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Kurze Zusammenfassungen und Erklärungen zu bspw. zentralen Begrifflichkeiten und Konzepten…

Soziale Verteidigung

Soziale Verteidigung

Von Christine Schweitzer

 Soziale Verteidigung ist ein Konzept des gewaltfreien Widerstandes, das für bestimmte Situationen – vor allem für Verteidigung gegen militärische Übergriffe eines anderen Landes auf das eigene – oder zur Abwehr eines Staatsstreichs entwickelt wurde. Angesichts der Pläne Deutschlands und der NATO, im Verteidigungsbereich massiv aufzurüsten, gewinnt dieses nur scheinbar utopische Konzept neue Aktualität.

Gerade Anfang der Woche war in der Presse zu lesen: Die Bundeswehr soll neu ausgerichtet werden. Zukünftig werde Landes- und Bündnisverteidigung wieder gleichrangig zu Auslandseinsätzen sein. Seit 1989 wurde Deutschland in der Regel als „nur von Freunden umgeben“ beschrieben[1]. Nun scheint sich diese Sicherheitswahrnehmung verändert zu haben. Und war es vor 1989 die Sowjetunion, so wird nun Russland als Bedrohung ausgemacht.

Brauchen wir also eine neue Abschreckungspolitik? Die Bereitschaft, notfalls einen sog. „Krieg mit allen Mitteln“ zu führen – zu denen auch Atomwaffen gehören? Obwohl man weiß, dass es bei einem solchen Krieg keine Gewinner*innen und keine Verlierer*innen geben kann, da diese Waffen (und auch schon die modernen konventionellen Waffen – man sehe sich nur die Bilder aus Syrien an) alles zerstören, was verteidigt werden soll?

Angesichts dieses Schreckensszenarios wurde schon früh nach dem Zweiten Weltkrieg ein alternatives Verteidigungskonzept entwickelt: die gewaltfreie „Soziale Verteidigung“, die Methoden des zivilen Widerstands empfiehlt. Angesichts der aktuellen Pläne der Bundesregierung und der NATO zu weiterer Aufrüstung gilt es, die Idee der Sozialen Verteidigung wieder ins Gespräch zu bringen

Grundidee: Die Macht kommt von den Menschen

Das Konzept der Sozialen Verteidigung geht von einem Gedanken aus, der auch in unserer Verfassung verankert ist, nämlich dass alle Macht vom Volk ausgeht. Das heißt, sie beruht auf der Zustimmung und Kooperation der Regierten. Wenn diese Kooperation entzogen wird, dann bricht die Basis der Macht zusammen.

Auf den Fall einer militärischen Besetzung übertragen bedeutet dies, dass letztlich die Bevölkerung des angegriffenen Landes darüber entscheidet, ob ein (militärischer) Angreifer sein Ziel erreicht oder nicht. Es wird nicht das Territorium an den Landesgrenzen verteidigt, sondern die Selbstbestimmung einer Gesellschaft durch die Verweigerung der Kooperation. Eine Besatzungsmacht oder eine putschende Partei erreichen, so die Annahme, ihre Ziele nicht, wenn ihnen konsequenter gewaltfreier Widerstand entgegengesetzt wird.

Geschichte des Konzepts

Der Begriff der Sozialen Verteidigung wurde seit Ende der 50er Jahre von Friedensforscher*innen (u.a. Stephen King-Hall, Gene Sharp, Adam Roberts, April Carter und Theodor Ebert) geprägt, die nach einer alternativen, nichtmilitärischen Form der Verteidigung gegenüber der von ihnen zunächst unhinterfragt angenommenen Bedrohung durch den Warschauer Vertrag suchten. Später änderten sich die Bedrohungsanalysen, die sie ihren Arbeiten zugrunde legten. So bezogen sie Staatsstreiche und später die Möglichkeit einer Intervention ehemals befreundeter Staaten mit ein.[2]

Nach 1989 wurde es in der wissenschaftlichen Debatte um Soziale Verteidigung stiller. Auch in der öffentlichen Diskussion war Verteidigung kein Thema mehr bzw. fand höchstens „am Hindukusch“[3] statt. An die Stelle alternativer gewaltfreier Verteidigungsformen traten Konzepte gewaltfreien Eingreifens in Konflikte anderenorts. Gleichzeitig wurden aber auch etliche vergleichende wissenschaftliche Untersuchungen über zivilen Widerstand veröffentlicht, die das Wissen über Formen nichtmilitärischer Verteidigung enorm bereicherten. So wurde festgestellt, dass in den letzten einhundert Jahren gewaltfreie Aufstände doppelt so erfolgreich waren wie gewaltsame Rebellionen[4]. Zudem wurden Beispiele von Gemeinschaften identifiziert, denen es gelang, sich einem Krieg zu entziehen und ihre Lebensweise zu schützen, ohne zu der Waffe zu greifen[5].

Diese Studien bestätigen das, was schon in den Publikationen zu Sozialer Verteidigung, wenngleich basierend auf der kleinen Anzahl von Fallbeispielen, vermutet und empfohlen wurde: Die Vorbereitung auf den Widerstand, das Entziehen von Kooperation, das entschlossene Festhalten an der Gewaltlosigkeit auch angesichts massiver Repression, eher dezentrale Führungsstrukturen sind als wirkmächtige Strategien des Widerstands besonders bedeutsam. In anderen Punkten erweitern sie die frühe Forschung um wichtige Erkenntnisse darüber, wie gewaltloser oder ziviler Widerstand funktionieren kann. So verweist die Forschung über zivilen Widerstand etwa auf die zentrale Wichtigkeit des Überlaufens von Sicherheitskräften.[6]

Fazit

Es gibt bislang keinen Staat, der sich dazu entschlossen hat, sein Militär abzuschaffen und sich stattdessen auf den Fall der Sozialen Verteidigung vorzubereiten. Zwar gibt es einige Länder ohne eigenes Militär – Costa Rica und Island sind vielleicht die bekanntesten Beispiele. Diese haben jedoch Abkommen mit größeren Staaten, die für den Fall eines Angriffs die „Sicherheit“ garantieren. Island ist sogar NATO-Mitglied. Es gab in der Vergangenheit auch ein paar Regierungen, die sich vorübergehend mit Sozialer Verteidigung beschäftigten. So gab etwa Litauen 1991 entsprechende Empfehlungen an seine Bevölkerung heraus. Dies war jedoch nicht pazifistisch motiviert, sondern lag im Gegenteil daran, dass Litauen über keine militärischen Kapazitäten verfügte.

Wenn wir Soziale Verteidigung als ein Konzept begreifen, das in der politischen Debatte – in Deutschland, in allen NATO-Ländern und weltweit – als Alternative zu militärischer Verteidigung vorgeschlagen werden soll, dann sehen wir uns wenigstens zwei Herausforderungen gegenüber. Dies ist zum einen der Vorbehalt des „Unrealistischen“ – weiterhin herrscht weitgehend die Überzeugung vor, dass „nur Gewalt hilft“ – zum anderen die fehlende Zustimmung und Bereitschaft, abzurüsten.

