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Von lokal bis global: Eine neue Perspektive auf den Zusammenhang zwischen Ressourcenmanagement und Konflikten

Von lokal bis global: Eine neue Perspektive auf den Zusammenhang zwischen Ressourcenmanagement und Konflikten

Von Janpeter Schilling, Christina Saulich und Nina Engwicht

In einem aktuellen Sonderheft der Fachzeitschrift Conflict, Security and Development gehen wir der Frage nach, wie globale und lokale Dynamiken von Rohstoffmanagement und Rohstoffkonflikten einander bedingen.

Wie beeinflussen globale Prozesse, wie die Nachfrage nach wertvollen Primärrohstoffen und die Zertifizierung von Wertschöpfungsketten, Ressourcen- und Konfliktdynamiken auf der lokalen Ebene betroffener Gesellschaften, und umgekehrt? Um diese Frage zu beantworten, haben wir in der Fachzeitschrift Conflict, Security and Development ein Sonderheft herausgegeben, das eine lokal-globale Perspektive zur Untersuchung von Ressourcenmanagement und Konflikten entwickelt.

Die von uns vorgeschlagene Perspektive stützt sich auf eine Auswertung der Fachliteratur zu den Themengebieten Ressourcenfluch, Umweltsicherheit und Landnahme in großem Stil. Alle drei Ansätze verfügen nur über eine begrenzte Aussagekraft in Bezug auf Konfliktdynamiken auf der lokalen Ebene. Die lokal-globale Perspektive, die wir im Rahmen der Sonderausgabe entwickeln und auf diverse Fallbeispiele anwenden, beginnt daher mit einer Analyse der relevanten Akteure von Ressourcen-Governance und Ressourcenkonflikten auf der lokalen Ebene  und wendet sich anschließend der nationalen, internationalen und globalen Ebene zu (siehe Bild unten).

Konkret nehmen die Perspektive und der dazugehörige Analyserahmen zunächst die zentralen Dimensionen und Akteure – einschließlich deren Motivationen und Fähigkeiten – von Ressourcenmanagement und -konflikt auf der lokalen Ebene in den Blick. Dadurch werden Unterschiede, Überschneidungen und Verflechtungen zwischen Governance- und Konfliktakteuren deutlich. Diese treten oftmals  gleichzeitig in mehreren Rollen mit divergierenden Interessen in Erscheinung – zum Beispiel als Konfliktakteur und Staatsvertreter.

Lokal-globaler Analyserahmen

In einem zweiten Schritt erweitern wir unseren Fokus vertikal auf relevante Akteure und Prozesse über die lokale Ebene hinaus. Dies ermöglicht, die Beziehungen zwischen Akteuren von der lokalen bis zur globalen Ebene zu untersuchen und zu verstehen. Konkret wird herausgearbeitet, wie Ressourcen- und Konfliktdynamiken auf lokaler Ebene Prozesse und Akteure auf  der subnationalen Ebenen (z.B. Kreisverwaltung), auf nationaler Ebene (z.B. Zentralregierung, inländische Unternehmen, nationale Nichtregierungsorganisationen), auf internationaler Ebene (z.B. Sitz internationaler Unternehmen, internationale Geber, zwischenstaatliche Organisationen) und auf globaler Ebene (z.B. Klimawandel, globale Ressourcennachfrage, internationale Regulierungsmechanismen) beeinflussen.

In einem letzten Schritt betrachten wir, wie sich Prozesse auf globaler, internationaler und nationaler Ebene auf lokale Konflikt- und Ressourcendynamiken auswirken. Diese duale Analyse von lokal zu global und global zu lokal ist gewinnbringend für die Entwicklung von Strategien zur Konfliktentschärfung.

Was bedeutet diese Perspektive für die Praxis? Die Sonderausgabe enthält fünf Artikel, die den beschriebenen Analyserahmen auf Fallstudien in Subsahara-Afrika, Lateinamerika und Südostasien anwenden. Diese heben zwei wichtige Erkenntnisse hervor.

