Archiv der Kategorie: COVID-19

Reihe: Frieden und Konflikte in der COVID-19 Pandemie

COVID-19: Einblicke aus Forschungsländern der Friedensakademie

Mit weitreichenden Folgen für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft hat die COVID-19-Pandemie die Welt in eine beispiellose Krise gestürzt. Vier Friedensakademie-Mitarbeiter*innen blicken auf die Lage in ihren Forschungs- oder Heimatländern und berichten von der Bedrohung indigener Völker im brasilianischen Amazonas, den Auswirkungen der Pandemie auf den Frieden in Kolumbien, einer zusätzlichen Gefährdung des fragilen Friedens in Liberia sowie dem Ausbleiben wichtiger Einnahmen für Diamantenschürfer[1] in Sierra Leone. In allen beschriebenen Fällen legt die COVID-19-Pandemie strukturelle Ungleichheiten offen, trifft vulnerable Bevölkerungsgruppen besonders hart und liefert damit Potential für neue Konflikte.

Auch in dieser Krise sind die schon benachteiligten Menschen wieder die Verletzlichsten – Ein Blick nach Brasilien

Ein Beitrag von Rebecca Froese

Eigentlich wäre ich vor einigen Tagen zur nächsten Feldforschung in den Südwestamazonas aufgebrochen, doch das ist natürlich in der derzeitigen Situation undenkbar. Zudem ist es nicht absehbar, wann das Reisen in die Region wieder möglich sein wird und ob ich andere Menschen damit einem erhöhten Risiko aussetzen würde. Mich bedrückt, was unsere Kooperationspartner*innen vor Ort berichten und was wir derzeit aus der ganzen Welt hören; von fehlenden Beatmungsgeräten über gewaltsame Polizeiaktionen zur Durchsetzung von Quarantäneregelungen bis hin zu bedenklichen Gesetzesveränderungen, die, von COVID-19 überschattet, im Hintergrund verabschiedet werden.

Insbesondere im Amazonas begünstigt die derzeitige Situation die Goldgräberstimmung. Die durch die große Entfernung vieler Amazonas-Bundesstaaten zur Hauptstadt Brasília und durch die neoliberale Politik von Präsident Bolsonaro ohnehin unterbesetzen und unterfinanzierten Institutionen sind durch COVID-19 in der Ausübung ihrer Arbeit gegen illegale Abholzung und illegalen Goldbergbau weiter geschwächt worden. Durch die wirtschaftliche Krise der letzten Jahre wurde vielen Menschen infolge eines währungsbedingten Preisverfalls und geringerer lokaler Einnahmen die Lebensgrundlage genommen. In Kombination mit der geringen Wahrscheinlichkeit einer Strafverfolgung während COVID-19, zieht dies immer mehr Menschen in den Goldbergbau, teilweise illegal, teilweise staatlich gefördert. Das hat nicht nur verheerende Folgen für die Umwelt, sondern gefährdet durch die drohende Einschleppung des Virus insbesondere auch lokale Gemeinschaften. Vor allem betroffen sind bisher isolierte indigene Völker, deren Immunsystem kaum auf derartige Viren vorbereitet ist und für die schon eine harmlose Form von Grippe tödlich enden kann, da eine entsprechende Hintergrundimmunität durch vorhergehende Infektionen mit Coronaviren nicht vorhanden ist. Zudem haben die indigenen Menschen kaum Zugang zu Gesundheitsversorgung und Präventionsmitteln wie Masken und Desinfektionsmitteln, da der Staat es in vielen Fällen versäumt hat, das Gesundheitssystem bis in die oft entlegenen Regionen auszudehnen oder dies privaten Initiativen überlassen hat.

Ein Blick zurück in die 1970er Jahre kann uns eine Vorstellung des Ausmaßes dieser Bedrohung geben. Als die Masern durch ausweitenden Straßenbau und Goldgräber zu den Yanomami eingeschleppt wurden, kostete das in einigen Regionen 50% der Menschen das Leben. Der leichtfertige Umgang mit COVID-19 sorgt auch Brasiliens Nachbarländer, da die Grenzen im Amazonas oft fließend sind und eine Ausbreitung nur schwer nachvollziehbar und kontrollierbar ist. So wird in Kolumbien aufgrund der steigenden Zahl von COVID-19 Opfern aus indigenen Gemeinden bereits von einem drohenden Ethnozid gesprochen. Trotz dieser Gefahr haben die Behörden in den Regionen bisher wenig unternommen, um diese Menschen zu schützen. Im Gegenteil, die brasilianische Regierung versucht zurzeit sogar, in Zusammenarbeit mit der Indigenenbehörde (FUNAI) eine Gesetzesänderung auf den Weg zu bringen, welche die traditionellen Rechte der Indigenen auf ihr Land stark einschränkt und nur noch demarkierte und titulierte Landrechte anerkennt. Wie diese Initiative ausgeht, bleibt abzuwarten. Es ist zu hoffen, dass die Allgegenwärtigkeit von COVID-19 diese starken Einschnitte nicht überschattet und Indigene nicht nur gesundheitlich, sondern auch im Kampf um ihre Rechte benachteiligt werden. Es zeigt sich einmal mehr, dass auch in dieser Krise die sowieso schon benachteiligten Menschen unserer Gesellschaft wieder die Verletzlichsten sind.

Trotz des Aufbaus von Institutionen in Brasilien und hoffnungsvoller Rückblicke auf die wichtigen wirtschaftlichen und sozialpolitischen Reformen Anfang der 2000er, die viele Menschen aus der Armut holten, haben viele von diesen marginalisierten Menschen das Vertrauen in den Staat verloren. Was bleibt einer Bevölkerung, wenn der Staat keine ausreichenden Lösungen anbietet? Die Strategie, die viele Indigene schon seit Jahrzehnten verfolgen, ist sich selbst zu organisieren und gegenseitig zu unterstützen. Spezielle Schutzmechanismen in der derzeitige Krise sind zum Beispiel eigene Aufklärungs- und Informationskampagnen in den sozialen Medien, wie Podcasts zu Verhaltensempfehlungen oder die Aufforderung an Gemeinschaften, ihre Aktionen per Video unter #CombateCoronaNaAldeia (Corona im Dorf bekämpfen) mit anderen zu teilen. Ob diese autonomen Organisations- und Schutzmechanismen ausreichen, werden wir in ein paar Wochen sehen. Nicht vergessen sollten wir aber, dass jeder Staat die Pflicht hat, alle Menschen während einer Krise gleich zu behandeln und das Recht auf Leben an erste Stelle zu setzen.

© Hiller

Rebecca Froese ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Landnutzungskonflikte und der Friedensakademie Rheinland-Pfalz an der Universität Koblenz-Landau. Für ihre Dissertation forscht sie zu Umweltgovernance und Landnutzungskonflikten an der Grenze von Brasilien, Bolivien und Peru.

 

Gewalt auf dem Land und gegen führende Aktivist*innen in Zeiten von COVID-19: Ist das der Frieden, den Kolumbien will?