Deshalb macht es wohl wenig Sinn, Soziale Verteidigung isoliert als Alternative zu propagieren. Zum einen hat Militär verschiedene Legitimationen. Verteidigung gegen einen Angriff ist nur eine davon. Zum anderen muss Soziale Verteidigung eingebettet werden in etwas, das ich als eine umfassende Friedenspolitik bezeichnen würde. Eine Politik, die universalistische Maßstäbe des Handelns anlegt, die auf gemeinsame Sicherheit gerichtet ist und die Frieden als Bedingung für eine lebenswerte Welt versteht. In diesem Zusammenhang ist der Hinweis darauf, dass totale Abrüstung nicht heißen muss, dass man jedem Angreifer hilflos ausgeliefert wäre, wesentlich. Eine umfassende Friedenspolitik braucht gewaltfreie Alternativen zu Rüstung und Militär, um überzeugend zu wirken. Friedensbewegungen sind oftmals stärker darin, zu benennen, was sie nicht wollen, als darin, positive Visionen zu skizzieren. Aber es stehen der Abschaffung von Rüstung und Militär nicht nur ökonomische und machtstrategische Interessen politischer und wirtschaftlicher Eliten entgegen. Viele Menschen empfinden angesichts von Kriegen und Gewalt Bedrohungsängste und echte Betroffenheit und halten folglich, Gewalt, auch militärische Gewalt, als ultima ratio für notwendig. Deshalb sind Zivile Konfliktbearbeitung, Formen gewaltfreien Eingreifens in eskalierende Konflikte, Ziviles Peacekeeping und eben auch Soziale Verteidigung so wesentlich.

Dr. Christine Schweitzer

Dr. Christine Schweitzer ist Geschäftsführerin beim Bund für Soziale Verteidigung, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim  Institut für Friedensarbeit und Gewaltfreie Konfliktaustragung, Vorsitzende der War Resisters’ International und Redakteurin des vom Netzwerk Friedenskooperative herausgegebenen Friedensforum. Sie hat vielfach zu den Themen Zivile Konfliktbearbeitung, gewaltfreie Alternativen zu Rüstung und Militär und verschiedenen Konfliktregionen publiziert.

[1] Dieser Ausdruck wurde in den 1990er Jahren von verschiedenen Politiker*innen verwendet. Siehe z.B. https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus173986742/Die-Probleme-der-Bundeswehr-sind-auch-unsere-Schuld.html.

[2] Zum Nachlesen über Soziale Verteidigung sei diese Aufsatzsammlung empfohlen: Jochheim, Gernot (Hrsg.) (1988) Soziale Verteidigung – Verteidigung mit einem menschlichen Gesicht. Eine Handreichung. Düsseldorf.

[3] Die Formulierung „Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt“ stammt von Verteidigungsminister Peter  Struck. Siehe https://www.heise.de/tp/features/Die-Sicherheit-Deutschlands-wird-auch-am-Hindukusch-verteidigt-3427679.html.

[4] Chenoweth, Erica und Stephan, Maria J. (2011): Why Civil Resistance Works. The Strategic Logic of Nonviolent Conflict. New York: Colombia University Press.

[5] Anderson, Mary B. und Wallace, Marshall (2013) Opting Out of War. Strategies to Prevent Violent Conflict. Boulder/London: Lynne Rienner Publishers; Saulich, Christina und Werthes, Sascha: Nonwar Communites, oder: die Vernachlässigung des Friedenspotenzials des Lokalen. In: Maximilian Lakitsch und Susanne Reitmair-Juárez (Hrsg.): Zivilgesellschaft im Konflikt: Vom Gelingen und Scheitern in Krisengebieten, 131-158. LIT Verlag, Berlin, Münster, 2016.

[6] Siehe z.B. Chenoweth, Erica & Stephan, Maria J. (2011) Why Civil Resistance Works. The Strategic Logic of Nonviolent Conflict. New York: Colombia University Press; Nepstad, Sharon Erickson (2011) Nonviolent Revolutions. Civil Resistance in the Late 20th Century. Oxford: Oxford University Press.

Ziviles Peacekeeping – zivile Friedenssicherung

Ziviles Peacekeeping  – zivile Friedenssicherung

Von Christine Schweitzer

Beim Zivilen Peacekeeping geht es um den Schutz von Menschen vor Gewalt in Konfliktsituationen und die Prävention von Gewalt durch Präsenz von Friedensfachkräften, die unbewaffnet vor Ort aktiv sind.

Ziviles Peacekeeping (oder Unbewaffneter Ziviler Schutz – Unarmed Civil Protection, wie dieser Ansatz im Englischen heute heißt) basiert darauf, dass unbewaffnete, ausgebildete zivile Fachkräfte in einem Konfliktgebiet eine ständige Präsenz aufbauen. Sie verbinden Aktivitäten, die direkt der Gewaltprävention dienen, mit solchen, bei denen es darum geht, Konfliktparteien zusammenzubringen und die Fähigkeiten lokaler Gemeinschaften zu stärken, Gewalt-Eskalationen zu widerstehen.

Wie kann das gehen?

Viele Menschen finden es schwer zu verstehen, was unbewaffnete Friedensfachkräfte in einem gewaltsamen Umfeld erreichen können, da sie daran gewohnt sind zu denken, dass Gewalt die einzige Quelle von Schutz sein kann. Es ist wahr, dass unbewaffnete Zivilist*innen keine Mittel haben, etwas direkt zu erzwingen und sich auch nicht mit Waffengewalt verteidigen können. Sie können Angreifer*innen nicht töten oder durch Schüsse stoppen, wie Soldat*innen. Unbewaffnete Peacekeeper*innen haben jedoch ihre eigenen Quellen von Macht, und die Erfolgsbilanz der letzten Jahre gibt ihnen Recht: Unbewaffnete Peacekeeper*innen sind zum einen – zumindest bis zu einem gewissen Grad, der von Ort zu Ort unterschiedlich ist – gegen Gewalt geschützt, wenn es den Teams gelingt, vertrauensvolle Beziehungen zu allen Konfliktparteien und zu den Menschen vor Ort aufzubauen. Vorbedingung dafür sind Unparteilichkeit und Unabhängigkeit von staatlichen oder anderen partikularen Interessen, seien diese ökonomischer, missionarischer oder politischer Art. Die Tatsache, dass sie selbst relativ sicher sind, überträgt sich dann auf diejenigen Personen, die sie begleiten. Zum anderen riskiert ein*e potentielle*r Angreifer*in, dass die internationalen Friedensfachkräfte gewaltsame Übergriffe weltweit bekannt machen, und dass dies wiederum negative Folgen für den*die Angreifer*in hat. „Die Welt schaut zu“ ist oft ein wirksames Präventionsinstrument.[1]

Aufgabenbereiche

Aufgabenbereiche des Zivilen Peacekeepings sind vorrangig der Schutz der Zivilbevölkerung in Kriegssituationen; der Schutz von besonders bedrohten Gruppen und Gemeinschaften, wie z.B. Vertriebenen oder ethnischen Minderheiten, dort wo Übergriffe gegen solche Gruppen drohen; die Beobachtung von Waffenstillständen, und die Schutzbegleitung von Menschenrechtsverteidiger*innen. Darüber hinaus beteiligen sich Zivile Peacekeeper*innen aktiv am Aufbau und der Stärkung von lokalen Systemen der Frühwarnung und des frühen Handelns gegenüber drohender Gewalt.

Durchführende

Ziviles Peacekeeping wird bislang in erster Linie von Nichtregierungsorganisationen (NROs), praktiziert, darunter die Peace Brigades International (PBI), zahlreiche in Palästina tätigen NROs und die Nonviolent Peaceforce (NP). Seit mehr als fünfzehn Jahren setzt die Nonviolent Peaceforce Ziviles Peacekeeping erfolgreich in Bürgerkriegsgebieten, unter anderem auf den Philippinen, im Südsudan, Myanmar und im Nahen Osten (Irak, Syrien) ein.

