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Konfliktsensibler Journalismus

Warum konfliktsensibler Journalismus nicht mehr ist als guter Journalismus – und wir das Konzept trotzdem brauchen…

von Johanna Wild

 

Die Hauptaufgabe aller Journalisten besteht darin, über Konflikte zu berichten. Glauben Sie nicht? Dann stellen Sie sich mal die Frage, mit was wir es zu tun haben, wenn in unserer Stadt die alte Eckkneipe einem modernen Einkaufskomplex weichen soll und nicht jeder aus Freude darüber in die Luft springt.

Wir interessieren uns für Nachrichten, weil wir wissen wollen, was es Neues gibt in der Welt. „Suche in jedem Thema den Aspekt, an dem Menschen unterschiedlicher Meinung sind.“, haben mir erfahrene Kollegen bei meinen ersten journalistischen Gehversuchen eingetrichtert. „Erst da wird es spannend“. Sie hatten recht. So gut wie jede Veränderung wird von den einen befürwortet und von den anderen abgelehnt. Medien gewinnen ihre Anziehungskraft auch dadurch, dass sie uns diese unterschiedlichen Interessenslagen begreiflich machen.

Die meisten Journalisten setzen sich wenig mit Friedens- und Konfliktforschung auseinander. Dabei begeben sie sich mit Stift, Aufnahmegerät oder Kamera mitten hinein in die Dynamik von Konflikten. Und gestalten sie ganz wesentlich mit. Indem sie auswählen, welche Sichtweisen auf den Konflikt an die Öffentlichkeit gelangen. Indem sie einen Kommunikationskanal zwischen den Konfliktparteien herstellen. Und indem sie unbewusst dafür sorgen, dass am Konflikt beteiligte Individuen oder Gruppen in der Hoffnung auf eine wohlwollende Berichterstattung ihr Handeln verändern.

Der Ansatz des konfliktsensiblen Journalismus fordert Journalisten auf, sich der damit einhergehenden Verantwortung bewusst zu werden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ursprünglich geht das Konzept auf den Friedensforscher Johan Galtung zurück. Er bezeichnete die allgemein praktizierte Form der Berichterstattung als Kriegsjournalismus und stellte ihr als Ideal den Friedensjournalismus gegenüber.

Bis heute wird der Begriff des Friedensjournalismus – meist von Nicht-Journalisten – verwendet. Dies geschieht in guter Absicht, ist meiner Ansicht nach aber irreführend. Denn damit einher geht oft die Forderung an Journalisten, Advocacy-Arbeit für „die gute Sache“ zu betreiben. Den Fokus ihrer Beiträge sollen sie auf Friedensinititiativen richten, die teilenden Elemente eines Konfliktes ausblenden.

Doch wenn Journalismus zu Advocacy-Arbeit mutiert, läuft er Gefahr, zu Propaganda zu verkommen. Nehmen wir die Rolle der Medien vor und während des ruandischen Genozids im Jahr 1994. Journalisten stifteten die Medienkonsumenten gezielt zum Mord an der Tutsi-Minderheit an. Das Ergebnis ist bekannt. Unvorstellbar, dass all diese Propagandisten Genozid-Verfechter der ersten Stunde waren. Vermutlich veröffentlichten viele einfach das, was ihnen von Meinungsführern als die richtige Denkweise vorgesetzt wurde. Die Fähigkeit, kritisch zu hinterfragen, war in Ruanda damals nur schwach ausgeprägt.

Und auch mehr als zwanzig Jahre danach bleibt sie begrenzt. Wenn nun Journalisten aufgefordert werden, im Namen des Friedensjournalismus gezielt über friedensfördernde Maβnahmen zu berichten, geht das in eine falsche Richtung. Denn erneut werden sie darin bestärkt, Gedanken unhinterfragt zu übernehmen.

Die groβe Gefahr dabei: Es ist sehr subjektiv, was der eine oder die andere unter einer Friedensinitiative versteht. Könnte es zum Beispiel bedeuten, eine Identitätsgruppe aus dem Land zu werfen, damit „wir“ unseren Frieden zurückgewinnen? Als Journalistentrainerin in der Region der Groβen Afrikanischen Seen habe ich die Erfahrung gemacht, dass manche Menschen derartige Ideen aus voller Überzeugung als Friedensinitiativen begreifen.

Viel hilfreicher als ein einseitiger Schwerpunkt auf Friedensideen ist meiner Meinung nach die bewusste Rückbesinnung auf journalistische Grundprinzipien. Ein Kernprinzip journalistischer Arbeit ist es, möglichst alle Sichtweisen auf ein umstrittenes Thema aufzuzeigen. Auf diese Weise werden Leser, Hörer und Zuschauer befähigt, die Aussagen kritisch gegeneinander abwägen und sich selbst eine Meinung zu bilden.

