Archiv der Kategorie: Friedenspädagogik

Rezension: Menschenrechtsbildung an Gymnasien von Stefanie Rinaldi

von Melanie Hussak

Menschenrechtsbildung in der gegenwärtigen Form geht auf die Erfahrungen der Gräuel des Zweiten Weltkriegs zurück. Im Zentrum der Menschenrechtsbildung steht daher die Beschäftigung mit pädagogischen Ansätzen zur Überwindung von Gewalt in unterschiedlichen Formen. Diese zeichnen sich vielfach durch eine starke Zielfokussierung, festgehalten in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, und einer damit verbundenen Handlungsorientierung aus. Kodifizierte Menschenrechte fungieren als Grundlage und Leitlinie gleichermaßen für ethisches wie rechtebasiertes Handeln. Hinzu kommt eine menschenrechtliche Haltung, die in der Menschenrechtsbildung herausgearbeitet und angeregt werden soll. Will Menschenrechtsbildung aber mehr sein als das bloße Wissen über kodifizierte Menschenrechte, muss ein Bewusstsein für die persönliche Verantwortung an der Verwirklichung der Menschenrechte vermittelt werden. Im schulischen Kontext verlangt dies, die Erlebbarkeit der normativen Bedeutung der Menschenrechte im Alltag erfahrbar zu machen.

Umso bedeutsamer ist die Untersuchung der Sichtweisen von Lehrpersonen zu Menschenrechtsbildung im Unterricht, da sie diese aktiv im schulischen Kontext umsetzen sollen. Diesem Spannungsfeld aus Wissen, Haltung, Handlung und Lernumgebung (in der einschlägigen Literatur in Bildung über, für und durch Menschenrechte unterteilt), in dem sich Lehrpersonen befinden, widmet sich Stefanie Rinaldi in ihrer als Monographie veröffentlichten Dissertationsschrift.

Die Studie nimmt ihren Ausgangspunkt bei der Rolle der Lehrpersonen in der Umsetzung der Menschenrechtsbildung und berücksichtigt damit einen in der empirischen Forschung lange vernachlässigten Aspekt. Rinaldi bezieht sich dabei auf aktuelle Theorien der Bildungs- und Lehrpersonenforschung, die die Sichtweisen von Lehrpersonen als Schlüsselfaktor identifizieren.

Anhand von Gruppendiskussionen untersucht Rinaldi die Sichtweisen und Verständnisse von Schweizer Gymnasiallehrpersonen zu Menschenrechtsbildung. Ausgehend von den Ergebnissen dieser hat die Studie zum Ziel, Möglichkeiten für die weitere Umsetzung und Entwicklung der schulischen Menschenrechtsbildung an Gymnasien zu erarbeiten. In den Blick wird dabei das Verständnis von Menschenrechtsbildung gerückt wie ebenso die Einstellungen und Überzeugungen zu Lerninhalten, Lernzielen, Lehr-Lern-Prozessen sowie Bildungsauftrag der Gymnasien wie damit verbundenen Herausforderungen für den Bereich Menschenrechtsbildung. Der Fokus auf Lehrpersonen in der Schweiz ist von spezifischem Interesse, da Menschenrechtsbildung und verwandte Bildungskonzepte keine expliziten Bestandteile der Lehrpläne für Schweizer Gymnasien sind. Die Frage, auf welche Konzepte sich Lehrpersonen alternativ beziehen, ist daher besonders bedeutsam.

Zusätzlich zu den genannten Punkten rücken damit ebenso personen- und kontextbezogene Sichtweisen zu menschenrechtsbasierten Lernumgebung, zur Selbstwirksamkeit und zu gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in das Zentrum der Untersuchung.

Die besondere Relevanz der Studie von Rinaldi liegt darin, subjektive Bedeutungen und Verständnisse als Grundlage der Menschenrechtsbildung anzuerkennen und zu untersuchen. Die Beschäftigung mit Menschenrechten bietet Lehrpersonen und jungen Menschen die Möglichkeit, sich mit Werten, Haltungen und persönlichen wie gesellschaftspolitischen Prozessen auseinanderzusetzen und eigene Handlungsmöglichkeiten zu reflektieren. Die Anregung von Lernprozessen ist daher auch in einem hohen Maße subjektiv geprägt.

Aus Perspektive der Forschung zu Menschenrechtsbildung trägt die Autorin zudem zum Schließen von zwei weiteren Forschungslücken bei: der Abweichung von Theorie und Praxis sowie einer empirisch fundierten Reflexion der zahlreichen Herausforderungen, die sich in der pädagogischen Umsetzung der Menschenrechtsbildung aufgrund des skizzierten Spannungsfeldes stellen.

Die Ergebnisse der Studie bestätigen die Relevanz und subjektiven Erfahrungen und Konzepte von Lehrpersonen als determinierenden Faktor und wichtige Voraussetzung für die Integration von Menschenrechtsbildung in den schulischen Alltag und für den Lernerfolg der Schüler*innen.

Rinaldi nutzt ihre Ergebnisse um aufgrund deren Bedeutung für den pädagogischen Alltag Ideen für die pädagogische und methodische Weiterentwicklung an Schweizer Gymnasien zu skizzieren und Vorschläge zu institutionellen Maßnahmen, unterstützenden Materialien sowie Aus- und Weiterbildung zu erstellen. Auch das Backcover der Monographie verspricht neben der Präsentation der Sichtweisen von Lehrpersonen zum einen auch Ableitungen wie Menschenrechtsbildung pädagogisch, methodisch und institutionell weiterentwickelt werden kann. Zum anderen kündigt es Ideen für die pädagogische Umsetzung an. Hinter dieser Ankündigung bleibt die Studie etwas zurück. Die Ableitungen werden nur rudimentär skizziert und bleiben letztlich nur erste Anregungen. Sie laden jedoch zum Weiterdenken und -forschen an und können durchaus als sehr wertvolle Forschungsdesiderata betrachtet werden. Sie zeigen Impulse für eine wenig erforschte Menschenrechtsbildung auf, die sich zuweilen mit der Erstellung von Unterrichtsmaterialien und Methodensammlungen zufriedengibt.

Auch wenn die Autorin zu Ende des Buches betont, dass die Schlussfolgerungen der Studie aufgrund des Schwerpunkts auf das schweizerische Bildungssystem und dessen Defizite im Bereich Menschenrechtsbildung nur wenig auf andere Kontexte transferiert werden können, bietet das Buch nach Einschätzung der Rezensentin dennoch wertvolle Impulse für schulische Menschenrechtsbildung auch außerhalb der Schweiz wie grundlegend für Forschung zu Menschenrechtsbildung.

Aufgrund der sehr umfassenden Literaturaufarbeitung ist das Buch von Rinaldi obwohl es in erster Linie eine Forschungsarbeit ist, zudem ein sehr lohnenswerter Einstieg für Lehrpersonen, Multiplikator*innen und weitere Interessierte der schulischen Menschenrechtsbildung. Durch den Bezug auf einschlägige internationale Dokumente der Menschenrechte und Menschenrechtsbildung sowie durch die Auseinandersetzung und Abgrenzung mit verwandten Bildungsbereichen wie bspw. der Friedenspädagogik, werden Inhalt, Ansatzebenen und Ziele der Menschenrechtsbildung klar verdeutlicht. Ebenso wird ein Einstieg in gegenwärtige Diskurse der Menschenrechtsbildung ermöglicht. Auch wenn nicht alle Erwartungen in Bezug auf angekündigte Themen zur Gänze erfüllt werden, ist das Buch dennoch sehr lesenswert und ein wichtiger Beitrag zu einer dringend benötigten empirisch fundierten Menschenrechtsbildung und Bildungsforschung.

Stefanie Rinaldi:
Menschenrechtsbildung an Gymnasien
Verständnisse, Chancen und Herausforderungen
Leverkusen: Barbara Budrich 2018
(332 S.; ISBN 978-3-86388-787-2; 43,00 EUR)

 

Die Rezension ist als Erstveröffentlichung in der Erziehungswissenschaftlichen Revue erschienen:
Verlag Julius Klinkhardt: EWR 19 (2020), Nr. 5 (November / Dezember): Menschenrechtsbildung an Gymnasien
Wir bedanken uns für die Erlaubnis zum Repost.

 

Melanie Hussak ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz. Ihre aktuellen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten umfassen Shared Society, Friedensprozesse indigener Communities in Nordamerika sowie Friedenspädagogik und Friedensbildung in Theorie und Praxis.

“Der Westwall als friedenspädagogischer Lernort“ als Videoaufzeichnung

Vorstellung eines Impulspapiers der Friedensakademie Rheinland-Pfalz und der Evangelischen Akademie der Pfalz mit digitaler Podiumsdiskussion

Der Umgang mit symbolträchtigen Ruinen und Landschaften, die im Zweiten Weltkrieg sowohl militaristischen wie auch propagandistischen Zwecken diente, ist gegenwärtig eine große  gesellschaftliche Herausforderung. Mit Beginn 2017 stellten sich die Friedensakademie RLP und die Evangelische Akademie der Pfalz für zwei Jahre dieser Aufgabe und widmeten sich den Ruinen des ‚Westwalls‘, der flächenmäßig größten materiellen Hinterlassenschaft der NS-Zeit in Deutschland.  

Ziel des Projekts war es, ein nachhaltiges Strategiekonzept für einen zeitgemäßen und zukunftsorientierten Umgang mit dem ehemaligen Westwall zu erarbeiten und sein Potential als politischen Lernraum gemeinsam mit ihm Feld aktiven Akteur*innen neu auszuloten. 

Die Ergebnisse des Prozesses wurden in einem Impulspapier von Jana Hornberger, durchführende Mitarbeiterin des Projekts, festgehalten und  am 30. November 2020 in der Reihe akademie_skizzen veröffentlicht. Es skizziert die zentralen Handlungserfordernisse und Spannungsfelder und formuliert Kriterien für ein Gesamtkonzept politischer Bildungsarbeit zum Umgang mit dem ehemaligen Westwall. 

Anlässlich der digitalen Vorstellung diskutierten die Geschäftsführerin der Friedensakademie Charlotte Dany, der Direktor der Evangelischen Akademie Christoph Picker und die Projektmitarbeiterin Jana Hornberger mit dem Vorsitzenden des Stiftungskuratoriums Ralph Erbar, dem Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Bernhard Kukatzki, dem Leiter der Landeszentrale für Umweltaufklärung  Roland Horne sowie dem Präsidenten des Deutschen Museumsbundes Eckart Köhne. 

„Die Diskussion hat uns Wege aufgezeigt, wie wir den Westwall besser in das Bewusstsein der Menschen in Rheinland-Pfalz bringen können, so dass er zu einem Lernort des Friedens werden kann. Das ist wichtig für eine zukunftsgerichtete politische Bildungsarbeit“, sagte Charlotte Dany, Geschäftsführerin der Friedensakademie. Akademiedirektor Christoph Picker hält den konzeptionell durchdachten Umgang mit den Westwallanlagen, der den verschiedenen Dimensionen des Bauwerks gerecht wird, für eine anspruchsvolle und lohnende Aufgabe: „Es liegt noch ein langer Weg vor uns.“  

Die Veröffentlichung unter dem Titel ‚Mahnmal ehemaliger Westwall – Geteilte Verantwortung für einen Grenzraum‘ ist hier online verfügbar.Druckexemplare können zum Preis von 9,90 Euro zuzüglich Versand unter info@eapfalz.de bei der Evangelischen Akademie der Pfalz bestellt werden. 