Ein Beitrag von Zabrina Welter

COVID-19 hält mich bereits seit mehr als einem Monat in meiner Heimatstadt Bogota fest. Im Schlafzimmer meiner Kindheit sitzend, könnte ich mich nicht glücklicher fühlen, diese schwierige Zeit an der Seite meiner Familie zu verbringen. Dieses Gefühl der Dankbarkeit hat jedoch jedes Mal, wenn ich eine kolumbianische Zeitung aufschlage, einen fahlen Beigeschmack. Wider Erwarten wirkt sich die Pandemie durch einen Rückgang konfliktbedingter Gewalt, beispielsweise durch einen COVID-19-bedingten Waffenstillstand der Guerillagruppe Ejército de Liberación Nacional (ELN), nicht positiv auf den Frieden aus. Stattdessen liefern Gewalt auf dem Land und gegen führende Aktivist*innen neues Konfliktpotential.

Kolumbiens interner bewaffneter Konflikt geht auf eine lange Geschichte politischer Gewalt, hoher sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheiten sowie die ungleiche Verteilung von Land, politischer Macht und Reichtum zurück. In den 1960ern bildeten sich linksgerichtete Rebellengruppen, um mit Gewalt gegen diese Ungleichheiten zu kämpfen. Es folgte ein jahrzehntelanger Konflikt mit komplexen und dynamischen Akteurskonstellationen. Im Jahr 2012 begann die Regierung Friedensgespräche mit der wichtigsten Guerillagruppe, den Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC). Der sogenannte Friedensprozess gipfelte 2016 in der Unterzeichnung eines Friedensabkommens, welches Vereinbarungen zu fünf Themen enthält: umfassende Landreform, politische Teilhabe, Lösung des Problems der illegalen Drogen, Sonderjustiz und Entschädigung für die Opfer, und Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration der Rebellen. Die Unterzeichnung dieses Abkommens motivierte die Regierung und die letzte noch aktive Guerillagruppe ELN zur Aufnahme formeller Friedensverhandlungen 2017, jedoch gab es bisher keine wesentlichen Fortschritte.

Obwohl wir seit zwei Monaten unter Ausgangsperre stehen, hört die Gewalt gegen führende Aktivist*innen nicht auf. Diese setzen sich unter anderem für die Opfer des bewaffneten Konflikts, Indigene, Afrokolumbianer*innen, ländliche Gemeinschaften, enteignete Landbesitzer*innen, und die Unterstützung von auf den Koka- und Marihuana-Anbau angewiesenen ‚campesinos‘ (Kleinbäuer*innen) ein. Seit Jahren machen diese Aktivist*innen auf die Auswirkungen von Gewalt und Ungerechtigkeit aufmerksam, fordern entsprechende Maßnahmen und begeben sich dadurch in Gefahr. Seit Beginn des Jahres wurden mindestens 84 führende Aktivist*innen ermordet, davon 16 seit Beginn der Ausgangssperre. Durch ihren Einsatz ziehen führende Aktivist*innen beispielsweise den Zorn von kriminellen Gruppen, die in den illegalen Drogenanbau und illegalen Bergbau involviert sind, auf sich. Auch ihr Eintreten für die Rechte enteigneter ‚campesinos‘ mit Landnutzungsansprüchen ist vielen Landbesitzer*innen, die direkt oder indirekt an Enteignungen beteiligt sind, ein Dorn im Auge. In der gegenwärtigen Situation müssen führende Aktivist*innen nicht nur durch drohende Angriffe von Guerrillas und kriminellen Gruppen um ihr Leben fürchten, sondern zusätzlich auch noch der Bedrohung durch die Pandemie standhalten.

Auch ländliche Bevölkerungsgruppen sind existentiell bedroht, da die Ausgangssperre ihre Lebensgrundlage maßgeblich beeinträchtigt. Tatsächlich hat die Pandemie die strukturelle Vulnerabilität der Regionen aufgezeigt, in denen Faktoren wie bewaffnete Gewalt, Ungerechtigkeit und unzureichende staatliche Präsenz aufeinandertreffen. Ein gutes Beispiel ist der Fall des illegalen Drogenanbaus, auf den Teile der ländlichen Bevölkerung angewiesen sind. Infolge des Friedensabkommens verfolgt die kolumbianische Regierung zwei Strategien zur Lösung des Problems der illegalen Drogen: ein umfassendes Programm zur Substitution illegalen Anbaus, das Kleinbäuer*innen bei der Umstellung des Anbaus von Drogenpflanzen auf profitable legale Kulturpflanzen unterstützt, sowie die erzwungene Ausrottung der Drogenpflanzen durch Entwurzelung oder Sprühen von Pestiziden. Nun nutzt die Regierung die Ausganssperre zu ihrem Vorteil, um gewaltsame Vernichtungen von Kokapflanzen (forced eradication operations) in mindestens sechs Departements durchzuführen, darunter auch in Gebieten, die Teil des umfassenden Substitutionsprogramms sind. Dies verletzt die Rechte vieler Familien, die im Zuge des Friedensvertrags Teil jener Programme zur Substitution illegaler Anbaukulturen geworden sind. Forderungen von ‚campesinos‘, NGOs und lokalen Behörden, diese Operationen zumindest während der Pandemie einzustellen, ignoriert die nationale Regierung und verwehrt damit betroffenen Gemeinschaften das Recht auf Gesundheit und Ernährungssicherheit. Folglich fürchten ‚campesinos‘ nicht nur die Ausbreitung von COVID-19, sondern auch den Verlust ihrer Lebensgrundlage – und Spannungen im Land steigen. Da frage ich mich: Ist das der Frieden, den wir in Kolumbien wollen?

Zabrina Welter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz im Forschungsschwerpunkt ‚Umwelt- und Ressourcenkonflikte‘ und an der Universität Freiburg am Lehrstuhl Sustainability Governance. Sie forscht im Bereich der Post-Konflikt-Governance von natürlichen Ressourcen und Environmental Peacebuilding mit Schwerpunkt Kolumbien.

 

Ein stabiler Frieden rückt für Liberia in noch weitere Ferne

Ein Beitrag von Christina Ankenbrand

Als ich mich Anfang Januar zur Feldforschung nach Liberia aufmachte, mehrten sich die Meldungen zu einem bis dahin unbekannten Corona-Virus. Kurz vor meiner Rückkehr wurde am 27. Januar der erste ‚Corona-Fall‘ Deutschlands bestätigt. Besonders in Liberia beobachtete man die weltweiten Entwicklungen mit Sorge, denn die prägenden Erinnerungen an die verheerende Ebola-Epidemie in Westafrika von 2014 bis 2016 sitzen tief. Damals starben über 4.800 Personen in Liberia, zahlreiche Kinder verloren einen oder beide Elternteile, Ebola-Überlebende erfuhren Stigmatisierung und soziale Ausgrenzung. Die Ebola-Epidemie war in vielerlei Hinsicht ein schwerer Rückschlag für die Entwicklung des krisengeplagten Landes, dessen wirtschaftliche, soziale und politische Situation seit Ende des Bürgerkriegs 2003 ohnehin auf wackeligen Beinen steht. Die Sorge ist groß, dass sich die COVID-19-Pandemie in ähnlicher Weise sowohl auf die gesundheitliche und wirtschaftliche Lage als auch auf die politische Stabilität des Landes auswirkt und den fragilen Frieden des Landes zusätzlich bedroht. Viele Konfliktfaktoren wie Armut und Ungleichheit, Korruption, Nepotismus, ein dysfunktionales Sozial- und Gesundheitssystem sowie geschlechterspezifische Gewalt prägen Liberias Alltag nach wie vor stark und werden durch die COVID-19-Pandemie wohl weiter verstärkt. Friedens- und Staatsbildung sind besonders wichtig für Zeiten wie diese, doch das Misstrauen gegenüber der Regierung ist groß, auch weil soziale Infrastruktur und gesundheitliche Versorgung sich über die Jahre kaum verbessert haben. Fehlendes Vertrauen in die Regierung und ein mangelndes Sozial- und Gesundheitssystem machen wirksame Maßnahmen zur Bekämpfung von COVID-19 extrem schwierig. Zudem könnte eine Vernachlässigung anderer lebensbedrohlicher Krankheiten wie Malaria und Tuberkulose zahlreiche weitere Todesopfer kosten.

