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Sexuelle Gewalt im bewaffneten Konflikt: Welchen Einfluss hat die Präsenz weiblicher Kombattantinnen?

Sexuelle Gewalt im bewaffneten Konflikt: Welchen Einfluss hat die Präsenz weiblicher Kombattantinnen?

Von Viktoria Reisch

Sexuelle Gewalt gegen Frauen in bewaffneten Konflikten stellt ein kontroverses und umstrittenes Thema dar. Sie wird oftmals als omnipräsent wahrgenommen, wohingegen es durchaus Fälle gibt, wo dieses Phänomen abwesend ist. In Anbetracht dessen stellt sich die Frage, welche Faktoren Einfluss auf das Auftreten von sexueller Gewalt gegen die weibliche Zivilbevölkerung nehmen. Als ein möglicher Erklärungsfaktor wird zuweilen die Anwesenheit weiblicher Kämpferinnen genannt. Im Folgenden wird diese These anhand der Fallbeispiele der kolumbianischen FARC-EP und der kurdischen YPG/YPJ näher diskutiert.

Die Auswirkungen von bewaffneten Konflikten auf Frauen sind weitreichend und vielfältig: Lebensmittel- und Ressourcenknappheit, mangelnde medizinische Versorgung und psychische Belastungen sowie oftmals Zwangsvertreibungen und das Erleben sexueller Gewalt. Die Frage, wann und warum bewaffnete Gruppen sexuelle Gewalt gegen Zivilistinnen einsetzen und viel mehr wann und warum sie das nicht tun, ist vieldiskutiert und wird in der entsprechenden Literatur sehr unterschiedlich beantwortet[1]. Laut der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Dara Kay Cohen gab es in 81% der von ihr untersuchten 91 Bürger*innenkriege zwischen 1980 und 2012 Berichte von Fällen sexueller Gewalt. Sie betont, dass diese in allen Konfliktregionen und unabhängig vom Konfliktgegenstand (wie bspw. Territorium, Autonomie, Ressourcen etc.) vorkommen, allerdings sind durchaus Variationen zu erkennen. Zum einen unterscheidet sich das Ausmaß, beispielsweise wurden in 18 Bürger*innenkriegen nur vereinzelte Übergriffe registriert. Zum anderen fallen innerhalb der beobachteten Konflikte Abweichungen zwischen den beteiligten Gruppen auf. Wendet eine Konfliktpartei diese Gewaltform an, wird diese nicht notwendigerweise von der oder den anderen übernommen[2]. Daran zeigt sich, dass sexuelle Gewalt[3] in bewaffneten Konflikten ein weitverbreitetes, jedoch nicht allgegenwärtiges Phänomen ist.

Angesichts der Tatsache, dass es eine nicht geringe Zahl an bewaffneten Gruppen gibt, die in Konfliktsituationen keine sexuelle Gewalt anwenden, betont Elizabeth Wood, Professorin für Politikwissenschaft in Yale, dass Vergewaltigung, Übergriffe oder Zwangssterilisation nicht unvermeidlich sind. Es gibt demnach keine empirische Evidenz für einen Automatismus von sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten. Umso wichtiger ist es zu untersuchen, welche Faktoren die Wahrscheinlichkeit verringern, dass bewaffnete Akteur*innen sexuelle Gewalt gegen Zivilistinnen anwenden. Dies soll Aufschlüsse für Handlungsmöglichkeiten geben und helfen, Policies zum Schutz der Bürgerinnen zu entwickeln[4].

Mögliche Faktoren

In der Suche nach Gründen stellt die These, dass Frauen als Teil einer bewaffneten Gruppe einen relevanten Einfluss auf die Abwesenheit sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten haben, einen Erklärungsversuch dar[5]. Autor*innen, die sich diesem Argument bedienen, ziehen dafür unterschiedliche Annahmen und Subthesen heran. Ceyda Kuloğlu, Wissenschaftlerin an der Başkent Universität in Ankara, ist der Ansicht, dass diese Frauen sensibilisiert für Genderthemen sein und einen bestimmten Prozentsatz in Relation zu den männlichen Mitgliedern überschreiten müssten („critical mass“)[6]. Ist dieser Prozentsatz erreicht, würde nicht nur die Anzahl der Fälle sexueller Gewalt gegen Zivilistinnen zurückgehen, sondern auch innerhalb der bewaffneten Gruppe. Die Annahme dabei ist, dass bei einem starken Ungleichgewicht der Geschlechter – in diesem Fall Männer – das zahlenmäßig dominante Geschlecht eher in klassische Rollenbilder verfällt.

Die Substitutionsthese[7] vertritt die Idee, dass männliche Kombattanten zur Anwendung sexueller Gewalt neigen, wenn sie keine regelmäßige sexuelle Befriedung haben – gleich ob durch Kontakt zu Prostituierten, Nahestehenden (Paarbeziehung, Mitkämpferinnen o. Ä.) oder Zivilistinnen im gegenseitigen Einverständnis. Die Vertreter*innen dieser These argumentieren unter anderem mit der Korrelation zwischen militärischer Präsenz und der Entwicklung von Prostitution[8]. Neben anderen berichtet Wood[9] über Aussagen vonseiten militärischen Personals und Offizieren, die das Verlangen männlicher Soldaten nach sexuellem Kontakt und dessen Befriedigung als Thema darstellen, das die Soldaten beschäftigt und maßgeblich in ihrem Handeln beeinflusst. Diese würden argumentieren, wenn nun Frauen Teil der eigenen Gruppe und sexuelle Beziehungen in- und außerhalb der Gruppe möglich sind, das „Ausweichen“ auf Außenstehende unnötig wird. Hier muss betont werden, dass sich solche Theorien meist gängiger (heteronormativer) Gender-Stereotype bedienen und gesellschaftliche Geschlechterrollen auf bewaffnete Gruppen in Konflikten übertragen. Zudem bleibt das bewusste Einsetzen von sexueller Gewalt als Kriegsstrategie völlig unberücksichtigt.

Andere Wissenschaftler*innen[10] argumentieren, dass Frauen generell vor der Anwendung sexueller Gewalt zurückschrecken und sie grundsätzlich kein Teil ihres Gewaltrepertoires ist. Dieses Argument birgt die Gefahr, in klassische Genderstereotype zurückzufallen. Allerdings weisen etwa Eriksson Baaz und Stern[11] sowie Reed et. al.[12] auf Variationen bei männlichen und weiblichen Täter*innen, was ihre Beweggründe, den Kontext und die Konsequenzen von sexueller Gewaltanwendung angeht, hin. Sie begründen dies damit, dass Männer von anderen geschlechtsspezifischen Normen auf gesellschaftlicher Ebene beeinflusst werden als Frauen und deshalb die Neigung zu dieser Form von Gewalt zwischen Geschlechtern divergiert. Allerdings ist nicht geklärt, ob die hier wirksamen Effekte gesellschaftlicher Einflüsse auch in dieser Form für bewaffnete Gruppen übernommen werden können.

