Archiv der Kategorie: Friedenspädagogik

Covid-19: Friedenspädagogische Betrachtungen des Transformationspotentials eines Virus

Von Melanie Hussak

Durch Ausbruch und Verbreitung des neuartigen Covid-19 Virus wird uns deutlich vor Augen geführt, dass wir in unserem gegenwärtigen globalen Gesellschaftssystem auf physischer und sozialer Ebene ebenso miteinander verbunden wie voneinander abhängig und dadurch vulnerabel sind. Die Friedens- und Konfliktforschung und insbesondere die Friedenspädagogik sind nun gefordert, die damit in Verbindung stehenden Konflikte sowie Friedenspotentiale aufzuzeigen und Menschen in ihren gegenwärtigen Anpassungsprozessen zu unterstützen. Die prozessorientierte Konfliktbearbeitungsmethode Worldwork berücksichtigt hierfür gleichermaßen individuelle und gesellschaftliche Dynamiken und bietet eine konzeptionelle Fundierung zur Analyse und Bearbeitung der aktuellen Konfliktkonstellationen.

Viele Stimmen – viele Prozesse

Was zu Beginn des Jahres als Gesundheitskrise begann, hat in den vergangenen Wochen durch die vielerorts verordneten Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen massive gesellschaftliche, politische, ökonomische, ökologische und kulturelle Auswirkungen hervorgerufen. Durch die von außen verursachte (Zwangs-)Situation sind viele Menschen unwillkürlich und plötzlich in einen Nachdenk- und Empfindungsprozess gekommen: Sie stehen vor der Frage, was die Situation für sie konkret bedeutet. Was macht die Krise mit mir, mit uns? Welche Transformationsprozesse werden von der Pandemie angestoßen?

Neben diesen durch Covid-19 hervorgerufenen Konsequenzen sind es oftmals ebenso persönliche wie spezifische Herausforderungen und Erkenntnisse in der Zeit der Pandemie, die uns nachhaltig beeinflussen. Denn aufgrund unterschiedlicher Lebensrealitäten werden eine Vielzahl von positiven wie negativen Empfindungen und Emotionen ausgelöst, viele Menschen nehmen einen Bedarf an Veränderung wahr.

Manche haben Sehnsucht nach individuellem Rückzug und Zeit für das Wesentliche, nicht nur für das, was sich im Alltag wichtigmacht. Auch die Queen sprach von der Gelegenheit zu ‚entschleunigen‘ und im Gebet oder Mediation innezuhalten und zu reflektieren. Andere empfinden eine neue Verbundenheit und Solidarität mit den Mitmenschen.

Für zahlreiche Menschen ist an dieses Privileg der Entschleunigung nicht zu denken, sie spüren die negativen Konsequenzen der Pandemie in voller Härte. Das umfasst zum Beispiel reale Ängste um die ökonomische Existenz, bedingt durch massiv gestiegene Arbeitslosenraten und der Gefahr einer längeren globalen Rezession sowie Einsamkeit und die Gefahr eines Ansteigens an psychosozialen Krankheiten in Folge von Isolation. In vielen Weltregionen können sich Menschen hingegen ein Zuhause-bleiben schlicht nicht leisten, da sie sprichwörtlich von ‚der Hand in den Mund‘ leben.

Auch auf der Makroebene ist derzeit eine ebenso große Diversität zu beobachten. Diese reicht von unsolidarischem Verhalten der Staaten in Bezug auf Gesundheitsgüter und finanziellen Wiederaufbauhilfen, einem bewussten Ausnutzen der Notsituation für repressive Zwecke in autokratisch geführten Ländern und zur Durchsetzung unbeliebter (Infrastruktur-)Projekte die mit Naturzerstörung einhergehen bis zum Ruf nach einem besonnenen Umgang mit unserem Planeten und ein stärkeres Bewusstsein für das Wohl aller in Form einer nachhaltigen, solidarischen Lebens- und Wirtschaftsform.