Der unten stehende Mitschnitt der Vorstellung des Impulspapiers  und der Diskussion wird von der Evangelischen Akademie der Pfalz freundlich zur Verfügung gestellt. 

Interview: Shared Societies – gemeinsam für ein neues Miteinander

Wie kann ein friedliches Miteinander in einer Gesellschaft erreicht werden? Wie können alle Menschen einer Gesellschaft gleichberechtigt am öffentlichen und sozialen Leben teilhaben. Mit diesen Fragen beschäftigt sich das internationale Programm Shared Society. Wir diskutieren mit drei Initiator*innen des Programms zu Fragen, Herausforderungen und Dilemmata in der Entwicklung Verbundener Gesellschaften.  Wie gehen Gesellschaften mit identitätsbedingten Spaltungen und Konflikten zwischen verschiedenen Gruppen um? Das klingt alles theoretisch und abstrakt? Das ist es aber gar nicht: Der Beweis ist unser Gespräch mit Clem McCartney, akademischer Berater aus Nordirland und Ran Kuttner von der Universität Haifa in Israel, die ihre Erfahrungen mit uns teilen und durch ihre anwendungsbezogenen Beispiele zeigen, was auch wir für eine Shared Society tun können.

Das Interview ist Teil unseres Podcasts Fokus Frieden. Die deutsche Übersetzung der englischsprachigen Podcast-Epidsode haben wir hier für Sie aufbereitet:

Wenn Sie sich das Interview lieber anhören möchten, dann klicken Sie hier.  Sie gelangen zur login-freien Streamingplattform.

#4 Shared Societies-Gemeinsam für ein neues Miteinander

Melanie: Clem, du hast das Konzept der ‚Shared Society‘ in seiner heutigen Form geprägt. Kannst du uns ein bisschen darüber erzählen, wie und in welchem Kontext das Konzept entstanden ist?

Clem: Nun, ich glaube, dass es die Idee einer ‚Shared Society‘ wahrscheinlich schon so lange gibt, wie es Menschen gibt. Aber in 2007 wurde ich gefragt, ob ich dabei helfen würde, die Entwicklung eines Projekts zu koordinieren, das sich mit den politischen Dimensionen und dem Umgang mit sozialer Ausgrenzung befasste. Das Projekt wurde vom Club de Madrid koordiniert, einer Organisation ehemaliger Präsident*innen und Premierminister*innen, und durch die Alan B. Slifka Stiftung finanziert. Alan steckte sehr viel Zeit und Mühe in die Bearbeitung von Fragen des gemeinsamen gesellschaftlichen Zusammenlebens und Menschen einander näher zu bringen. Aber er hatte die Sorge, dass seine Arbeit keine großen positiven Auswirkungen auf die Vermeidung sozialer Ausgrenzung hatte. Also entwickelten wir dieses Programm und wandelten das eher negative Thema der sozialen Ausgrenzung in etwas Positives um, das wir dann eine ‚Shared Society‘ nannten. Es begann also eigentlich damit, dass wir versuchten, das Thema der sozialen Ausgrenzung anzugehen und dann unseren Blick zu erweitern und zu schauen, wie wir eine ‚Shared Society‘ auf allen Ebenen schaffen können, nicht nur auf der zwischenmenschlichen Ebene, sondern auch zwischen Gruppen wie auf der nationalen, politischen und wirtschaftlichen Ebene.

Logo Shared Society

Rebecca: Du hast den Begriff soziale Ausgrenzung erwähnt. Vielleicht könntest du unseren Zuhörer*innen kurz erklären, was du genau mit sozialer Ausgrenzung meinst?

Clem: Nun, in jeder Gesellschaft, eigentlich in den meisten Gesellschaften, werden einige Menschen außen vorgelassen und ausgeschlossen. Einige Menschen haben mehr Einfluss, mehr Macht und mehr Ressourcen als andere. Manche Menschen stehen am Rande der Gesellschaft. Das kann viele Gründe haben, religiöse Gründe oder die der ethnischen Zugehörigkeit, vielleicht auch des Wohnorts innerhalb der Gesellschaft, manche Menschen leben in einem abgelegenen Teil des Landes. Also im Grunde genommen haben eine oder mehrere Gruppen Macht und sie teilen diese Macht unter sich auf, und geben dadurch den anderen Gruppen und Menschen den Eindruck, dass sie keine Rolle spielen. Das schafft viele Probleme für die Menschen, die ausgegrenzt werden. Aber noch wichtiger ist, dass es Probleme für die ganze Gesellschaft schafft, weil die Ressourcen ausgegrenzter Menschen verschwendet werden und sie unglücklich und unzufrieden sind. Dadurch können die ausgegrenzten Menschen, wenn man so will, eine Herausforderung für den Status Quo werden, was in Konflikten und gewaltsamen Auseinandersetzungen enden könnte. Unser Interesse bestand also vor allem darin, zu versuchen, Einfluss darauf zu nehmen, wie Menschen eine Gesellschaft konzipieren, die wir eine ‚Shared Society‘ nennen.

Rebecca: Und wie wurde diese Vision von den Menschen oder den Premierminister*innen beziehungsweise Präsident*innen aufgenommen?

Clem: Nun, es ist ein bisschen wie mit Omas Apfelkuchen, man kann nicht schlecht darüber reden. Aber wie ich soeben sagte, sind wir Menschen sehr gut darin, uns Gründe auszudenken, um uns nicht aktiv für eine ‚Shared Society‘ einzusetzen. Aber sich wirklich öffentlich zu äußern und zu sagen, dass eine ‚Shared Society‘ generell keine gute Idee ist, tut fast niemand. Es mag vielleicht nur ein oder zwei Länder auf der Welt geben, die sagen würden: „Das ist uns alles egal, wir wollen das alles nicht.“ Und natürlich gibt es einige Länder, in denen sie sich vielleicht nicht in einem sehr hohen Maßstab dafür einsetzen und vielleicht sagen würden: „Wissen Sie, diese indigenen Völker sind ein Problem, die sollen woanders hingehen, die halten unsere Gesellschaft nur auf, da sie sich nicht der Mehrheitsgesellschaft anschließen wollen“. Ich möchte keine Namen nennen, aber mir fallen mindestens ein oder zwei Länder ein, in denen heutzutage so geredet wird. Nichtsdestotrotz würden die meisten Leute sagen, dass es schön wäre, wenn wir alle Menschen zusammenbringen und eine gemeinsame, eine ‚Shared Society‘ Gesellschaft schaffen könnten, in der jede und jeder dazugehört. In der Realität aber wollen sich viele Leute nicht aktiv dafür einsetzen. Deshalb muss man ihnen die Probleme, mit denen sie konfrontiert sind, irgendwie erklären und darlegen, wie sie diese Probleme lösen könnten, indem sie integrativer werden, indem sie  andere Menschen und andere Gruppen anerkennen, indem sie andere in die Entscheidungsfindung einbeziehen, indem sie Möglichkeiten für andere schaffen. All die Dinge, die es braucht, damit die Menschen das Gefühl haben, dass sie zur Gesellschaft gehören und die Gesellschaft zu ihnen.

Melanie: Ran, du verwendest das Konzept auch im israelischen Kontext, hier besonders im Kontext der Bildungsarbeit von Givat Haviva. Wie hast du von dem Konzept erfahren?

Ran: Ich würde nicht sagen, dass es hier nur um die Bildungsarbeit geht, deshalb möchte ich auf ein paar wichtige Punkte eingehen, welche Clem bereits erwähnt hat. Wie zum Beispiel die ‚Shared Society‘ als Gegenentwurf zur sozialen Ausgrenzung und die strukturelle Ebene, die politisch oder wirtschaftlich sein kann und mehr als nur eine Dynamik zwischen Gruppen ist. Auch im israelischen Kontext könnte man sagen, dass die Abkehr von der Koexistenz, die einmal tatsächlich sehr in Mode war und das nicht nur in Israel, sondern im gesamten Bereich der Wissenschaft, auch in den USA. Im israelischen Kontext gab es ein gewisses Unbehagen von Seiten der Bevölkerung, da sie das Gefühl hatten, mit dem Konzept der Koexistenz nicht mehr weiterzukommen, da sie an dem Konzept der Koexistenz schon seit vielen Jahren gearbeitet haben. Zum Beispiel in Form von Intergruppen-Dialogen zwischen Juden und Arabern. Das Unbehagen kam daher, dass sie das Gefühl hatten, dass sich trotz Dialogversuchen nichts Grundlegendes verändert hatte. Sie hatten den Eindruck, am Ende des Tages geht jeder und jede wieder in seine eigene Umgebung zurück, in seine und ihre eigene politische und wirtschaftliche Situation und sich so nichts wirklich verändert. Clem sprach davon, Möglichkeiten zu schaffen. Wenn man also auf der privilegierteren Seite steht, wurde man offensichtlich in eine Gesellschaft oder einen Teil beziehungsweise ein Segment der Gesellschaft geboren, in der oder in dem man mehr Möglichkeiten hat als andere. Die Araber haben es zum Beispiel als frustrierend empfunden, dass die jüdische Bevölkerung die Araber besser kennen lernen wollte, aber sich nicht aktiv für eine Veränderung einiger grundlegender Aspekte der sozialen Struktur und des Zugangs zur Macht einsetzen wollte. Hier muss man beachten, dass wenn sich ein Wandel hin zu einer ‚Shared Society‘ vollzieht, dann geschieht dies auch im Namen politischer und wirtschaftlicher Veränderungen, was bedeutet, dass auch strukturelle Lücken und blinde Flecken geschlossen und beeinflusst werden müssen, die zu einer stärkeren Ausgrenzung führen, mit der die Araber und vielleicht auch andere Gruppen konfrontiert sind.

Fokus Frieden – der Podcast der Friedensakademie

Rebecca: Um etwas konkreter zu werden, ihr habt von der Ko-Konstruktion von Identitäten gesprochen und ich stelle mir vor, dass vor allem in Konfliktsituationen Identität ein sehr umstrittener Aspekt ist. Daher erscheint mir die Ko-Konstruktion von Identität sehr schwierig. Wie macht ihr das also in der Praxis? Wie setzt ihr das um?

