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Rezension: Menschenrechtsbildung an Gymnasien von Stefanie Rinaldi

von Melanie Hussak

Menschenrechtsbildung in der gegenwärtigen Form geht auf die Erfahrungen der Gräuel des Zweiten Weltkriegs zurück. Im Zentrum der Menschenrechtsbildung steht daher die Beschäftigung mit pädagogischen Ansätzen zur Überwindung von Gewalt in unterschiedlichen Formen. Diese zeichnen sich vielfach durch eine starke Zielfokussierung, festgehalten in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, und einer damit verbundenen Handlungsorientierung aus. Kodifizierte Menschenrechte fungieren als Grundlage und Leitlinie gleichermaßen für ethisches wie rechtebasiertes Handeln. Hinzu kommt eine menschenrechtliche Haltung, die in der Menschenrechtsbildung herausgearbeitet und angeregt werden soll. Will Menschenrechtsbildung aber mehr sein als das bloße Wissen über kodifizierte Menschenrechte, muss ein Bewusstsein für die persönliche Verantwortung an der Verwirklichung der Menschenrechte vermittelt werden. Im schulischen Kontext verlangt dies, die Erlebbarkeit der normativen Bedeutung der Menschenrechte im Alltag erfahrbar zu machen.

Umso bedeutsamer ist die Untersuchung der Sichtweisen von Lehrpersonen zu Menschenrechtsbildung im Unterricht, da sie diese aktiv im schulischen Kontext umsetzen sollen. Diesem Spannungsfeld aus Wissen, Haltung, Handlung und Lernumgebung (in der einschlägigen Literatur in Bildung über, für und durch Menschenrechte unterteilt), in dem sich Lehrpersonen befinden, widmet sich Stefanie Rinaldi in ihrer als Monographie veröffentlichten Dissertationsschrift.

Die Studie nimmt ihren Ausgangspunkt bei der Rolle der Lehrpersonen in der Umsetzung der Menschenrechtsbildung und berücksichtigt damit einen in der empirischen Forschung lange vernachlässigten Aspekt. Rinaldi bezieht sich dabei auf aktuelle Theorien der Bildungs- und Lehrpersonenforschung, die die Sichtweisen von Lehrpersonen als Schlüsselfaktor identifizieren.

Anhand von Gruppendiskussionen untersucht Rinaldi die Sichtweisen und Verständnisse von Schweizer Gymnasiallehrpersonen zu Menschenrechtsbildung. Ausgehend von den Ergebnissen dieser hat die Studie zum Ziel, Möglichkeiten für die weitere Umsetzung und Entwicklung der schulischen Menschenrechtsbildung an Gymnasien zu erarbeiten. In den Blick wird dabei das Verständnis von Menschenrechtsbildung gerückt wie ebenso die Einstellungen und Überzeugungen zu Lerninhalten, Lernzielen, Lehr-Lern-Prozessen sowie Bildungsauftrag der Gymnasien wie damit verbundenen Herausforderungen für den Bereich Menschenrechtsbildung. Der Fokus auf Lehrpersonen in der Schweiz ist von spezifischem Interesse, da Menschenrechtsbildung und verwandte Bildungskonzepte keine expliziten Bestandteile der Lehrpläne für Schweizer Gymnasien sind. Die Frage, auf welche Konzepte sich Lehrpersonen alternativ beziehen, ist daher besonders bedeutsam.

Zusätzlich zu den genannten Punkten rücken damit ebenso personen- und kontextbezogene Sichtweisen zu menschenrechtsbasierten Lernumgebung, zur Selbstwirksamkeit und zu gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in das Zentrum der Untersuchung.

Die besondere Relevanz der Studie von Rinaldi liegt darin, subjektive Bedeutungen und Verständnisse als Grundlage der Menschenrechtsbildung anzuerkennen und zu untersuchen. Die Beschäftigung mit Menschenrechten bietet Lehrpersonen und jungen Menschen die Möglichkeit, sich mit Werten, Haltungen und persönlichen wie gesellschaftspolitischen Prozessen auseinanderzusetzen und eigene Handlungsmöglichkeiten zu reflektieren. Die Anregung von Lernprozessen ist daher auch in einem hohen Maße subjektiv geprägt.