Politische Anerkennung

Ziviles Peacekeeping hat durchaus internationale Anerkennung, auch auf der staatlichen Ebene, erfahren: Zum einen haben Staaten und internationale (Regierungs-)Organisationen selbst unbewaffneten Missionen durchgeführt. Beispiele sind die Truce Monitoring Group in Bougainville am Ende der 1990er Jahre und die Kosovo Verification Mission der OSZE 1998-1999. Das Gleiche gilt auch für Kirchen – man denke an die Beobachtung der Wahlen in Südafrika 1994 (EMPSA) und die Arbeit des Ökumenischen Begleitprojekts Palästina-Israel des Weltkirchenrates (EAPPI) in Palästina seit 2001.

Zum anderen wird die Arbeit der Nonviolent Peaceforce durch eine Reihe von europäischen Regierungen und die EU-Kommission seit 2003/2004 staatlich finanziert. Allerdings reichen diese Mittel bei weitem nicht aus. Die Nonviolent Peaceforce alleine könnte in viel mehr Ländern und mit viel mehr Personal tätig sein, wenn es dafür genügende und schnell verfügbare Mittel gäbe. Eine Friedensfachkraft bei Nonviolent Peaceforce kostet pro Jahr weniger als 50.000 Euro (2016 waren es, berechnet auf Basis der Gesamtausgaben der Organisation, genau 50.000 US-Dollar). Soldat*innen in Auslandseinsätzen kosten mindestens das Doppelte.[2]

Des Weiteren erfahren NROs, die Zviles Peacekeeping durchführen, staatliche Anerkennung, wenn sie von Regierungen in konfliktbetroffenen Gesellschaften eingeladen werden, um den Friedensaufbau zu unterstützen. Hier ist erneut die Nonviolent Peaceforce das wichtigste Beispiel. Sie hat in den Philippinen seit 2010 offiziellen Status in der „Zivilen Komponente“ des Internationalen Monitoring Teams, das den Friedensprozess zwischen der Regierung und MILF auf Mindanao überwacht. Im Südsudan kooperiert sie eng mit UNICEF, und auch nach Myanmar ist sie auf Einladung der Regierung in Einsatz. Schließlich hat Ziviles Peacekeeping Anerkennung bei den Vereinten Nationen gefunden. So hat die Nonviolent Peaceforce in Kooperation mit dem UN Institute for Training and Research einen e-learning Kurs über Ziviles Peacekeeping entwickelt. Des Weiteren wird das Konzept in mehreren UN-Berichten der jüngeren Zeit erwähnt, so etwa im HIPPO Bericht (ein Bericht eines Hohen Unabhängigen Panels 2015 zu Friedensoperationen), im Peace Architecture Bericht und im Women, Peace and Security Bericht zur Umsetzung von UN-Resolution 1325.

Auch die deutsche Regierung hat 2017 das Instrument anerkannt. In den Leitlinien „Krisen verhindern, Konflikte bewältigen, Frieden fördern“ heißt es: „Die Bundesregierung unterstützt die Weiterentwicklung ziviler Ansätze im Rahmen des R2P-Konzeptes und der Reform der VN-Architektur zur Friedensförderung, wie sie vom High-Level Independent Panel on United Nations Peace Operations gefordert werden. Dabei fördert sie insbesondere Ziviles Peacekeeping als erprobte Methodik, um Menschen vor Gewalt und schweren Menschenrechtsverletzungen zu schützen.“

Dr. Christine Schweitzer ist Geschäftsführerin beim Bund für Soziale Verteidigung, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Institut für Friedensarbeit und Gewaltfreie Konfliktaustragung, Vorsitzende der War Resisters’ International und Redakteurin des vom Netzwerk Friedenskooperative herausgegebenen Friedensforum. Sie hat vielfach zu den Themen Zivile Konfliktbearbeitung, gewaltfreie Alternativen zu Rüstung und Militär und verschiedenen Konfliktregionen publiziert.

Fußnoten

[1] Eine lesenswerte vergleichende Studie zu Zivilem Peacekeeping ist: Furnari, Ellen (Hrsg.) (2016): Wielding Nonviolence in the Face of Violence, Institut für Friedensarbeit und Gewaltfreie Konfliktaustragung, Norderstedt: BoD.

[2] Für deutsche Einsätze liegen keine genauen Zahlen pro Soldat*in vor. Frankreich beziffert die Kosten für seine Soldat*innen auf 100.000 Euro pro Soldat*in und Jahr.

Ziviler Ungehorsam – ein wichtiges Instrument des Bürgerprotestes

Ziviler Ungehorsam – ein wichtiges Instrument des Bürgerprotestes

Von Ute Finckh-Krämer

Der Begriff „Ziviler Ungehorsam“ ist historisch mit weltbekannten Aktionen wie Mahatma Gandhis „Salzmarsch“ oder der Busaktion der US-Bürgerrechtsbewegung in Montgomery (und dem Namen Rosa Parks) verbunden. In Deutschland fallen einem Ortsnamen wie Wyhl, Wackersdorf, Großengstingen, Mutlangen, Gorleben, Büchel und die Kyritz-Ruppiner Heide ein. Oder die „Ende Gelände“-Aktionen in Braunkohlegebieten. Die entscheidenden Merkmale von Zivilem Ungehorsam sind die Gewaltfreiheit und die begrenzte und begründete Verletzung von Gesetzen oder Vorschriften. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Aktionen des Zivilen Ungehorsams kalkulieren ein, dass sie festgenommen oder ihre Personalien aufgenommen werden und sie anschließend wegen einer Straftat oder einer Ordnungswidrigkeit belangt werden.

Nicht jeder politisch begründete Gesetzesverstoß ist also „Ziviler Ungehorsam“. Insbesondere sind Angriffe auf Personen und Sachbeschädigungen mit dem einzigen Ziel, etwas zu zerstören, keine Aktionen des Zivilen Ungehorsams. Wohl aber Aktionen wie die der Berlinerin Irmela Mensah-Schramm, die rechtsradikale Graffiti da, wo sie sie nicht entfernen kann, kreativ umgestaltet oder übersprüht, was von den Strafverfolgungsbehörden gelegentlich als „Sachbeschädigung“ gewertet wird. Auch das Beschädigen eines Zaunes, um sich für eine Protestaktion z.B. Zugang zu einem abgesperrten Militärgelände zu verschaffen, wird vom Begriff des „Zivilen Ungehorsams“ gedeckt.

Das Jugendaktionsnetzwerk ZUGABe (Ziviler Ungehorsam, Gewaltfreie Aktion, Bewegung) formuliert seine Grundsätze folgendermaßen:
„Gewaltfreie Aktionen Zivilen Ungehorsams sind für uns nicht nur Folge einer pragmatischen Entscheidung für ein medienwirksames Spektakel. In der Aktion machen alle Beteiligten deutlich, dass sie in dem vorliegenden Konflikt – nachdem andere, weniger drastische Möglichkeiten ausgeschöpft sind – zur Abwendung schlimmer Folgen bereit sind, persönliche Risiken in Kauf zu nehmen und Gesetze zu übertreten. Sie stehen für ihr Handeln ein und begründen es gegenüber Medien, MitstreiterInnen und „Gegnern“, häufig auch vor Gericht.“ [1]

„Gewaltfreiheit“ wird meistens als Verzicht  auf Gewalt und damit als Einschränkung in der Wahl der Mittel in einer politischen Auseinandersetzung wahrgenommen. Das führt dann regelmäßig zur Frage, ob als letztes Mittel in bestimmten Fällen nicht doch Gewalt zum Einsatz kommen dürfe oder sogar müsse. Manchmal wird dann mit der höheren Aufmerksamkeit argumentiert, die brennende Autos oder eingeworfene Fensterscheiben bringen, manchmal wird Gewalt als „Gegengewalt“ gerechtfertigt.