Clem: Das Konzept der ‚Shared Society‘ ist nicht unbedingt weit verbreitet. Eine ‚Shared Identity‘ würde für die Komplexität des ‚Eins‘- und des ‚Viel‘-Seins zur gleichen Zeit sprechen. Hier ist wichtig, dass ich diese ‚Shared Identity‘ nicht in eine vermischte Identität verwandeln möchte und das auch nicht erstrebenswert finde. Zum Beispiel, wenn man sich selbst in einem größeren Ganzen verliert, das könnte zu einem Kollektivismus führen, den wir von faschistischen Bewegungen kennen, die dieser Art von Kollektivismus nahe waren. Deshalb würde ich mit meiner Definition von ‚Shared Society‘ nicht so weit gehen. Ich würde sagen, dass sie sowohl die Allgemeinheit des gemeinsamen Aspekts, aber auch die Vielfalt und den Respekt vor der Vielfalt bewahren sollte. Aber zu deiner Frage nach dem Konkreten: Das Konkrete besteht in der Praxis und übersteigt so das Theoretische. Meiner Meinung nach ist dies der erste Teil eines langfristigen gemeinsamen Gesellschaftsprojekts und Prozesses, welcher sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Fünf Jahre sind zum Beispiel nur ein flüchtiger Augenblick und legen nur den Grundstein für die Entwicklung einer Partnerschaft im eigentlichen Sinne. Wenn wir mehr Zeit haben, dann könnten wir auch in einen Dialog über unsere Identität als Juden und Araber kommen. Dieser Dialog könnte Fragen ansprechen wie „Wie verstehen wir die Identität Israels? Sollte sie Symbole aus der jüdischen Tradition oder aus beiden Traditionen haben?“ Und so weiter. Das sind alles Fragen, die aufkommen. All diese Fragen bringen Reibungspunkte mit sich. Die Fähigkeit zu einem frühen Dialog über solch schwierige Fragen ist fast unmöglich. Warum? Weil wir als Menschen in Zeiten von Konflikten dazu neigen, uns in unserem gesicherten, festen Selbst- und Identitätsgefühl zu verschließen, wo wir uns zugehörig fühlen. Und an dieser Stelle wenden wir uns auch unserer Gruppenidentität zu. Richtig? Und dann geht es um die „In-Gruppe“ gegen die „Out-Gruppe“ und das erschwert den Dialog. Es ist dann eher eine Debatte oder eher ein Konflikt zwischen den beiden Gruppen. Deshalb beginnen wir in der Praxis mit pragmatischeren Aspekten. Zum Beispiel mit gemeinsamen Interessen und indem wir an konkreten Problemen zwischen den benachbarten jüdischen und arabischen Gemeinden arbeiten, wie der Entwicklung der wirtschaftlichen Infrastruktur. Und dann, während wir die Projekte durchführen, in denen die Vorteile der Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden zum Vorschein kommen, wird allmählich die Fähigkeit zur Zusammenarbeit entwickelt. Die Fähigkeit den anderen mit weniger misstrauischen Augen zu sehen und in tiefere und grundlegendere Fragen vorzudringen. Wir lernen, wenn wir wollen, wie wir uns synchronisieren, wir lernen, wie man zusammen tanzt. Wir lernen, wie wir miteinander in einer Art Bewegung zusammen sein können, die Sinn macht und dadurch gibt einen Fluss, den es am Anfang nicht gab, wegen der unterschiedlichen Mentalitäten, der unterschiedlichen Kulturen, wegen des Misstrauens. Aber allmählich, ganz langsam, bewegen wir uns auf die Fähigkeit zu, uns auch mit den größeren Fragen der Identität an sich zu beschäftigen.

Melanie: Um es noch konkreter zu machen, Ran, du hast Programme für Givat Haviva konzipiert und umgesetzt und als Facilitator gearbeitet. Könntest du uns in deinen Alltag mitnehmen?

Ran: Natürlich!

Melanie: Wie sieht ein gewöhnlicher Arbeitstag bei dir aus, wenn du an ‚Shared Societies‘ in Israel arbeitest?

Ran: Zuerst ist es einmal wichtig morgens aufzuwachen, tief einzuatmen und zu sagen, dass man heute geduldig sein sollte, weil die Dinge nicht unbedingt in dem Tempo oder in der Geschwindigkeit ablaufen, wie man es sich wünschen würde. Vor allem wenn man aus dem akademischen Bereich kommt, wisst ihr, da sind die Dinge auf der theoretischen Ebene immer sehr vornehm, sehr klar, geordnet und sie machen Sinn. In der Praxis sind die Dinge anders. John Lennon hat einmal gesagt, dass das Leben das ist, was einem passiert, während man zu sehr damit beschäftigt ist, andere Pläne zu schmieden. Dies finde ich sehr passend, besonders in der israelischen Realität. Es sind harte Zeiten, um die Gesellschaft einander näher zu bringen und den Aufbau einer gemeinsamen Gesellschaft zu unterstützen. Es gibt einige politische Erwägungen und Dinge, die außerhalb unserer Arbeit geschehen, sie aber beeinflussen und wir müssen uns dessen bewusst sein. Darüber hinaus müssen wir ein Gespür für diese Dinge und Geduld und Einfühlungsvermögen für das Tempo und die Fähigkeiten der Menschen entwickeln, um voranzukommen. Außerdem müssen wir geduldig sein, denn wenn wir mit hochrangigen Beamt*innen, Bürgermeister*innen, oder Abteilungs- und Gemeindevorstehenden wie der Gemeinde für Umweltqualität oder den Ingenieuren der Stadtverwaltung zusammenarbeiten, haben sie meistens andere Dinge auf ihrer Prioritätenlisten, die dringender sind. Der Aufbau einer ‚Shared Society‘ ist nicht der erste Gedanke, den sie morgens haben und sagen: “Das ist es, was wir heute tun müssen.“ Sie haben eine lange Liste mit anderen Dingen zu erledigen und der Aufbau einer ‚Shared Society‘ kommt meistens eher weiter unten auf dieser Liste. Aber auch hier sind wir hoffentlich in drei oder vier Jahren in der Lage, die Idee der ‚Shared Society‘ in der Arbeit dieser Leute zu verankern, auch damit sie sich mit der Idee einer ‚Shared Society‘ anfreunden können. Aber manchmal wollen wir mehr als die Kommunen selbst, und dann müssen wir uns auch mal zurückhalten und dürfen nicht zu viel drängen, um nicht zu überfordern. Das zeigt auch wie wichtig es ist, dass man geduldig ist und sich bewusst sein muss, was in einem bestimmten Moment möglich ist und was nicht. Also ein gewisser Pragmatismus, welcher nicht notwendigerweise idealistisch sein muss. Der Pragmatismus soll dazu beitragen, dass Interessen identifiziert werden und wie die gemeinsame Arbeit den Interessen der Menschen in einer Weise dienen kann, dass sie aktiv daran teilhaben und sich einbringen möchten. Zusätzlich geht darum, intelligente und kluge Wege zu finden, um in diese Arbeit eine Reflektiertheit einzuflechten, die notwendig ist, um die Schwierigkeiten, die Herausforderungen zu sehen, die die Vielfalt, das Misstrauen, die kulturellen Unterschiede mit sich bringen, und wie wir diese Barrieren überwinden können, damit es uns das nächste Mal, wenn wir zusammenkommen, leichter fällt. Und es geht darum, die Arbeit auszuführen und auch andere dabei zu unterstützen. Zum Beispiel in der Umweltarbeit, wenn wir eine Eröffnungszeremonie für ein Flussbett oder eine Promenade haben, an der beide Gemeinden gearbeitet haben, feiern wir diese Zeremonien mit den Politiker*inen und mit den Gemeinden. Diese Feiern sind wichtig, weil sie das Signal aussenden, dass die gemeinsame Arbeit Sinn macht. Ich erinnere mich daran, dass mir einmal ein Vizebürgermeister, ein arabischer Vizebürgermeister, sagte: “Normalerweise, wenn ich diese riesigen gelben Planierraupen bei der Arbeit sehe, setzt mein Herz für einen Moment aus, weil ich weiß, dass sie hier sind, um etwas zu zerstören. Normalerweise geht es in diesem Kontext um Häuser, die ohne Genehmigung in arabischen Gemeinden gebaut wurden. Und jetzt fahre ich plötzlich seit einigen Monaten auf dieser Straße und sehe diese Raupen und weiß, dass sie hier sind, um diese Promenade zu entwickeln und um an der Infrastruktur unserer Gemeinden zu arbeiten. Allmählich lerne ich, mich mit dem Anblick dieser Raupen anzufreunden.“ Das ist eine gewaltige Veränderung und ein gewaltiger Fortschritt. Das ist eine gewaltige Veränderung auf der emotionalen und auf der instinktiven Ebene. Seine Einstellung dahin gehend zu verändern, sagen zu können, dass die Regierung oder die Organisationen, die von der Regierung kommen hier sind um etwas aufzubauen, nicht um zu zerstören, dass sie sind hier, um zu helfen. Das ist Teil unserer gemeinsamen Arbeit. Das ist ein Erfolg und ich würde sagen, dass meine Rolle nach der Zeremonie darin besteht, dafür zu sorgen, dass wir nicht nur da sind, um nur zu applaudieren und uns auf die Schulter zu klopfen, sondern dass wir diese Einstellung in unsere tägliche Arbeit mitnehmen und es so auf die nächste Arbeitsebene zu bringen.

Rebecca: Was ich mitnehme aus diesem sehr, sehr inspirierenden Beispiel ist, dass es bei dem Konzept der ‚Shared Society‘ auch viel um die Integration verschiedener Aspekte geht, wie wirtschaftlichen Fortschritt oder die Entwicklung der Infrastruktur, von der du sprachst. Und das solche Aspekte auch zur ‚Shared Society‘ oder zur Lösung eines Konflikts oder zu einem Paradigmenwechsel in der Art und Weise, wie Menschen ein bestimmtes Umfeld oder einen bestimmten Konflikt betrachten, beitragen.

Ran: Das stimmt. Denn wenn zum Beispiel jüdische und arabische Nachbargemeinden gemeinsam an der Entwicklung eines neuen Industrieparks arbeiten, hat die jüdische Gemeinde meist mehr Verbindungen, sie wissen, wie man mit Regierungsbeamten zusammenarbeitet, wie man bestimmte organisatorische Dinge erledigt. Während also diese verschiedenen Gemeinden zusammenarbeiten und Araber und Juden Seite an Seite arbeiten, entwickeln sie eine Beziehung zueinander und die Fähigkeit zusammenzuarbeiten. Zum Beispiel haben wir bemerkt, dass nachdem ein Projekt abgeschlossen war, die arabische Gemeinde ein anderes Projekt reibungsloser vorantrieb, zusammen mit den Regierungsbeamt*innen, vorher wussten sie nicht genau, wie sie mit ihnen zusammenarbeiten sollten. Ich möchte nur noch ein weiteres Beispiel erwähnen, bei dem wir die Dimension der Macht und Ressourcen und Ressourcenzuteilung miteinbeziehen. Wenn wir zum Beispiel einen Industriepark bauen und die arabische Gemeinde plötzlich versteht, dass es sich um ein gemeinsames Projekt handelt, bei dem alle Aufgaben und Pflichten gleichberechtigt aufgeteilt werden, dass es nicht hauptsächlich um Einnahmen für die jüdische Gemeinde geht, weil der Industriepark auf Grundstücken entwickelt werden soll, die offiziell der jüdischen Gemeinde gehören. Sie verstehen, dass sie durch eine Partnerschaft auch ein Mitspracherecht und einen Anspruch auf die Einnahmen haben und das ist nicht immer einfach, aber es ist ein riesiger Schritt.