Ein weiterer Erklärungsansatz ist das sogenannte male bonding[13], was die Herstellung von kollegialen Beziehungen unter Männern mittels spezifischer Trainingspraktiken bezeichnet, um Kameradschaft zu stärken. Zwar fördert nicht das Phänomen an sich die Anwendung sexueller Gewalt, allerdings die Mechanismen, die dabei eingesetzt werden. Männliche, heterosexuelle Identität gekoppelt mit männlicher Überlegenheit und Macht spiele eine wichtige Rolle, um eine bestimmte Form von Männlichkeit, soldatischer Männlichkeit, die in bewaffneten Konflikten als wichtige Charaktereigenschaft gesehen wird, zu produzieren[14].

Weibliche Kämpferinnen in Kolumbien und Nordsyrien

Um die eingangs aufgestellte These, dass Frauen als Teil einer bewaffneten Gruppe einen relevanten Einfluss auf die Abwesenheit sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten haben, zu diskutieren, ziehe ich als Fallbeispiele zwei bewaffnete Gruppen heran, die beide eine signifikant hohe Anzahl weiblicher Kämpferinnen aufweisen: die kolumbianische Guerilla FARC-EP (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee) sowie die die kurdische Miliz YPG/YPJ (Volksverteidigungseinheiten/Frauenverteidigungseinheiten).

Die FARC-EP ging in den 1960er Jahren aus kommunistischen Guerillabewegungen im ländlichen Gebiet hervor und war bis zur Unterzeichnung des Friedensvertrags mit der kolumbianischen Regierung 2016 eine der einflussreichsten Akteurinnen im Jahrzehnte andauernden Bürger*innenkrieg. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie weniger als 6.000 Mitglieder[15], nach Höchstzahlen von 10.000 – 15.000 im Jahr 2008[16]. Die YPG/YPJ gründete sich im Oktober 2011 im Kontext des syrischen Bürger*innenkriegs mit der Zielsetzung, die vorwiegend kurdisch bewohnten Gebiete Syriens zu verteidigen. Ihr wird eine enge Beziehung zur türkischen PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) und der syrischen PYD (Partei der demokratischen Region) nachgesagt, nachdem die YPG/YPJ auch als Streitkraft der Demokratischen Föderation Nordsyriens/Rojava gilt. 2017 wurde ihre Truppenstärke auf rund 50.000 Kämpfer*innen geschätzt.

Auf Basis von Berichten des Internationalen Strafgerichtshofs, des UN-Menschenrechtsrats und Amnesty International[17] zeigt sich das Bild, dass es eindeutig Fälle sexueller Gewalt vonseiten der FARC-EP gab, bislang jedoch keine Berichte von der Beteiligung der YPG/YPJ an solchen Praktiken vorliegen.

Werden die oben dargestellten Subthesen auf die einzelnen bewaffneten Gruppen angewendet, zeigt sich ein anderes Bild, als die hier diskutierte These vermuten lässt: Die FARC-EP erfüllt mehr Kriterien, die eine geringere Wahrscheinlichkeit der Anwendung sexueller Gewalt nahelegen, als die YPG/YPJ. Auch wenn beide einen hohen Frauenanteil aufweisen (FARC-EP rund 40%, YPG/YPJ etwa ein Drittel), weist die YPG/YPJ mehr „Risikofaktoren“ auf. Beispielsweise werden bei der FARC-EP die Kämpfer und Kämpferinnen gemeinsam ausgebildet und trainiert, wohingegen die YPG/YPJ ihre Mitglieder in geschlechtergetrennten Einheiten trainiert. Hier muss darauf hingewiesen werden, dass die kurdische Miliz grundsätzlich in eine getrennte Männereinheit (YPG) und Fraueneinheit (YPJ) gegliedert ist, in der FARC-EP sind die Kombattantinnen Teil der regulären Einheiten und leben in den gleichen Camps. Des Weiteren sind intime Paarbeziehungen zwischen FARC-EP-Mitgliedern erlaubt, während diese zwischen den Kämpfer*innen der YPG/YPJ streng verboten sind, wie aus dem Bericht einer Kämpferin hervorgeht[18].

Fazit

Wie die Diskussion der Fallbeispiele zwischen der kolumbianischen Guerilla und der kurdischen Miliz zeigt, weist die Präsenz von weiblichen Kämpferinnen an sich ein geringes Erklärungspotential für die Abwesenheit sexueller Gewalt gegen Zivilist*innen auf. Denn folgt man den hervorgebrachten Annahmen, wäre es wahrscheinlicher, dass die YPG/YPJ auf dieses Gewaltmittel zurückgreift. Allerdings zeigt sich bei den ausgewählten Fällen das Gegenteil. Dementsprechend sind Theorien, die auf Basis der reinen Anwesenheit von Frauen argumentieren, zum einen wenig erkenntnisreich, zum anderen oftmals von starken Gender-Stereotypen durchzogen. Vielversprechender scheinen allerdings weitere Untersuchungen bezüglich Fragen darüber, welche Funktionen Frauen in der jeweiligen bewaffneten Gruppe übernehmen und wie sich damit einhergehend ihr Mitspracherecht und ihr Einfluss auf das Handeln und die Ausrichtung der Gruppe gestaltet. Elisabeth Wood[19] schlägt darüber hinaus vor, dass ein größerer Fokus auf die hierarchische Struktur innerhalb der Gruppe sowie die zugrundeliegende Ideologie und den (gesamtgesellschaftlichen) sozio-politischen Kontext gelegt werden muss. Zudem wird deutlich, dass es einer stärkeren Berücksichtigung von Gender-Stereotypen sowie der Sozialisierung von Kombattant*innen bedarf.

[1] Für eine Auswahl: Cohen, D. K. (2016): Rape During Civil War. Ithaca, NY. Kirby, P. (2013): How is rape a weapon of war? Feminist International Relations, Modes of Critical Explanation and the Study of Wartime Sexual Violence. European Journal of International Relations 19 (4), 797–821. Eriksson Baaz, M./Stern, M. (2009): Why do Soldiers Rape? Masculinity, Violence, and Sexuality in the Armed Forces in the Congo (DRC), International Studies Quarterly 53 (2), 495–518. Wood, E. J. (2009): Armed Groups and Sexual Violence. When Is Wartime Rape Rare?, Politics & Society 37 (1), 131–162.

[2] Cohen, D. K. (2016), 73.

[3] Für die Definition von sexueller Gewalt siehe: International Criminal Court (2000): Elements of Crimes, U.N. Doc. PCNICC/2000/1/Add.2 Article 7 (1) (g). Verfügbar unter: https://documents-dds-ny.un.org/doc/UNDOC/GEN/N00/724/27/PDF/N0072427.pdf?OpenElement [16.06.2019]

[4] Wood, E. J. (2009).