Die globale Dimension der Covid-19-Krise bietet nun die beispiellose Möglichkeit, allen aus einem einzigen „Ereignis“ entstehenden und sich darum verortenden Stimmen einen Raum zu geben. Diese Chance sollte gerade auch die Friedens- und Konfliktforschung nutzen.

Neue, alte Konfliktdynamiken: Aufgaben für die Friedensforschung

Die Covid-19-Krise hat weitreichende Auswirkungen auf Kernthemen der Friedensforschung:  der Überwindung multipler Formen von Gewalt, der Analyse von aktuellen Konfliktlinien und -dynamiken auf unterschiedlichen Systemebenen sowie dem Aufzeigen und Skizzieren von Friedenspotentialen.

In der gegenwärtigen Situation bedeutet das, auf wenig sichtbare und marginalisierte Konflikte aufmerksam zu machen – wie bspw. auf die massiven Auswirkungen der Pandemie auf vulnerable Gruppen in humanitäre Krisen, Menschen auf der Flucht und in Kriegs- und Katastrophengebieten – aber auch Friedenspotentiale zu benennen und Menschen in ihren gegenwärtigen Anpassungsprozessen zu begleiten.

Im Folgenden möchte ich zwei Punkte hervorheben, die mir diesbezüglich in der gegenwärtigen Situation aufgrund der Unvorhersehbarkeit der Pandemie und der Verflechtung globaler Prozesse als wesentlich erscheinen: Beschleunigt in der Entschleunigung (I) und Verortung (II).

(I) Zum einen kann beobachtet werden, dass sich Konflikte derzeit nicht unbedingt neu formieren, sondern sich durch die von Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen verursachte Entschleunigung beschleunigen können. Das bedeutet, dass insbesondere jene Konflikte aufbrechen oder sich verstärken, die schon in ihren Grundstrukturen angelegt waren und durch die Auswirkungen der Pandemie akuter und wahrnehmbarer wurden. Stress- und Drucksituationen wie finanzielle Nöte oder ein beengter Wohnraum können Dynamiken und Situationen, die bereits in Schieflage waren, stark antreiben. Auch, weil Konfliktreaktionen wie bspw. Flucht aus einer Situation durch kurzfristige räumliche Trennung einige Zeit nicht zur Verfügung standen.

Im persönlichen Bereich entsteht durch die Entschleunigung für einige ein „mehr Zeit haben“ und somit mehr potenzieller Raum dafür, eigene Bedürfnisse und Emotionen wahrzunehmen und das eigene Leben und Beziehungen zu reflektieren. Bei anderen hingegen entsteht gerade durch diese Entschleunigung und Beschränkungen in vielen Lebensbereichen eine dynamische, fast exponentielle Beschleunigung. Das trifft insbesondere auf Menschen in herausfordernden beruflichen Situationen, die parallel Sorgearbeit leisten, zu. Beide genannten Tendenzen können dazu führen, dass Bedarfe an Veränderungen dadurch stärker wahrgenommen werden und Konflikte verschärfen.

Die Beobachtung einer dynamischen Verstärkung bestehender Konflikte steht mit meinem zweiten Punkt der Verortung in Zusammenhang.

(II) Mit Verortung meine ich sowohl eine räumlich-geografische Zuordnung wie auch eine persönliche mit Bezug auf die eigene Position im Leben, sowie im Welt- und Gesellschaftssystem.  Sie basiert auf biographischer, familiärer, sozialer, beruflicher, ökonomischer und/oder gesundheitlicher Voraussetzungen und Erfahrungen. Verortung kommt eine zentrale Rolle in der Frage zu, wie und in welchem Ausmaß eine Person die Krise trifft und welchen Handlungsspielraum sie hat, darauf zu reagieren. Das gilt auch für Staaten und andere Gesellschaftsformationen. So betont Janpeter Schilling: „Es besteht die Gefahr, dass die Corona-Seuche verwundbare Länder näher an einen gesellschaftlichen Kipppunkt führt, auf dessen anderer Seite Gewalt, Krieg und Kollaps stehen.“