Damit kommen allerdings oft Eskalationsspiralen von Gewalt und Gegengewalt in Gang, die schwer zu unterbrechen sind. Das gilt nicht nur für die Auseinandersetzung zwischen Polizei und Protestierenden, sondern auch zwischen sich feindlich gegenüberstehenden politischen oder gesellschaftlichen Gruppen. Wer Gewaltaktionen aus dem eigenen Spektrum rechtfertigt, kann schwer vermitteln, warum die Gewaltaktionen anderer Akteure abzulehnen sind. Spätestens dann, wenn Unbeteiligte zu Schaden kommen, wird der Ruf nach schärferen Gesetzen und mehr Polizeigewalt laut, wodurch politische und gesellschaftliche Spielräume eher eingeschränkt als erweitert werden. Und wer das Anliegen derer, die Gewalt eingesetzt haben, unterstützt, setzt sich schnell dem Vorwurf aus, Gewalt als Mittel der Politik zu befürworten.

In geringerem Maße gilt das auch für Aktionen des Zivilen Ungehorsams: denjenigen, die sie durchführen, wird vorgeworfen, es mit staatlichen Gesetzen und Regeln nicht so genau zu nehmen. Wo kämen wir hin, wenn jeder für sich selbst entscheidet, welche Gesetze er einhält und welche nicht? Wer sich an einer Aktion des Zivilen Ungehorsams beteiligt, muss daher sehr genau darlegen können, welche Ungerechtigkeit oder Gefahr mit der Aktion bekämpft werden soll und welche legalen Mittel schon angewandt wurden, aber nicht zum Erfolg geführt haben. Nur wenn es gelingt, das eigentliche Anliegen und den Bezug der Regelverletzung zu diesem Anliegen überzeugend darzustellen, ist es sinnvoll, zu Mitteln des Zivilen Ungehorsams zu greifen.

Gewaltanwendung diskreditiert in der Regel das damit verfolgte politische Ziel, aber das Umgekehrte gilt nicht: wenn ein Ziel mit gewaltfreien Mitteln verfolgt wird, ist es noch nicht automatisch legitim.

Dr. Ute Finckh-Krämer

Dr. Ute Finckh-Krämer ist seit über 40 Jahren friedenspolitisch aktiv und hat Anfang der Achtziger Jahre an gewaltfreien Blockaden in Großengstingen und Mutlangen teilgenommen.
Sie war von 2013 bis 2017 als Bundestagsabgeordnete der SPD unter anderem Mitglied im Auswärtigen Ausschuss. Von 2000 bis 2013 und aktuell wieder arbeitet sie als Referentin im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung.

Quellen:

[1] http://www.netzwerk-zugabe.de/selbst.html

Gewaltfreier Widerstand & Ziviler Ungehorsam

Gewaltfreier Widerstand & Ziviler Ungehorsam

von Roland Vogt

 

Gewaltfreier Widerstand und Ziviler Ungehorsam haben ein gemeinsames Dach: die gewaltfreie Aktion (GA). Das bedeutet zweierlei: erstens handelt es sich um Formen gesellschaftlicher Auseinandersetzung, die bewusst auf Gewalt gegen andere Menschen verzichten, was im Englischen und in einigen romanischen Sprachen treffender mit nonviolent action, also nichtverletzendes Handeln bezeichnet wird; zweitens geht es um aktiv sein also alles andere als Nichtstun. Triebfeder für gewaltfreie Aktionen sind in der Regel Zustände, die als unerträglich, oft als ungerecht empfunden werden.

So war es zum Beispiel am 1. Dezember 1955, als die Afro-Amerikanerin Rosa Parks sich schlicht und einfach weigerte, ihren Sitzplatz in einem Bus für einen weißen Fahrgast aufzugeben. Das geschah in Montgomery im US-amerikanischen Südstaat Alabama. Kaum zu glauben: Rosa Parks hatte mit ihrer Weigerung gegen ein damals in dieser Region gültiges Gesetz der Rassentrennung verstoßen und wurde dafür festgenommen. Von Beruf war sie Näherin. Zugleich war sie Sekretärin in der Ortsgruppe des NAACP, National Association the Advancement of Coloured People, also gut vernetzt. Ihre in der Gemeinschaft der schwarzen Bevölkerung als heldenhaft gefeierte „Regelverletzung“ und die allgemein als Unrecht empfundene Festnahme lösten in der black community eine solche Empörung aus, dass es einige Tage später in Montgomery zu einem Busboykott kam. Rosas afroamerikanische Landsleute zogen es vor, zu Fuß zu gehen, ein Taxi zu nehmen, Fahrgemeinschaften in PKWs zu organisieren oder zu Pferd durch die Straßen der Stadt Montgomery zu reiten. Sie hielten diesen Busboykott mehr als ein Jahr lang aufrecht und fügten so der Busgesellschaft empfindliche Gewinneinbußen zu, denn vor dem Boykott waren drei Viertel aller Fahrgäste black people gewesen.

Der Widerstandsakt der tapferen Näherin veränderte nicht nur ihr Leben sondern auch das Leben eines jungen Pfarrers namens Martin Luther King. Der war kurz zuvor mit seiner Familie nach Montgomery gezogen, um dort seine erste Pfarrstelle in der Dexter Avenue Baptist Church anzutreten. Bald wurde er allgemein anerkannter Wortführer der zunächst regionalen Bewegung gegen die Schikanen der Rassentrennung. King und die Boykottbewegung hatten nach langer Durststrecke auf der ganzen Linie Erfolg: am 13. November 1956 erklärte der Supreme Court in Washington D.C. die Rassentrennungsgesetze für Busse als verfassungswidrig – mit Wirkung in allen Bundesstaaten der USA. Martin Luther King feierte diesen Erfolg, indem er kurz nach dem Gerichtsentscheid demonstrativ gemeinsam mit dem kongenialen Ralph Abernathy neben einem Weißen im Bus Platz nahm. Viele Weiße waren nicht bereit, diese Niederlage kampflos hinzunehmen. Martin Luther King und einige seiner Mitstreiter/innen erhielten vor und nach dem Verfassungsgerichtsentscheid Morddrohungen. Es gab Bombenanschläge auf Kirchen und Wohnhäuser der black community. Busse, in denen Afroamerikaner nach dem Boykotterfolg wieder mitfuhren, wurden beschossen und mit Steinen beworfen. Doch die Montgomery Improvement Association, zu der sich die Widerstandsbewegung gegen den weißen Rassismus schon früh zusammengeschlossen hatte und deren Präsident Martin Luther King war, hatte sich von Anfang an für den gewaltfreien Weg entschieden. So beschwerlich das Leben für Schwarze in Montgomery selbst nach dem Erfolg ihrer Bewegung weiterhin war – für die black community der Vereinigten Staaten war und ist der Montgomery Bus Boykott ein Meilenstein auf dem Langen Marsch zu mehr Rassengleichheit – und für die übrige Welt ein Lehrstück für erfolgreichen gewaltfreien Widerstand.[1]