Rebecca: Alle drei von euch arbeiten im Programm ‚Shared Society‘ und alle drei von euch kommen aus unterschiedlichen Hintergründen, beziehungsweise arbeiten in verschiedenen Kontexten. Ran, du hast uns gerade schon ein Beispiel aus deinem Kontext gegeben. Könntet ihr, Clem und Melanie, deshalb ein oder zwei Beispiele aus euren Arbeitskontexten nennen, aus Nordirland und Deutschland und wie eure Projekte sich für eine ‚Shared Society‘ einsetzen?

Clem: Ja, zuallererst würde ich gerne erwähnen, dass diese Dinge, diese Probleme des Zusammenlebens, Tag für Tag im öffentlichen Raum angegangen und gelöst werden. Das passiert nicht nur wegen der Absicht von Leuten wie uns oder von anderen Hauptakteur*innen und das trifft auch nicht nur auf unser Land oder unseren Kontext zu. Zum Beispiel, wenn man sich ‚Black Lives Matter‘ in den Vereinigten Staaten anschaut, ist da eine gewisse Spannung zwischen den gegensätzlichen Fronten, da es darum geht, in was für einer Gesellschaft die amerikanischen Bürger*innen leben wollen. Und die Menschen, entweder auf der ‚Black Lives Matter‘ oder auf der anderen Seite, welche sich gegen die Bewegung stellt, sind sehr auf ihre eigenen Bedürfnisse fokussiert und sehr beschäftigt mit ihren eigenen Bedürfnissen. Aber dann gibt es noch eine andere Gruppe Menschen, nämlich die, die sich für eine inklusivere Gesellschaft einsetzen, die wir als ‚Shared Society‘ bezeichnen könnten und es ist diese anhaltende Debatte, die letztendlich darüber entscheidet, in was für einer Gesellschaft wir leben werden und dass wir Dinge, welche um uns herum passieren, beim Namen nennen können. Aber wir müssen auch an die Geschehnisse und Dinge denken, zu denen wir selbst Stellung beziehen oder unsere Sichtweise teilen können. Und wie wir die Akteur*innen in den jeweiligen Situationen unterstützen können, damit sie bewerten können, ob das, was sie tun, tatsächlich dazu beiträgt, eine funktionierende und inklusivere Gesellschaft für alle zu schaffen, oder ob sie eine noch polarisierte, noch gespaltenere Gesellschaft schaffen würden, was auf lange Sicht sehr problematisch wäre. Was Nordirland betrifft, so habe ich hauptsächlich an Ideen gearbeitet, welche das Ziel der ‚Shared Society‘ verfolgen, ohne sie so zu benennen. Und ich habe viel von dieser Arbeit in meine Überlegungen zum Konzept der ‚Shared Society‘ aufgenommen. Wir haben sehr viel mit den Gemeinden gearbeitet und versucht ihnen zu helfen, die Spannungen zwischen ihnen zu lösen, da Nordirland sich zu dieser Zeit in einer aktiven Konfliktsituation befunden hat. Darüber hinaus haben wir zum Beispiel auch realisiert, dass es ein Frühwarnsystem geben muss, welches anzeigt, wenn eine Situation außer Kontrolle geraten und eskalieren könnte. Oder zum Beispiel verschiedenen Gemeinden Zugangsmöglichkeiten zueinander geschaffen, so dass sie ein gemeinsames Verständnis hatten, was gerade passiert und dass sie durch dieses Wissen einschätzen können, wenn eine Situation das Potenzial besaß, außer Kontrolle zu geraten. Wir hatten auch andere Aktivitäten, bei denen die Entwicklung des Selbstvertrauens und des Selbstwertgefühls innerhalb der Gemeinden im Vordergrund stand. Denn es ist sehr wichtig, dass wir ein positives Verhältnis zu uns selbst und unserer Identität haben, damit wir auch andere Gemeinschaften erreichen und mit ihnen in Kontakt treten können. Wir haben versucht, das auf eine inklusive Art und Weise zu erreichen, die alle miteinbezieht, denn wenn man von der Idee der ‚Shared society‘ spricht, dann beinhaltet das auch, auf die eigenen Taten zu schauen und darauf, welche Auswirkungen sie auf andere Aspekte der Gesellschaft haben. Hier ist es noch wichtig, dass es nicht nur darum geht, das Selbstwertgefühl einer Gruppe zu stärken, sondern darum, wie sie, durch Interaktion mit einer anderen Gruppe, ihr Selbstwertgefühl steigern können. Also geht es eher darum nach außen zu schauen, statt nur nach innen auf die eigene Gruppe und Gemeinschaft. Aufgrund dessen haben wir einen Leitfaden zu ‚good practice‘ entwickelt, wo sich viele Strategien und Ansätzen wiederfinden lassen. Dieser Leitfaden beinhaltet auch konkrete Beispiele aus verschiedenen Ländern, ihre Ansätze für eine ‚Shared Society‘ und welche Schritte sie für eine ‚Shared Society‘ bereits in die Wege geleitet haben. Aber das Wichtigste ist, dass es hier nicht nur um eine einzige Aktivität geht, sondern einen ganzheitlichen und kohärenten Ansatz, den wir versuchen hier einzubringen. Egal ob es um zwei Gemeinden mit jeweils 5.000 Einwohner*innen geht, die sich dafür einsetzen, dass Spannungen nicht weiter eskalieren oder ob es um ein ganzes Land geht, wie den USA, wo es notwendig ist, ein Konzept zu erarbeiten, durch das Menschen zusammenleben und sich wohlfühlen können. Generell braucht es einen mehrdimensionalen zusammenhängenden Ansatz, welcher auch die Auswirkungen unseres Handelns auf die Gesamtvision der Zukunft berücksichtigt.

Melanie: In Deutschland sehen wir uns in den letzten Jahren mit wachsender Fremdenfeindlichkeit und wachsendem Antisemitismus konfrontiert. Das können wir einerseits an den Ergebnissen der politischen Wahlen sehen, aber auch an den wachsenden Zahlen von Gewalt gegen Migrant*innen. Als wir vor einigen Jahren das Projekt zusammen mit Givat Haviva und Clem McCartney ins Leben gerufen haben, haben wir beschlossen, uns auf den Bereich Migration und Integration zu fokussieren. Darüber hinaus haben wir den Beirat für Migration und Integration der Stadt Trier, unseren praktischen Partner, gefragt, einige Projekte mit uns zu initiieren. Wir versuchen die Teilhabe und Gleichstellung von Migrant*innen in der Stadt Trier zu stärken und die Stadt Trier in ihrem Vorhaben für eine ‚Shared Society‘ zu unterstützen.

Rebecca: Ich kann mir vorstellen, dass es viele Leute gibt, die dieses Projekt unterstützen, aber auch das es einige Leute geben könnte, welche dieses Projekt nicht gutheißen und nicht unterstützen möchten. Stoßt ihr bei einem solchen Projekt auch auf Widerstand auf der politischen oder auf der gesellschaftlichen Ebene?

Melanie: Ich würde sagen, dass es von der politischen Seite keinen Widerstand gibt. Ich denke, dass es im Moment noch allgemeiner Konsens ist, dass es etwas Positives ist, die Idee einer ‚Shared Society‘ in Deutschland zu unterstützen und sich dafür einzusetzen. Natürlich gibt es die AfD, welche in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen und vermehrt Unterstützung erfahren hat. Aber damit haben wir in unserem Projekt im Moment noch keine Probleme. Generell haben wir nicht das Problem, dass sich Menschen gegen die Idee oder das Konzept der ‚Shared Society‘ stellen. Aber im Moment ist es schwierig, Leute zu finden, die sich stärker für eine ‚Shared Society‘ und das Projekt engagieren. Deshalb denke ich, dass es auf der politischen Ebene im Moment eher neutral ist, aber es ist schwer, Leute zu finden, die sich aktiv im Projekt engagieren möchten.

Rebecca: Meine letzte Frage für heute geht an euch alle. Clem erwähnte, dass die meisten Projekte umgesetzt werden, ohne konkret den Begriff der ‚Shared Society‘ zu nutzen, dass sie aber alle auf das gleiche Ziel hinarbeiten. Wie könnte also die Gesellschaft im Allgemeinen oder vielleicht Organisationen, in denen unsere Zuhörer*innen involviert sind, Akteur*innen unterstützen, die sich für eine ‚Shared Society‘ einsetzen? Auch um deren Friedenspotentiale zu fördern. Also wie können sie diese Projekte in ihrem Ziel einer stärkeren ‚Shared Society‘ in ihrem jeweiligen Kontext unterstützen?

Clem: Ja, ich glaube, dass in meinem eigenen Land und in vielen anderen Ländern viele Aktivitäten stattfinden, von denen ich inzwischen sagen würde, dass sie die Beziehungen zwischen den Gruppen und die Beziehungen zwischen den Gemeinschaften positiv beeinflussen wollen, aber dabei ist das Problem, dass sie die generellen Ungleichgewichte, die in der Gesellschaft bestehen und die besonders für die marginalisierten Gruppen wichtig sind, nicht im Blick haben. Und die weniger marginalisierte, beziehungsweise andere, Gemeinschaft sieht dann oft kein Problem, da sie nicht betroffen sind. Wie Ran vorhin sagte, gibt es Leute, die sagen: „Wäre es nicht schön, wenn die anderen Leute einfach denselben Weg wie wir gehen könnten und die Dinge so machen würden, wie wir sie machen“. Das ist einer der wichtigsten Ansatzpunkte für Veränderung, deshalb würde ich sagen, dass man oder wir Projekte und Menschen, welche sich für eine ‚Shared Society‘ einsetzen, eher passiv unterstützen können und ihnen dabei helfen können zu erkennen, dass sie die größeren und schwierigeren Themen auch angehen müssen. Die Menschen an vorderster Front dieser Konflikte sind oft nur allzu bereit, sich ihnen zu stellen und sie anzugehen. Aber viele andere Menschen wünschen sich einfach nur ein ruhiges Leben und wollen sich nicht mit komplexen und schwierigen Themen befassen. Ich glaube, es ist auch sehr wichtig, dass wir die Politiker*innen mit einbeziehen, denn sie haben die Fähigkeit, die Dinge, über die wir sprechen, auch zu ermöglichen. Ebenso haben sie die Möglichkeit, in einer Weise zu handeln, die unsere Gesellschaft aber auch weiter teilt und polarisiert. Man kann oft beobachten, dass es Menschen gibt, in deren Interesse es ist, entweder der politischen Macht wegen oder um ihre eigene Gruppe oder Gemeinschaft zu bevorzugen, in „wir“ und „die“ Kategorien denken und handeln. Und wir tappen generell auch leicht in diese Falle, uns auch auf diese Art von Spaltung einzulassen. Deshalb erachte ich es für sehr wichtig, dass wir alle, denen die Beziehungen zwischen Gruppen und Gemeinschaften ein wichtiges Anliegen sind, uns auch darauf konzentrieren, wie wir uns auch auf der politischen Ebene dafür einsetzen können, nicht nur auf der Ebene der Gemeinschaften beziehungsweise zwischen Gemeinschaften. Natürlich spiegeln die Politiker*innen die Gemeinschaft und die Gemeinschaften die Politik wider. Deshalb müssen wir an beidem arbeiten.