Liberias erster COVID-19 Fall wurde am 16. März offiziell. Bisher gibt es 199 bestätigte Fälle, davon 20 mit Todesfolge, die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Soziale Distanzierung ist kaum durchsetzbar, insbesondere in den dicht besiedelten Armenvierteln der Hauptstadt Monrovia. Die derzeitigen Maßnahmen wie Ausgangssperren zwischen 15 und 6 Uhr sind für Großteile der Bevölkerung problematisch, denn die meisten Liberianer*innen haben kaum Rücklagen und sind darauf angewiesen, täglich zu arbeiten und dicht besiedelte Märkte zum Ein- oder Verkaufen zu besuchen. Dort scheinen sich soziale Interaktionen aufgrund der beschränkten Ausgangszeiten tendenziell noch zu intensivieren.

Auch droht die sich einstellende globale wirtschaftliche Rezession Liberia, eines der ärmsten Länder der Welt, wirtschaftlich besonders hart zu treffen. Der Export von Rohstoffen sinkt in vielen Ländern Afrikas wegen eines Nachfragerückgangs und Transportschwierigkeiten, die Versorgung mit lebenswichtigen Importgütern wird durch Liefer- und Zahlungsengpässe erschwert. Liberia ist stark vom Export von Rohstoffen wie Eisenerz und Gold sowie landwirtschaftlichen Produkten wie Kautschuk oder Palmöl abhängig. Ein Nachfragerückgang wird nicht nur zum Ausbleiben wichtiger Staatseinnahmen führen, sondern bedroht die Arbeit und Lebensgrundlage vieler Menschen. In der Konsequenz wird die Armut weiter zunehmen. Auch im Diamantensektor, mit dem sich meine Forschung zu Governance natürlicher Ressourcen und menschlicher Sicherheit beschäftigt, sind die Auswirkungen von COVID-19 spürbar. Aufgrund der nationalen und internationalen Reisebeschränkungen können Diamantenhändler momentan weder zu den Minen fahren und den Diamantenschürfern Diamanten abkaufen, noch können sie Diamanten ins Ausland exportieren. Dadurch verschlechtert sich die ohnehin schon prekäre Situation vieler Diamantenschürfer und ihrer Familien. Für sie sowie für den Großteil der liberianischen Bevölkerung rückt die COVID-19-Pandemie einen Frieden im Sinne eines Lebens ohne Angst und Not in noch weitere Ferne. Tatsächlich ist für viele Liberianer*innen die Angst vor drohendem Hunger, sozialen Unruhen und weiteren Folgen von COVID-19 größer als die vor der Pandemie selbst.

© Hiller

Christina Ankenbrand ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz und forscht zu Governance natürlicher Ressourcen und menschlicher Sicherheit in Post-Konfliktgesellschaften, gefördert von der Deutschen Stiftung Friedensforschung.

 

Einige Hygienemaßnahmen sollten in Sierra Leone auch zukünftig im Kampf gegen andere Krankheiten beibehalten werden

Ein Beitrag von Emanuel Hermann

Bis Ende März war ich in Sierra Leone, um im Rahmen meiner Masterarbeit zu Projekten für einen sozial- und umweltverträglichen Kleinbergbau (‚ethically sourced minerals‘) zu forschen. Diese Projekte versprechen unter anderem fairere Preise für Rohdiamanten und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Minen. Projekte dieser Art werden häufig in einer Kooperation von zivilgesellschaftlichen und industriellen Akteur*innen implementiert und wurden als Reaktion auf die Debatte um Konfliktrohstoffe wie die sogenannten ‚Blutdiamanten‘ im Kleinbergbausektor eingeführt. Im Zuge der globalen Entwicklungen und zunehmenden Reisebeschränkungen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie entschied ich mich, früher als geplant nach Deutschland zurückzureisen. Das verkürzte meine auf neun Wochen angesetzte Feldforschung um zwei Wochen. Obwohl zum Zeitpunkt meiner Abreise in Sierra Leone noch kein Fall einer COVID-19 Infektion bekannt war, hatte die Regierung auch dort bereits mit den Vorbereitungen für den Fall eines Virus-Ausbruchs begonnen. In der Hauptstadt Freetown wurden etwa vor vielen öffentlichen Gebäuden Vorrichtungen zum Händewaschen aufgebaut, teilweise Fieber gemessen sowie Beschränkungen für die gemeinschaftliche Nutzung von Verkehrsmitteln eingeführt. Einen Tag nach meiner Abreise Ende März wurde der internationale Flughafen in Freetown geschlossen, Quarantäne-Verordnungen für Einreisende aus betroffenen Ländern eingeführt und auch die Landesgrenzen nach Liberia und Guinea abgeriegelt. Die Regierung verkündete am 24. März einen einjährigen Ausnahmezustand, der dem Präsidenten den Beschluss und die Umsetzung von Maßnahmen erlaubt, die er zur Eindämmung des Virus für notwendig hält. Anfang April wurde daraufhin eine dreitägige Ausgangssperre verhängt, um die Kontaktpersonen der bis dahin sechs bestätigten COVID-19 Fälle zu ermitteln und unter Beobachtung zu stellen. Nichtsdestotrotz konnte die Ausbreitung des Virus auch in Sierra Leone nicht verhindert werden. Inzwischen sind 307 Infektionen und 18 Todesfälle bestätigt und über 2.051 Menschen befinden sich in Quarantäne.