Aus Perspektive der Forschung zu Menschenrechtsbildung trägt die Autorin zudem zum Schließen von zwei weiteren Forschungslücken bei: der Abweichung von Theorie und Praxis sowie einer empirisch fundierten Reflexion der zahlreichen Herausforderungen, die sich in der pädagogischen Umsetzung der Menschenrechtsbildung aufgrund des skizzierten Spannungsfeldes stellen.

Die Ergebnisse der Studie bestätigen die Relevanz und subjektiven Erfahrungen und Konzepte von Lehrpersonen als determinierenden Faktor und wichtige Voraussetzung für die Integration von Menschenrechtsbildung in den schulischen Alltag und für den Lernerfolg der Schüler*innen.

Rinaldi nutzt ihre Ergebnisse um aufgrund deren Bedeutung für den pädagogischen Alltag Ideen für die pädagogische und methodische Weiterentwicklung an Schweizer Gymnasien zu skizzieren und Vorschläge zu institutionellen Maßnahmen, unterstützenden Materialien sowie Aus- und Weiterbildung zu erstellen. Auch das Backcover der Monographie verspricht neben der Präsentation der Sichtweisen von Lehrpersonen zum einen auch Ableitungen wie Menschenrechtsbildung pädagogisch, methodisch und institutionell weiterentwickelt werden kann. Zum anderen kündigt es Ideen für die pädagogische Umsetzung an. Hinter dieser Ankündigung bleibt die Studie etwas zurück. Die Ableitungen werden nur rudimentär skizziert und bleiben letztlich nur erste Anregungen. Sie laden jedoch zum Weiterdenken und -forschen an und können durchaus als sehr wertvolle Forschungsdesiderata betrachtet werden. Sie zeigen Impulse für eine wenig erforschte Menschenrechtsbildung auf, die sich zuweilen mit der Erstellung von Unterrichtsmaterialien und Methodensammlungen zufriedengibt.

Auch wenn die Autorin zu Ende des Buches betont, dass die Schlussfolgerungen der Studie aufgrund des Schwerpunkts auf das schweizerische Bildungssystem und dessen Defizite im Bereich Menschenrechtsbildung nur wenig auf andere Kontexte transferiert werden können, bietet das Buch nach Einschätzung der Rezensentin dennoch wertvolle Impulse für schulische Menschenrechtsbildung auch außerhalb der Schweiz wie grundlegend für Forschung zu Menschenrechtsbildung.

Aufgrund der sehr umfassenden Literaturaufarbeitung ist das Buch von Rinaldi obwohl es in erster Linie eine Forschungsarbeit ist, zudem ein sehr lohnenswerter Einstieg für Lehrpersonen, Multiplikator*innen und weitere Interessierte der schulischen Menschenrechtsbildung. Durch den Bezug auf einschlägige internationale Dokumente der Menschenrechte und Menschenrechtsbildung sowie durch die Auseinandersetzung und Abgrenzung mit verwandten Bildungsbereichen wie bspw. der Friedenspädagogik, werden Inhalt, Ansatzebenen und Ziele der Menschenrechtsbildung klar verdeutlicht. Ebenso wird ein Einstieg in gegenwärtige Diskurse der Menschenrechtsbildung ermöglicht. Auch wenn nicht alle Erwartungen in Bezug auf angekündigte Themen zur Gänze erfüllt werden, ist das Buch dennoch sehr lesenswert und ein wichtiger Beitrag zu einer dringend benötigten empirisch fundierten Menschenrechtsbildung und Bildungsforschung.

Stefanie Rinaldi:
Menschenrechtsbildung an Gymnasien
Verständnisse, Chancen und Herausforderungen
Leverkusen: Barbara Budrich 2018
(332 S.; ISBN 978-3-86388-787-2; 43,00 EUR)

 

Die Rezension ist als Erstveröffentlichung in der Erziehungswissenschaftlichen Revue erschienen:
Verlag Julius Klinkhardt: EWR 19 (2020), Nr. 5 (November / Dezember): Menschenrechtsbildung an Gymnasien
Wir bedanken uns für die Erlaubnis zum Repost.

 

Melanie Hussak ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz. Ihre aktuellen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten umfassen Shared Society, Friedensprozesse indigener Communities in Nordamerika sowie Friedenspädagogik und Friedensbildung in Theorie und Praxis.

