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Buchvorstellung: „Opting out of War“ von Mary B. Anderson & Marshall Wallace

Buchcover
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Kurzrezension von Sascha Werthes  zu

Anderson, Mary B./Wallace, Marshall (2013):
Opting Out of War. Strategies to Prevent Violent Conflict. Boulder/London: Lynne Rienner Publ.

 

Mit “Opting Out of War” legen Mary B. Anderson und Marshall Wallace erstmalig eine systematische Studie über ein in der Friedens- und Konfliktforschung kaum beachtetes Phänomen vor. Im Mittelpunkt ihrer Untersuchung stehen sogenannte „nonwar communities“. Damit anerkennen und thematisieren sie, „that systems and skills to prevent conflict between groups already exist in every society” (S. 2). Mehr noch, sie zeigen in ihrer vergleichenden Studie, dass es lokalen Gemeinschaften in allen Regionen der Welt immer wieder gelingt, sich bewusst einer Vereinnahmung durch Konfliktparteien zu widersetzen und eben nicht Teil des Krieges oder des gewaltsamen Konfliktes zu werden. Sie werden quasi zu Orten an denen der Krieg so nicht stattfindet, wo die gewaltvolle Kriegs- oder Konfliktdynamik ausgebremst oder gar völlig verhindert wird.

Das Buch gliedert sich in drei Hauptteile. In der ersten Hälfte des Buches spüren die beiden Autoren den Determinanten und Bedingungen nach, welche es den verschiedenen untersuchten Gemeinschaften ermöglichten, sich erfolgreich den jeweiligen Konfliktdynamiken zu entziehen. Das Kapitel 2 betrachtet drei wichtige Schritte, die dazu führten, dass sich die Gemeinschaften in ihrer Absicht zusammenfanden, sich vom Konflikt, den Konfliktdynamiken und den Konfliktparteien abzugrenzen (1. Die bewusste Einschätzung der Kosten eines Krieges bzw. der Beteiligung am Krieg für die Gemeinschaft; 2. Die kritische Betrachtung und Erwägung alternativer Handlungsoptionen; 3. Die Akzeptanz und Annahme einer neutralen übergeordneten kollektiven Identität, welche jenseits der Konfliktlinien liegt). Das Kapitel 3 hingegen beschreibt die Bedeutung von partizipativer Regierungsführung und die Aufrechterhaltung einer gewissen „Normalität“ für das Gemeinschaftsgefühl und den Zusammenhalt der nonwar communities. Während das Kapitel 4 die Rolle und Funktion von Führung sowie Kommunikationsstrukturen untersucht, beschreibt das Kapitel 5 wie nonwar communities mit den Konfliktparteien und bewaffneten Gruppen interagieren. Einen sehr informativen und interessanten Abschluss bilden die letzten beiden Kapitel des ersten Teils. In Kapitel 6 wird die Rolle internationaler Akteure kritisch beleuchtet und Kapitel 7 fasst die wesentlichen charakteristischen Gemeinsamkeiten der verschiedenen nonwar communities zusammen und zeichnet hierbei ein erstes Muster der zugrundeliegenden „nonwar-Strategien“ nach. Im anschließenden zweiten Teil werden fünf Beispiele von nonwar communities detaillierter präsentiert und analysiert (Jaghori Distrikt in Afghanistan; Tuzla in Bosnien; Friedensdörfer („peace villages“) in Kolumbien; die muslimische Gemeinschaft in Ruanda; die Mungoi Heimstätte in Mozambik). Diese detaillierteren Fallstudien illustrieren noch einmal sehr schön die charakteristischen Auffälligkeiten und Besonderheiten der jeweiligen nonwar communities. Interessierte können so sehr gut nachvollziehen, wie die gemeinschaftliche Verweigerung der Teilnahme am Konflikt/Krieg (das sogenannte „opting out“) funktioniert hat und welche Strategien und Handlungsmaßnahmen hierbei erfolgreich genutzt wurden. Die Charakteristika und Grundzüge der gewählten Strategien, welche entlang der untersuchten Fallbeispiele identifiziert werden, bilden die Grundlage für einen an lokalen Gemeinschaften orientierten Präventionsansatz („Community-based Conflict Prevention“-Ansatz), der im abschließenden dritten Teil des Buches skizziert wird.

Zusammengefasst sprechen somit insbesondere zwei Dinge für dieses kurze Buch von Mary B. Anderson und Marshall Wallace. Erstens, lenkt es die Aufmerksamkeit auf ein zumeist zu wenig beachtetes Phänomen, nämlich auf die Tatsache, dass es selbst in hoch komplexen und hochgradig gewaltsam eskalierten Konflikten immer wieder verschiedenen Gemeinschaften – sogenannten nonwar communities – gelingt, sich nicht am Krieg beziehungsweise am gewaltsam ausgetragenen Konflikt zu beteiligen. Zweitens, fördert die strukturierte vergleichende Untersuchung verschiedener Fallbeispiele auffällige Besonderheiten aber vor allem auch charakteristische Gemeinsamkeiten analytisch zutage. Die analytische Betrachtung dieser nonwar communities verweist auf unterschiedliche und doch zum Teil sehr ähnliche Strategien und Handlungsmuster, wie es lokalen Gemeinschaften gelungen ist, nicht Teil des Krieges oder des Gewaltkonfliktes zu werden. Das Wissen über derartige Fälle und über die entsprechenden Strategien und Elemente sind weitere wichtige Bausteine, um die Voraussetzungen für nachhaltige Krisenprävention in vielen Regionen der Welt in lokalen Gemeinschaften verankern zu können.