Persönliche und gesellschaftliche Verortungen sind eng verbunden mit den Gewaltmechanismen der strukturellen und epistemischen Gewalt, die tief in unser Gesellschafts- und Weltsystem eingeschrieben sind. Strukturelle und epistemische Gewalten sind internalisierte Gewaltformen, die bestehende Ordnungen aufgrund gesellschaftlicher Machtverhältnisse aufrechterhalten. Erstere umfassen bspw. soziale und ökonomische Ungleichheiten, die sich auch auf den essenziellen Bereich der Gesundheitsversorgung niederschlagen, sowie Diskriminierungen und Rassismus. Epistemische Gewalt bezeichnet jene Gewalt, die von Wissen und Wissenschaft selbst ausgeht. In der aktuellen Situation ergeben sich dadurch Fragen wie: Wer hat in der gegenwärtigen Situation die Deutungshoheit? Also welche Stimmen werden gehört und können sich in der Krise durchsetzen?

Denn auf physischer Ebene betrifft Covid-19 zunächst alle Menschen, aber es betrifft sie nicht in gleichem Ausmaß. Wie die Kulturwissenschaftlerin Susan Arndt betont, unterscheiden nicht die Viren, „sondern die menschlichen Antworten passen sich der kapitalistischen Grammatik der sozialen Ungleichheit an. […] Ursachen sind allein menschengemachte Ordnungen sozialer Ungleichheit“.

Die Friedenspädagogik ist nun auf Basis dieser Beobachtungen gefordert, einen Beitrag zu leisten. Die prozessorientierte Konflikttransformationsmethode Worldwork kann mithilfe ihres Feld-Konzepts in den gegenwärtigen (Konflikt-)Lagen Komplexität reduzieren und Wege für die Bearbeitung der genannten Konfliktlinien skizzieren.

Prozessorientierte Konfliktarbeit

Worldwork, begründet von Arnold Mindell, stellt die Verwobenheit von individuellen und gesellschaftlichen Dynamiken als konzeptionelle Fundierung für die Bearbeitung gesellschaftlicher Spannungsfelder und so auch für die gegenwärtigen Konfliktlagen dar. Bei der Facilitation von Gruppen werden sowohl die innere Dimension von Personen wie auch die äußeren Ereignisse, denen sie angehören und sie umgeben, miteinbezogen. Das theoretische Konzept von Worldwork basiert auf der Annahme, dass individuelle, dyadische und kollektive Prozesse soweit in Verbindung stehen und miteinander verschränkt sind, sodass sich die Strukturen dabei auf verschiedenen Ebenen zeigen oder wiederholen.

Dieser Gedanke wird durch die Vorstellung eines imaginären Feldes verständlicher. In diesem sind Individuen mit anderen Individuen und Gruppen verbunden, interagieren miteinander und werden von diesen auch bewegt und strukturiert. Das Feld „schließt das subjektive Erleben des ‚Lebensraums‘ und damit aller Faktoren, die Verhalten, Denken, Handeln und Fühlen bedingen, mit ein.“ [1]

Menschen sind in ihrem (Er-)Leben von Primär- und Sekundärprozessen geprägt. Als Primärprozess gelten nach Mindell die gewohnte Identität und Denkweise. Unter einem Sekundärprozess versteht man unbewusste Teile, die Signale und Botschaften an das Individuum ‚senden‘, die in Alltagsroutinen oft wenig Raum zur Entfaltung haben oder mitunter als konfliktiv und störend wahrgenommen werden. [2] Diese Teile werden in der Prozessarbeit prozessiert, das bedeutet, es wird versucht die Signale und Informationen, die aus miteinander verbundenen Kanälen stammen und wahrgenommen werden, zu entfalten, miteinander in Verbindung zu bringen und schließlich zu bearbeiten.