Der Ansatz des konfliktsensiblen Journalismus pocht darauf, dies mit besonderer Umsicht zu tun. Denn die Tendenz, Konflikte einseitig darzustellen, ist (nicht nur) in Krisengebieten weit verbreitet. Oftmals sind Regierungen oder mächtige Meinungsführer eine der Konfliktparteien, die es zu ihrem Vorteil machen, dass sie zugleich den medialen Diskurs dominieren.

Konfliktsensibel arbeitende Journalisten bilden feine Sensoren dafür aus, wer innerhalb der nationalen Berichterstattung vernachlässigt wird. Sie helfen den betroffenen Menschen, ihre Ansichten an die Öffentlichkeit zu bringen. Denn wer sich ernst genommen fühlt, hat weniger Anlass, zu gewaltsamen Mitteln zu greifen, um sich Gehör zu verschaffen.

Das Prinzip der journalistischen Ausgewogenheit erfordert je nach Kontext Mut und ein hohes Maβ an Selbstreflexion seitens der Journalisten. Seit ich als Trainerin für das Journalistenteam der ruandischen Medienorganisation Ejo Youth Echo (EYE) arbeite, ist mir mehr als einmal die Aussage untergekommen: „Mit denen führe ich kein Interview. Die haben radikale Gedanken.“ Genau daran gilt es meiner Meinung nach zu arbeiten. Journalisten gehören oft selbst einer der Konfliktparteien an. Zu lernen, dass in einem professionellen journalistischen Beitrag auch die „anderen“ zu Wort kommen dürfen und sollen, ist einer der Lernprozesse, den ich mit ihnen gemeinsam täglich begehe.

Für ihre Radiosendung sprechen die jungen Journalisten von EYE jede Woche mit Politikern und ruandischen Intellektuellen. Gleichzeitig fahren sie durchs ganze Land und in die Nachbarländer Demokratische Republik Kongo und Burundi, um ganz „normale“ junge Menschen zu den gleichen Themen zu befragen. So fühlen sich die Autoritäten nicht auf den Schlips getreten und trotzdem kommt eine gröβere Bandbreite an Meinungen an die Öffentlichkeit. Klassischer Journalismus, aber unter den gegebenen Umständen doch eine konfliktsensible Herangehensweise, die in der Praxis keine Selbstverständlichkeit ist.

Unterstützt wird dieser Anspruch dadurch, dass sich die Redaktion von EYE aus Kindern von Genozidüberlebenden ebenso wie aus den Nachkommen von Tätern, Mitläufern und Unbeteiligten zusammensetzt. Die jungen Journalisten gehören den verschiedensten Konfessionen an und sie sind zu etwa gleichen Teilen junge Frauen und junge Männer. Denn egal wie sehr sich Journalisten um eine ausgewogene Berichterstattung bemühen, Objektivität bleibt letztendlich immer ein Traum. Durch die bewusste Auswahl eines Journalistenteams, das alle gesellschaftlichen Gruppen repräsentiert, wacht konfliktsensibler Journalismus darüber, dass möglichst viele Perspektiven in der Redaktion vertreten sind.

Konfliktsensibler Journalismus bedeutet nicht, gewaltsame Ereignisse aus der Berichterstattung auszuklammern. Physische Gewalt und Blutvergieβen einfach nur zu beschreiben, reicht jedoch nicht aus. Denn diese Phänomene haben immer eine Ursache. Und es ist die Aufgabe von Journalisten, dieser Ursache durch gute Recherchearbeit auf den Grund zu gehen. Nur wenn die Gesellschaft weiβ, wann und wieso Konflikte zu dem wurden, was sie heute sind, kann sie Ideen zu ihrer friedlichen Transformation entwickeln.

Dafür braucht es Journalisten, die über die Dynamik von Konflikten Bescheid wissen und sie analysieren können. Wer über Konflikte schreibt, sollte sich darüber bewusst sein, dass diese nicht dort anfangen, wo Blut flieβt, sondern lange davor. Er oder sie sollte wissen, dass ein Konflikt nicht nur entweder Gewinner oder Verlierer hervorbringt. Und gezielt darüber nachdenken, welche Interessen im Konfliktverlauf mitmischen, ohne jemals offen kommuniziert zu werden.

Genau an dieser Stelle profitieren Journalisten von der Friedens-und Konfliktforschung. Deren Erkenntnisse können dazu beitragen, dass Konflikte nicht einseitig verzerrt, sondern in ihrer ganzen Komplexität an die Öffentlichkeit gelangen. Eben auf eine konfliktsensible Art und Weise.

 

Johann Wild, Foto Thomas Imo/GIZ
Johann Wild, Foto Thomas Imo/GIZ

Johanna Wild ist Journalistin und arbeitet seit 2011 für den Zivilen Friedensdienst der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Ruanda. Sie berät die Medienorganisation Ejo Youth Echo (EYE) in Kigali und bildet Journalisten aus der Region der Groβen Afrikanischen Seen fort. Kontakt über Twitter: @Johanna_Wild