Menschenrechtsbildung im Zeitalter der Digitalisierung

Menschenrechtsbildung im Zeitalter der Digitalisierung

Von Ulrike Zeigermann

Im Zeitalter der Digitalisierung verändern neue Technologien, digitale Medien und online-Kommunikationskanäle in rasantem Tempo die Inhalte, Methoden, pädagogischen Praxen und theoretischen Grundlagen der Menschenrechtsbildung. Worin liegen Chancen und Herausforderungen dieser Entwicklung?

Menschenrechtsbildung im Wandel

In den letzten zehn Jahren hat es einen enormen Zuwachs an digitalen Lern-, Informations- und Kommunikationstechnologien gegeben, durch die mehr Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Bildungsabschluss, ihrem Einkommen und ihrer persönlichen Lebensumstände erreicht werden können. Mit zunehmender Digitalisierung wurden im formellen Bildungssektor an Schulen und Hochschulen sowie im informellen Bildungssektor durch Institute und Akademien in nichtstaatlicher Trägerschaft, internationale Organisationen und zivilgesellschaftliche Akteure zunehmend auch Formate mit online-basierten Ansätzen zur Menschenrechtsbildung genutzt.

Menschenrechtsbildung umfasst entsprechend der Erklärung über Menschenrechtsbildung und –training der Vereinten Nationen von 2011 das Recht auf Bildung über Menschenrechte, Bildung durch Menschenrechte und Bildung für Menschenrechte. Die Erklärung ist das Ergebnis intensiver Arbeit der Vereinten Nationen im Bereich der Menschenrechtsbildung über die letzten Jahrzehnte. Im Dezember 1994 rief die Generalversammlung der Vereinten Nationen nach der World Conference on Human Rights in the Vienna Declaration and Programme of Action die UN Dekade für Menschenrechtsbildung (1995-2004) aus. Im Anschluss daran wurde das Weltprogramm für Menschenrechtsbildung ins Leben gerufen. In der ersten Phase dieses Programms (2005-2009) lag der Fokus auf Menschenrechtsbildung in der Grund- und Sekundarschulbildung. In der zweiten Programmphase (2010-2014) beschäftigte sich das Programm insbesondere mit der Hochschulbildung und Menschenrechtstrainings im öffentlichen Dienst, also von Lehrer*innen, Trainer*innen, Polizei, Militär, Justiz, öffentliche Verwaltung, Regierung und Gesundheitswesen. Die momentan laufende dritte Phase (2015-2019) soll der Stärkung und Implementierung der ersten und zweiten Projektphase dienen und beschäftigt sich besonders mit der Menschenrechtsbildung von Journalist*innen.

Abb. 1: Implementierung und Fragmentierung der Menschenrechtsbildung

 

Die Erklärung und Arbeitsprogramme der Vereinten Nationen gelten auch als Orientierung und Qualitätsstandard für die inhaltliche Ausgestaltung der Menschenrechtsbildung in Deutschland. Bereits 1980 gab die Kultusministerkonferenz eine Empfehlung zur Menschenrechtserziehung heraus, die im Jahr 2000 fast unverändert erneut beschlossen wurde und trotz der Länderhoheit zu Bildungsfragen für die gesamte Bundesrepublik gilt. Menschenrechtsbildung ist heute in den Schulgesetzen der einzelnen Bundesländer verankert und kann in allen Jahrgangsstufen in den unterschiedlichen Fächern von Sozialkunde über Ethik, Geographie, Geschichte oder Religion aufgegriffen werden (vgl. Sekretariat der ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der BRD 2008).

Auf der High-level Panel Diskussion im September 2016 über die Implementierung der Erklärung der Vereinten Nationen über Menschenrechtsbildung und –training wurden praktische Erfahrungen und zukünftige Herausforderungen diskutiert sowie die Bedeutung einer globalen Menschenrechtsbildung als Voraussetzung zum Schutz und zur Gewährleistung weiterer Menschenrechte unterstrichen. Durch E-Learning-Formate sollen Zugang und Qualität der Menschenrechtsbildung in Zukunft verbessert werden.