[5] Wood, E. J. (2009), 135-136.

[6] Kuloğlu, C. (2008): Violence Against Women in Conflict Zones. In: Carreiras, H. & Kümmel, G. (Hrsg.): Women in the Military and in Armed Conflict. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 227–238.

[7] Enloe, C. H. (2000): Maneuvers. The International Politics of Militarizing Women’s Lives. University of California Press, Berkeley, Calif, S. 111. Cohen, D. K. (2016). Wood, E. J. (2009): 135.

[8] Enloe, C. H. (2000),111.

[9] Wood, E. J. (2009), 135.

[10] Ebd.; Reed, E./Gupta, J./Silverman, J. G. (2014): Understanding Sexual Violence Perpetration. JAMA Pediatr., 168(6), 581-582.

[11] Eriksson Baaz, M./Stern M. (2018): Curious erasures. The Sexual in Wartime Sexual Violence, International Feminist Journal of Politics, 20:3, 295-314,

[12] Reed, E./Gupta, J./Silverman, J. G. (2014).

[13] Tiger, L. (2004): Men in Groups. Taylor and Francis, Somerset.

[14] Cockburn, C. (2004): The Continuum of Violence. A Gender Perspective on War and Peace. In: Giles, W. M./ Hyndman, J. (Hrsg.): Sites of violence: Gender and conflict zones. University of California Press, Berkeley, 24–44.

[15] Heidelberg Institute for International Conflict Research (2017): Conflict Barometer 2016, Heidelberg.

[16] Uppsala Conflict Data Program: FARC. http://ucdp.uu.se/#actor/7438 [28.08.2019].

[17] Siehe beispielsweise für Kolumbien: International Criminal Court (2012): Situation in Colombia: Interim Report. Verfügbar unter: https://www.icc-cpi.int/NR/rdonlyres/3D3055BD-16E2-4C83-BA85-35BCFD2A7922/285102/OTPCOLOMBIAPublicInterimReportNovember2012.pdf [23.09.2018] oder Amnesty International (2017): Amnesty International (AI) (2004) Colombia. Cuerpos Marcados, Crímenes Silenciados.Violencia Sexual contra las Mujeres en el Marco del Conflicto Armado. Editorial Amnistía Internacional, Madrid, verfügbar unter: https://www.amnesty.org/es/documents/AMR23/040/2004/es/ [31.08.2019]; siehe beispielsweise für Syrien die Berichte der Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic verfübar unter: https://www.ohchr.org/EN/HRBodies/HRC/IICISyria/Pages/Documentation.aspx [31.08.2019].

[18] Buckler, J.-B. (2016): Ein deutscher YPG-Kämpfer erzählt, wie der Krieg gegen den IS von innen aussieht. https://www.vice.com/de/article/8gbj5v/ein-deutscher-ypg-kaempfererzaehlt-wie-der-krieg-gegen-den-is-von-innen-aussieht-885 [25.09.2018].

[19] Wood, E. J. (2009).

Viktoria Reisch studiert Inter-nationale Studien/ Friedens- und Konfliktforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt mit einem Schwerpunkt auf Südamerika,  Indigene und Gender Studies. Zuletzt hat sie ein Praktikum beim Klima-Bündnis, einem europäischen Städtenetzwerke mit Sitz in Frankfurt, gemacht. Aktuell ist sie Praktikantin bei der Heinrich-Böll-Stiftung Cono Sur in Santiago und forscht für ihre Masterarbeit.

Frieden und Menschenrechte in Kolumbien: Kein Frieden für Kolumbiens MenschenrechtsaktivistInnen?

Frieden und Menschenrechte in Kolumbien: Kein Frieden für Kolumbiens MenschenrechtsaktivistInnen?

Von Christina Ankenbrand und Jana Hornberger

Nach dem Abschluss des Friedensabkommens mit der FARC-Guerilla im November 2016 hat Kolumbien einen großen Schritt auf dem Weg in Richtung Frieden gemacht. Die Transformation eines langjährig gewaltsam ausgetragenen Konflikts erfordert jedoch mehr als das bloße Unterzeichnen eines Stück Papiers. Eine Kultur der Gewalt beherrscht Kolumbien seit Jahrzehnten und es wird dauern, bis sich eine Kultur des Friedens durchsetzt, in der ehemals verfeindete Bevölkerungsgruppen konstruktive, freundschaftliche Beziehungen eingehen können. Vor allem jene, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen, werden nach wie vor selbst Opfer von Gewalt. Die Situation von MenschenrechtsaktivistInnen in Kolumbien war während der letzten Jahrzehnte besorgniserregend und hat sich auch ein Jahr nach dem Friedensabkommen nicht verbessert.

Frieden und Menschenrechte

Die Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte macht deutlich, dass Frieden und Menschenrechte eng miteinander verbunden sind. So heißt es dort, dass „die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet“ [1].

Frieden bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krieg und gewalttätigen Konflikten. Frieden ist ein Prozess und beinhaltet entsprechend der gängigen Definition des Friedensforschers Johan Galtung neben der Abwesenheit von personeller Gewalt auch die Abwesenheit von struktureller und kultureller Gewalt, also Ungleichheit, Diskriminierung und Armut [2]. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet Frieden eine Abnahme von Gewalt und eine Zunahme von Gerechtigkeit. Die Verwirklichung und Einhaltung der Menschenrechte kann als wesentlicher Indikator hierfür betrachtet werden. Frieden ist jedoch weitaus mehr als das. Aus einer kritischen und ganzheitlichen Perspektive darf nicht vergessen werden, dass Frieden ein kontextabhängiger und relationaler Prozess ist, der auf der Beziehungsebene zwischen den unterschiedlichen Akteuren stattfinden muss. [3]

Die Basis für einen dauerhaft stabilen Frieden kann nur geschaffen werden, wenn sich neben den politischen und sozioökonomischen Strukturen auch gesellschaftliche Beziehungsformen verändern können. Dies ist allerdings ein langwieriger Prozess, der Zeit und Geduld erfordert. Hierbei kommt auch dem Staat eine wichtige Rolle zu, der dafür verantwortlich ist, das Leben, die Rechte und die Sicherheit seiner EinwohnerInnen zu schützen. Wo dies nicht der Fall ist, versuchen insbesondere MenschenrechtsaktivistInnen auf soziale und politische Missstände aufmerksam zu machen. Häufig werden jedoch genau jene Menschen, die sich für die Rechte bestimmter Bevölkerungsgruppen einsetzen, Opfer von Menschenrechtsverletzunge

In Lateinamerika ist die Situation für MenschenrechtsaktivistInnen gefährlich. In vielen Ländern existieren tiefe Konfliktlinien und extreme soziale Ungleichheit. Viele Menschen setzen sich deshalb für ihre oder die Rechte anderer ein. Nicht wenige von ihnen bezahlen diesen Einsatz mit ihrem Leben. Eines der international bekanntesten Beispiele ist die Ermordung der honduranischen Umweltschützerin Berta Cáceres, die gegen den Bau eines umstrittenen Wasserkraftwerks kämpfte und am 3. März 2016 von Unbekannten erschossen wurde. [4] Fälle wie diesen gibt es viele, die meisten bleiben unaufgeklärt.