Wie aber begründete Martin Luther King trotz all der Widrigkeiten, der sich seine Mitstreiter/innen, er selbst und seine Familie ausgesetzt sahen, die Entscheidung für strikte Gewaltfreiheit? Mit einer Kritik der Gewalt: „Die äußerste Schwäche der Gewalt ist, dass sie eine Spirale nach unten darstellt und genau das erzeugt, was sie zu zerstören sucht. Anstatt das Übel zu vermindern, vervielfältigt sie es. Du magst durch Gewalt einen Lügner ermorden, aber Du kannst nicht die Lüge töten, noch weniger der Wahrheit Geltung verschaffen. Durch Gewalt mordest Du den Hassenden, aber nicht den Hass. In der Tat: Gewalt vermehrt nur Hass. Gewalt mit Gewalt zu erwidern, vervielfältigt die Gewalt und fügt einer sternlosen Nacht noch tiefere Finsternis zu. Dunkelheit kann keine Dunkelheit vertreiben, nur Licht kann das tun. Hass kann nicht Hass vertreiben, nur Liebe kann das.“[2]

Einordnung des Montgomery Bus Boykotts

Sowohl das auslösende Widerstandsverhalten von Rosa Park als auch die folgende Kampagne von Martin Luther King und seinen Mitstreiter/inne/n sind mühelos dem Oberbegriff Gewaltfreie Aktion zuzuordnen. Es ist müßig, hier zwischen gewaltfreiem Widerstand und zivilem Ungehorsam differenzieren zu wollen, denn es war gewaltfreier Widerstand und Ziviler Ungehorsam in einem: der Weigerung, den Sitzplatz zu räumen, folgte das passive Geschehenlassen der Festnahme. Also gewaltfreier und teilweise passiver Widerstand. Zugleich war Rosa Park sich im Klaren darüber, eine bis dahin allgemeinverbindliche Norm gebrochen zu haben, also Ziviler Ungehorsam. Dessen Intensität nimmt im weiteren Verlauf der Interaktion zu: der spontane Verstoß gegen eine als ungerecht empfundene Norm erweitert sich durch Unterstützung von außen zu einer Kampagne mit dem Ziel Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen und das Unrecht grundlegend zu überwinden.[3]

Ziviler Ungehorsam: „Mach Dein Leben zu einem Gegengewicht“

Der Begriff Ziviler Ungehorsam wurde vom Amerikaner Henry David Thoreau (1817-1862) in seinem Essay On Civil Disobedience[4] geprägt in dem er erklärte, warum er aus Protest gegen den Krieg in Mexiko und die Sklavenhaltung keine Steuern mehr bezahlte. Militärischer Dienst im Krieg und die Zumutung solch staatliches Unrecht durch das Zahlen von Steuern zu unterstützen, stellen für Thoreau die Fälle dar, in denen ein Bürger dem Staat aus Gewissensgründen den Gehorsam verweigern kann, ja muss: „Wenn aber das Gesetz so beschaffen ist, dass es notwendigerweise aus dir den Arm des Unrechts an einem anderen macht, dann sage ich: brich das Gesetz. Mach dein Leben zu einem Gegengewicht, um die Maschine aufzuhalten. Jedenfalls muss ich zusehen, dass ich mich nicht zu dem Unrecht hergebe, das ich verdamme.“[5]

 Gandhis eigenständige Strategie des „Sathiagraha“

Der in England zum Rechtsanwalt ausgebildete Inder Mohandas Karamchand Ghandhi sammelt erste Erfahrungen in Kämpfen für die Emanzipation der indischen Minderheit in Südafrika. Als er nach Indien zurückkehrt, ist ihm bereits der Ruf eines Volkstribuns vorausgeeilt. Obwohl er in Südafrika eine indische Sanitätsbrigade für den Kampf gegen die Buren aufgestellt hatte, plant er die Befreiung Indiens vom britischen Kolonialjoch nicht, indem er aus seiner Anhängerschar eine militärische Streitmacht rekrutiert, sondern mit Hilfe seiner aus spezifisch indischen Traditionen abgeleiteten Strategie des Sathiagraha. Der Begriff stammt aus dem Sanskrit und ist aus den Worten sathia: Wahrheit und agraha: greifen zusammengesetzt, geht aber weit darüberhinaus, weil darin noch andere Botschaften mitschwingen wie Kraft der Liebe, Kraft der Seele, Kraft Gottes, die in uns wirkt.[6]

Ich habe mich bisher damit beholfen, Sathiagraha mit „Festhalten an der Wahrheit der einmal als wirksam erkannten Kraft der Gewaltfreiheit“ zu übersetzen. Gandhi, der das Übersetzungsdilemma kannte, verwendete nach eigenen Aussagen den Begriff Civil Disobedience, um den Emanzipationskampf der Inder in Südafrika und die Befreiungsbewegung für Indien seinen englischsprachigen Anhängern und Lesern zu erklären, war aber der Meinung, dass Ziviler Ungehorsam nicht die volle Bedeutung von Sathiagraha vermittelte. Deshalb bevorzugte er für das englischsprachige Publikum den Ausdruck Ziviler Widerstand.[7]

Im Rahmen der Strategie des Sathiagraha sollen die Gefühle und das Gewissen des jeweiligen Adressaten angesprochen werden. Durch Ahimsa, Vermeiden von Gewalt, Gewaltlosigkeit, begleitet von der Bereitschaft, Schmerz und Leiden auf sich zu nehmen (love force oder soul force) will Sathiagraha den Gegner von der Falschheit seines Handelns überzeugen: „das Ziel des Sathiagrahi ist, den falsch Handelnden zu bekehren, nicht zu bezwingen“.[8]

Das Faszinierende an der angewandten Strategie des Sathiagraha ist, dass im Großmaßstab des indischen Subkontinents die Idee der Gewaltfreiheit zum Erfolg geführt worden ist. „Dort, wo sich die Menschen weigerten, mit den Behörden zusammenzuarbeiten, wo keine Steuern mehr bezahlt wurden, wo man begann, sich von der Abhängigkeit ausländischer Waren zu befreien, indem u.a. eine einheimische Tuchproduktion aufgebaut wurde, dort wurden die Mechanismen der kolonialen Unterdrückung unwirksam. In immer neuen gewaltfreien Protestmärschen und Fastenaktionen wurde die Weltöffentlichkeit auf die Unrechtssituation aufmerksam gemacht bis selbst in England weite Teile der Öffentlichkeit die Forderung nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung des indischen Volkes unterstützten und letztlich der britischen Regierung die Legitimation für ihr Handeln entzogen. Mit dem Sieg der Inder über die britische Kolonialmacht wurde deutlich, welche Kraft mit einem gewaltlosen Widerstand entwickelt werden kann, wenn die Menschen beginnen, sich auf ihren tatsächlichen gesellschaftlichen Einfluss zu besinnen und ihn nach ihren Vorstellungen zu nutzen.“[9]

Oft wird übersehen, dass die englische Kolonialmacht sich nicht scheute, den gewaltfreien Widerstand in Indien mit roher Gewalt zu brechen. Berühmt-berüchtigt ist der Einsatz mit Eisen beschlagener Prügel, mit denen auf die Köpfe gewaltfrei gegen das Salzwerk von Dharasana vorrückenden Sathiagrahi eingedroschen wurde. Dabei gab es Tote und Schwerverletzte. Nur der glückliche Umstand, dass ein amerikanischer Reporter Augenzeuge war und die „Schlacht von Dharasana“ hautnah in die Weltpresse transportierte, führte dazu, dass das krasse Missverhältnis zwischen indischer Leidensbereitschaft und roher Gewalt der Kolonialmacht Teile der Weltöffentlichkeit zu Verbündeten des indischen Freiheitskampfs machte.