Über Social Media stehe ich weiterhin in Kontakt mit einigen Mineninhabern, die im Kono District im Osten des Landes Teil eines Projekts für sozial- und umweltverträglichen Kleinbergbau (‚ethically sourced minerals‘) sind. Zwar gibt es in Kono noch keinen bestätigten Fall und die Arbeit in den Minen ist weiterhin möglich, doch beeinflusst die aktuelle Lage die Arbeit der Diamantenschürfer erheblich. So können momentan beispielsweise keine Diamanten im Projektrahmen verkauft werden, da die zuständigen Diamantenankäufer aus dem Ausland stammen und im Moment nicht vor Ort sind. Dadurch, dass viele Diamantenschürfer aber auf unmittelbare Einnahmen angewiesen sind, können einige in naher Zukunft gezwungen sein, ihre Diamanten außerhalb des Projekts zu voraussichtlich deutlich schlechteren Preisen zu verkaufen. Zudem befindet sich das Projekt noch in der Pilotphase und könnte, falls es sich als unrentabel herausstellt, vorzeitig beendet werden. Allerdings könnten einige COVID-19 bedingte Maßnahmen auch positive Konsequenzen mit sich bringen, die es sich lohnen würde, auch nach der Krise beizubehalten. So könnte eine neu eingerichtete Konstruktion zum Händewaschen die Arbeiter auch in Zukunft vor Krankheiten wie Hepatitis oder Typhus schützen. Ich beobachte die Lage im Land weiterhin aufmerksam und hoffe sehr, dass Sierra Leone eine weitere Ausbreitung des Virus verhindern und damit eine Situation wie in den Jahren 2014 bis 2016, als das Ebolavirus mit weitreichenden Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft den Alltag bestimmte und über 3.500 Menschen starben, vermeiden kann.

Emanuel Hermann arbeitet als studentischer Mitarbeiter an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz und studiert Development Studies am Graduate Institute for International and Development Studies in Genf. Im Rahmen seiner Masterarbeit forscht er zu Initiativen für einen sozial- und umweltverträglichen Diamantenkleinbergbau,

 

[1] Bei Erzählungen zu den Diamantensektoren Liberias und Sierra Leones haben wir bewusst auf eine geschlechtergerechte Sprache verzichtet, da beispielsweise Diamantenschürfer und Händler bis auf sehr wenige vereinzelte Ausnahmen männlich sind. Offiziell gibt es einige Lizenzhalterinnen, doch haben viele von ihnen in der Realität oftmals wenig Befugnis, da Entscheidungen in der Regel von männlichen Familienmitgliedern getroffen werden.

Conflicts, Climate and Corona: Reasons to Rethink Current Policies

Conflicts, Climate and Corona: Reasons to Rethink Current Policies

By Janpeter Schilling

World War II ended 75 years ago. Today, internationalized civil wars cause the most suffering. Climate change and the Corona pandemic may aggravate conflicts. To better deal with these conflicts and crises, serious rethinking and a shift in policies are needed.

The end of World War II has its 75th anniversary on 8 May 2020. It would be a reason to celebrate that mankind managed to live for so long without a world war – if it wasn’t for the countless armed conflicts that still cause great harm in the world. Nowadays most people don’t die in traditional wars, meaning state versus state in direct confrontation, but in “internationalized civil wars”. This term describes a state fighting a group within that state with at least one other state being involved. Current examples can be found in Afghanistan, Syria, and Yemen. The violent conflicts in these countries caused more than half of the worldwide 77.000 conflict-related deaths in 2018.

Today, a handful of internationalized civil wars cause most deaths. At the same time, the number of armed conflicts without state participation (e.g. conflicts between Mexican drug cartels) and the violence against civilians, most prominently by the Islamic State, have increased over the past ten years.

Against this background, key questions arise: What causes armed conflicts? Which role does climate change play? How does the Corona pandemic affect war and peace? How can we better deal with all of that?

Causes of Armed Conflicts

Armed conflicts are often the result of a combination of various factors, whose identification and quantification are usually challenging. Economic and social inequalities combined with a growing discontent within the population can stimulate civil wars. Nevertheless, it needs actors who anticipate benefiting from the conflict and who are capable to arm and mobilize groups. Often distinctive attributes such as religion and ethnicity are instrumentalized as dividing factors. If external states get involved in civil wars, it is mostly because they expect advantages, for example strengthening of their geopolitical position or access to resources.

The Role of Resources and Climate Change

Broadly speaking, two types of resources can be distinguished. First, high-valuable resources such as oil, gold, and diamonds. These can be used to finance armed conflicts like the one in the Democratic Republic of the Congo. If at least one of the conflict parties benefits financially from the conflict, this party has an interest in the continuation of the conflict.

The second type is renewable resources such as land, water, and forest. These have gained more attention as part of co called “climate change conflicts or even “climate wars”. The underlying argument is that climate change is, for instance, depleting water resources over which armed conflicts break out. That is misleading. There is not a single scientifically proven case in which climate change has been the main cause of armed conflict. It is, however, undisputed that climate change has predominantly negative impacts on resources such as water and land, and that these pose major challenges for the population, especially in poorer countries depending on agriculture for labor and national income. However, a direct and automatic link to violent conflicts or even wars does not exist. It is often forgotten that people also cooperate with each other when resources decline.

Nevertheless, in regions where armed conflicts over renewable resources are already taking place, a deterioration of resources related to climate change may well exacerbate conflicts. An example can be found in northwestern Kenya, where prolonged dry periods escalate conflicts between pastoral groups over livestock, pasture, and water. However, before labeling climate change as a general “fuel for fights”, it should be noted that the availability of resources (whether renewable or high-valuable) plays a much smaller role in violent conflicts than the control and distribution of resources. This means that institutions, from village elders to state governments and the United Nations, strongly influence whether or not armed conflicts break out. Institutions also play a key role in managing the Corona pandemic.

The Role of the Corona Pandemic

The impact of the pandemic on war and peace in the world will depend very much on when and how the Corona crisis will be overcome. This is difficult to predict at the moment. However, it is already clear, that the state is needed and hence it receives more attention by its citizens. If the state shows the ability to act and the willingness to care, its reputation among the population will increase. This can currently be observed in Germany. While the ruling parties enjoy rising popularity, populist parties such as the AfD (Alternative für Deutschland) have so far been unable to capitalize on the pandemic. In the medium term, however, Corona can also lead to social distortion and conflict in Germany, namely when unemployment and inequality are increasing.

In countries where the capabilities of the state are limited anyway, the pandemic can overstretch the health system and thus undermine people’s trust in the state. This is particularly the case where the state uses police force against citizens who do not or cannot comply with mobility restrictions because they and their families would suffer from hunger without the income. Such developments can already be observed in slums in Nairobi and Cape Town. There is a general risk that the Corona pandemic will bring vulnerable countries closer to a social tipping point. This is a point at which current harmful developments accelerate or (hardly) reversible effects begin. Once a social tipping point is crossed, violence, war, and collapse become more likely.

Time to Rethink: Four Recommendations

To avoid reaching a social tipping point, the recently agreed debt relief for poor countries or the United Nations’ appeal for a “global ceasefire” are not enough. It is time to rethink – in all policy areas. Only when we no longer focus our foreign, economic, trade, agricultural, security, arms, refugee, development and environmental policies exclusively on our own (predominantly economic) interests, but instead prioritize the improvement of living conditions in particularly vulnerable states, will we be able to convince other rich countries to follow this path and jointly avoid social tipping points Shifts in four areas are particularly needed:

First, we need to rethink the distribution of expenditures. The billions now being made available in the Corona crisis must not only be spent on saving domestic companies and jobs. The funds need to be used to support vulnerable states in coping with conflicts, climate impacts, and the Corona crisis. In Germany’s federal budget, development cooperation must be prioritized over military defense.