MenschenrechtsaktivistInnen sind Frauen und Männer, die sich für die grundlegenden Rechte ihrer Mitmenschen und Umwelt einsetzen, oft weil sie selbst einer Gruppe angehören, deren Lebensgrundlage und Freiheitsrechte extrem gefährdet sind. In Kolumbien und im weiteren lateinamerikanischen Kontext sind es Personen aus der Zivilgesellschaft wie Frauen, indigene und afrolateinamerikanische Gruppen, Land- und UmweltaktivistInnen, Bauernorganisationen, oder Angehörige der LGBT-Bewegung (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) sowie nationale Nichtregierungsorganisationen, Anwaltskanzleien, JournalistInnen oder KünstlerInnen, die unter lebensgefährlichen Bedingungen arbeiten.

Menschenrechte in Kolumbien: Die Realität von MenschenrechtsaktivistInnen ein Jahr nach dem Friedensabkommen mit der FARC

In Kolumbien herrschte in den letzten Jahrzehnten einer der längsten innergesellschaftlichen Konflikte der Welt, in dem seit 1948 circa 220.000 Menschen ums Leben kamen [5]. Die Hauptkonfliktlinien des Konflikts erstrecken sich entlang der Themenfelder Territorium und Landbesitz, Kokaanbau und der damit verbundene Drogenkrieg sowie politische Mitbestimmung. In diesem Kontext wurden circa 8 Millionen Menschen Opfer von Folter, sexueller Gewalt, erzwungenem Verschwindenlassen, Massakern, Minen oder Vertreibungen [6]. Diese Angaben sind jedoch kritisch zu betrachten, da Recherche und Untersuchungen bezüglich der Anzahl von Todesopfern im Rahmen des Konfliktes auf Grund mangelnden politischen Willens erst relativ spät begannen. Zudem gibt es in Kolumbien bis heute erhebliche logistische und methodologische Probleme bei der Erhebung relevanter Daten. Ein Grund dafür ist, dass die Gewalt in Kolumbien streckenweise auf dem Land stärker war als in den Städten. Die ländlichen Gebiete Kolumbiens sind mangels schlechter Infrastruktur sehr schwer zugänglich. Außerdem ist der Begriff des Opfers im kolumbianischen Kontext vielschichtig. Lange Zeit war nicht einheitlich geregelt, wer sich als Opfer bezeichnen darf und wer nicht. Mit dem Gesetz 1448 von 2011 (Ley de víctimas y restitución de tierras – Opfergesetz und Regelung der Landrückgabe) wurde dafür erstmalig ein einheitliches System geschaffen [7].

In den letzten Jahrzehnten gab es auf nationaler Ebene immer wieder Bestrebungen, den Konflikt mit den Guerilla-Gruppen zu beenden, jedoch konnten sich die Regierungen und die Guerilla-Gruppen bis dato nie auf nachhaltige Lösungen einigen. Seit 2012 zeichnete sich ein stabiler Verhandlungsprozess zwischen der Regierung unter Präsident Juan Manuel Santos und der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia), der größten Guerilla-Gruppe, ab. Im September 2016 unterzeichneten beide Parteien ein Friedensabkommen, das die Bevölkerung jedoch etwa eine Woche später in einem Referendum mit knapper Mehrheit zurückwies. Trotz gescheiterten Referendums unterzeichneten der Präsident und der Chef der FARC im November ein revidiertes Friedensabkommen. Das Verfassungsgericht befand die Verabschiedung des revidierten Abkommens für gültig. Seit Dezember 2016 herrscht nun offiziell Frieden mit der FARC. Seitdem erlebt das Land eine Welle von positiven Entwicklungen, die nach jahrzehntelanger Gewalt Anlass zur Hoffnung auf einen erfolgreichen Friedensprozess geben. Zudem finden seit Anfang des Jahres Verhandlungen mit der zweitgrößten Guerilla-Gruppe, der ELN (Ejército de Liberación Nacional), in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito statt [8].

Die Situation von MenschenrechtsaktivistInnen in Kolumbien war während des Konfliktes immer wieder besorgniserregend. Gezielte Ermordungen von politisch aktiven Menschen durch Paramilitärs und Sicherheitskräfte waren während des Konfliktes immer wieder traurige Realität. So erlebten beispielsweise die EinwohnerInnen der Comuna 13, eine Gemeinde in Medellín, in den 2000er Jahren unter der so genannten Operación Orión eine Welle der Gewalt. Selektive und gezielte Verfolgungen und Ermordungen von MenschenrechtsaktivistInnnen sowie willkürliche Gewalt gegen die Zivilbevölkerung waren Teil dieser militärischen Operation, die bis heute noch nicht strafrechtlich aufgearbeitet wurde. [9]

Die Gefahren für MenschenrechtsaktivistInnen sind vielfältig. Sie umfassen Drohungen, Einschüchterungen, Mord, illegale Beschattung durch staatliche Geheimdienste, Diffamierung von höchsten Regierungsstellen oder Haft- und Strafprozesse [10]. Seit über 30 Jahren wurden jährlich zwischen 70 und 120 MenschenrechtsaktivistInnen in Kolumbien ermordet [11]. Auch ein Jahr nach dem Friedensabkommen ist die Situation nicht besser geworden: Im Jahr 2016 wurden fast 80 MenschenrechtsaktivistInnen in Kolumbien ermordet, Hunderte wurden Opfer von Bedrohungen oder gewaltsamen Angriffen [12]. Derzeit am stärksten betroffen sind lokale Gemeindevorsteher, darunter insbesondere diejenigen, die sich für Rechte im Kontext von Land- und Umweltkonflikten in ländlichen Gebieten einsetzen oder in Koka-Anbaugebieten leben und aktiv sind.