Nach einem anderen Salzmarsch zum Indischen Ozean wurden Zehntausende gewaltfreier Kämpfer festgenommen und in Gefängnisse geworfen. Das Salzkorn konnte zum Symbol des Widerstands werden, weil Indern verboten war, Salz zu gewinnen, um sicher zu stellen, dass die Bevölkerung des Subkontinents ausschließlich das teure Salz der Kolonialmacht kaufte.

Gewaltfreier Widerstand & Ziviler Ungehorsam sind keine Strategien von Gestern

Die von „Mahatma“ Gandhi und Martin Luther King geprägten Kampagnen und Strategien inspirieren bis zum heutigen Tag weltweit Widerstandsbewegungen. Auch in ausweglos erscheinenden Konflikten findet man unverdrossen auf die Kraft der Gewaltfreiheit vertrauend Handelnde. Selbst aus dem heillos verfahrenen Konflikt zwischen Palästinensern und israelischer Regierung erreichen uns Berichte über gewaltfrei Widerstand leistenden Gruppen und über Versuche, durch die Kraft der Gewaltfreiheit Versöhnung zu stiften.[10]

In Deutschland gab und gibt es mehrere Beispiele erfolgreich geführter Kampagnen gewaltfreien Widerstands und Zivilen Ungehorsams. Abschließend sollen hier drei Fälle exemplarisch kurz vorgestellt werden.

1. Der Widerstand gegen die Atomkraftwerke (AKW),  Kaiseraugst (CH), Fessenheim (F) und Wyhl (D) im Dreiländereck Deutschland/Frankreich/Schweiz

Das länderübergreifende Internationale Komitee der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen hatte die regionale Widerstandsbewegung gegen die drei Atomkraftwerke von Anfang an auf eine gewaltfreie Strategie eingeschworen. Berühmt ist die im Februar 1975 begonnene und dann Monate lang aufrecht erhaltene gewaltfreie Besetzung des für das Atomkraftwerk Wyhl vorgesehenen Baugeländes. Die Strategie der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen bestand nicht allein aus gewaltfreien Aktionen und Akten des zivilen Ungehorsams sondern aus einer Vielzahl flankierender Maßnahmen. Eine herausragende Rolle spielten dabei die Klagen vor den zuständigen Verwaltungsgerichten. Wenn diese auch nicht immer zum vollen Erfolg führten, brachten sie doch in bestimmten prekären Phasen Zeitgewinn zum Atemholen und für neue strategische Überlegungen. Ausschlaggebend dafür, dass die baden-württembergische Landesregierung das Projekt AKW Wyhl schließlich aufgab, war wohl die Erkenntnis, dass ein AKW an diesem Standort gegen den Willen der Kaiserstuhl-Bevölkerung nicht durchsetzbar war und dass der Regierungspartei CDU Machtverlust im „Muschderländle“ gedroht hätte, wenn sie die anfängliche gewaltsame Politik der Durchsetzung mit allen Mitteln aufrechterhalten hätte. Wegen der Gefahren, die vom Alt-Reaktor Fessenheim auf der französischen Rheinseite ausgehen, ist der länderübergreifende Widerstand bis heute ungebrochen. So findet manche/r altgediente AKW-Gegner/in von „üswärts“ heute immer noch die wohlbekannten AKW-nein Aufkleber in Freiburg und ganz Baden. Diese gemahnen, dass die Gefahren ziviler Atomtechnologie vielleicht nach dem Atomausstieg-Beschluss der Bundesregierung in Deutschland gebannt sind aber keineswegs die durch einen Unfall in einem der Reaktorblöcke im Nachbarland ausgehende Gefahr atomarer Verstrahlung.

2. Die FREIeHEIDe-Bewegung und ihr erfolgreicher Kampf gegen einen Luft-Boden-Schießplatz in der Kyritz-Ruppiner Heide

Das ehemalige von den Sowjetstreitkräften zwischen den Städten Neuruppin, Rheinsberg und Wittstock genutzte BOMBODROM, also ein Truppenübungsplatz auf dem jahrzehntelang Bombenabwurf geübt wurde, sollte nach den Plänen des Bundeministers der Verteidigung nach der Wiedervereinigung von der Deutschen Luftwaffe als Luft-Boden-Schießplatz genutzt werden. Daraufhin wurde die Bürgerinitiative (BI) FREIeHEIDe (FH) gegründet, die schon durch die Schreibweise ihres Namens erkennbar an die Erfahrungen der gewaltfreien Wendebewegung anknüpfte. Darüber hinaus flossen in die Strategie der BI FH Erfahrungen „Zugereister“ und Verbündeter mit Erfahrungswissen aus den westeuropäischen Gewaltfreie-Aktions-Bewegungen ein, so aus dem erfolgreichen Widerstand gegen die Erweiterung eines Truppenübungsplatzes im okzitanischen Larzac, Südfrankreich (die Gegend, aus der der Roquefort-Käse kommt…) und aus dem ebenso erfolgreichen Widerstand gegen das Atomkraftwerk Wyhl. Der FREIeHEIDe-Bewegung gelangen spektakuläre Demonstrationen, sogenannte Protestwanderungen, die jeweils an Ostern zur größten Manifestation im Rahmen der Ostermarsch-Bewegung anschwollen – mit Sympathisant/inn/en aus der ganzen Bundesrepublik, West wie Ost.

Ähnlich wie Widerstand gegen das Atomkraftwerk Wyhl, zog die FREIeHEIDe-Bewegung sämtliche Register zivilen Widerstands, also: außer phantasievollen Demonstrationen, Platzbesuchen bis hin zu einer simulierten Platzbesetzung, um die Bereitschaft zum zivilen Ungehorsam im „Ernstfall“ zu signalisieren, parlamentarisch-außerparlamentarische Bündnisse auf allen Politikebenen, Verwaltungsgerichtsklagen, etc. Zu Mitstreitern der BI FH wurden die mecklenburgische „Bürgerinitiative Freier Himmel“ und auf der brandenburgischen Seite ein Zusammenschluss von Unternehmen, insbesondere aus der Hotelbranche, die durch den Luft-Boden-Schießplatz erhebliche wirtschaftliche Einbußen zu befürchten hatten. Nach 17 Jahren zähen Widerstands hatten die Anwälte von betroffenen Anliegergemeinden, Unternehmern und des Landkreises 27 Verwaltungsgerichtsverfahrungen gegen die Bundeswehr bzw. den Bundesminister der Verteidigung gewonnen. Ausschlaggebend für den schließlich von den Bundesministern der Verteidigung Jung und von Guttenberg erklärten Verzicht, zuerst auf die Nutzung als Luft-Boden-Schießplatz und schließlich gänzlich als Truppenübungsplatz, war wohl, dass schließlich die Verantwortlichen auf allen relevanten Politikebenen erkannten, dass ein Luft-Boden-Schießplatz in dieser Region die aufstrebende Tourismusbranche beeinträchtigt hätte und dass dieser – ähnlich wie das Atomkraftwerk in Wyhl – gegen den Willen der betroffenen Bevölkerung nicht durchsetzbar war.[10]

 3. Wendebewegung in der ehemaligen DDR

Die Ereignisse, die zur Entmachtung des DDR-Regimes und schließlich zur Wiedervereinigung führten, werden hier als bekannt vorausgesetzt. Daher soll dieses Beispiel hier nur genannt und nicht weiter ausgeführt werden. In diesem Falle ist eben die gewaltfreie „Wir sind das Volk“-Bewegung in der ehemaligen DDR besonders beachtenswert.

