]).

[8] Thakur, Monika (2008) Demilitarising Militias in the Kivus (eastern Democratic Republic of Congo), African Security Studies 17:1, 51-67, p.53; for more on DDR-processes see Omach, Paul (2012) The Limits of Disarmament, Demobilisation, and Reintegration, in: Peacebuilding, Power, and Politics in Africa. Ed. by Devon Curtis & Gwinyayi A. Dzinesa, Ohio: Ohio University Press.

[9] Carames, Albert & Eneko Sanz (2009) DDR 2009: Analysis of Disarmament, Demobilisation and Reintegration (DDR) Programmes in the World during 2008. Bellaterra: School for a Culture of Peace, p.8.

[10] MacKenzie, Empowerment boom or bust?, p.207.

[11] Coulter, Female Fighters in the Sierra Leone War, p.65/66.

[12] MacKenzie, Securitization and Desecuritization, p.245 & p.257.

[13] ibid., p.257.

[14] MacKenzie, Empowerment boom or bust?, p.208-213.

 

Der Mädchen-Effekt: Eine Kritik am vorherrschenden Frauenbild in der Entwicklungshilfe

Der Mädchen-Effekt: Eine Kritik am vorherrschenden Frauenbild in der Entwicklungshilfe

Von Max Jansen

Mit den Erfolgen der Frauenbewegung hat sich im öffentlichen Diskurs ein Frauenbild etabliert, das die Eingliederung von Frauen in globale Wertschöpfungsketten in den Vordergrund stellt. Diese Vorstellung, in der Frauen vor allem eine gesamtgesellschaftliche Investition sind, dominiert heute auch die transnationale Entwicklungszusammenarbeit. Das ihr zugrundeliegende Frauenbild ist eindimensional und unpolitisch. Verfolgt Entwicklungszusammenarbeit das Ziel, Frauen und Mädchen wirklich zu ermächtigen, muss sie einem politischen Selbstverständnis folgen.

Feministische Kämpfe haben Frauen in den vergangenen 100 Jahren zu weitreichender rechtlicher Gleichberechtigung und zunehmender wirtschaftlicher, politischer und kultureller Teilhabe verholfen. In Verbindung damit hat sich in den letzten Jahrzehnten medial und kulturell ein neues Frauenbild etabliert, das Frauen nicht länger als benachteiligt und unterdrückt, sondern vielmehr als dynamisch, kompetent, sozial und erfolgreich darstellt. Insbesondere jungen Frauen wird heute in öffentlichen Debatten mit Faszination, Enthusiasmus und lustvoller Aufregung begegnet. Dabei haben sich innerhalb des Feminismus mittlerweile vor allem solche Strömungen durchgesetzt, deren Schwerpunkt auf der ungehinderten Teilnahme von Frauen am Arbeitsmarkt liegt. Dieser, häufig als „liberaler Feminismus“ betitelte Feminismus, prägt derzeit auch das Frauenbild, welches in der Entwicklungszusammenarbeit von Staaten, Stiftungen, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Unternehmen des globalen Nordens vermittelt wird.

The Girl Effect: Mädchen als perfekte Empfängerinnen von Entwicklungshilfe

Durch die entwicklungspolitischen Programme staatlicher Entwicklungsagenturen, internationaler Organisationen und die Werbeanzeigen westlicher NGOs zieht sich heute die Idee der sogenannten „girlpower“ – einer Frauen und Mädchen eigenen Macht. So lautet der Titel eines Berichtes des global tätigen Finanzdienstleisters Goldman Sachs beispielsweise „Women Hold Up Half the Sky“, während der internationale Wirtschaftsfond titelt “Girl Power – Policies that help integrate women into the workforce benefit everyone”. In der von der Nike Foundation getragenen Kampagne „The Girl Effect“ heißt es „change starts with a girl“, denn Mädchen seien die „mächtigste Kraft für den Wandel auf unserem Planeten“. Auch die Kinderhilfsorganisation Plan International spricht in „An alle Frauen in Deutschland“ adressierten Briefen von einem „Mädchen-Effekt“, der dadurch wirke, dass private Spenden von Einzelpersonen im globalen Norden jungen Mädchen im globalen Süden Bildungsangebote ermöglichen. Diese Bildungsangebote sollen dazu führen, dass Mädchen zunächst ihr eigenes Leben und in der Konsequenz auch die Gesellschaften, in denen sie leben, positiv verändern.