Digitalisierung der Menschenrechtsbildung

Bereits heute werden neue digitale Angebote im Bereich der Menschenrechtsbildung zum Teil ergänzend, zum Teil an Stelle traditioneller direkter und interaktiver Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden eingesetzt. Sie decken eine breite Palette von Formaten für diverse Zielgruppen auf unterschiedlichen Ebenen und in vielen Sprachen ab:

  • Für Smartphone, Tablet oder Computer gibt es Apps mit denen Menschenrechtsfragen an verschiedene Zielgruppen adressiert werden können. Die Downloadstatistiken der Hersteller deuten darauf hin, dass bis zu 50.000 Installationen vorgenommen wurden (Amnesty Mag, Stand Oktober 2017). In den meisten Fällen bleibt die Zahl der Nutzer*innen aber deutlich darunter (z.B. UN Human Rights und UDHR Human Rights jeweils 5.000–10.000, Women’s Human Rights und Geneva Human Rights Agenda jeweils 1.000–5.000 oder Human Rights Mapper und Child Rights Monitor 500 –1.000 Installationen, Stand Oktober 2017).
  • Darüber hinaus gibt es zunehmend Online-Spiele, die Abwägungsprozesse bei kritischen Menschenrechtsfragen simulieren und durch Rollenspiele für die Lage von Menschen sensibilisieren. Diverse Online-Spiele wurden zum Teil von Organen der Vereinten Nationen, wie „Against all Odds“ von UNHCR, entwickelt, aber auch von zivilgesellschaftlichen Organisationen, wie Amnesty International (RespectMyRights), DoSomething (Karma Tycoon) oder Breakthrough (ICED) entwickelt.
  • Im Bereich der Hochschulbildung werden online immer häufiger sogenannte Massive Open Online Courses (MOOCs) als besondere Form der Fortbildung und Erweiterung von Fähigkeiten und Wissen von Universitäten, internationalen Organisationen und Forschungsinstituten angeboten, für die sich Menschen überall auf der Welt in Kurse aus den unterschiedlichen Disziplinen und Fächergruppen einschreiben können. Im Bereich Menschenrechte, wie auch in den anderen angebotenen Fächergruppen, wird der überwiegende Anteil der Online-Kurse auf Englisch und zum Erwerb eines Zertifikats kostenpflichtig angeboten.

Die aufgeführten Beispiele für onlinebasierte Lern- und Bildungsformate zeigen, dass Menschenrechtsbildung durch neue Technologien zu diversen Themen über Grenzen hinweg verfügbar ist und der Zugang zu diesen durch das Internet erleichtert wird. Die öffentlichen Statistiken über Installationen, Spieler*innen und eingeschriebene Personen sowie Kommentare und online-Bewertungen der E-Learning Programme deuten zudem darauf hin, dass diese Formate von einem wachsenden Personenkreis genutzt werden.

Herausforderungen und Spannungsfelder

Die neuen eLearning-Angebote im Bereich Menschenrechtspolitik erweitern nicht nur den Zugang durch Zeit-, Ort- und Situationsunabhängigkeit, sondern ermöglichen prinzipiell auch lebenslanges Lernen. Für junge Menschen, die mit digitalen Informations- und Kommunikationstechnologien aufgewachsen sind („Digital Natives“) können die neuen Formate ein Bildungsangebot sein, das näher an ihrer Lebensrealität ist und nebenbei zur Ausbildung technischer Qualifikationen dient, die gesellschaftlichen Teilhabe erleichtert notwendig ist. Forschung zu eLearning unterstreicht zudem,

  • dass dadurch die Qualität der Lernerfahrungen besser werden kann (Garrison 2011);
  • eLearning eine Chance für Nutzer*innen und Bildungsanbieter ist, um auf globalen Wettbewerb zu reagieren (Anderson 2008);
  • eLearning kosteneffizienter als andere Bildungsformate ist (Twigg 2013);
  • und weniger Zugangsbarrieren bestehen (Bates 2005).

Grundsätzlicher Vorteil sind die vereinfachten Möglichkeiten für internationale Interaktion und Kommunikation bei offenen Zugriff auf online-basierte Lernplattformen. Aber durchaus auch die transparente Zurechenbarkeit von Lerninhalten (Accountability).