Erstens, internationale und nationale Unternehmen arbeiten oft Hand in Hand mit nationalen Regierungen, um Ressourcen zu gewinnen. Auf lokaler Ebene profitieren oft nur die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Eliten, während die Mehrheit der lokalen Bevölkerung kaum Möglichkeiten hat, die Ressourcennutzung zu beeinflussen. Sie bleibt weitgehend von Profiten ausgeschlossen und ist den negativen Auswirkungen der Ressourcengewinnung ausgesetzt.

In Kambodscha gründete beispielsweise ein europäisches Unternehmen eine große Kautschukplantage. Die entsprechende Konzession wurde dem Investor von der Zentralregierung erteilt. Der Protest lokaler Gemeinschaften konnten die darauf folgenden Enteignungsprozesse nicht verhindern. Das lag auch daran, dass nach Jahren des Bürgerkriegs und der Vertreibung der gesellschaftliche Zusammenhalt fehlte, der es der lokalen Bevölkerung ermöglicht hätte, dem Unternehmen und der Zentralregierung entschlossen und effektiv entgegentreten zu können.

In Äthiopien erklärte die Zentralregierung von den Viehhaltern genutztes Land im Maji-Gebiet als “unbewohnt” und lud Investoren ein, das Land in großem Stil zu pachten. Dies führte zu gewalttätigen Konflikten zwischen Regierungskräften und Viehhaltern. Im Nordwesten Kenias sind die Konflikte zwischen Ölgesellschaften und lokalen Gemeinschaften weniger durch die Ressource Land verursacht, sondern vielmehr durch fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten im Ölsektor. Dies führt dazu, dass sich die lokale Bevölkerung von den Profiten aus dem Ressourcenabbau ausgeschlossen fühlt.

Sowohl in Äthiopien als auch in Kenia überschneiden sich die, eher neuen, Konfliktdynamiken mit bereits bestehenden Gewaltkonflikten zwischen Viehhaltergruppen. Als die Unternehmen in ihr Gebiet eindrangen, nutzten die lokalen Gruppen ihre, in früheren Konflikten entwickelten Fähigkeiten (Erfahrung, Arbeitskräfte, Waffen, Angriffstaktiken), um sich den Investoren entgegenzustellen. In Kenia blockierten zum Beispiel Gemeindemitglieder die Zufahrtswege zu Ölförderanlagen, und forderten das Unternehmen auf, den Beschäftigungsanteil der lokalen Bevölkerung zu erhöhen.

Die zweite Erkenntnis legt nahe, dass Systeme zur globalen Rohstoffzertifizierung sich oft auf ambivalente Weise auf lokale Gemeinschaften auswirken. In Costa Rica könnte das globale Programm “Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation” (REDD+) das Konfliktpotenzial zwischen Akteuren, die Wälder für den Klimaschutz erhalten wollen und Gemeinschaften, die Wälder für ihren Lebensunterhalt benötigen, potentiell erhöhen. Andererseits bietet REDD+ indigenen Völkern eine Plattform, um in Dialog mit der Nationalregierung zu treten.

In Sierra Leone wurde ein globales System zur Zertifizierung von Diamanten nur partiell umgesetzt, da lokale Normen, Gebräuche und Machtverhältnisse einen genuinen institutionellen Wandel verhinderten. Das Zertifizierungssystem hat jedoch dazu beigetragen, die Belästigung, Erpressung und Gewalt gegenüber illegalen Kleinbergbauern und Händlern zu reduzieren.

Diese Beispiele zeigen, dass die Analyse lokaler Ressourcen- und Konfliktdynamiken essentiell ist, um zu verstehen, wie der globale Bedarf an Ressourcen, wie Land und Öl, sowie globale Zertifizierungssysteme für Wälder und Diamanten die lokale Ebene beeinflussen können – und umgekehrt. Auf dieser Grundlage ist es Organisationen und Regierungen möglich, nachhaltige und realistische Strategien zur Konfliktprävention und -bearbeitung zu entwickeln. Wie diese aussehen können, ist in der frei verfügbaren Sonderausgabe  beschrieben.

 

Janpeter Schilling ist Klaus-Töpfer-Stiftungsjuniorprofessor für Landnutzungskonflikte am Institut für Umweltwissenschaften der Universität Koblenz-Landau und Geschäftsführer der Friedensakademie Rheinland-Pfalz.