Zu den Hauptgründen dieser anhaltenden Realität zählen das Verbleiben paramilitärischer Strukturen, Straflosigkeit und staatliches Versagen. In den vergangenen Jahren betonte die Regierung immer wieder, dass gegen die paramilitärischen Strukturen vorgegangen werde. Diese werden von offizieller Seite mittlerweile als „kriminelle Banden“ (bandas criminales – „BACRIM“) bezeichnet – ein Euphemismus für Gewaltakteure, die keinesfalls aus der Welt geschaffen worden sind oder ernsthaft rechtlich verfolgt werden. Der kolumbianische Paramilitarismus ist ein höchst komplexes Phänomen des Konflikts, welches mit den nationalen Macht-und Elitestrukturen eng verwoben ist und diese bis heute durchdringt und bestimmt. Hinzu kommt, dass der öffentliche politische Raum noch nicht geöffnet ist für kritische Stimmen und benachteiligte Bevölkerungsgruppen. Wo sich MenschenrechtsaktivistInnen für Rechte wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte), das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person (Artikel 3) oder das Recht auf Eigentum (Artikel 17) einsetzen, sind ihre eigenen Rechte wie das auf Meinungs- und Informationsfreiheit (Artikel 19) oder sogar das auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person (Artikel 3) bedroht. Damit bleiben MenschenrechtsaktivistInnen eine vulnerable Gruppe.

Kolumbien auf dem Weg zum Frieden: Die Bedeutung der Menschenrechte

Laut dem Hohen Kommissar für Menschenrechte der Vereinten Nationen erfüllt das Friedensabkommen mit der FARC de jure die internationalen Verpflichtungen im Bereich der Menschenrechte und kann bei sorgfältiger Umsetzung den Staat dabei leiten, strukturelle Menschenrechtsprobleme ganzheitlich anzugehen und zu überwinden [13]. Hierzu stellen laut Ansicht des Hohen Kommissars für Menschenrechte insbesondere die Vorschläge in Bezug auf Landreformen und illegalen Drogenanbau eine Hilfe dar: Das Adressieren der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte würde dabei helfen, Gewalt, soziale Ausgrenzung und politische Exklusion zu überwinden und die Ausübung von bürgerlichen und politischen Rechten zu erhöhen.

Das Friedensabkommen sieht neben dem Niederlegen der Waffen und politischer Partizipation der FARC vor, Opfern des Konflikts zu Aufklärung und Entschädigung zu verhelfen, eine Sonderjustiz für den Frieden einzurichten und durch Landreformen und Bekämpfung des illegalen Drogenanbaus für mehr sozio-ökonomische Gerechtigkeit zu sorgen. Somit stellt das Abkommen eine gute Grundlage für einen nachhaltigen Friedensprozess dar und die FARC hat sich dazu bereit erklärt, diesen Weg mitzugehen. Jedoch profitieren nicht alle Akteure von dem Friedensprozess und sind dazu bereit, den Weg zur Umsetzung friedlicher Strukturen mitzugehen. Speziell das von der FARC hinterlassende Machtvakuum wird von illegal bewaffneten Akteuren wie den BACRIM oder der kleineren Guerilla-Gruppe ELN gefüllt. Menschenrechtsaktivistinnen, die auf Verbrechen und Ungerechtigkeiten dieser Akteure hinweisen, stellen ein Hindernis für deren Interessen dar und laufen Gefahr, selbst Opfer von Menschenrechtsverletzungen zu werden.

Es ist wichtig, dass der Staat MenschenrechtsaktivistInnen besser schützt, sich verstärkt für Menschenrechte und den Aufbau pluraler, demokratischer Strukturen einsetzt und Menschenrechtsverletzungen vehementer verfolgt, aufklärt und bestraft. Daneben wird es von zentraler Bedeutung sein, eine Kultur des Friedens zu etablieren, wobei speziell der Friedens- und Menschenrechtsbildung eine wichtige Rolle zukommen wird. Diese kann beispielsweise das Bewusstsein stärken, dass Frieden auch ein gesellschaftlicher Prozess ist, der bei jedem Menschen beginnt. Frieden in Kolumbien wird laut dem US-amerikanischen Friedensforscher John Paul Lederach dann erreicht, wenn jede/r KolumbianerIn sich dazu bereit erklärt, Unterschiede zu respektieren und fähig wird, konstruktive Beziehungen mit dem Anderen einzugehen – mit jenem anderen, den er mehr als ein halbes Jahrhundert nicht mochte oder nicht anhören wollte [14]. Ohne das Einstehen für und das tägliche Erinnern an die Menschenrechte, welche die Grundlage für ein Zusammenleben in Freiheit, Gleichheit, Solidarität und Gerechtigkeit bilden, kann es keinen Weg zu einem dauerhaften Frieden geben.

Christina Ankenbrand

Christina Ankenbrand ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Friedensakademie Rheinland-Pfalz. Sie hat Politik- und Verwaltungswissenschaft sowie Peace and Conflict Studies studiert und sich eingehend mit Konflikten in Afrika und Lateinamerika beschäftigt. Bei einem studienbegleitenden Praktikum bei der Deutschen Botschaft in Bogotá arbeitete sie unter anderem zum Thema Menschenrechte in Kolumbien, wo sie bereits nach dem Abitur mehrere Monate im Rahmen eines Freiwilligendienstes gelebt und gearbeitet hatte.

Jana Hornberger

Jana Hornberger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Friedensakademie Rheinland-Pfalz. Sie hat Politikwissenschaft und Friedens- und Konfliktforschung studiert und sich intensiv mit Konflikten in Lateinamerika, insbesondere Mexiko, Guatemala und Kolumbien auseinandergesetzt. Sie hat im Bereich der Menschenrechtsbegleitung in Guatemala gearbeitet und im Sommer 2017 einen Forschungsaufenthalt in Kolumbien absolviert.

Quellen

[1] Siehe http://www.un.org/depts/german/menschenrechte/aemr.pdf (6.12.2017).

[2] Galtung (1971): Gewalt, Frieden und Friedensforschung. In: Senghaas, Dieter: (Hrsg): Kritische Friedensforschung. Frankfurt am Main. S. 55-104.

[3] Zu den vielen Frieden siehe Dietrich (2008): Variationen über die vielen Frieden. Band 1: Deutungen. Wiesbaden.

[4] Siehe http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-11/honduras-berta-caceres-mord-voith-hydro-siemens-menschenrechte-verantwortung (11.12.2017)

[5] Siehe http://centrodememoriahistorica.gov.co/descargas/informes2013/bastaYa/capitulos/basta-ya-cap1_30-109.pdf (11.12.2017).

[6] Ebd.

[7]  http://www.centrodememoriahistorica.gov.co/micrositios/caminosParaLaMemoria/descargables/ley1448.pdf (11.12.2017).

[8] Siehe https://amerika21.de/2017/05/175717/verhandlungen-frieden-eln (13.12.2017)

[9] Siehe http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-08/kolumbien-friedensprozess-medellin-gewalt (11.12.2017).

[10] Siehe http://lateinamerika-nachrichten.de/?aaartikel=leben-mit-der-alltaeglichen-einschuechterung (11.12.2017).

[11] Siehe http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Kolumbien/perello.html (11.12.2017).

[12] Siehe https://www.amnesty.de/2017/2/9/kolumbien-mordwelle-im-jahr-des-friedens (11.12. 2017).