Gleichzeitig bedeutet die Verfügbarkeit digitaler Informations- und Kommunikationstechnik (ICT) nicht automatisch mehr oder qualitativ bessere Menschenrechtsbildung oder gar gesellschaftliche Teilhabe. Die PISA-Studie von 2015 unterstreicht, dass sich sozio-ökonomisch bedingte Bildungsunterschiede in der Gesellschaft auch bei der Nutzung von ICT im Bildungssystem widerspiegeln (OECD 2015a). Es muss deshalb gefragt werden, wer von digitalen Bildungsangeboten nicht profitiert. Welche Personen haben keinen Zugang? Die Studie „Students, Computers and Learning. Making the connection“ weist darauf hin, dass ohne solide naturwissenschaftliche und literarische Grundkenntnisse die meisten digitalen Bildungsangebote nicht zielführend genutzt und umfänglich ausgeschöpft werden können (OECD 2015b). Digitale Bildungsangebote werden zumeist individuell ausgewählt, was bei potenziell abnehmendem direkten Kontakt zwischen Lehrenden und Lernenden und einer durchaus zu beobachtenden abnehmenden Regulierung des Curriculums komplexes Lernen und inhaltliches Verständnis nicht unbedingt erleichtert. Die oben angeführten Beispiele für eLearning haben außerdem gezeigt, dass diese vor allem auf Englisch und von namhaften Bildungseinrichtungen aus dem globalen Norden angeboten werden. Kritiker*innen sprechen daher von einer zunehmenden hegemonialen Monopolisierung von Bildungsinhalten, Schwerpunktsetzungen im Curriculum, Serviceangeboten sowie verstärkter technologischer und pädagogischer Uniformität.

Die Erklärung der Vereinten Nationen über Menschenrechtsbildung und -training bekräftigt, dass Staaten die Hauptverantwortung für die Förderung und Bereitstellung von Menschenrechtsbildung tragen, “die in einem Geist der Partizipation, Inklusion und Verantwortung zu entwickeln und umzusetzen ist” (Artikel 7). Gleichzeitig werden eLearning-Angebote zunehmend von privaten Anbieter*innen zur Verfügung gestellt, was ein paralleles Konkurrenzangebot zu den staatlichen Dienstleistern darstellt. Hierbei kann es zu einer Verschiebung der Bildungskosten auf die Lernenden kommen, was wiederum gesellschaftliche Ungleichheiten und neoliberale Logiken sowie den individuellen Druck nach Selbstoptimierung in lebenslangem Lernen verstärkt. eLearning kann somit auch die Gefahr der Kommerzialisierung von Lehre und Lernen verstärken. Zudem ist im Gegensatz zu klassischen Bildungsformaten bei der Nutzung von blended-Learning insbesondere der Schutz der Privatsphäre eine Herausforderung. Staaten bzw. deren öffentliche Institutionen haben eine menschenrechtliche Verantwortung (Accountability), jedoch können private, unternehmerische oder zivilgesellschaftliche Anbieter von eLearning-Formaten nach bisherigem internationalen Recht nicht für diskriminierende Praktiken oder (Daten-)Missbrauch zur Rechenschaft gezogen werden.

Abschließend lässt sich feststellen, dass Menschenrechtsbildung in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich weiterentwickelt und im formellen und informellen Bildungssektor verbreitet wurde und heute als eigenständiges Menschenrecht diskutiert wird. Die Herausforderungen haben sich dabei im Kontext neuer digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien deutlich verändert. Das betrifft auch Anforderungen an Wissens- und Kompetenzziele (z.B. Mediensensibilität) und an eine kritische Auseinandersetzung mit Technik (z.B. Technikfolgenabschätzung, Industrialisierung 4.0). Die wesentlichen Chancen und Herausforderungen fasst Tabelle 1 noch einmal zusammen.

Tabelle 1: Das Recht auf Bildung im Kontext neuer digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien: Chancen und Herausforderungen der Menschenrechtsbildung

Chancen Risiken
Zugänglichkeit (accessibility) Lebenslanges Lernen

  •  Unabhängig von Zeit, Ort, Bildungsniveau und Lerngeschwindigkeit
  •  Individuelles und flexibles Lernen
  • Geringe Zugangsbarrieren
Zugangsbarrieren

  •  Übertragung der Bildungskosten und der Verantwortung über das Curriculum auf Lernende
  •  Individuelle und strukturelle Voraussetzungen
Adaptierbarkeit (adaptability) Vielfältiges Lernen