Kurzum, Frauen werden von Geberorganisationen der Entwicklungshilfe nicht mehr primär in einer Opferrolle, als hilfsbedürftige „third world women“ dargestellt, sondern als Ikonen der Effizienz und des Altruismus – und nicht zuletzt, als ertragreiches Investment. Während Jungen und Männer aus dem globalen Süden durch das Bild des potenziell gefährlichen „Flüchtlings“ zunehmend als Problem dargestellt werden, erscheinen Frauen und Mädchen als kooperationswillige und kompetente Partnerinnen beim Aufbau der (besseren) Welt von morgen.

 Kompetent und unpolitisch

Derartige Kampagnen sprechen, einer (neo-)liberalen Logik folgend, gezielt Vorstellungen von persönlicher Ermächtigung (Empowerment) und individueller Handlungsfähigkeit (Agency) an. Sie rücken ökonomische Aktivitäten in den Vordergrund und sind darum bemüht, junge Frauen und Mädchen im globalen Süden fest in bereits bestehende Formen globaler Wertschöpfung einzugliedern. Die wirtschaftlichen und sozialen Erträge, die eine Gesellschaft aus der Investition in Frauen und Mädchen erhält, hängen in dieser Sichtweise von deren optimistischer Einstellung und Strebsamkeit ab – kurzum, von Vorstellungen tugendhafter Weiblichkeit. Damit bürden sie individuellen Frauen und Mädchen die Verantwortung auf, die Gesellschaften, in denen sie leben, in ein neues Zeitalter zu führen. Politische Auseinandersetzungen über die Notwendigkeit struktureller Veränderungen rücken so an den Rand der Bedeutungslosigkeit.

So dargestellt erscheinen globale Ungerechtigkeiten durch geschickte Ressourcenausstattung auf individueller Ebene lösbar, während die Notwendigkeit grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen in den Hintergrund tritt. Aufgrund der ihnen zugeschriebenen Potenziale erscheinen insbesondere junge Mädchen im globalen Süden als eine vermeintlich feministische Lösung für die derzeitigen Entwicklungsprobleme der Welt (und zunehmend auch des Klimawandels). Auf diese Weise wird eine warenförmige Weiblichkeit produziert: Frauen werden als durchweg freundlich, schön und gewissermaßen formbar dargestellt. Sie strahlen Wohlwollen, Strebsamkeit und einen guten Willen aus, wodurch sie als attraktive Vorbotinnen eines neuen weiblichen Typs erscheinen. Das erfolgreiche Mädchen entsteht hierbei erst durch einen von außen auszulösenden Effekt, der an konkrete Erwartungen geknüpft wird. Die Aufgabe, eine positive Veränderung der Welt herbeizuführen, wird somit ausgerechnet von denjenigen geschultert, die unter den derzeitigen globalen Verhältnissen am meisten leiden.