Diese Prozesse auf individueller Ebene werden von sogenannten Kanälen, die unsere Wahrnehmungskapazitäten umfassen, geprägt. Durch sie werden Informationen aufgenommen und ausgedrückt: Neben den Grundkanälen Sehen (visuell), Hören (auditiv), Fühlen (propriozeptiv) und Bewegen (kinästhetisch) sind dies die Mischkanäle Beziehung (die Begegnung und Bezug zu einer anderen Person auf Basis der Grundkanäle) und Welt (Bezug zum sozialen Umfeld, Ereignissen in der Welt u.a. auf Basis der Grundkanäle und des Beziehungskanals). [3]

Die beiden Kanäle Beziehung und Welt sind die Verbindungslinie von Individuum und Gesellschaft im Feld, durch die die gegenseitigen Verschränkungen in unsere kollektiven Erfahrungen einfließen.

Ähnlich wie andere Konzepte der Konflikttransformation geht Worldwork davon aus, dass Konflikte als natürliche zwischenmenschliche Begebenheit einen Bedarf an Veränderung der Beziehungen anzeigt und diese als Chance und Ausgangspunkt zur Neugestaltung von Beziehungen, Strukturen sowie Rahmenbedingungen der sozialen Wirklichkeit nimmt. Somit können jegliches Verhalten, unterschiedliche Einstellungen und Strukturen als Phänomene betrachtet werden, die durch (Inter-) Aktionsprozesse von Personen(gruppen) entstehen, aber – und das ist der springende Punkt auch in der gegenwärtigen Krisensituation – durch entsprechende Bearbeitung und Begleitung auch gemeinsam gestaltet werden.

Fazit

Die Covid-19 Pandemie und ihre Folgen können eine neue und erweiterte Sichtweise auf viele Aspekte des eigenen Lebens wie in Bezug zum unmittelbaren Gesellschafts- und Weltgeschehen eröffnen. Wollen wir die Erfahrungen der Krise zu einer gesellschaftlichen Neugestaltung zum Wohl aller nutzen, ist es wichtig, jetzt damit zu beginnen. Ein inklusiver und partizipativer Lernprozess unterstützt dabei, Ziel und Richtung für positive Gestaltungsmöglichkeiten menschlichen Zusammenlebens zu finden, wenn alte Sichtweisen und konfliktive Strukturen nicht mehr tragen. In Zeiten starker Unsicherheit und Überlastung brauchen Menschen aber die Möglichkeit für Foren zur Begleitung und Unterstützung.

In der Phase der Rückkehr aus der Isolation bedeutet das, Räume für Kommunikation und Beziehungen anzubieten: in Schulen, am Arbeitsplatz und in Freundeskreisen. Diese Resonanzräume, die sich in der Krise für Neuorientierungen öffnen, bergen Chancen für gemeinschaftliches Wachstum und gelebte Erfahrungen  dialogisch aufzuarbeiten.

Die prozessorientierte Feld-Perspektive verdeutlicht dabei weiteres Erkenntnis- und Friedenspotential für die gegenwärtige Krise und insbesondere für die genannten Konfliktdynamiken:

Erstens schärft die Perspektive das konzeptionelle Bewusstsein für alles, was im Feld wirkt und dadurch die gegenwärtigen Veränderungsprozesse mitgestaltet. Das umfasst nicht nur die Verschränkung von Individuum, Kollektiven und äußeren Ereignissen. Es berücksichtigt auch, dass unmittelbare auftretende äußere Ereignisse auf bereits vorhandene Erfahrungen und Empfindungen treffen, die mitunter gewohnte Lebens- und Denkweisen (Primärprozesse) durchbrechen können und sehr tiefe Prozesse auslösen können.