Ran: Ich würde gerne auf deine Frage bezüglich unserer gegenwärtigen Situation eingehen. Natürlich sind dies herausfordernde Zeiten, in denen uns die Covid-Pandemie überall auf der Welt trifft und ich denke es ist ein Anfang, die Hand zu heben und zu fragen: „Ist unsere Gesellschaft widerstandsfähig?“. Belastbarkeit oder Resilienz ist ein Begriff, der heutzutage sehr populär ist und er trifft ziemlich genau die Stärke einer Gesellschaft, die mit der aktuellen Situation relativ gut zurechtkommt. Hier bin ich der Meinung, dass dies viele Aspekte der Resilienz betrifft und dass soziale Resilienz aus verschiedenen Gründen thematisiert werden kann und muss. Deshalb möchte ich den Begriff des sozialen Zusammenhalts hervorheben und die Bedeutung der Entwicklung des sozialen Zusammenhalts als eine wesentliche Komponente oder besser gesagt, als eine notwendige Voraussetzung für eine resiliente Gesellschaft betonen. Wenn wir die Tatsache akzeptieren, dass sozialer Zusammenhalt und soziales Kapital das sind, was nötig ist, um eine Gesellschaft resilient zu machen, dann können wir einmal innehalten und uns fragen: „Wo fehlt uns diese Art von Zusammenhalt in der Gesellschaft in diesen schwierigen Zeiten?“ In Israel zum Beispiel, haben wir vor nicht allzu langer Zeit im April, während des ersten Covid-19 Lockdowns, eine Umfrage durchgeführt. Wir wollten herausfinden, wie es um die Resilienz der Menschen auf persönlicher, kommunaler, regionaler und nationaler Ebene steht, um ihre Widerstandsfähigkeit. Und wir sahen dort auch das Paradox, dass die Leute sagten, sie denken, dass sie widerstandsfähiger wären, wenn die Gesellschaft inklusiver wäre und mehrere Gruppen miteinbezieht, als nur benachbarte Gemeinschaften oder Gruppen innerhalb einer Gemeinschaft zu vernetzen. Sie sagten, dass sie sich damit wohler und sicherer fühlen würden, aber gleichzeitig sagten sie auch, dass sie nicht glauben, es sei möglich. Wenn sie sich die derzeitigen sozialen Bedingungen anschauen, dann sehen sie eher die Unfähigkeit oder Unmöglichkeit eines solchen Zusammenhalts. Bei solchen Aussagen, sollten bei uns die Warnlichter angehen. Ich wurde auch ins israelische Parlament eingeladen, um über den Umgang mit dem Coronavirus zu sprechen. Dort habe ich erwähnt, sehr vorsichtig, dass die Menschen Wünsche nach mehr sozialem Zusammenhalt und besseren Beziehungen zwischen den Gruppen geäußert haben und sie sich durch mehr Zusammenhalt wahrscheinlich auch besser und zufriedener fühlen würden und sie gleichzeitig sagen, sie glauben, dass es unmöglich ist oder es im Moment nicht möglich ist. Und hier geht es nicht um Maßnahmen, die gleich morgen früh ergriffen werden müssen. Offensichtlich gibt es mit der derzeitigen Covid-19 Lage andere Dinge, die wichtiger sind, aber wir sollten uns in leichteren Zeiten, wenn die Covid-19 Pandemie überstanden ist, daran erinnern und wirklich darüber nachdenken, wie wir uns als Gesellschaft auf weitere Extremsituationen vorbereiten können, um den nächsten Krisen widerstandsfähiger und resilienter begegnen zu können und um besser mit ihnen fertig zu werden. Der Standpunkt, von dem ich für den Aufbau einer gemeinsamen Gesellschaft ausgehe, ist jener, dass wir sicherstellen müssen, diese Kohärenz auf kommunaler, interkommunaler, regionaler und auf nationaler Ebene zu entwickeln. Und es gibt so viel, was getan werden kann. Wir haben ein langes Dokument mit praktischen Empfehlungen verfasst. Wir hoffen, dass diese Empfehlungen Menschen dazu bringt zuzuhören und diese Dinge nach Überwindung der Krise umzusetzen.

Clem: Wenn ich noch etwas einbringen könnte? Ran hat mich gerade im Zusammenhang mit der Covid-Pandemie darauf gebracht, dass die Gesellschaften, die die größten Schwierigkeiten hatten, einen kohärenten Ansatz zur Bekämpfung des Virus zu finden, diejenigen sind, die sich am meisten durch eine ‚ich-ich-ich-Haltung ‘, eine libertäre Haltung auszeichnen. “Ich will keine Maske tragen. Ich will nicht von anderen Menschen Abstand halten. Ich will tun, was ich tun will”. In einer solchen Gesellschaft ist man einander nicht verpflichtet. Und doch funktioniert eine Gesellschaft nicht, ohne gegenseitige Verpflichtungen, man ist einander verpflichtet in einer gemeinsamen Gesellschaft. Und ich denke, dass Covid uns daher die Chance bietet, die Schwächen einer individualistischen Gesellschaft aufzuzeigen, und zwar anhand von Gesellschaften in denen Menschen bereit sind für das Gemeinwohl zusammenzuarbeiten.

Ran: Ich kann nur zustimmen und würde sagen, dass die Covid-Pandemie uns hilft, den Begriff der Interdependenz vor Ort zu verwirklichen. Wir haben schon einmal über das Konzept der Interdependenz gesprochen, und hier haben wir ein sehr konkretes, existenzielles Beispiel, keine Theorie, keine abstrakten Konzepte, sondern eher, wie es ist, wenn die Nachbargemeinschaft, die Nachbargruppe sich nicht an die Anweisungen hält und keine Masken tragen möchten und sie dadurch mich oder andere in Gefahr bringen. Und das ist eine systemische Perspektive, eine ganzheitliche Perspektive in Bewegung, denn das eigene Handeln kann Welleneffekte auslösen und Auswirkungen auf andere haben. Und leider ist die israelische Gesellschaft eine sehr zersplitterte Gesellschaft, welche weit davon entfernt ist, eine ‚Shared Society‘ zu sein. Deshalb glaube ich, dass das der Hauptgrund ist, warum wir uns in einer so schwierigen Lage in der Covid-Pandemie befinden, wenn man sich die Zahl der infizierten Menschen pro Millionen Einwohner*innen in Israel betrachtet.

Rebecca: Melanie, möchtest du noch etwas hinzufügen?

Melanie: Ja, ich glaube, für uns in der Friedensakademie ist es im Moment am wichtigsten, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir in Deutschland mit einer wachsenden Polarisierung der Gesellschaft konfrontiert sind. Gestern habe ich einen Workshop mit drei Schulklassen und einigen Lehrer*innen durchgeführt und ich habe den Jugendlichen die Karte des Konfliktbarometers gezeigt. Auf dieser Karte ist jedes Land eingefärbt, von grau bis schwarz, ja nachdem ob und wie viele politische Konflikte oder Kriege dort stattfinden. Und ich glaube, fast jede und jeder in diesem Klassenzimmer war ziemlich überrascht, dass Deutschland nicht grau war. Sie waren überrascht, weil sie sich nicht bewusst waren, dass es in Deutschland im Moment viel rechte Gewalt und auch strukturelle Gewalt gibt. Ich denke, das Wichtigste ist jetzt also, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass da etwas im Gange ist und dass wir ein Projekt wie ‚Shared Society‘ brauchen. Hier denke ich, müssen wir jetzt mit unserer Arbeit beginnen.

Rebecca: Ich denke, das ist ein gutes Schlusswort für unsere heutige Episode. Vielen Dank, Melanie, dass du die Episode mit mir moderiert hast. Und ich danke euch, Clem und Ran, dass ihr heute unsere Gäste wart.

Ran: Ich danke euch!

Clem: Nichts zu danken, ich danke euch!

Mehr Informationen zur Shared Society und unseren Interviewpartner*innen finden Sie auf der Website der Shared Society. 

 

Diskussionsimpulse des Friedenskreis Halle e.V. zum Anschlag vom 09. Oktober 2019

Von Cosima Mangold

Der Anschlag auf die Synagoge der jüdischen Gemeinde an Jom Kippur, auf einen Dönerimbiss und der damit verbundene Mord an zwei Menschen in Halle haben neben Solidaritätsbekundungen zu Forderungen an Politik und Gesellschaft geführt. Was aber bedeutet ein antisemitischer, rassistischer und frauenfeindlicher Anschlag für unsere Arbeit und unser Wirken als lokale Friedensorganisation, den Friedenskreis Halle e.V.? In den Monaten nach dem 09. Oktober unterstützten wir Demonstrationen und führten Workshops und Gesprächsrunden durch. Wir haben zudem mit einem Aufarbeitungsprozess begonnen, bei dem uns die breite Beteiligung vieler Menschen wichtig war. In diesem Rahmen entstand das hier in Auszügen vorgestellte Impuls- und Schlussfolgerungspapier.

Beim vorliegenden Text handelt es sich um einen Ausschnitt der erarbeiteten Schlussfolgerungen.
Der Anschlag auf die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Halle an Jom Kippur und der Mord an zwei Menschen hat uns alle im Friedenskreis fassungslos, wütend und sehr betroffen gemacht. Nachdem wir einen Moment inne hielten, um uns gegenseitig zu unterstützen, wurde in unserem Team immer klarer, dass wir weder das Erlebte und dessen öffentliche Interpretation einfach hinnehmen wollen, noch, dass wir jetzt nur an uns denken können. Der Anschlag zeigte deutlich, dass Handlungsbedarf besteht und dass es Menschen gibt, denen unsere uneingeschränkte Solidarität nun mehr denn je zusteht.
Uns ist es wichtig, klar zu benennen, dass die Beweggründe des Täters antisemitisch, rassistisch und antifeministisch waren, wobei deren struktureller, gesellschaftlicher Nährboden deutlich hervorgehoben werden muss. Genau in diesen Zusammenhang stellen wir auch das verfehlte Krisenmanagement der Behörden in der konkreten Situation. Darüber hinaus ist uns wichtig, dass die Geschehnisse nachhaltig aufgearbeitet werden und dass wir selbst mit der Aufarbeitung konsequent und gleichzeitig sensibel umgehen. Genauso wichtig ist es uns, solidarisch mit den Opfern und den potenziellen Opfern des Anschlages zu sein. Wir sehen uns hier in Halle in der Verantwortung, für die Communities der Menschen mit Migrationsgeschichte und die Communities der Menschen, die von Rassismus betroffen sind, ansprechbar zu sein. Denn unsere vielfältige, transkulturelle Bildungsarbeit, unser politisches Engagement und unsere Rolle als ausrichtende Organisation internationaler Freiwilligendienste erfordern es, dass wir die sonst fehlenden Möglichkeiten des Austausches und der Information bieten. Obwohl wir alle zutiefst schockiert waren, zeigte sich schnell die Motivation, noch vehementer für unsere Werte und Ziele einer freien, offenen und emanzipatorischen Gesellschaft einzutreten, in der Menschen gleichberechtigt miteinander leben wollen und können. Denn für uns sind die Misslagen, die wir für mitverantwortlich dafür halten, dass ein solcher Anschlag passieren konnte, weder neu noch überraschend. Sie sind seit Jahren Gegenstand unserer Projekte und unserer Bestrebungen, Menschen gewaltfrei zusammen zu bringen.
So divers wie unser Team ist, so vielfältig waren auch die Formen des Umganges mit den Geschehnissen in der Zeit, die dem Anschlag folgte. Wir unterstützten Demonstrationen in Halle, boten Workshops an und solidarisierten uns innerhalb unseres Teams. Auf unserem Vereinswochenende im Herbst 2019 legten wir darüber hinaus in einer Diskussionsrunde die Grundlagen für dieses Papier mit dem Team und unseren Mitgliedern. Wir wollten keine weiteren kurzfristigen Forderungen stellen oder vorschnelle Analysen ziehen. In den letzten Monaten gestalteten wir stattdessen einen beteiligungsorientierten Prozess, in dem wir Diskussionsimpulse und Schlussfolgerungen ausarbeiteten. Diese stellen wir nun zur Verfügung und verstehen dieses Papier gleichzeitig als öffentliches Diskussionsangebot und als Orientierung für unsere zukünftige Arbeit und unser politisches Engagement als Friedenskreis Halle e.V. Wir freuen uns genauso über kritische wie über bestärkende Rückmeldungen. Besonders freuen wir uns dabei über Ergänzungen und über Menschen, die bei der Umsetzung mitwirken wollen.