So far the Federal Government has pursued the goal of spending two percent of the gross domestic product on defense and only 0.7 percent on development cooperation. The Corona crisis is a good time to abandon the two percent target for defense. To be clear here: the Bundeswehr (Federal Armed Forces) should not be abolished. However, the experience of recent years, whether in Afghanistan or Mali, has shown that the military is not the appropriate instrument for solving armed conflicts.
In general, it is easier and cheaper to prevent armed conflicts than to solve them. That is why we need a two percent target for development cooperation in combination with the following point.

Secondly, development cooperation needs to be more focused, particularly on countries that are already particularly affected by crises, wars and climate impacts, and countries where these risks are foreseeable. The current focus of development policy on economic promotion alone must be replaced by the aim to reduce economic and social inequality in the respective countries and to strengthen local institutions that can help to prevent and overcome crises without violence. In the end, an armed conflict is always the result of the failure of institutions that have not succeeded in reducing grievances and resolving tensions peacefully.

Following this logic, Germany must also abandon the assumption that social problems in developing countries can be solved by German technology. A new high-tech well will not reduce tensions over the control and distribution of water. Instead, every measure must be socially-embedded. This is more likely to succeed if other policy areas also follow suit.

Therefore, thirdly, economic, trade, and arms policies must explicitly take into account their impact on inequality in vulnerable countries. For example, Germany should insist that the EU does not pay subsidies to industrial fishing vessels that deprive local fishermen in coastal West Africa of their livelihood. Chicken parts, that wanted in the EU, should no longer be exported at ridiculously low prices to countries such as Ghana, where cheap imports make local poultry farming unprofitable. Instead, Germany and the EU need to open up more to agricultural products from developing countries.

As the world’s fourth-largest arms exporter, Germany has a great responsibility. So far, Germany exports arms to (potentially) repressive states. This practice must be stopped. Arms do not cause conflicts, but they do make them more violent and solutions more difficult. One can see this in the long-lasting wars in Afghanistan or Syria. This leads us to the next issue.

Fourthly, Germany should rethink its currently rather passive role in international politics and position itself clearly as an advocate and enabler of peace. The conditions are favorable: Internationally Germany enjoys a high reputation and degree of trust. The German government should use this to advocate for global cooperation and offer itself as a mediator in internationalized civil wars.

Certainly, the implementation of the proposed policy shifts is not easy, especially in times of growing populism and an impending global recession. However, setting new goals would be a start.

This blog post is a revised version of the article “Landauer Konfliktforscher fordert: Umdenken, bitte!”

Dr. Janpeter Schilling is Klaus Toepfer Foundation-Junior Professor for Land Use Conflicts at the Institute for Environmental Sciences at the University of Koblenz-Landau and Scientific Director of the Peace Academy Rhineland-Palatinate.

Verbunden in Quarantäne?

Neue Formen transpersonalen Lernens in der COVID-19-Pandemie

Von Annalena Groppe

Als eine Auswirkung der COVID-19-Pandemie wird unter anderem eine neue Erfahrung von zwischenmenschlicher und globaler Verwobenheit beschrieben: Mein Zuhausebleiben hat Auswirkungen auf die körperliche Unversehrtheit meiner Nachbar*innen und wirkt sich durch die globalen Wirtschaftsbeziehungen sogar über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg aus. Sowohl in der Friedenspädagogik als auch in der Global Citizenship Education wird die Auseinandersetzung mit „Glokalität“ – also den Verbindungslinien von lokalem und globalem Handeln – als eine zentrale Lernressource verstanden, die Kompetenzen zur gewaltfreien Transformation von Konflikten in einer globalisierten Welt stärkt[1]. Zum Beispiel zeichnet das Lernspiel „Ene Mene Muh“ die Verbindung von globalen Ursachen für Migration und Flucht zu lokaler Asylpolitik und Rassismus nach, um politische und persönliche solidarische Handlungsoptionen als Antwort auf transnationales Gewaltgeschehen zu eröffnen.

Eine Elicitive Friedenspädagogik stellt dabei die Erfahrungsebene dieser Verwobenheit in den Mittelpunkt. Sie ergänzt dadurch rein kognitive Ansätze um z.B. emotionale oder spirituelle Aspekte. Das in der Coronakrise gesammelte Erfahrungswissen der Lernenden kann somit als richtungsweisend für elicitive Lernprozesse verstanden werden. Wolfgang Dietrich, der den Ansatz für die Friedenspädagogik theoretisch fundiert hat, beschreibt diese Verwobenheitserfahrung als Transpersonalität. In ihr liegt für die Elicitive Friedenspädagogik eine zentrale Ressource. Denn wenn ich mich als mit ‚dem Anderen‘ verbunden wahrnehme, können sich neue transformative Schritte im Konflikt eröffnen, da z.B. Interessen weniger kompetitiv und mehr kooperativ wahrgenommen werden.

Zentral für einen Lernraum, der erfahrungsorientierte Lernprozesse ermöglicht, ist häufig ein Lernsetting in der Gruppe mit einem Fokus auf Beziehungen, das einen sicheren Raum für konfliktive Lernerfahrungen eröffnen soll.[2] Das physische Kontaktverbot als Antwort auf die COVID-19-Pandemie stellt diese klassische Formate der Elicitiven Friedenspädagogik vor Herausforderungen: Viele Begegnungen und Seminare fallen aus oder werden auf unbestimmte Zeit verschoben. Daher rücken in Zeiten von COVID-19 und gebotener körperlicher Distanz auch neue Formen des transpersonalen Lernens in den Blick. Wie kann die Elicitive Friedenspädagogik durch diese neuen transpersonalen Erfahrungsräume transformative Potentiale bestärken und gleichzeitig theoretisch über sich selbst lernen?

Digitale Lernräume der Verbundenheit

Auch im Kontext der Elicitiven Friedenspädagogik ist derzeit ein Ausbau der Digitalisierung der Ansätze zu beobachten: Gemeinsame körper-, stimm- oder atembasierte Methoden sind zum Beispiel auch über Videokonferenzen möglich. Oft sind die Räume zu Beginn geprägt von Unsicherheit, denn gewohnte Routinen mit physischem Kontakt werden durchbrochen. Der*Die Facilitator*in kann hier Emotionen wie zum Beispiel Irritation, Angst oder Verlust aber auch Neugier und Kreativität als Lernpotential aufnehmen und diese zum Thema machen. Auch ermöglicht die Ortsungebundenheit längerfristige gemeinsame Lernprozesse zwischen Menschen aus unterschiedlichen Erdteilen.

Gleichzeitig ist aber auch der Zugang zu digitalem Lernen abhängig von Privilegien. Schon in Deutschland gehören längst nicht für jede*n der Computer und Internetzugang zur Grundausrüstung. Damit verbunden ist auch die Notwendigkeit, kritische Medienkompetenzen zu vermitteln – ein Themenfeld, dessen sich die Friedenspädagogik bereits u.a. im Umgang mit digitaler Hassrede annimmt.