Mit entscheidend für den Erfolg der Wende war, dass zunächst innerhalb der DDR sowohl „das Volk“ als auch besonnene (oder vom Volk beeindruckte oder gar eingeschüchterte?) Kräfte im Machtapparat einen mit äußerster Gewaltanwendung geführten Entscheidungskampf zu vermeiden wussten. Nachdem dies gelungen war, kamen ursprünglich schon anderswo, z.B. in Polen, erprobte Innovationen wie „Runde Tische“ zum Zuge, wo erfolgreich Methoden der gleitenden Machtübergabe unter Gesichtswahrung für die Verlierer praktiziert wurden.

Schlussbemerkung

Zu fragen ist allerdings, ob das wiedervereinigte Deutschland auf der Ebene der „Hohen Politik“ aus diesen Erfahrungen gewaltfreien Konfliktaustrags nicht eine Verpflichtung für sich ableiten sollte, eine umfassend gewaltfreie Politik nach innen und außen zu entwickeln.

Roland Vogt
Roland Vogt

Roland Vogt ist Jurist und Politologe sowie Konversionsexperte und Friedensarbeiter. Von 1969-1973 Mitglied der Studiengruppe „Soziale Verteidigung“ der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW). 1970-1975 wiss. Assistent am Fachbereich Rechtswissenschaften der FU Berlin. Seit 1972 vielfältige Erfahrungen mit gewaltfreien Aktionen und Strategien  u.a. in sozialen Brennpunkten/Berlin, im Widerstand gegen atomare Anlagen u.a. im Dreiländereck F/D/CH, gegen die Stationierung von Pershing II, Cruise Missiles, u.a. in Comiso/Südsizilien und gegen die Errichtung eines Luft-Boden-Schießplatzes („Bombodrom“) in der Kyritz-Ruppiner Heide. Zeitweise Vorstandsmitglied in verschiedenen Organisationen der Ökologie- und Friedensbewegung, u. a. Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) und Bund für Soziale Verteidigung (BSV). Als MdB in der ersten grünen Bundestagsfraktion u.a. Obmann im Verteidigungsausschuss und Unterausschuss Abrüstung und Rüstungskontrolle. Von 1991 bis 2006 arbeitete er Konversionsexperte in der brandenburgischen Landesregierung, zuerst als Referatsleiter in der Staatskanzlei, später als Konversionsbeauftragter im Wirtschaftsministerium. Im „Ruhestand“ u. a. Mitarbeit an Projekten wie „Friedensplan Afghanistan“, Konzipierung einer Friedensakademie Rheinland-Pfalz und der Vermittlung ziviler Friedenskonzepte an rheinland-pfälzischen Schulen.

[1] Quellen: „Bus Boycott in Alabama“ aus America’s Story from America’s Library, The Library of Congress, http://www.americaslibrary.gov/aa/king/aa_king_bus1.html; MARTIN LUTHER KING,JR., The Montgomery Bus Boycott, >http//www.sparknotes.com/biography/mlk/section3.rhtml<

 [2] zit. nach Egetenmeier,Ulrike: Gewaltfreier Widerstand. Ein alternativer Weg, den Konflikt Israel-Palästina zu regeln 03/05 trend onlinezeitung, >http//www.trend.infopartisan.net/trd0305/t239305.html<

[3] Es ist überliefert, dass Rosa Parks ihren Widerstand für diesen Tag nicht geplant hatte. Er geschah offenbar spontan als Reaktion auf die Verdichtung selbst erlittener und an Leidensgenoss/inne/n beobachteter Demütigungen.

[4] Henry David Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat. Diogenes Verlag. Zürich 1973.

[5] Ebd., A.a.O.

[6] Den den Hinweis auf den vollen Bedeutungsinhalt von Sathiagraha verdanke ich einem Gespräch mit dem Friedensforscher und Gandhi-Experten Wolfgang Sternstein; siehe auch die von ihm und Brigitte Luchesi aus dem Englischen übersetzten „GANDHI Ausgewählte(n) Werke in 5 Bänden“ und Sternsteins Nachwort S.352 ff. in Band 2 dieser 2011 im Wallstein-Verlag herausgegebenen Gandhi-Edition.

[7] Aus dem Brief an P.K. Rao, Servants of India Society, 10. September 1935, zitiert nach Louis Fischer: The Life of Mahatma Gandhi, London , Harper Collins, 1997, S. 87-88.

[8] Gandhi, M.K.: Requisite Qualifications, in Harijan, 25. März 1939.

[9]Ulfrid Kleinert (Hg.) Gewaltfrei widerstehen. Brokdorf-Protokolle gegen Schlagstöcke und Steine,Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg. Juli 1981, S. 13.

[10] Annika Müller, Gewaltfreier Widerstand in Palästina, Friedensforum 2009-4, >http://www.friedenskooperative.de/ff/ff09/4-72.htm<; siehe auch Fn. 2.

[11] Roland Vogt: Nach 17 Jahren Widerstand: FREIeHEIDe kippt Bombodrom- Erfahrungen aus dem Kampf gegen die Nutzung der Kyritz-Ruppiner Heide als Luft-Boden-Schießplatz der Bundeswehr, FORUM PAZIFISMUS, 3/2009, 3-11.

Konfliktsensibler Journalismus

Warum konfliktsensibler Journalismus nicht mehr ist als guter Journalismus – und wir das Konzept trotzdem brauchen…

von Johanna Wild

 

Die Hauptaufgabe aller Journalisten besteht darin, über Konflikte zu berichten. Glauben Sie nicht? Dann stellen Sie sich mal die Frage, mit was wir es zu tun haben, wenn in unserer Stadt die alte Eckkneipe einem modernen Einkaufskomplex weichen soll und nicht jeder aus Freude darüber in die Luft springt.

Wir interessieren uns für Nachrichten, weil wir wissen wollen, was es Neues gibt in der Welt. „Suche in jedem Thema den Aspekt, an dem Menschen unterschiedlicher Meinung sind.“, haben mir erfahrene Kollegen bei meinen ersten journalistischen Gehversuchen eingetrichtert. „Erst da wird es spannend“. Sie hatten recht. So gut wie jede Veränderung wird von den einen befürwortet und von den anderen abgelehnt. Medien gewinnen ihre Anziehungskraft auch dadurch, dass sie uns diese unterschiedlichen Interessenslagen begreiflich machen.

Die meisten Journalisten setzen sich wenig mit Friedens- und Konfliktforschung auseinander. Dabei begeben sie sich mit Stift, Aufnahmegerät oder Kamera mitten hinein in die Dynamik von Konflikten. Und gestalten sie ganz wesentlich mit. Indem sie auswählen, welche Sichtweisen auf den Konflikt an die Öffentlichkeit gelangen. Indem sie einen Kommunikationskanal zwischen den Konfliktparteien herstellen. Und indem sie unbewusst dafür sorgen, dass am Konflikt beteiligte Individuen oder Gruppen in der Hoffnung auf eine wohlwollende Berichterstattung ihr Handeln verändern.

Der Ansatz des konfliktsensiblen Journalismus fordert Journalisten auf, sich der damit einhergehenden Verantwortung bewusst zu werden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ursprünglich geht das Konzept auf den Friedensforscher Johan Galtung zurück. Er bezeichnete die allgemein praktizierte Form der Berichterstattung als Kriegsjournalismus und stellte ihr als Ideal den Friedensjournalismus gegenüber.

Bis heute wird der Begriff des Friedensjournalismus – meist von Nicht-Journalisten – verwendet. Dies geschieht in guter Absicht, ist meiner Ansicht nach aber irreführend. Denn damit einher geht oft die Forderung an Journalisten, Advocacy-Arbeit für „die gute Sache“ zu betreiben. Den Fokus ihrer Beiträge sollen sie auf Friedensinititiativen richten, die teilenden Elemente eines Konfliktes ausblenden.