Zweitens zeigt diese Verwobenheit, dass individuelle wie kollektive Prozesse Transformationspotentiale für gesellschaftliche Ordnungssysteme bergen. Ein stärkendes globales Bewusstsein kann eine gemeinsame Grundhaltung in Zeiten der Pandemie sein. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass nicht nur die eigenen Prozesse wahrgenommen werden, sondern durch eine Beachtung der Kanäle Beziehung und Welt auch eigene Anteile von Individuen am Weltgeschehen prozessiert und reflektiert werden. Es hat somit Potential für ein globales Umdenken, das auch auf die Ebenen der strukturellen und epistemischen Gewaltkonstellationen rückwirken kann.

Auch wenn die Krise verschiedene Auswirkungen hervorruft, individuell wie gesellschaftlich und wenn derzeit nur Tendenzen ausgemacht werden können, wohin sich ‚die Welt‘ nach der überstandenen Krise entwickelt, ist eines sicher: Die Welt ist im fortschreitenden Wandel. Offen ist nur, ob wir als Individuen und als Gesellschaft den Prozess geschehen lassen oder ihn mit Courage selbst in die Hand nehmen.

Literatur

[1] Reini Hauser: Worldwork, Konfliktarbeit und Spiritualität. In: Bewusstseins-Wissenschaften: Transpersonale Psychologie und Psychotherapie, 2/2015, 42-56, S. 46.

[2] Arnold Mindell (1991): Das Jahr eins. Ansätze zur Heilung unseres Planeten: Globale Prozessarbeit. Walter-Verlag: Olten und Freiburg im Breisgau, S. 202.

[3] Ebd., S. 201.

 

Melanie Hussak ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz. Ihre aktuellen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten umfassen Shared Society, Friedensprozesse indigener Communities in Nordamerika sowie Friedenspädagogik und Friedensbildung in Theorie und Praxis.

Verbunden in Quarantäne?

Neue Formen transpersonalen Lernens in der COVID-19-Pandemie

Von Annalena Groppe

Als eine Auswirkung der COVID-19-Pandemie wird unter anderem eine neue Erfahrung von zwischenmenschlicher und globaler Verwobenheit beschrieben: Mein Zuhausebleiben hat Auswirkungen auf die körperliche Unversehrtheit meiner Nachbar*innen und wirkt sich durch die globalen Wirtschaftsbeziehungen sogar über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg aus. Sowohl in der Friedenspädagogik als auch in der Global Citizenship Education wird die Auseinandersetzung mit „Glokalität“ – also den Verbindungslinien von lokalem und globalem Handeln – als eine zentrale Lernressource verstanden, die Kompetenzen zur gewaltfreien Transformation von Konflikten in einer globalisierten Welt stärkt[1]. Zum Beispiel zeichnet das Lernspiel „Ene Mene Muh“ die Verbindung von globalen Ursachen für Migration und Flucht zu lokaler Asylpolitik und Rassismus nach, um politische und persönliche solidarische Handlungsoptionen als Antwort auf transnationales Gewaltgeschehen zu eröffnen.

Eine Elicitive Friedenspädagogik stellt dabei die Erfahrungsebene dieser Verwobenheit in den Mittelpunkt. Sie ergänzt dadurch rein kognitive Ansätze um z.B. emotionale oder spirituelle Aspekte. Das in der Coronakrise gesammelte Erfahrungswissen der Lernenden kann somit als richtungsweisend für elicitive Lernprozesse verstanden werden. Wolfgang Dietrich, der den Ansatz für die Friedenspädagogik theoretisch fundiert hat, beschreibt diese Verwobenheitserfahrung als Transpersonalität. In ihr liegt für die Elicitive Friedenspädagogik eine zentrale Ressource. Denn wenn ich mich als mit ‚dem Anderen‘ verbunden wahrnehme, können sich neue transformative Schritte im Konflikt eröffnen, da z.B. Interessen weniger kompetitiv und mehr kooperativ wahrgenommen werden.