Ausblick: Die Frau in Jinwar und die Notwendigkeit struktureller Veränderungen

Während mittels dieses Frauenbildes eine mögliche Verbesserung der Welt suggeriert wird, die ohne eine Analyse und Beseitigung der strukturellen Grundlagen der bestehenden Missstände auszukommen scheint, zeigen andere Beispiele, dass ein transnationales Engagement für Frauen und Mädchen auch anders möglich ist. Beispielhaft lässt sich dies anhand des Frauenbildes beschreiben, das in der Außendarstellung des Frauendorfes Jinwar in Nordsyrien zum Tragen kommt. Das Frauendorf wurde durch ein Komitee von Dorfbewohnerinnen im Norden der Demokratischen Föderation Nordsyrien, besser bekannt unter ihrem kurdischen Namen „Rojava“, ins Leben gerufen und wird von der Konföderation der Frauenbewegung in Rojava in Kooperation mit der Stiftung der Freien Frau in Rojava/Syrien unterstützt. Das Leitmotto des Frauendorfes lautet: „Die freie Frau ist die Basis der freien Gesellschaft“. Also dient die Frau auch in Jinwar zur Verkörperung eines bevorstehenden Wandels, der weit über ihr individuelles Leben hinaus einen gesamtgesellschaftlichen Effekt ausstrahlen soll. Allerdings werden Frauen hier nicht als von außen auszulösender Effekt dargestellt, sondern als selbstbestimmte und vielfältige Individuen, die sich durch kollektive Selbstermächtigung ein gemeinschaftliches Leben aufbauen und ihre Erfahrungen selbst nach außen tragen. Die Bewohnerinnen des Dorfes berichten in Newslettern und bei Vorträgen von ihren Anstrengungen, sich inmitten des anhaltenden Bürgerkriegs in Syrien frei von Gewalt und Unterdrückung ein neues Leben, Arbeiten und Miteinander zu ermöglichen sowie von dem Baufortschritt in Jinwar.

Mit ihrer gemeinschaftlichen Lebensweise möchten die Frauen in Jinwar an prähistorische Gesellschaftsstrukturen im heutigen Mesopotamien anknüpfen, die sie als kollektiv, kommunal, ökologisch und matriarchal geprägt beschreiben. So bauen sie beispielsweise bewusst auf traditionelle und nachhaltige Weise. Die dabei verwendeten Lehmziegel stellen sie selbst her und beziehen alle notwendigen Rohstoffe aus der Region. Auch der große, ökologisch bewirtschaftete Gemeinschaftsgarten erfüllt die Anforderungen eines autarken und selbstbestimmten Lebensstils. Während westliche Entwicklungsagenturen Frauen im globalen Süden in einer eindimensionalen Weise darstellen, um sie in bestehende Formen der Wertschöpfung einzugliedern, wird in Jinwar stattdessen ein umfassenderes Frauenbildes verkörpert, das die autonom gewählte Selbstorganisation und angesichts der Schrecken des syrischen Bürgerkriegs beispielsweise auch die Möglichkeit zur Selbstverteidigung einschließt, wie die Kooperation der Frauen in Jinwar mit den Frauenverteidigungseinheiten in Nordsyrien (kurdisch: Yekîneyên Parastina Jin, YPJ) zeigt.

Das Frauenbild, das in Jinwar vermittelt wird, geht somit weit über die passive Rolle hinaus, die Frauen und Mädchen im dominanten Paradigma der Entwicklungszusammenarbeit gemeinhin zugewiesen wird. Hier werden Frauen nicht einseitig als strebsam, kooperativ und regelrecht harmlos dargestellt, sondern zudem als autark, streitbar und politisch. Dies bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte, welche die internationale Entwicklungszusammenarbeit aufnehmen könnte, wenn sie Frauen nicht als Mittel zum Zweck, sondern als selbstbestimmte, heterogene und politische Subjekte wahrnehmen möchte.

 

Max Jansen

Max P. Jansen studiert Friedens- und Konfliktforschung mit einem Schwerpunkt auf Gender Studies, Zivilgesellschaft und Cybersecurity an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der TU Darmstadt. Neben seinem Studium arbeitet er für eine in Frankfurt ansässige Hilfs- und Menschenrechtsorganisation und veröffentlicht in unregelmäßigen Abständen Beiträge auf www.freitag.de/autoren/max-jansen.