Doch wenn Journalismus zu Advocacy-Arbeit mutiert, läuft er Gefahr, zu Propaganda zu verkommen. Nehmen wir die Rolle der Medien vor und während des ruandischen Genozids im Jahr 1994. Journalisten stifteten die Medienkonsumenten gezielt zum Mord an der Tutsi-Minderheit an. Das Ergebnis ist bekannt. Unvorstellbar, dass all diese Propagandisten Genozid-Verfechter der ersten Stunde waren. Vermutlich veröffentlichten viele einfach das, was ihnen von Meinungsführern als die richtige Denkweise vorgesetzt wurde. Die Fähigkeit, kritisch zu hinterfragen, war in Ruanda damals nur schwach ausgeprägt.

Und auch mehr als zwanzig Jahre danach bleibt sie begrenzt. Wenn nun Journalisten aufgefordert werden, im Namen des Friedensjournalismus gezielt über friedensfördernde Maβnahmen zu berichten, geht das in eine falsche Richtung. Denn erneut werden sie darin bestärkt, Gedanken unhinterfragt zu übernehmen.

Die groβe Gefahr dabei: Es ist sehr subjektiv, was der eine oder die andere unter einer Friedensinitiative versteht. Könnte es zum Beispiel bedeuten, eine Identitätsgruppe aus dem Land zu werfen, damit „wir“ unseren Frieden zurückgewinnen? Als Journalistentrainerin in der Region der Groβen Afrikanischen Seen habe ich die Erfahrung gemacht, dass manche Menschen derartige Ideen aus voller Überzeugung als Friedensinitiativen begreifen.

Viel hilfreicher als ein einseitiger Schwerpunkt auf Friedensideen ist meiner Meinung nach die bewusste Rückbesinnung auf journalistische Grundprinzipien. Ein Kernprinzip journalistischer Arbeit ist es, möglichst alle Sichtweisen auf ein umstrittenes Thema aufzuzeigen. Auf diese Weise werden Leser, Hörer und Zuschauer befähigt, die Aussagen kritisch gegeneinander abwägen und sich selbst eine Meinung zu bilden.

Der Ansatz des konfliktsensiblen Journalismus pocht darauf, dies mit besonderer Umsicht zu tun. Denn die Tendenz, Konflikte einseitig darzustellen, ist (nicht nur) in Krisengebieten weit verbreitet. Oftmals sind Regierungen oder mächtige Meinungsführer eine der Konfliktparteien, die es zu ihrem Vorteil machen, dass sie zugleich den medialen Diskurs dominieren.

Konfliktsensibel arbeitende Journalisten bilden feine Sensoren dafür aus, wer innerhalb der nationalen Berichterstattung vernachlässigt wird. Sie helfen den betroffenen Menschen, ihre Ansichten an die Öffentlichkeit zu bringen. Denn wer sich ernst genommen fühlt, hat weniger Anlass, zu gewaltsamen Mitteln zu greifen, um sich Gehör zu verschaffen.

Das Prinzip der journalistischen Ausgewogenheit erfordert je nach Kontext Mut und ein hohes Maβ an Selbstreflexion seitens der Journalisten. Seit ich als Trainerin für das Journalistenteam der ruandischen Medienorganisation Ejo Youth Echo (EYE) arbeite, ist mir mehr als einmal die Aussage untergekommen: „Mit denen führe ich kein Interview. Die haben radikale Gedanken.“ Genau daran gilt es meiner Meinung nach zu arbeiten. Journalisten gehören oft selbst einer der Konfliktparteien an. Zu lernen, dass in einem professionellen journalistischen Beitrag auch die „anderen“ zu Wort kommen dürfen und sollen, ist einer der Lernprozesse, den ich mit ihnen gemeinsam täglich begehe.

Für ihre Radiosendung sprechen die jungen Journalisten von EYE jede Woche mit Politikern und ruandischen Intellektuellen. Gleichzeitig fahren sie durchs ganze Land und in die Nachbarländer Demokratische Republik Kongo und Burundi, um ganz „normale“ junge Menschen zu den gleichen Themen zu befragen. So fühlen sich die Autoritäten nicht auf den Schlips getreten und trotzdem kommt eine gröβere Bandbreite an Meinungen an die Öffentlichkeit. Klassischer Journalismus, aber unter den gegebenen Umständen doch eine konfliktsensible Herangehensweise, die in der Praxis keine Selbstverständlichkeit ist.

Unterstützt wird dieser Anspruch dadurch, dass sich die Redaktion von EYE aus Kindern von Genozidüberlebenden ebenso wie aus den Nachkommen von Tätern, Mitläufern und Unbeteiligten zusammensetzt. Die jungen Journalisten gehören den verschiedensten Konfessionen an und sie sind zu etwa gleichen Teilen junge Frauen und junge Männer. Denn egal wie sehr sich Journalisten um eine ausgewogene Berichterstattung bemühen, Objektivität bleibt letztendlich immer ein Traum. Durch die bewusste Auswahl eines Journalistenteams, das alle gesellschaftlichen Gruppen repräsentiert, wacht konfliktsensibler Journalismus darüber, dass möglichst viele Perspektiven in der Redaktion vertreten sind.

Konfliktsensibler Journalismus bedeutet nicht, gewaltsame Ereignisse aus der Berichterstattung auszuklammern. Physische Gewalt und Blutvergieβen einfach nur zu beschreiben, reicht jedoch nicht aus. Denn diese Phänomene haben immer eine Ursache. Und es ist die Aufgabe von Journalisten, dieser Ursache durch gute Recherchearbeit auf den Grund zu gehen. Nur wenn die Gesellschaft weiβ, wann und wieso Konflikte zu dem wurden, was sie heute sind, kann sie Ideen zu ihrer friedlichen Transformation entwickeln.

Dafür braucht es Journalisten, die über die Dynamik von Konflikten Bescheid wissen und sie analysieren können. Wer über Konflikte schreibt, sollte sich darüber bewusst sein, dass diese nicht dort anfangen, wo Blut flieβt, sondern lange davor. Er oder sie sollte wissen, dass ein Konflikt nicht nur entweder Gewinner oder Verlierer hervorbringt. Und gezielt darüber nachdenken, welche Interessen im Konfliktverlauf mitmischen, ohne jemals offen kommuniziert zu werden.

Genau an dieser Stelle profitieren Journalisten von der Friedens-und Konfliktforschung. Deren Erkenntnisse können dazu beitragen, dass Konflikte nicht einseitig verzerrt, sondern in ihrer ganzen Komplexität an die Öffentlichkeit gelangen. Eben auf eine konfliktsensible Art und Weise.

 

Johann Wild, Foto Thomas Imo/GIZ
Johann Wild, Foto Thomas Imo/GIZ

Johanna Wild ist Journalistin und arbeitet seit 2011 für den Zivilen Friedensdienst der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Ruanda. Sie berät die Medienorganisation Ejo Youth Echo (EYE) in Kigali und bildet Journalisten aus der Region der Groβen Afrikanischen Seen fort. Kontakt über Twitter: @Johanna_Wild

Briefings

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Hier finden sich kurze Zusammenfassungen und Erklärungen von Expertinnen und Experten zu zentralen Begrifflichkeiten, Konzepten, Leitmotiven, Ideen, Phänomenen, Strategien, Maßnahmen aus dem gesamten Spektrum der Friedens- und Konfliktforschung sowie der friedenspolitischen Praxis (500 bis 1000 Wörter)

This blog will be officially launched in Januar 2015…