Zentral für einen Lernraum, der erfahrungsorientierte Lernprozesse ermöglicht, ist häufig ein Lernsetting in der Gruppe mit einem Fokus auf Beziehungen, das einen sicheren Raum für konfliktive Lernerfahrungen eröffnen soll.[2] Das physische Kontaktverbot als Antwort auf die COVID-19-Pandemie stellt diese klassische Formate der Elicitiven Friedenspädagogik vor Herausforderungen: Viele Begegnungen und Seminare fallen aus oder werden auf unbestimmte Zeit verschoben. Daher rücken in Zeiten von COVID-19 und gebotener körperlicher Distanz auch neue Formen des transpersonalen Lernens in den Blick. Wie kann die Elicitive Friedenspädagogik durch diese neuen transpersonalen Erfahrungsräume transformative Potentiale bestärken und gleichzeitig theoretisch über sich selbst lernen?

Digitale Lernräume der Verbundenheit

Auch im Kontext der Elicitiven Friedenspädagogik ist derzeit ein Ausbau der Digitalisierung der Ansätze zu beobachten: Gemeinsame körper-, stimm- oder atembasierte Methoden sind zum Beispiel auch über Videokonferenzen möglich. Oft sind die Räume zu Beginn geprägt von Unsicherheit, denn gewohnte Routinen mit physischem Kontakt werden durchbrochen. Der*Die Facilitator*in kann hier Emotionen wie zum Beispiel Irritation, Angst oder Verlust aber auch Neugier und Kreativität als Lernpotential aufnehmen und diese zum Thema machen. Auch ermöglicht die Ortsungebundenheit längerfristige gemeinsame Lernprozesse zwischen Menschen aus unterschiedlichen Erdteilen.

Gleichzeitig ist aber auch der Zugang zu digitalem Lernen abhängig von Privilegien. Schon in Deutschland gehören längst nicht für jede*n der Computer und Internetzugang zur Grundausrüstung. Damit verbunden ist auch die Notwendigkeit, kritische Medienkompetenzen zu vermitteln – ein Themenfeld, dessen sich die Friedenspädagogik bereits u.a. im Umgang mit digitaler Hassrede annimmt.

Zeit für das Selbst?! – Grenzen des Lernens in akuten Krisensituationen

Als eine weitere Auswirkung des ‚Corona-Shut-Downs‘ wird häufig eine erlebte Entschleunigung und Zeit für eine neue Selbst-Beziehung beschrieben. Viele Menschen erleben die Krise allerdings unter herausfordernden ökonomischen und sozialen Bedingungen. Die Kontaktbeschränkungen sind eine von außen hervorgerufene Zwangssituation, welche das Prinzip der Freiwilligkeit der Friedenspädagogik untergräbt. Die Sicherheit, die in physischen Lerngruppen durch enge Beziehungen zur Gruppe und Lernbegleitung (nicht zuletzt durch die körperliche Nähe) geschaffen wird, ist nicht unmittelbar greifbar. Eine Elicitive Friedenspädagogik kann diese Lernbedingungen zum Thema machen und dadurch Räume schaffen, in denen die Krise sowohl als Überforderungssituation wie auch als Entfaltungschance anerkannt werden kann.

Trotz der schwierigen Umstände ist es möglich, momentan vermehrt alltägliche Formen des Friedenslernens zu beobachten: auf Grund der zahlreichen gebrochenen Routinen und der daraus erwachsenden Lernanlässe können Transformationspotentiale entdeckt und erprobt werden. Die Kontaktbeschränkungen können z.B. Raum für Verbundenheitserfahrungen mit der Natur öffnen: Nicht-menschliche Entitäten können das Virus nicht übertragen; der Wald wird zum sicheren Beziehungsraum, der eine Pause vom alltäglichen Krisen-Lernen ermöglicht. Und vielleicht erlaubt diese Verbundenheit – ganz intentionslos – neue, nicht ausschließlich menschenzentrierte, Perspektiven auf mein ökologisches und politisches Handeln in der Welt.