1. Nachhaltige Aufarbeitung mit hoher ­Transparenz und konkreten Konsequenzen statt schnelle Aktionspläne und einseitige Forderungen
[…] Den meisten Aktionsplänen und Forderungen liegt das Bild eines im Internet radikalisierten Einzeltäters zu Grunde. Dieses eingeengte Narrativ vom Einzeltäter zeigt sich in den meisten Reaktionen auf die Anschläge von Halle und Hanau. Dabei bleiben längerfristige gesellschaftliche Tendenzen und Stimmungen als Folge politischen Handels unberücksichtigt. Das Bild des Einzeltäters begründet sich auf dem unzutreffenden, gesellschaftspolitischen Modell der „demokratischen Mitte“ und den „extremistischen Rändern“. Dieses sogenannte „Hufeisenmodell“ folgt weder einer wissenschaftlich haltbaren Analyse gesellschaftlicher Zustände, noch bietet es Handlungsmöglichkeiten, um nachhaltig und angemessen auf die Ereignisse am 09.10.2019 in Halle oder am 09.02.2020 in Hanau zu reagieren.

2. Die Perspektive der Betroffenen und Opfer hören und ernst nehmen statt oberflächliche Worte und Symbole tradieren
[…] Nur Dank einer Verkettung glücklicher Umstände und vor allem dank der vorausschauenden Eigensicherung der jüdischen Gemeinde blieben wir am 09.10. davor bewahrt, ein weitaus schlimmeres Gräuel bezeugen zu müssen. An diesen Umständen zeigt sich, dass das staatliche Krisenmanagement seine Grenzen erreicht hat. Und es zeigt sich einmal mehr, dass Perspektiven von Menschen, die von rechtem Terror bedroht sind, nach wie vor nicht ernst genommen werden.
Auf die Frage, wie auf solche Bedrohungen reagiert werden soll, antworteten die Verantwortlichen im Land Sachsen-Anhalt und in der Bundespolitik oft mit unspezifischen Lippenbekenntnissen. Sie zeigten an vielen Stellen kein echtes Problembewusstsein, betrieben keine kritische Fehleranalyse und zogen keine ernsthaften Schlussfolgerungen. Spätestens nach Hanau wird die Ohnmacht und das Schweigen der Behörden immer deutlicher und es wird immer klarer, dass es hier an ernsthaftem Willen fehlt, sich den zu Grunde liegenden Ursachen widmen zu wollen.

3. Zivilgesellschaftliches Engagement für Demokratie und für eine vielfältig-offene Gesellschaft stärken statt Diffamieren und Einengen
[…] Die Zivilgesellschaft verfügt über ein großes Potenzial und zeigt eine ebenso große Bereitschaft, mit kompetenten und kreativen Ansätzen unsere Demokratie zu stärken. Das zeigten eindrucksvoll die mehr als 1.000 Projektideen, die bei Demokratie leben! eingereicht wurden. Die bittere Realität ist, dass davon jetzt 900 Ansätze und Konzepte für neue Modellprojekte ungenutzt bleiben. Wir sind davon überzeugt, dass weniger Förderungen unsere Demokratie schwächen. Denn für die Auseinandersetzung mit aktuellen Herausforderungen braucht es unterschiedliche zivilgesellschaftliche Akteur*innen auf allen Ebenen der Kommunen, der Länder und des Bundes.

4. Neue Handlungsstrategien entwickeln statt weiterhin wegschauen und verharren
[…] Wir werden uns als Organisation und als handelnde Personen auch mit den eigenen Prägungen und Verstrickungen in Rassismus, Diskriminierung, Gewalt und Abschreckungslogik auseinandersetzen. Dabei suchen und gehen wir für uns geeignete Wege, mit diesen Prägungen und Verstrickungen umzugehen und sie zu überwinden. Soziale Medien werden wir zukünftig noch intensiver nutzen, um konstruktive Beiträge in gesellschaftlichen Diskursen zu verbreiten. Außerdem werden wir gesellschaftliche Diskurse mit positiven Beispielen aus unserer Projekt- und Bildungsarbeit bereichern sowie Anregungen zu individuellem, zivilcouragiertem Handeln und Positionierungen geben. Dafür werden wir neue Modellprojekte als Lernmöglichkeiten und Experimentierfelder entwickeln sowie neue Bildungsangebote erarbeiten.

Den vollständigen Text finden Sie auf ­unserer Webseite www.friedenskreis-halle.de/schlussfolgerung
Wir freuen uns über Rückmeldungen an: info@friedenskreis-halle.de

Der Verein Friedenskreis Halle e.V. wurde 1991 von Kriegsdienstverweigernden gegründet. Die Erfahrung der friedlichen Revolution 1989 führten 1990 in Halle Menschen aus verschiedenen Bürgerinitiativen zum Friedenskreis zusammen und waren Basis für den 1991 gegründeten Verein. Unser Engagement heute, in Friedenspolitik, Friedensbildung und Friedensdiensten ist durch ein dynamisches Friedensverständnis bestimmt: Frieden begreifen wir nicht als Zustand, nicht als ein fernes Ziel und auch nicht nur als die Abwesenheit von Krieg. Frieden ist für uns ein Weg zu einem partnerschaftlichen, gerechten und gewaltfreien Zusammenleben in Vielfalt, wodurch die Entfaltung und Freiheit des Einzelnen möglich wird. Die grundlegenden Themen und Leitwerte unserer Arbeit sind: aktive Gewaltfreiheit, konstruktive sowie zivile Konfliktbearbeitung, gelebte Demokratie, transkulturelle Vielfalt und globale Gerechtigkeit. Unsere Arbeit wird durch haupt- und ehrenamtliche Mitarbeit und die Unterstützung privater SpenderInnen und öffentlicher Zuschüsse getragen.

Covid-19: Friedenspädagogische Betrachtungen des Transformationspotentials eines Virus

Von Melanie Hussak

Durch Ausbruch und Verbreitung des neuartigen Covid-19 Virus wird uns deutlich vor Augen geführt, dass wir in unserem gegenwärtigen globalen Gesellschaftssystem auf physischer und sozialer Ebene ebenso miteinander verbunden wie voneinander abhängig und dadurch vulnerabel sind. Die Friedens- und Konfliktforschung und insbesondere die Friedenspädagogik sind nun gefordert, die damit in Verbindung stehenden Konflikte sowie Friedenspotentiale aufzuzeigen und Menschen in ihren gegenwärtigen Anpassungsprozessen zu unterstützen. Die prozessorientierte Konfliktbearbeitungsmethode Worldwork berücksichtigt hierfür gleichermaßen individuelle und gesellschaftliche Dynamiken und bietet eine konzeptionelle Fundierung zur Analyse und Bearbeitung der aktuellen Konfliktkonstellationen.

Viele Stimmen – viele Prozesse

Was zu Beginn des Jahres als Gesundheitskrise begann, hat in den vergangenen Wochen durch die vielerorts verordneten Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen massive gesellschaftliche, politische, ökonomische, ökologische und kulturelle Auswirkungen hervorgerufen. Durch die von außen verursachte (Zwangs-)Situation sind viele Menschen unwillkürlich und plötzlich in einen Nachdenk- und Empfindungsprozess gekommen: Sie stehen vor der Frage, was die Situation für sie konkret bedeutet. Was macht die Krise mit mir, mit uns? Welche Transformationsprozesse werden von der Pandemie angestoßen?

Neben diesen durch Covid-19 hervorgerufenen Konsequenzen sind es oftmals ebenso persönliche wie spezifische Herausforderungen und Erkenntnisse in der Zeit der Pandemie, die uns nachhaltig beeinflussen. Denn aufgrund unterschiedlicher Lebensrealitäten werden eine Vielzahl von positiven wie negativen Empfindungen und Emotionen ausgelöst, viele Menschen nehmen einen Bedarf an Veränderung wahr.

Manche haben Sehnsucht nach individuellem Rückzug und Zeit für das Wesentliche, nicht nur für das, was sich im Alltag wichtigmacht. Auch die Queen sprach von der Gelegenheit zu ‚entschleunigen‘ und im Gebet oder Mediation innezuhalten und zu reflektieren. Andere empfinden eine neue Verbundenheit und Solidarität mit den Mitmenschen.

Für zahlreiche Menschen ist an dieses Privileg der Entschleunigung nicht zu denken, sie spüren die negativen Konsequenzen der Pandemie in voller Härte. Das umfasst zum Beispiel reale Ängste um die ökonomische Existenz, bedingt durch massiv gestiegene Arbeitslosenraten und der Gefahr einer längeren globalen Rezession sowie Einsamkeit und die Gefahr eines Ansteigens an psychosozialen Krankheiten in Folge von Isolation. In vielen Weltregionen können sich Menschen hingegen ein Zuhause-bleiben schlicht nicht leisten, da sie sprichwörtlich von ‚der Hand in den Mund‘ leben.

Auch auf der Makroebene ist derzeit eine ebenso große Diversität zu beobachten. Diese reicht von unsolidarischem Verhalten der Staaten in Bezug auf Gesundheitsgüter und finanziellen Wiederaufbauhilfen, einem bewussten Ausnutzen der Notsituation für repressive Zwecke in autokratisch geführten Ländern und zur Durchsetzung unbeliebter (Infrastruktur-)Projekte die mit Naturzerstörung einhergehen bis zum Ruf nach einem besonnenen Umgang mit unserem Planeten und ein stärkeres Bewusstsein für das Wohl aller in Form einer nachhaltigen, solidarischen Lebens- und Wirtschaftsform.

Die globale Dimension der Covid-19-Krise bietet nun die beispiellose Möglichkeit, allen aus einem einzigen „Ereignis“ entstehenden und sich darum verortenden Stimmen einen Raum zu geben. Diese Chance sollte gerade auch die Friedens- und Konfliktforschung nutzen.

Neue, alte Konfliktdynamiken: Aufgaben für die Friedensforschung

Die Covid-19-Krise hat weitreichende Auswirkungen auf Kernthemen der Friedensforschung:  der Überwindung multipler Formen von Gewalt, der Analyse von aktuellen Konfliktlinien und -dynamiken auf unterschiedlichen Systemebenen sowie dem Aufzeigen und Skizzieren von Friedenspotentialen.