Zeit für das Selbst?! – Grenzen des Lernens in akuten Krisensituationen

Als eine weitere Auswirkung des ‚Corona-Shut-Downs‘ wird häufig eine erlebte Entschleunigung und Zeit für eine neue Selbst-Beziehung beschrieben. Viele Menschen erleben die Krise allerdings unter herausfordernden ökonomischen und sozialen Bedingungen. Die Kontaktbeschränkungen sind eine von außen hervorgerufene Zwangssituation, welche das Prinzip der Freiwilligkeit der Friedenspädagogik untergräbt. Die Sicherheit, die in physischen Lerngruppen durch enge Beziehungen zur Gruppe und Lernbegleitung (nicht zuletzt durch die körperliche Nähe) geschaffen wird, ist nicht unmittelbar greifbar. Eine Elicitive Friedenspädagogik kann diese Lernbedingungen zum Thema machen und dadurch Räume schaffen, in denen die Krise sowohl als Überforderungssituation wie auch als Entfaltungschance anerkannt werden kann.

Trotz der schwierigen Umstände ist es möglich, momentan vermehrt alltägliche Formen des Friedenslernens zu beobachten: auf Grund der zahlreichen gebrochenen Routinen und der daraus erwachsenden Lernanlässe können Transformationspotentiale entdeckt und erprobt werden. Die Kontaktbeschränkungen können z.B. Raum für Verbundenheitserfahrungen mit der Natur öffnen: Nicht-menschliche Entitäten können das Virus nicht übertragen; der Wald wird zum sicheren Beziehungsraum, der eine Pause vom alltäglichen Krisen-Lernen ermöglicht. Und vielleicht erlaubt diese Verbundenheit – ganz intentionslos – neue, nicht ausschließlich menschenzentrierte, Perspektiven auf mein ökologisches und politisches Handeln in der Welt.

Erfahrung globaler Verwobenheit

Erfahrungen globaler Verwobenheit können auch Unsicherheiten und Widerstände wecken, da bestehende Konzepte von Identität und Autonomie herausgefordert werden. So ist eine momentane Auswirkung der COVID-19-Pandemie die Zunahme einer Politik der Abschottung und nationalistischen Alleingänge, zum Beispiel mit Blick auf die europäische Ebene. Die humanitären Krisen in den Geflüchtetenlagern in Griechenland oder in Kriegs- und Katastrophengebieten werden von linken Medien als Auswirkungen einer Politik westlicher Privilegiensicherung beschrieben.

Potentiale für Solidarität, die aus der gemeinsamen Erfahrung „die ganze Welt in Quarantäne“ erwachsen könnten, scheinen vor allem im sozialen Nahbereich wirksam zu werden – so wie Nachbarschaftshilfen, Masken nähen oder eine breite Unterstützung innerstaatlicher Kreditzusagen und finanzieller Rettungsschirme. Nicht zuletzt ist durch die Einschränkung der Bewegungsfreiheit Gemeinschaft momentan auch vorwiegend auf dieser Ebene spürbar: zum Beispiel im vielerorts praktizierten sonntäglichen Singen der „Ode an die Freude“ zum Ausdruck von Solidarität – aber wird dabei wirklich ein europäischer Geist spürbar?

Um unsere Verwobenheit in globalen Strukturen erfahrungs- und beziehungsorientiert zum Thema zu machen, ist es notwendig, die transpersonalen Erfahrungen und ihre Reflexion über nationalstaatliche Grenzen auszuweiten. Die COVID-19-Pandemie macht diese Aufgabe noch dringender. Eine Perspektive hierfür bieten die beschriebenen Digitalisierungsprozesse, welche gemeinsame Lernräume unabhängig von der geographischen Position öffnen können. Zum Beispiel treten im Projekt Chat der Welten Schüler*innen aus Deutschland mit Gleichaltrigen im Globalen Süden in direkten Austausch, schließen Freundschaften und spüren ganzheitliche Verbundenheit.

Fazit

Neue Formen transpersonalen Lernens können während der Corona-Pandemie transformative Potentiale bestärken, indem die Nutzung digitaler Lernräume mit der Vermittlung von Medienkompetenz verbunden wird, aufkommende Emotionen thematisiert, herausfordernde Lernbedingungen in der Krise anerkannt und gleichzeitig der Blick auf das intentionslose Lernen im Alltag gelenkt wird.

Der Wandel von Lern- und Erfahrungsräumen durch die Kontaktbeschränkungen ist außerdem theoretisch relevant, da deutlich wird, dass der – nicht nur digitale – Zugang zu ihnen immer auch von Privilegien abhängig ist und somit Gewaltstrukturen reproduziert. Das Bewusstwerden und die Thematisierung darin liegender Herausforderungen und die Entwicklung transformativer Schritte sind relevant für zukünftige Forschung. Eine Elicitive Friedenspädagogik hat hier die paradox klingende Aufgabe, im Rahmen der Kontaktbeschränkungen – nicht nur geographische – Distanz zu überwinden. Denn die Erfahrung eines globalen ‚sozialen Nahraums‘ kann in diesen Tagen Solidarität über nationale Grenzen hinaus stärken.

[1] Werner Wintersteiner, „Global Citizenship Education – eine pädagogische Antwort auf die ‚große Regression‘?“ 1, Nr. 42 (2019): 21–25.

[2] Wolfgang Dietrich, „Conviviality, Ego, Team and Theme Behavior in Transrational Peace Education“, Journal of Peace Education 16, Nr. 3 (2. September 2019): 251–73, https://doi.org/10.1080/17400201.2019.1697064.

Annalena Groppe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz und forscht zu Potentialen der Friedenspädagogik in polarisierenden Konflikten um Demokratie.

 

Die Bazooka heilt keine Menschen

Warum Kriegsrhetorik in Corona-Zeiten nicht nur falsch, sondern gefährlich ist

von Janpeter Schilling

Als „Bazooka“, also eine Panzerabwehrwaffe, bezeichnet der Bundesfinanzminister Olaf Scholz ein von ihm vorgestelltes Hilfspaket zur Abschwächung der Corona-Auswirkungen. Nur um im Anschluss auf „Kleinwaffen“ zu verweisen, die ebenfalls im Kampf gegen das Virus bereitstünden. Für den sonst eher nüchternen Scholz ist das eine ungewöhnliche Wortwahl. Schon früh in der Coronakrise stellte der französische Präsident Emmanuel Macron fest „Wir sind im Krieg“. Donald Trump, der selbst ernannte US-Amerikanische „Wartime President“ spricht gar von „our big war“. Warum bedienen sich wichtige Politiker in Corona-Zeiten eines solch martialischen Vokabulars? Und ist dies in Ordnung?

Die bewussten Parallelen zu Kriegszeiten schaffen Aufmerksamkeit und unterstreichen den Grad der Bedrohung, der vom Coronavirus ausgeht. Zudem hat ein gemeinsamer Feind eine verbindende Wirkung und kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Bei der Bevölkerung und den Märkten soll die Message ankommen, „wir haben den Ernst der Lage erkannt und fahren nun alles auf, um die Bedrohung abzuwenden“. Dagegen ist nichts einzuwenden.

Dennoch ist die Kriegsrhetorik im Zusammenhang mit der Coronakrise nicht nur falsch, sondern auch gefährlich. Das Virus ist kein Konfliktakteur, der über die Motivation verfügt uns zu schaden. Zudem verfolgt ein Virus kein Ziel, zumindest wenn man der Wissenschaft und nicht den zahlreichen Verschwörungstheorien, die derzeit im Internet kursieren, vertraut. Mit Kleinwaffen lässt sich dem Virus nicht beikommen. Eine Bazooka heilt keine Menschen.