[13] Siehe http://undocs.org/A/HRC/34/3/Add.3 (6.12.2017).

[14] Siehe https://colombia2020.elespectador.com/pais/la-paz-la-construye-cada-colombiano-john-paul-lederach (13.12.2017).

Happy-End in Kolumbien? Warum jetzt die schwierigste Phase des Friedensprozesses beginnt

Happy-End in Kolumbien? Warum jetzt die schwierigste Phase des Friedensprozesses beginnt

Von Thomas Keil

Nach dem überraschenden „Nein“ der Kolumbianer_innen zum Friedensabkommen mit der FARC im Oktober, ist es der kolumbianischen Regierung nun gelungen einen neuen Friedensvertrag auszuhandeln und zu verabschieden. Nach 52 Jahren bewaffnetem Konflikt scheint der Frieden damit nun endlich in greifbarer Nähe. Allerdings markiert die Verabschiedung des Friedensvertrages keineswegs das Ende des kolumbianischen Friedensprozesses. Vielmehr stellen seine Umsetzung und die Transformation der Konfliktursachen die kolumbianische Gesellschaft vor große Herausforderungen. Es ist wichtig, dass die internationale Gemeinschaft ihre Aufmerksamkeit nun nicht von Kolumbien abwendet.

Die fast unendliche Geschichte: Einigung und Verabschiedung des Friedensabkommens

Für alle Befürworter_innen des Friedensvertrags in Kolumbien brachte der 13. Dezember eine gute Nachricht: Das Verfassungsgericht befand, dass die Verabschiedung des revidierten Abkommens zwischen Regierung und FARC-Guerilla durch den Kongress gültig ist. Nicht minder wichtig ist, dass auch der so genannte „Fast-Track“-Mechanismus intakt gelassen wurde, der es zulässt, Gesetzesvorhaben und Verfassungsänderungen zur Umsetzung des Friedensvertrags, in beschleunigtem Verfahren durch das Parlament zu bringen. Damit sind die notwendigen Voraussetzungen gegeben, um nun zügig die dringendsten Komponenten für die beginnende Umsetzung der Vereinbarungen bereitzustellen – vor allem das Amnestiegesetz und die Sonderjustiz für den Frieden. Diese sind vor allem wichtig, um Erwartungssicherheit aufseiten der FARC zu schaffen, die sich in den kommenden sechs Monaten sammeln und entwaffnen sollen.

Das langwierige Kapitel der Aushandlung und Verabschiedung eines Friedensabkommens im Thriller namens „kolumbianischer Friedensprozess“ konnte also endlich abgeschlossen werden. Ein nicht zu unterschätzender Erfolg, wenn man sich die Ereignisse der vergangenen Monate ins Gedächtnis ruft: Nach der feierlichen Unterzeichnung des Abkommens in Cartagena am 26. September wiesen die Kolumbianer_innen den historischen Vertrag knapp eine Woche später mit einer hauchdünnen Mehrheit in einer Volksabstimmung zurück. Damit war das Ergebnis von etwa vier Jahren Verhandlungen vorerst delegitimiert. Auf eine kurze Schockstarre folgten große, vor allem von Studierenden initiierte, Demonstrationen für den Frieden und die Ankündigung aus Norwegen, dass Präsident Santos den diesjährigen Friedensnobelpreis erhalten solle. Die Abfolge der Ereignisse war derart schnell und verwirrend, dass haufenweise Vergleiche mit dem magischen Realismus Gabriel García Marquez‘ gezogen wurden.

In der Folge bemühten sich die Verhandlungsteams und die Regierung Santos, im Dialog vor allem mit den diversen Stimmen der „NO“-Kampagne, Vorschläge zu sammeln und in die Nachverhandlungen einzubringen. Bereits am 12. November konnte ein neues Abkommen vorgestellt werden, das zwar in Struktur und Inhalt dem ersten folgt, aber dennoch einige durchaus wichtige Präzisierungen und Änderungen enthält (mehr Infos): So wird das neue Abkommen keinen Verfassungsrang mehr erhalten, die Freiheitsbeschränkungen im Rahmen der Urteile der Sonderjustiz wurden deutlich präzisiert und Delikte von FARC-Mitgliedern im Zusammenhang mit dem Drogenhandel werden nun nicht mehr pauschal amnestiert. Kaum Änderungen gab es hingegen beim Thema der politischen Partizipation: Ex-Guerilleros sollen im Rahmen der Sonderjustiz nicht ihre politischen Rechte verlieren und der FARC-Nachfolgepartei werden weiterhin fünf Sitze pro Parlamentskammer für zwei Wahlperioden garantiert. Die Hoffnung, durch die Nachverhandlungen einen breiten nationalen Konsens zu erreichen, erfüllte sich allerdings nicht. Die prominenten Köpfe des „Nein“ änderten ihre Meinung nicht und so bleibt die politische Polarisierung auch mit dem revidierten Abkommen hoch.

Das neue Kapitel: Herausforderungen und Gefahren der Umsetzung

Wie sind nun die Perspektiven für den nächsten Teil der kolumbianischen Friedensgeschichte, die Umsetzung des Abkommens? In seiner Rede zur Verleihung des Nobelpreises sagte Präsident Juan Manuel Santos, nun sei ganz Amerika eine Zone des Friedens. Doch diese Behauptung ist etwas voreilig: Damit in Kolumbien tatsächlich Frieden geschaffen werden kann, kommt es wesentlich darauf an, wie gut die Friedensvereinbarungen und die dort enthaltenen Reformen umgesetzt werden können. Diese Ansicht wird auch aus der Friedens- und Konfliktforschung gestützt. In diesem Zusammenhang stellen mehrere Faktoren eine Gefahr dar.

Zum ersten handelt es sich bekanntermaßen um ein Abkommen zwischen Regierung und FARC. Es bietet die Aussicht, die mit Abstand wichtigste Guerillaorganisation des Landes in einen legalen politischen Akteur umzuwandeln. Die geplanten formalen Verhandlungen mit der kleineren „Nationalen Befreiungsarmee“ (ELN) stehen allerdings weiterhin aus. Zudem gibt es weitere illegale bewaffnete Akteure, unter denen sich die Überreste früher teilweise demobilisierter Guerillas, Nachfolger der Paramilitärs und Banden finden. Auch aufseiten der FARC haben sich kleinere Splittergruppen gebildet, die sich nicht demobilisieren wollen. Die genannten Akteure sorgen in den von ihnen besetzten, meist marginalisierten Gebieten des Landes weiterhin für Unsicherheit oder befinden sich in zuvor FARC-kontrollierten Territorien in einem beginnenden gewaltsamen Wettbewerb um die „Nachfolge“ der Hoheit über illegale Ökonomien. Diese Existenz von bewaffneten „Störenfrieden“ (spoilers) ist ein gravierendes Hindernis für die Umsetzungsphase und damit für die Schaffung dauerhaften Friedens. Der Hohe Menschenrechtskommissar der Vereinten Nationen im Land äußerte sich jüngst sehr besorgt über diese Problematik und über die bereits 52 politisch motivierten Morde im Jahr 2016.