Erfahrung globaler Verwobenheit

Erfahrungen globaler Verwobenheit können auch Unsicherheiten und Widerstände wecken, da bestehende Konzepte von Identität und Autonomie herausgefordert werden. So ist eine momentane Auswirkung der COVID-19-Pandemie die Zunahme einer Politik der Abschottung und nationalistischen Alleingänge, zum Beispiel mit Blick auf die europäische Ebene. Die humanitären Krisen in den Geflüchtetenlagern in Griechenland oder in Kriegs- und Katastrophengebieten werden von linken Medien als Auswirkungen einer Politik westlicher Privilegiensicherung beschrieben.

Potentiale für Solidarität, die aus der gemeinsamen Erfahrung „die ganze Welt in Quarantäne“ erwachsen könnten, scheinen vor allem im sozialen Nahbereich wirksam zu werden – so wie Nachbarschaftshilfen, Masken nähen oder eine breite Unterstützung innerstaatlicher Kreditzusagen und finanzieller Rettungsschirme. Nicht zuletzt ist durch die Einschränkung der Bewegungsfreiheit Gemeinschaft momentan auch vorwiegend auf dieser Ebene spürbar: zum Beispiel im vielerorts praktizierten sonntäglichen Singen der „Ode an die Freude“ zum Ausdruck von Solidarität – aber wird dabei wirklich ein europäischer Geist spürbar?

Um unsere Verwobenheit in globalen Strukturen erfahrungs- und beziehungsorientiert zum Thema zu machen, ist es notwendig, die transpersonalen Erfahrungen und ihre Reflexion über nationalstaatliche Grenzen auszuweiten. Die COVID-19-Pandemie macht diese Aufgabe noch dringender. Eine Perspektive hierfür bieten die beschriebenen Digitalisierungsprozesse, welche gemeinsame Lernräume unabhängig von der geographischen Position öffnen können. Zum Beispiel treten im Projekt Chat der Welten Schüler*innen aus Deutschland mit Gleichaltrigen im Globalen Süden in direkten Austausch, schließen Freundschaften und spüren ganzheitliche Verbundenheit.

Fazit

Neue Formen transpersonalen Lernens können während der Corona-Pandemie transformative Potentiale bestärken, indem die Nutzung digitaler Lernräume mit der Vermittlung von Medienkompetenz verbunden wird, aufkommende Emotionen thematisiert, herausfordernde Lernbedingungen in der Krise anerkannt und gleichzeitig der Blick auf das intentionslose Lernen im Alltag gelenkt wird.

Der Wandel von Lern- und Erfahrungsräumen durch die Kontaktbeschränkungen ist außerdem theoretisch relevant, da deutlich wird, dass der – nicht nur digitale – Zugang zu ihnen immer auch von Privilegien abhängig ist und somit Gewaltstrukturen reproduziert. Das Bewusstwerden und die Thematisierung darin liegender Herausforderungen und die Entwicklung transformativer Schritte sind relevant für zukünftige Forschung. Eine Elicitive Friedenspädagogik hat hier die paradox klingende Aufgabe, im Rahmen der Kontaktbeschränkungen – nicht nur geographische – Distanz zu überwinden. Denn die Erfahrung eines globalen ‚sozialen Nahraums‘ kann in diesen Tagen Solidarität über nationale Grenzen hinaus stärken.

[1] Werner Wintersteiner, „Global Citizenship Education – eine pädagogische Antwort auf die ‚große Regression‘?“ 1, Nr. 42 (2019): 21–25.

[2] Wolfgang Dietrich, „Conviviality, Ego, Team and Theme Behavior in Transrational Peace Education“, Journal of Peace Education 16, Nr. 3 (2. September 2019): 251–73, https://doi.org/10.1080/17400201.2019.1697064.

Annalena Groppe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz und forscht zu Potentialen der Friedenspädagogik in polarisierenden Konflikten um Demokratie.