 

Christina Saulich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektkoordinatorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin und affiliiertes Mitglied der Friedensakademie Rheinland-Pfalz. In ihrer  wissenschaftlichen Arbeit führt sie Fragen der  Entwicklungsforschung und der Friedens- und Konfliktforschung zusammen.

 

Nina Engwicht ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit  Ressourcensektorreform und illegalen Märkten im Übergang von Krieg zu Frieden.

Environmental peacebuilding: What is it good for?

Environmental peacebuilding: What is it good for?

Von Nina Engwicht

Environmental peacebuilding strives to reduce conflict risks associated with natural resources and to enable societies to profit fully from their natural resource wealth. In order to be successful, it must follow a context-sensitive approach. Nina Engwicht shows that, in Sierra Leone, the environmental risk factors for conflict have only been addressed at the surface.

Environmental peacebuilding in post-conflict societies

Policy interventions seeking to break the link between natural resource abundance and violent conflict aim to tackle the quality of environmental governance both in producer countries and global markets. Proponents of such peacebuilding efforts hold that effective reforms in conflict-prone natural resource sectors can enable transitional societies to mitigate conflict risks, build cooperative societal relations around environmental management and reap the benefits of their resource endowment. The rationale that better natural resource governance will reduce the risk for conflict and human rights violations has informed the Kimberley Process Certification Scheme, the Extractive Industries Transparency Initiative, the EU Conflict Minerals Regulation, and many other initiatives tackling natural resource governance at the global, national and local level.

Sierra Leone: A model case?

One of the first and most prominent cases of reforms aimed at curbing the production and trade in conflict resources was in the Sierra Leonean diamond sector. During an 11-year long civil war, Sierra Leone gained sad notoriety for its trade in “blood diamonds”. Since the end of the war in 2002 the mineral sector has been thoroughly reformed. Sierra Leone was one of the first members of the Kimberley Process, which aims to regulate the global trade in rough diamonds through government-issued certificates guaranteeing that a given parcel of diamonds is “conflict free”. Sierra Leone is also a member of the Extractive Industries Transparency Initiative, which seeks to make industry payments to governments transparent, and has been declared EITI-compliant in 2014. On the regional level, the country has harmonized its export taxes with adjacent diamond producing countries in an effort to curb smuggling. Institutional changes at the national level have been extensive. They have included legal reforms; the establishment of a National Minerals Agency charged with monitoring the implementation of regulations in the diamond sector; the development of a cadastral system; and the institution of a Diamond Area Community Development Fund, channeling back a small percentage of tax income derived from diamond exports to diamond mining communities.

At first glance, the results seem to point to an extraordinary success. Diamond exports have gone up – from an export value of only 1.2 Mio USD during the war to 158,000 Mio USD in 2016. Most importantly, diamonds have not “spoiled” the peace in Sierra Leone. The armed actors that controlled the diamond market during the war have effectively disappeared, and with them the violent modes of production and trade that characterized the market.

Lack of market oversight undermines policy goals

However, a closer look shows that many of the fundamental structures of the Sierra Leonean diamond market have hardly changed. To this day, diamond production is characterized by hundreds of thousands of impoverished artisanal miners working under miserable conditions, while the benefit of industrial mining operations to the country remains highly questionable. Large parts of the production and trade remain illegal. While illegally sourced and traded diamonds are mostly channeled into the legal market, this reveals a significant lack of state capacity in the oversight of the market.

Lastly, the structures of inequality that have characterized the market for decades and have constituted one of the root causes of the civil war remain in place. Marginalized young men hoping to escape poverty gravitate towards diamond mining, but even in the unlikely case that they find valuable gems, the prevalent systems of knowledge and power thwart their chance for upward social mobility.

A superficial look at the results of natural resource sector reforms would suggest that the main causes linking diamonds to conflict in Sierra Leone have been eradicated. This is far from the truth. If environmental peacebuilding is to be successful, it must be based on an understanding of the complexities of local configurations of governance, conflict and market structures that might prove to be extremely resilient to change.

This article first appeared on A New Climate for Peace and is republished here.