  • Themenvielfalt
  • Interaktives Lernen
  • Didaktische Vielfalt
  • Sprachliche Vielfalt
  • Qualität der Lernerfahrung
Internationale Anpassung

  • „Internetsprache“ Englisch
  • Technologische und pädagogische
  • Uniformität
  • Zentralisierung von Serviceangeboten
  • Inhaltliche Schwerpunktsetzung
Verfügbarkeit
(availability)
Große Reichweite

  • International
  • Nah am Alltagsleben
  • Wiederholbare Angebote
  • Unbegrenzte Anzahl von Nutzer*innen
Einschränkungen

  • Technologische, logistische und monetäre Ressourcen
  • Schutz der Privatsphäre und Gewährung von Freiheiten
  • Zielgruppenfokussierung
Angemessenheit
(adequacy)
 Bildungswettbewerb

  • Öffentliches Feedback, Austausch und offener Zugriff
  • Verbesserung der Qualität der Bildungsangebote
  • Vielfältige Lernzugriffe
Kommerzialisierung der Lehre

  • Zentralisierung von Entscheidungen
  • Druck der Selbstoptimierung
  • Marktorientierte Regulierung und Strukturierung des Angebots
  • Gefahr von Missbrauch

Fazit

Eine erste kritische Reflexion über den aktuellen Trends zur Digitalisierung der Menschenrechtsbildung zeigt, dass eLearning und der Einsatz digitaler Medien zur Menschenrechtsbildung nicht automatisch auch eine qualitative Verbesserung des Lernangebots bedeuten muss. Es gibt durchaus ernstzunehmende Bedenken, problematische Risiken und vor allem zahlreiche offene Fragen.

Weitere und umfangreichere Studien, insbesondere empirische Untersuchungen zur aktuellen Situation und Nutzung von eLearning-Angeboten, sind notwendig, um a) Qualitätsstandards entwickeln zu können sowie b) bestehende Angebote kontinuierlich entlang technologischer Innovationen aber auch entlang medienpädagogischer Erkenntnisse weiterentwickeln zu können. Mit Blick auf die normativ wünschenswerte und auch emanzipatorische Bedeutung einer für jeden Menschen zugänglichen Menschenrechtsbildung, gilt es zudem c) die notwendigen politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen zu erforschen, die ein qualitativ hochwertiges und in jeglicher Hinsicht barrierefreies (öffentliches) Angebot gewährleisten können.

Dr. Ulrike Zeigermann

Dr. Ulrike Zeigermann ist Politikwissenschaftlerin mit den Forschungsschwerpunkten Menschenrechte und vergleichende Politikfeldanalyse an der Schnittstelle von Sicherheit und Entwicklung. Bevor sie an die Friedensakademie Rheinland-Pfalz kam, promovierte Ulrike Zeigermann an der Westfälischen Universität Münster und leitete am Centre Marc Bloch in Berlin die Forschungsgruppe „Staatliches Handeln und Wissenszirkulation“. Seit November 2017 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Nachhaltige Entwicklung der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

Quellen

[1]  Anderson, Terry. 2008. The Theory and Practice of Online Learning. Athabasca University Press.

[2] Bates, Tony. 2005. Technology, E-Learning and Distance Education. Routledge.

[3] Garrison, D. Randy. 2011. E-Learning in the 21st Century: A Framework for Research and Practice. Taylor & Francis.

[4] OECD. 2015a. „Country Note GERMANY – PISA 2015“. Paris: OECD.

[5] OECD. 2015b. Students, Computers and Learning. Making the connection. Paris: OECD Publishing.

[6] Sekretariat der ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der BRD. 2008. „Menschenrechtsbildung in der Bundesrepublik Deutschland. Länderumfrage des Sekretariats zur Erstellung eines nationalen Berichts im Rahmen des Aktionsplans der Vereinten Nationen für das Weltprogramm zur Menschenrechtsbildung“. Bonn: Konferenz der Kultusminister der Länder in der BRD.

[7] Twigg, C. 2003. „Improving Learning and Reducing Costs: New Models for Online Learning“. Educ. Rev. 38 (Januar).

[8] Twigg, Carol A. 2013. „Improving Learning and Reducing Costs: Outcomes from Changing the Equation“. Change: The Magazine of Higher Learning 45 (4): 6–14.