In der gegenwärtigen Situation bedeutet das, auf wenig sichtbare und marginalisierte Konflikte aufmerksam zu machen – wie bspw. auf die massiven Auswirkungen der Pandemie auf vulnerable Gruppen in humanitäre Krisen, Menschen auf der Flucht und in Kriegs- und Katastrophengebieten – aber auch Friedenspotentiale zu benennen und Menschen in ihren gegenwärtigen Anpassungsprozessen zu begleiten.

Im Folgenden möchte ich zwei Punkte hervorheben, die mir diesbezüglich in der gegenwärtigen Situation aufgrund der Unvorhersehbarkeit der Pandemie und der Verflechtung globaler Prozesse als wesentlich erscheinen: Beschleunigt in der Entschleunigung (I) und Verortung (II).

(I) Zum einen kann beobachtet werden, dass sich Konflikte derzeit nicht unbedingt neu formieren, sondern sich durch die von Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen verursachte Entschleunigung beschleunigen können. Das bedeutet, dass insbesondere jene Konflikte aufbrechen oder sich verstärken, die schon in ihren Grundstrukturen angelegt waren und durch die Auswirkungen der Pandemie akuter und wahrnehmbarer wurden. Stress- und Drucksituationen wie finanzielle Nöte oder ein beengter Wohnraum können Dynamiken und Situationen, die bereits in Schieflage waren, stark antreiben. Auch, weil Konfliktreaktionen wie bspw. Flucht aus einer Situation durch kurzfristige räumliche Trennung einige Zeit nicht zur Verfügung standen.

Im persönlichen Bereich entsteht durch die Entschleunigung für einige ein „mehr Zeit haben“ und somit mehr potenzieller Raum dafür, eigene Bedürfnisse und Emotionen wahrzunehmen und das eigene Leben und Beziehungen zu reflektieren. Bei anderen hingegen entsteht gerade durch diese Entschleunigung und Beschränkungen in vielen Lebensbereichen eine dynamische, fast exponentielle Beschleunigung. Das trifft insbesondere auf Menschen in herausfordernden beruflichen Situationen, die parallel Sorgearbeit leisten, zu. Beide genannten Tendenzen können dazu führen, dass Bedarfe an Veränderungen dadurch stärker wahrgenommen werden und Konflikte verschärfen.

Die Beobachtung einer dynamischen Verstärkung bestehender Konflikte steht mit meinem zweiten Punkt der Verortung in Zusammenhang.

(II) Mit Verortung meine ich sowohl eine räumlich-geografische Zuordnung wie auch eine persönliche mit Bezug auf die eigene Position im Leben, sowie im Welt- und Gesellschaftssystem.  Sie basiert auf biographischer, familiärer, sozialer, beruflicher, ökonomischer und/oder gesundheitlicher Voraussetzungen und Erfahrungen. Verortung kommt eine zentrale Rolle in der Frage zu, wie und in welchem Ausmaß eine Person die Krise trifft und welchen Handlungsspielraum sie hat, darauf zu reagieren. Das gilt auch für Staaten und andere Gesellschaftsformationen. So betont Janpeter Schilling: „Es besteht die Gefahr, dass die Corona-Seuche verwundbare Länder näher an einen gesellschaftlichen Kipppunkt führt, auf dessen anderer Seite Gewalt, Krieg und Kollaps stehen.“

Persönliche und gesellschaftliche Verortungen sind eng verbunden mit den Gewaltmechanismen der strukturellen und epistemischen Gewalt, die tief in unser Gesellschafts- und Weltsystem eingeschrieben sind. Strukturelle und epistemische Gewalten sind internalisierte Gewaltformen, die bestehende Ordnungen aufgrund gesellschaftlicher Machtverhältnisse aufrechterhalten. Erstere umfassen bspw. soziale und ökonomische Ungleichheiten, die sich auch auf den essenziellen Bereich der Gesundheitsversorgung niederschlagen, sowie Diskriminierungen und Rassismus. Epistemische Gewalt bezeichnet jene Gewalt, die von Wissen und Wissenschaft selbst ausgeht. In der aktuellen Situation ergeben sich dadurch Fragen wie: Wer hat in der gegenwärtigen Situation die Deutungshoheit? Also welche Stimmen werden gehört und können sich in der Krise durchsetzen?

Denn auf physischer Ebene betrifft Covid-19 zunächst alle Menschen, aber es betrifft sie nicht in gleichem Ausmaß. Wie die Kulturwissenschaftlerin Susan Arndt betont, unterscheiden nicht die Viren, „sondern die menschlichen Antworten passen sich der kapitalistischen Grammatik der sozialen Ungleichheit an. […] Ursachen sind allein menschengemachte Ordnungen sozialer Ungleichheit“.

Die Friedenspädagogik ist nun auf Basis dieser Beobachtungen gefordert, einen Beitrag zu leisten. Die prozessorientierte Konflikttransformationsmethode Worldwork kann mithilfe ihres Feld-Konzepts in den gegenwärtigen (Konflikt-)Lagen Komplexität reduzieren und Wege für die Bearbeitung der genannten Konfliktlinien skizzieren.

Prozessorientierte Konfliktarbeit

Worldwork, begründet von Arnold Mindell, stellt die Verwobenheit von individuellen und gesellschaftlichen Dynamiken als konzeptionelle Fundierung für die Bearbeitung gesellschaftlicher Spannungsfelder und so auch für die gegenwärtigen Konfliktlagen dar. Bei der Facilitation von Gruppen werden sowohl die innere Dimension von Personen wie auch die äußeren Ereignisse, denen sie angehören und sie umgeben, miteinbezogen. Das theoretische Konzept von Worldwork basiert auf der Annahme, dass individuelle, dyadische und kollektive Prozesse soweit in Verbindung stehen und miteinander verschränkt sind, sodass sich die Strukturen dabei auf verschiedenen Ebenen zeigen oder wiederholen.

Dieser Gedanke wird durch die Vorstellung eines imaginären Feldes verständlicher. In diesem sind Individuen mit anderen Individuen und Gruppen verbunden, interagieren miteinander und werden von diesen auch bewegt und strukturiert. Das Feld „schließt das subjektive Erleben des ‚Lebensraums‘ und damit aller Faktoren, die Verhalten, Denken, Handeln und Fühlen bedingen, mit ein.“ [1]

Menschen sind in ihrem (Er-)Leben von Primär- und Sekundärprozessen geprägt. Als Primärprozess gelten nach Mindell die gewohnte Identität und Denkweise. Unter einem Sekundärprozess versteht man unbewusste Teile, die Signale und Botschaften an das Individuum ‚senden‘, die in Alltagsroutinen oft wenig Raum zur Entfaltung haben oder mitunter als konfliktiv und störend wahrgenommen werden. [2] Diese Teile werden in der Prozessarbeit prozessiert, das bedeutet, es wird versucht die Signale und Informationen, die aus miteinander verbundenen Kanälen stammen und wahrgenommen werden, zu entfalten, miteinander in Verbindung zu bringen und schließlich zu bearbeiten.

Diese Prozesse auf individueller Ebene werden von sogenannten Kanälen, die unsere Wahrnehmungskapazitäten umfassen, geprägt. Durch sie werden Informationen aufgenommen und ausgedrückt: Neben den Grundkanälen Sehen (visuell), Hören (auditiv), Fühlen (propriozeptiv) und Bewegen (kinästhetisch) sind dies die Mischkanäle Beziehung (die Begegnung und Bezug zu einer anderen Person auf Basis der Grundkanäle) und Welt (Bezug zum sozialen Umfeld, Ereignissen in der Welt u.a. auf Basis der Grundkanäle und des Beziehungskanals). [3]

Die beiden Kanäle Beziehung und Welt sind die Verbindungslinie von Individuum und Gesellschaft im Feld, durch die die gegenseitigen Verschränkungen in unsere kollektiven Erfahrungen einfließen.

Ähnlich wie andere Konzepte der Konflikttransformation geht Worldwork davon aus, dass Konflikte als natürliche zwischenmenschliche Begebenheit einen Bedarf an Veränderung der Beziehungen anzeigt und diese als Chance und Ausgangspunkt zur Neugestaltung von Beziehungen, Strukturen sowie Rahmenbedingungen der sozialen Wirklichkeit nimmt. Somit können jegliches Verhalten, unterschiedliche Einstellungen und Strukturen als Phänomene betrachtet werden, die durch (Inter-) Aktionsprozesse von Personen(gruppen) entstehen, aber – und das ist der springende Punkt auch in der gegenwärtigen Krisensituation – durch entsprechende Bearbeitung und Begleitung auch gemeinsam gestaltet werden.

Fazit

Die Covid-19 Pandemie und ihre Folgen können eine neue und erweiterte Sichtweise auf viele Aspekte des eigenen Lebens wie in Bezug zum unmittelbaren Gesellschafts- und Weltgeschehen eröffnen. Wollen wir die Erfahrungen der Krise zu einer gesellschaftlichen Neugestaltung zum Wohl aller nutzen, ist es wichtig, jetzt damit zu beginnen. Ein inklusiver und partizipativer Lernprozess unterstützt dabei, Ziel und Richtung für positive Gestaltungsmöglichkeiten menschlichen Zusammenlebens zu finden, wenn alte Sichtweisen und konfliktive Strukturen nicht mehr tragen. In Zeiten starker Unsicherheit und Überlastung brauchen Menschen aber die Möglichkeit für Foren zur Begleitung und Unterstützung.

In der Phase der Rückkehr aus der Isolation bedeutet das, Räume für Kommunikation und Beziehungen anzubieten: in Schulen, am Arbeitsplatz und in Freundeskreisen. Diese Resonanzräume, die sich in der Krise für Neuorientierungen öffnen, bergen Chancen für gemeinschaftliches Wachstum und gelebte Erfahrungen  dialogisch aufzuarbeiten.

Die prozessorientierte Feld-Perspektive verdeutlicht dabei weiteres Erkenntnis- und Friedenspotential für die gegenwärtige Krise und insbesondere für die genannten Konfliktdynamiken:

Erstens schärft die Perspektive das konzeptionelle Bewusstsein für alles, was im Feld wirkt und dadurch die gegenwärtigen Veränderungsprozesse mitgestaltet. Das umfasst nicht nur die Verschränkung von Individuum, Kollektiven und äußeren Ereignissen. Es berücksichtigt auch, dass unmittelbare auftretende äußere Ereignisse auf bereits vorhandene Erfahrungen und Empfindungen treffen, die mitunter gewohnte Lebens- und Denkweisen (Primärprozesse) durchbrechen können und sehr tiefe Prozesse auslösen können.

Zweitens zeigt diese Verwobenheit, dass individuelle wie kollektive Prozesse Transformationspotentiale für gesellschaftliche Ordnungssysteme bergen. Ein stärkendes globales Bewusstsein kann eine gemeinsame Grundhaltung in Zeiten der Pandemie sein. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass nicht nur die eigenen Prozesse wahrgenommen werden, sondern durch eine Beachtung der Kanäle Beziehung und Welt auch eigene Anteile von Individuen am Weltgeschehen prozessiert und reflektiert werden. Es hat somit Potential für ein globales Umdenken, das auch auf die Ebenen der strukturellen und epistemischen Gewaltkonstellationen rückwirken kann.