Diese martialische Rhetorik ist gefährlich, weil sie zu einer Versicherheitlichung des Virus führt. Versicherheitlichung bedeutet, dass man einen Prozess oder eine Personengruppe zu einer zentralen Bedrohung für die nationale Sicherheit erklärt, um dieser Bedrohung anschließend mit Sicherheitskräften (z.B. Militär) und Gewaltmitteln (z.B. Waffen), zu begegnen. Eine Versicherheitlichung des Klimawandels wird beispielsweise stark kritisiert, weil sie nahelegt, dass das Militär der richtige Akteur ist, um auf den Klimawandel zu reagieren. Natürlich kann das Militär, genau wie beim Klimawandel zum Beispiel durch die Sicherung von Deichen, auch in der Coronakrise eine positive Rolle einnehmen, beispielsweise bei der Errichtung von mobilen Krankenhäusern. Dennoch besteht die Gefahr, dass die Versicherheitlichung des Coronavirus dazu genutzt wird, außerordentliche Maßnahmen und starke Beschränkungen der bürgerlichen Freiheitsrechte zu rechtfertigen.

Um hier nicht falsch verstanden zu werden: Nach aktuellem Stand der Wissenschaft scheinen die Mobilitätsbeschränkungen, die in Deutschland und weiten Teilen der Welt derzeit gelten, ein sinnvolles Mittel zu sein, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Sie müssen aber regelmäßig überprüft und den Bürgerinnen und Bürgern erklärt werden, ohne dabei auf Kriegsrhetorik zurückzugreifen. Eine verbale „Abrüstung“ würde auch verhindern, dass in der Bevölkerung zusätzliche Ängste, in ohnehin unsicheren Zeiten, geschürt werden.

Wir sind nicht im Krieg. Wir sind in einer Krise – aus der wir wieder herauskommen werden, ohne Panzer, ohne Bazooka.

Dr. Janpeter Schilling ist Klaus-Töpfer-Stiftungsjuniorprofessor für Landnutzungskonflikte am Institut für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau und wissenschaftlicher Leiter der Friedensakademie Rheinland-Pfalz.

COVID-19: Herausforderungen für humanitäre Hilfe

von Charlotte Dany

Die Ausbreitung des neuen Coronavirus stellt die Industrienationen vor erhebliche Herausforderungen. Nun wird befürchtet, dass die globale Pandemie schon bald auch Staaten des Globalen Südens überrollt. In vielen dieser Länder würde dann eine ohnehin bestehende angespannte humanitäre Situation eskalieren. Humanitäre Organisationen bereiten sich auf die speziellen Herausforderungen vor, die das mit sich bringt. Sie – und besonders auch ihre lokalen Partner*innen – sind krisenerfahren und ziehen wichtige Lehren aus dem Ebola-Ausbruch in Westafrika vor wenigen Jahren. Ihr Vorgehen und die besonderen Herausforderungen, vor denen sie stehen, gießen Wasser auf die Mühlen der Lokalisierungsagenda in der humanitären Hilfe und regt einige humanitäre Organisationen zu mehr politischem Engagement an. Doch dass diese Situation insgesamt zu mehr internationaler Kooperation, Solidarität und Humanität führt, darf bezweifelt werden.

Wer ist besonders gefährdet?

Noch wütet COVID-19 besonders stark in Industrienationen; nach China hat es zentrale europäische Staaten und dann die USA erreicht. Schon in diesen Ländern mit vergleichsweise guten Gesundheitssystemen und sozialer Absicherung (auch wenn es sicherlich Variationen gibt) bringt es medizinische Kapazitäten, Alltag und Ökonomie an den Rand des Zusammenbruchs. Umso größer ist die Angst vor einer Ausbreitung des Virus in armen sowie durch Konflikte, Kriege oder Naturkatastrophen ohnehin geschwächte Regionen in Zentralafrika, Lateinamerika und im Nahen Osten. Die Zahlen der Johns Hopkins Universität (Stand: 7.4.2020) zeigen das derzeitige Ausmaß: Syrien – 19 Fälle, 2 Tote; Afghanistan – 423 Fälle, 11 Tote; Kenia – 158 Fälle, 6 Tote; Kolumbien – 1.579 Fälle, 46 Tote. Die Dunkelziffer ist – wie überall – sicherlich beträchtlich. Hinzu kommt die Sorge um die vielen Menschen auf der Flucht (laut Hochkommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge sind es derzeit 70,8 Millionen Menschen), die zum Teil in überfüllten Flüchtlingscamps unter verheerenden sanitären Bedingungen leben. Es sind vorranging diese Regionen und Menschen, für die die Vereinten Nationen (UN) am 25. März 2020 den COVID-19 Global Humanitarian Response Plan herausgegeben hat. Auch das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung arbeitet an einem umfassenden COVID-19 Hilfsprogramm für Entwicklungsländer und Flüchtlingsregionen.

Menschen in diesen Ländern oder auf der Flucht sind besonders gefährdet, denn es gibt kaum Möglichkeiten für Maßnahmen, die die Ausbreitung des Virus eindämmen könnten, wie Handhygiene oder physische Distanzierung. Das liegt nicht nur an der großen Dichte, in der Menschen in manchen Armenvierteln oder Flüchtlingscamps leben. Armut treibt die Menschen trotz Gefahr einer Infizierung oder Krankheit zum Arbeiten. Auch Geflüchtete müssen zur Arbeit, oder anstehen, um Essensrationen zu erhalten. Hier wird deutlich: ‚Social distancing‘ muss man sich leisten können.

Außerdem gibt es in Konflikt- oder Postkonfliktnationen häufig keine effektive ärztliche Versorgung. Im Jemen wurden Krankenhäuser durch Bombenangriffe in Schutt und Asche gelegt. In anderen ökonomisch schwachen afrikanischen Staaten gibt es für viele Menschen ohnehin nur eine schwer erreichbare Gesundheitsinfrastruktur mit kaum vorhandener medizinischer Ausstattung, wie Beatmungsgeräten. Zwar können einige von Ebola betroffene Staaten auf eine nun vorhandene Infrastruktur und geschultes Personal sowie Expert*innen zurückgreifen. Doch kommt erschwerend hinzu, dass das Coronavirus dort besonders verheerende Auswirkungen hat, wo ohnehin Infektionskrankheiten, wie Masern, Tuberkulose, HIV/Aids, Cholera oder Malaria, grassieren.[1]

Zu erwarten ist daher eine schnelle Ausbreitung, hohe Sterblichkeitsraten und menschliches Leid, sowie große und langwierige wirtschaftliche und politische Folgeschäden in besonders schlecht darauf vorbereiteten Ländern. Es zeigt sich schon jetzt, dass durch die Covid-19 Situation in Syrien, und besonders in Idlib, neue Konflikte entstehen und existierende verschärft werden.