Ein zweites Problem sind die wirtschaftlichen Perspektiven Kolumbiens. Die (Rohstoff-)Exporte schwächeln und das Wachstum des Landes lag zwischen Mai und August diesen Jahres bei nur zwei Prozent, der schlechteste Wert seit sieben Jahren. Staatliche Institutionen kämpfen mit rückläufigen Budgets und es ist fraglich, inwiefern die geplante Steuerreform die Staatseinnahmen stärken kann. In der revidierten Version des Friedensvertrags wird zudem betont, dass die Umsetzung die fiskalische Nachhaltigkeit nicht infrage stellen dürfe. Während in der Forschung Belege für die Bedeutung einer guten wirtschaftlichen Entwicklung für die „Haltbarkeit“ von Friedensabkommen angeführt werden, sind die diesbezüglichen Aussichten momentan recht trüb.

Ein dritter Faktor ist die bereits erwähnte starke politische Polarisierung im Land. Dass diese nachlässt, ist unwahrscheinlich, zumal im Frühjahr 2018 die nächsten Präsidentschaftswahlen anstehen. Dies dürfte 2017 zu vermehrter Unruhe innerhalb der heterogenen Regierungskoalition führen. In Teilen der linken Opposition gibt es derweil eine intensive Debatte darüber, ob man mit der Perspektive einer möglichst breiten Koalition für den Frieden in die Vorwahlperiode geht oder lieber einen scharfen Oppositionskurs gegenüber der amtierenden Mitte-Rechts-Regierung fährt. Mit Blick auf die Nachhaltigkeit des Friedensprozesses erscheint erstere Option geboten, vor allem da die rechten und ultrakonservativen Kräfte ihre große Mobilisierungsfähigkeit bei der Volksabstimmung unter Beweis gestellt haben. Selbst mit einer breiten Allianz der Unterstützer_innen des Friedensabkommens besteht die Gefahr, dass der oder die nächste Präsident_in den Friedensprozess kaum unterstützt oder sogar ablehnt – mit schweren Folgen für dessen Umsetzung. Eine schwere Hypothek in diesem Zusammenhang ist die Ablehnung des ersten Friedensvertrags an den Wahlurnen und die Verabschiedung des revidierten Abkommens durch den Kongress. Dies bietet eine hervorragende Angriffsfläche für die Gegner_innen des Prozesses, die so leicht die Legitimität des Abkommens infrage stellen können.

Fazit

Die Einigung auf ein neues Abkommen mit den FARC und dessen Verabschiedung bieten die Chance, dem Ziel eines nachhaltigen Friedens in Kolumbien sehr viel näher zu kommen. Dies erfordert eine konsequente Umsetzung der (Re-)Integration der FARC als Ganzes in das politische Leben auf der einen Seite sowie die sozio-ökonomische Wiedereingliederung ihrer Mitglieder auf der anderen Seite. Es erfordert effektiven Schutz für die Demobilisierten aber auch für Aktivist_innen und Menschenrechtsverteidiger_innen. Um Frieden dauerhaft zu verwirklichen bedarf es des Weiteren einer verbesserten Beteiligung am politischen Prozess, einer effektiven Übergangsjustiz sowie Wiedergutmachung für die Opfer des gewaltsamen Konflikts. Schließlich bedarf es umfangreicher Wirtschaftsreformen, die der Friedensvertrag vor allem mit Blick auf ländliche Ökonomien vorsieht. Nun sind die kolumbianische Politik und Zivilgesellschaft gefragt, die Umsetzung des Friedensvertrages aktiv einzufordern und zu begleiten. Breite und effektive Allianzen für den Friedensprozess sind dafür von großer Bedeutung. Die internationale Gemeinschaft sollte währenddessen ihre Unterstützung für den Frieden und die Bündnisse, von denen er getragen wird, mindestens genauso stark wie bis jetzt unter Beweis stellen. Unter diesen Voraussetzungen kann die scheinbar unendliche Geschichte des kolumbianischen Friedensprozesses zu einem erfolgreichen Ende geschrieben werden.

Thomas Keil

Thomas Keil ist Projektassistent bei der Friedrich-Ebert-Stiftung und arbeitet im Büro der Stiftung in Bogotá, Kolumbien. Zuvor studierte er Verwaltungswissenschaften und Politikwissenschaften in Münster, Twente und an der Freien Universität Berlin.

Eine Woche in Macondo: Wo Emotionen für die Friedensforschung relevant werden

Eine Woche in Macondo: Wo Emotionen für die Friedensforschung relevant werden

Von Hendrikje Grunow

Es war, als habe Gott beschlossen, jede Fähigkeit des Staunens auf die Probe zu stellen, und halte Macondos Einwohner in einem fortgesetzten Hin und Her des Frohlockens und der Enttäuschung, zwischen Zweifel und Offenbarung, bis schließlich niemand mehr genau wissen konnte, wo die Grenzen der Wirklichkeit lagen. [1]

Seit die Kolumbianer*innen am 02. Oktober aufgerufen waren, in einem Referendum über die Annahme des Friedensabkommens zwischen der Regierung und den Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC) abzustimmen, ist Macondo einmal mehr die realere Referenz für Kolumbien, wie dieses mittlerweile viral gewordene Zitat des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers García Márquez zeigt. Nur wer die Emotionen auf allen Seiten des Konflikts berücksichtigt, kann sich einer Erklärung darüber annähern, wieso eine knappe Mehrheit der Wähler*innen sich gegen den Vertrag aussprach.

Schock und Enttäuschung

Sonntagabend, 02. Oktober: Mein Ehemann und ich sitzen vor dem Computer und verfolgen live die Ergebnisse der Abstimmung. Als die ersten Zahlen erscheinen, atmen wir auf: etwa 53% Ja-Stimmen, nur das Quorum von etwa 4,5 Millionen Stimmen muss noch erreicht werden. Alle fünf bis zehn Minuten kommen nun neue Ergebnisse dazu, auch das Quorum ist bald erreicht. Andererseits wird der Vorsprung an Ja-Stimmen immer geringer, die urbanen Zentren sind bald vollständig ausgezählt. Fassungslos aktualisieren wir die Seite, klicken hektisch durch die einzelnen Regionen und hoffen, dass doch noch größere Stimmanteile fehlen. Als gegen ein Uhr nachts mehr als 99% der Stimmen ausgezählt sind, ist klar: Diejenigen, die überhaupt gewählt haben – 37,4% –, haben sich mit einer knappen Mehrheit gegen das Abkommen entschieden. Es herrscht Schweigen in der sonst so aktiven Familien-Whatsapp-Gruppe, und auch auf Facebook sehe ich viele fassungslose Beiträge von Freund*innen. Niemand versteht genau, was gerade eigentlich passiert ist. Wieso lehnt man einen Friedensvertrag ab?