Auch wenn die Krise verschiedene Auswirkungen hervorruft, individuell wie gesellschaftlich und wenn derzeit nur Tendenzen ausgemacht werden können, wohin sich ‚die Welt‘ nach der überstandenen Krise entwickelt, ist eines sicher: Die Welt ist im fortschreitenden Wandel. Offen ist nur, ob wir als Individuen und als Gesellschaft den Prozess geschehen lassen oder ihn mit Courage selbst in die Hand nehmen.

Literatur

[1] Reini Hauser: Worldwork, Konfliktarbeit und Spiritualität. In: Bewusstseins-Wissenschaften: Transpersonale Psychologie und Psychotherapie, 2/2015, 42-56, S. 46.

[2] Arnold Mindell (1991): Das Jahr eins. Ansätze zur Heilung unseres Planeten: Globale Prozessarbeit. Walter-Verlag: Olten und Freiburg im Breisgau, S. 202.

[3] Ebd., S. 201.

 

Melanie Hussak ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz. Ihre aktuellen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten umfassen Shared Society, Friedensprozesse indigener Communities in Nordamerika sowie Friedenspädagogik und Friedensbildung in Theorie und Praxis.

Verbunden in Quarantäne?

Neue Formen transpersonalen Lernens in der COVID-19-Pandemie

Von Annalena Groppe

Als eine Auswirkung der COVID-19-Pandemie wird unter anderem eine neue Erfahrung von zwischenmenschlicher und globaler Verwobenheit beschrieben: Mein Zuhausebleiben hat Auswirkungen auf die körperliche Unversehrtheit meiner Nachbar*innen und wirkt sich durch die globalen Wirtschaftsbeziehungen sogar über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg aus. Sowohl in der Friedenspädagogik als auch in der Global Citizenship Education wird die Auseinandersetzung mit „Glokalität“ – also den Verbindungslinien von lokalem und globalem Handeln – als eine zentrale Lernressource verstanden, die Kompetenzen zur gewaltfreien Transformation von Konflikten in einer globalisierten Welt stärkt[1]. Zum Beispiel zeichnet das Lernspiel „Ene Mene Muh“ die Verbindung von globalen Ursachen für Migration und Flucht zu lokaler Asylpolitik und Rassismus nach, um politische und persönliche solidarische Handlungsoptionen als Antwort auf transnationales Gewaltgeschehen zu eröffnen.

Eine Elicitive Friedenspädagogik stellt dabei die Erfahrungsebene dieser Verwobenheit in den Mittelpunkt. Sie ergänzt dadurch rein kognitive Ansätze um z.B. emotionale oder spirituelle Aspekte. Das in der Coronakrise gesammelte Erfahrungswissen der Lernenden kann somit als richtungsweisend für elicitive Lernprozesse verstanden werden. Wolfgang Dietrich, der den Ansatz für die Friedenspädagogik theoretisch fundiert hat, beschreibt diese Verwobenheitserfahrung als Transpersonalität. In ihr liegt für die Elicitive Friedenspädagogik eine zentrale Ressource. Denn wenn ich mich als mit ‚dem Anderen‘ verbunden wahrnehme, können sich neue transformative Schritte im Konflikt eröffnen, da z.B. Interessen weniger kompetitiv und mehr kooperativ wahrgenommen werden.

Zentral für einen Lernraum, der erfahrungsorientierte Lernprozesse ermöglicht, ist häufig ein Lernsetting in der Gruppe mit einem Fokus auf Beziehungen, das einen sicheren Raum für konfliktive Lernerfahrungen eröffnen soll.[2] Das physische Kontaktverbot als Antwort auf die COVID-19-Pandemie stellt diese klassische Formate der Elicitiven Friedenspädagogik vor Herausforderungen: Viele Begegnungen und Seminare fallen aus oder werden auf unbestimmte Zeit verschoben. Daher rücken in Zeiten von COVID-19 und gebotener körperlicher Distanz auch neue Formen des transpersonalen Lernens in den Blick. Wie kann die Elicitive Friedenspädagogik durch diese neuen transpersonalen Erfahrungsräume transformative Potentiale bestärken und gleichzeitig theoretisch über sich selbst lernen?

Digitale Lernräume der Verbundenheit

Auch im Kontext der Elicitiven Friedenspädagogik ist derzeit ein Ausbau der Digitalisierung der Ansätze zu beobachten: Gemeinsame körper-, stimm- oder atembasierte Methoden sind zum Beispiel auch über Videokonferenzen möglich. Oft sind die Räume zu Beginn geprägt von Unsicherheit, denn gewohnte Routinen mit physischem Kontakt werden durchbrochen. Der*Die Facilitator*in kann hier Emotionen wie zum Beispiel Irritation, Angst oder Verlust aber auch Neugier und Kreativität als Lernpotential aufnehmen und diese zum Thema machen. Auch ermöglicht die Ortsungebundenheit längerfristige gemeinsame Lernprozesse zwischen Menschen aus unterschiedlichen Erdteilen.

Gleichzeitig ist aber auch der Zugang zu digitalem Lernen abhängig von Privilegien. Schon in Deutschland gehören längst nicht für jede*n der Computer und Internetzugang zur Grundausrüstung. Damit verbunden ist auch die Notwendigkeit, kritische Medienkompetenzen zu vermitteln – ein Themenfeld, dessen sich die Friedenspädagogik bereits u.a. im Umgang mit digitaler Hassrede annimmt.

Zeit für das Selbst?! – Grenzen des Lernens in akuten Krisensituationen

Als eine weitere Auswirkung des ‚Corona-Shut-Downs‘ wird häufig eine erlebte Entschleunigung und Zeit für eine neue Selbst-Beziehung beschrieben. Viele Menschen erleben die Krise allerdings unter herausfordernden ökonomischen und sozialen Bedingungen. Die Kontaktbeschränkungen sind eine von außen hervorgerufene Zwangssituation, welche das Prinzip der Freiwilligkeit der Friedenspädagogik untergräbt. Die Sicherheit, die in physischen Lerngruppen durch enge Beziehungen zur Gruppe und Lernbegleitung (nicht zuletzt durch die körperliche Nähe) geschaffen wird, ist nicht unmittelbar greifbar. Eine Elicitive Friedenspädagogik kann diese Lernbedingungen zum Thema machen und dadurch Räume schaffen, in denen die Krise sowohl als Überforderungssituation wie auch als Entfaltungschance anerkannt werden kann.

Trotz der schwierigen Umstände ist es möglich, momentan vermehrt alltägliche Formen des Friedenslernens zu beobachten: auf Grund der zahlreichen gebrochenen Routinen und der daraus erwachsenden Lernanlässe können Transformationspotentiale entdeckt und erprobt werden. Die Kontaktbeschränkungen können z.B. Raum für Verbundenheitserfahrungen mit der Natur öffnen: Nicht-menschliche Entitäten können das Virus nicht übertragen; der Wald wird zum sicheren Beziehungsraum, der eine Pause vom alltäglichen Krisen-Lernen ermöglicht. Und vielleicht erlaubt diese Verbundenheit – ganz intentionslos – neue, nicht ausschließlich menschenzentrierte, Perspektiven auf mein ökologisches und politisches Handeln in der Welt.

Erfahrung globaler Verwobenheit

Erfahrungen globaler Verwobenheit können auch Unsicherheiten und Widerstände wecken, da bestehende Konzepte von Identität und Autonomie herausgefordert werden. So ist eine momentane Auswirkung der COVID-19-Pandemie die Zunahme einer Politik der Abschottung und nationalistischen Alleingänge, zum Beispiel mit Blick auf die europäische Ebene. Die humanitären Krisen in den Geflüchtetenlagern in Griechenland oder in Kriegs- und Katastrophengebieten werden von linken Medien als Auswirkungen einer Politik westlicher Privilegiensicherung beschrieben.

Potentiale für Solidarität, die aus der gemeinsamen Erfahrung „die ganze Welt in Quarantäne“ erwachsen könnten, scheinen vor allem im sozialen Nahbereich wirksam zu werden – so wie Nachbarschaftshilfen, Masken nähen oder eine breite Unterstützung innerstaatlicher Kreditzusagen und finanzieller Rettungsschirme. Nicht zuletzt ist durch die Einschränkung der Bewegungsfreiheit Gemeinschaft momentan auch vorwiegend auf dieser Ebene spürbar: zum Beispiel im vielerorts praktizierten sonntäglichen Singen der „Ode an die Freude“ zum Ausdruck von Solidarität – aber wird dabei wirklich ein europäischer Geist spürbar?

Um unsere Verwobenheit in globalen Strukturen erfahrungs- und beziehungsorientiert zum Thema zu machen, ist es notwendig, die transpersonalen Erfahrungen und ihre Reflexion über nationalstaatliche Grenzen auszuweiten. Die COVID-19-Pandemie macht diese Aufgabe noch dringender. Eine Perspektive hierfür bieten die beschriebenen Digitalisierungsprozesse, welche gemeinsame Lernräume unabhängig von der geographischen Position öffnen können. Zum Beispiel treten im Projekt Chat der Welten Schüler*innen aus Deutschland mit Gleichaltrigen im Globalen Süden in direkten Austausch, schließen Freundschaften und spüren ganzheitliche Verbundenheit.

Fazit

Neue Formen transpersonalen Lernens können während der Corona-Pandemie transformative Potentiale bestärken, indem die Nutzung digitaler Lernräume mit der Vermittlung von Medienkompetenz verbunden wird, aufkommende Emotionen thematisiert, herausfordernde Lernbedingungen in der Krise anerkannt und gleichzeitig der Blick auf das intentionslose Lernen im Alltag gelenkt wird.

Der Wandel von Lern- und Erfahrungsräumen durch die Kontaktbeschränkungen ist außerdem theoretisch relevant, da deutlich wird, dass der – nicht nur digitale – Zugang zu ihnen immer auch von Privilegien abhängig ist und somit Gewaltstrukturen reproduziert. Das Bewusstwerden und die Thematisierung darin liegender Herausforderungen und die Entwicklung transformativer Schritte sind relevant für zukünftige Forschung. Eine Elicitive Friedenspädagogik hat hier die paradox klingende Aufgabe, im Rahmen der Kontaktbeschränkungen – nicht nur geographische – Distanz zu überwinden. Denn die Erfahrung eines globalen ‚sozialen Nahraums‘ kann in diesen Tagen Solidarität über nationale Grenzen hinaus stärken.

[1] Werner Wintersteiner, „Global Citizenship Education – eine pädagogische Antwort auf die ‚große Regression‘?“ 1, Nr. 42 (2019): 21–25.

[2] Wolfgang Dietrich, „Conviviality, Ego, Team and Theme Behavior in Transrational Peace Education“, Journal of Peace Education 16, Nr. 3 (2. September 2019): 251–73, https://doi.org/10.1080/17400201.2019.1697064.

Annalena Groppe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz und forscht zu Potentialen der Friedenspädagogik in polarisierenden Konflikten um Demokratie.