Humanitäre Reaktionen auf die Corona-Krise: Lokalisierung und Advocacy

Humanitäre NGOs begegnen der Ausbreitung des Virus als einer komplexen humanitären Notsituation. Ihr Ziel ist es, unmittelbares Leid zu lindern und Leben zu retten. Dabei ziehen sie Lehren aus dem Ebola-Ausbruch in Westafrika, wo humanitäre Organisationen lange warnten, bevor es endlich zu einer politischen Reaktion der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kam – zu spät für viele Menschen. Laut Robert Koch-Institut starben in den am stärksten betroffenen Ländern Guinea, Liberia und Sierra Leone mehr als 11.000 Menschen am Ebola-Fieber.

Gegen das neue Coronavirus sind humanitäre Organisationen schon aktiv, um bestenfalls noch vor einem Ausbruch Präventionsarbeit zu leisten. In diesem frühen Stadium leisten sie vorrangig Informationsarbeit und Aufklärung über Infektionswege und Vorbeugungsmaßnahmen. Die Herausforderung besteht darin, „frühzeitig, korrekte und verständliche Informationen auf geeigneten Wegen an die Bevölkerung weiter zu geben und mit der Bevölkerung in einen Dialog zu treten, welche Maßnahmen man jetzt gemeinsam ergreifen kann“, wie Anna Kühne, Epidemiologin für Ärzte ohne Grenzen, in einem Interview mit dem Tagesspiegel klarstellt. Denn ein Hauptproblem liegt in fehlendem Vertrauen gegenüber der Richtigkeit der Informationen. Ausländische Helfer*innen könnten gar in Verdacht geraten, das Virus aus Europa einzuschleppen. Eine Lehre aus dem Ebola-Ausbruch in Sierra Leone ist daher, dass Informationen über verschiedene Stakeholder und auch religiöse Autoritäten gestreut werden müssen, wie Anna Kühne betont.

Das ist ganz im Sinne der spätestens seit dem UN World Humanitarian Summit (WHS) 2016 von der Staatengemeinschaft breit diskutierten Lokalisierungsagenda der humanitären Hilfe, welche von Praktiker*innen angestoßenen wurde. Diese Lokalisierungsagenda beinhaltet, dass humanitäre Hilfe mehr durch lokale Organisationen oder Menschen geleistet werden sollte, da deren Handlungen stärker akzeptiert werden und sie die Effekte ihrer Handlungen durch lokale Expertise besser antizipieren können. Internationale humanitäre NGOs, die oftmals ihre Hauptquartiere in westlichen Industrienationen haben, sollten sich hingegen auf Finanzierungs-, Unterstützungs- und Koordinierungsleistungen beschränken, oder am besten gar ihre Hauptquartiere ganz in die Länder des Globalen Südens verlegen. Das Coronavirus könnte dazu beitragen, dass diese Lokalisierungsagenda in der humanitären Hilfe schneller umgesetzt wird.

Umgekehrt werden internationale humanitäre NGOs nun auch verstärkt in Europa aktiv. So bietet beispielsweise Ärzte ohne Grenzen in der Corona-Krise Hilfe für Obdachlose, Migrant*innen, Geflüchtete oder Personen in Pflegeheimen in Frankreich an. Das ist bemerkenswert, denn noch auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015/16 tat sich Ärzte ohne Grenzen schwer damit, humanitäre Hilfe für Geflüchtete in den europäischen Zielländern zu leisten. Stattdessen haben sie diese Hilfe weiter in den Ursprungs- oder Transitländern angeboten. Außerdem hat die Organisation in Europa verstärkt politische Aufmerksamkeit für die Lage der Geflüchteten hergestellt und die europäische Flüchtlingspolitik offen kritisiert.[2]

Auch in der Corona-Krise werden internationale humanitäre NGOs als politische Advokaten aktiv. So fordern sie erstens, dass die Flüchtlingscamps auf den griechischen Inseln geräumt und die Geflüchteten in Sicherheit gebracht werden, bevor sich das Virus dort ausbreitet. Zweitens sollen Medikamente in Entwicklungsländern zugänglich gemacht werden. In beiden Fällen unterstreichen die Gefahren von Covid-19 die Dringlichkeit bereits bestehender Bemühungen, zu einer humanitären Flüchtlingspolitik in Europa beizutragen und den Zugang zu wichtigen Medikamenten zu erleichtern und zu verbilligen. Das ist umso wichtiger, als die internationale Solidarität in der medialen, öffentlichen und politischen Aufmerksamkeit vor den lokalen und nationalen Sorgen in den Hintergrund rückt.

Dennoch sollte das, was humanitäre Organisationen leisten können, nicht überschätzt werden. Humanitäre Hilfe, auch wenn sie um politische Forderungen ergänzt wird, kann immer nur eine begrenzte Antwort sein. Sie wird die Ausbreitung des Coronavirus nicht aufhalten können. Und sie wird auch die verheerenden Folgen der Pandemie für Entwicklungsländer nur sehr bedingt abfedern können. Dazu bräuchte es eine umfassende, politische Reaktion, die Staaten, die WHO, Pharmakonzerne und andere machtvolle Akteur*innen mit einbezieht, wie auch Anna Kühne betont.

Chance für Solidarität und Humanität?

Mit den weltweiten Todeszahlen steigt die Sehnsucht nach guten Nachrichten. Viele wollen gerne positive Folgen der Corona-Krise beschreiben: Könnte sie eine Chance sein für mehr Solidarität und Humanität? Kann diese globale Herausforderung dazu beitragen, dass wir nun – aus eigener, geteilter Erfahrung – mehr Empathie aufbringen für das Leid der Menschen anderswo? Eine Expertin des Overseas Development Institute sieht beispielsweise in Berichten über den Austausch von medizinischen Geräten und Expertise zwischen Ländern den möglichen Beginn eines „new approach to international cooperation“, der die traditionellen Rollen zwischen Gebern und Nehmern aufbricht. Rachel Scott vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) betrachtet den COVID-19 UN Global Response Plan und die daraus resultierenden Möglichkeiten der Krisenbewältigung als Chance für einen „positive peace“, auch über die Bekämpfung des Coronavirus hinaus.

Doch abgesehen von diesen ersten Ansätzen ist eine umfassende, politische Reaktion, die nicht nur auf die Interessen des eigenen Landes oder der unmittelbaren Region gerichtet ist, sondern auf die Bedarfe derjenigen, die Hilfe am dringendsten benötigen, nicht in Sicht. Das weltweite Konfliktpotential steigt durch COVID-19 eher, als dass es verringert wird. Es ist daher richtig und wichtig, dass humanitäre Organisationen weiter auch politische Aufmerksamkeit auf diese Themen lenken und für mehr Solidarität und Humanität in der Krise kämpfen.

[1] UN OCHA, Global Humanitarian Response Plan COVID-19, S. 12.

[2] Charlotte Dany (2019) Exploring the Political Agency of Humanitarian NGOs: Médecins Sans Frontières During the European Refugee Crisis, Global Society, 33:2, 184-200, DOI: 10.1080/13600826.2019.1577804

Dr. Charlotte Dany leitet  die Friedensakademie als Geschäftsführerin. Zuvor war sie fast zehn Jahre lang wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt, hatte eine Vertretungsprofessur an der Zeppelin Universität Friedrichshafen inne und promovierte an der Universität Bremen. Zu Danys Expertise gehören humanitäre Krisen, humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit, sowie Partizipation und Teilhabe gesellschaftlicher Akteure in globaler Politik.