(Fehlendes) Mitgefühl

Viele meiner Bekannten und Verwandten sind wahrlich keine glühenden Verehrer*innen des kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos. Dennoch waren sie sich einig darin, dass es in der Abstimmung nicht um ein Für oder Gegen die aktuelle Regierung ging, sondern darum,  Zustimmung für die Bemühungen um den Frieden zu zeigen. Gerade in den urbanen Zentren des Landes ist der Konflikt in den vergangenen Jahren immer weniger sichtbar geworden. In den stark vom Konflikt gekennzeichneten Landesteilen stimmten die Menschen mit großer Mehrheit für den Frieden, in den Städten allerdings herrscht Skepsis.

Viele haben es sich in der Unsicherheit eingerichtet, häufig kennen die Menschen gar nichts anders, denn der Krieg dauert bereits Jahrzehnte an. Wenn in vielen Nachrichten von 52 Jahren Konflikt gesprochen wird, dann trifft das nur auf den Konflikt mit der FARC zu, die sich im Jahr 1964 gründeten. Der historische, soziale, politische und ökonomische Kontext, der diese Gründung ermöglichte, kommt dabei aber nur selten zur Sprache. Die enormen Ungleichheiten in der Einkommensverteilung, Konflikte um Land, Drogenhandel und Paramilitarismus sind ebenso Teil des Konflikts und weisen auf historische Kontinuitäten, die in dieser Periodisierung nur geringe Berücksichtigung finden. In dem fast 300 Seiten langen Friedensabkommen werden diese Aspekte zwar angesprochen [2], ob die Regelungen – insbesondere was den Drogenhandel und organisierte Kriminalität anbelangt – aber überhaupt umsetzbar sind, bezweifeln immer noch viele Kolumbianer*innen. Die Hoffnung auf Frieden der Opfer auf dem Land wiegt die Zweifel und Ängste der weniger betroffenen städtischen Bevölkerung nicht auf.

Neid und Angst

Besonders die Regelungen für das Strafmaß bei Menschenrechtsverletzungen und die politische Beteiligung der dann Ex-Guerriller@s hatten die Gemüter erregt. Auch die versprochene staatliche, finanzielle Unterstützung für die Exkombattant*innen zur Reintegration in ein ziviles Leben war einigen Wähler*innen ein Dorn im Auge. Die Kampagne des No! hatte außerdem durch gezielte Falschinformation Neid und Angst geschürt. Im postfaktischen Wahlkampf war dann wichtiger, dass die “Genderideologie” die “traditionelle Familienstruktur” nicht zerstöre, und dass das Land vor dem Kommunismus bewahrt würde. Dass keiner dieser Punkte Teil des Abkommen ist, war da zweitrangig. Vielfach fußte das Nein auch auf einem Gefühl von Neid: Warum sollen die Geld vom Staat bekommen, wo ich doch auch arbeiten muss, um zu überleben? Warum dürfen die in den Kongress, wo mich niemand nach meiner Meinung fragt? Warum müssen die für ihre Verbrechen nicht ins Gefängnis, wo ich wegen jeder kleinen Verfehlung angezeigt werde? Wenngleich diese Fragen auf einem falschen Verständnis der im Abkommen vereinbarten Punkte beruhen, sprechen sie doch über die Gefühlslage der Menschen: viele historische Ungerechtigkeiten räumt auch dieses Abkommen nicht aus dem Weg. [3] Angst, Neid, Wut und Trotz sind Ausdruck eines diffusen Gefühls von Benachteiligung, dessen Relevanz für die Friedensforschung an dem überraschenden Sieg des Nein deutlich geworden sein dürfte.

Stille Hoffnung

Dabei wäre ein dauerhafter Waffenstillstand und die Entwaffnung der FARC doch schon ein großer Fortschritt, wenigstens in den Teilen des Landes, in denen die Waffen eben nicht ruhen. Und so begannen auch in den Städten Demonstrationen und Kundgebungen für den Frieden, als der erste Schock überwunden war. Ein neues Gefühl von Zusammenhalt und gemeinsamem Kampf fand seinen Ausdruck auf den Straßen. Allein in Bogota gingen 40.000 Menschen zum 3. Marsch der Stille, und reihten sich damit in eine historische Tradition des stummen Protests ein. [4] Als schließlich am 07. Oktober der Friedensnobelpreis an Präsident Santos ging, war doch wieder Euphorie zu spüren. Das Zeichen der internationalen Gemeinschaft, jetzt nicht die Flinte ins Korn zu werfen, brachte vielen enttäuschten Ja-Wähler*innen neuen Mut und die Hoffnung, dass es eines nicht all zu fernen Tages doch noch Frieden geben kann. Das Hin und Her des Frohlockens und der Enttäuschung, zwischen Zweifel und Offenbarung wird wohl noch eine Weile andauern, aber die Bürger*innen Macondos sind dazu bereit, für den Frieden die Grenzen der Wirklichkeit einzureißen.

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Hendrikje Grunow

Hendrikje Grunow ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Graduiertenkolleg “Das Reale in der Kultur der Moderne” an der Universität Konstanz. Sie promoviert zu affektivem Geschichtsbewusstsein und der Frage, wie sich Vergangenheit anfühlt, am Fallbeispiel der urbanen Mittelschicht Bogotas.

 Quellen

[1] Gabriel García Márquez (2014): Hundert Jahre Einsamkeit. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, S. 258.

[2] Der vollständige Text findet sich auf Spanisch hier: https://www.mesadeconversaciones.com.co/sites/default/files/24_08_2016acuerdofinalfinalfinal-1472094587.pdf (letzter Zugriff 13.10.2016).

[3] Siehe dazu auch den Bericht in der kolumbianischen Tageszeitung El Espectador über Wähler*innen in Ciudad Bolívar, einem der ärmsten Stadtteile Bogotas mit einer sehr großen Dichte an Vertriebenen, die – im Gegensatz zu den meisten anderen stark vom Konflikt betroffenen Regionen – mehrheitlich mit Nein stimmten: http://www.elespectador.com/noticias/paz/un-no-hacerse-escuchar-articulo-659274 (letzter Zugriff 14.10.2016).

[4] Der erste Marsch der Stille fand am 07. Februar 1948 statt und richtete sich gegen die Gewalt gegen Vertreter*innen und Anhänger*innen der liberalen Partei. Der zweite Marsch der Stille fand am 25. August 1989 im Nachgang zur Ermordung des liberalen Präsidentschaftskandidaten Luis Carlos Galán statt.