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Friedvolle Straßen? Eine Zwischenanalyse zu einem interdisziplinärem Kunst-, Forschungs- und Friedensprojekt

Friedvolle Straßen? Eine Zwischenanalyse zu einem interdisziplinärem Kunst-, Forschungs- und Friedensprojekt

Dr.in Nicole Pruckermayr

Was sind „friedvolle Straßen“? Die Künstlerin, Initiatorin und Kuratorin Nicole Pruckermayr stellt das Projekt „Comrade Conrade“ vor, das sich mit geschlechtlicher Repräsentation im öffentlichen Raum in Graz beschäftigt.

„Friedvolle Straßen“

Was kann man unter „friedvollen Straßen” verstehen? Und wie können öffentliche Räume auf friedensfördernde Art gestaltet werden? Mit diesen Fragen setzt sich das Projekt „Comrade Conrade“ auseinander, dass sich zugleich als Kunst-, Forschungs- und Friedensprojekt versteht. Bei der Frage, was den öffentlichen Raum friedvoll oder gewaltvoll macht, spielt zum einen die Repräsentation eine Rolle, die in Straßennamen zum Ausdruck kommt: Nach wem werden Straßen benannt und wer wird wie repräsentiert? Aus der Benennung von Straßen lassen sich Schlüsse darüber ziehen, welche Handlungen in unserer Gesellschaft wertgeschätzt und geehrt werden. Die Politik spielt hier als Entscheiderin und Vertreterin des Volkes eine große Rolle. Zum anderen geht es auch um die Frage, auf welche Weise öffentlicher Raum unterschiedlichen Personengruppen zugänglich gemacht wird. Hier zeigt sich auch, wie viel potenziell gemeinschaftsbildenden Raum sich eine Gesellschaft leistet, um zukünftige Konflikte bereits im Vorfeld abfedern zu können. Dabei ist vor allem die Stadt- und Raumplanung gefordert, die Rahmenbedingungen definiert. Städtische Räume sind nach der Geografin und Sozialwissenschafterin Doreen Massey immer geschlechtlich „codiert“. „Dies reicht von symbolischen Bedeutungen, die Räumen zugeschrieben werden und die eindeutige geschlechtlich differenziert sind, bis hin zur direkten Ab- und Ausgrenzung durch (die Angst vor) Gewalttätigkeiten.“ [1] Räume drücken die Art und Weise, wie Geschlechterverhältnisse konstruiert werden aus und beeinflussen so das Erleben und Verständnis von Geschlecht. Umgekehrt prägen sie aber auch Geschlechterbilder. Gesellschaftliche Machtverhältnisse wie auch unaufgearbeitete Konflikte und Ungleichgewichte werden so im öffentlichen Raum sichtbar. Darauf will das Projekt „Comrade Conrade“ am Beispiel der Conrad-von-Hötzendorf-Straße in Graz aufmerksam machen.

Der Krieger und die Pazifistin: Wem begegnen wir im öffentlichen Raum?

Seit einigen Jahren befindet sich die Conrad-von-Hötzendorf-Straße in einem massiven städtebaulichen Transformationsprozess, der durch verschiedene Um- und Neubau-Projekte das Antlitz der Stadt Graz weiter verändern wird. Ein Teil dieses Prozesses betrifft die Auseinandersetzung um die Namensgebung der Straße nach Franz Conrad von Hötzendorf (1852-1925) – Chef des Generalstabes für Österreich-Ungarn und wesentlich mitverantwortlich für den Weg in den Ersten Weltkrieg, die brutale Kriegsführung und Übergriffe gegen Zivilist*innen.

Eine – wesentlich von der Partei „die Grünen“ ausgehende Initiative hatte zum Ziel, die Straße in Bertha-von-Suttner-Straße umzubenennen. Bertha von Suttner (1843-1914) war eine österreichische Pazifistin, Friedensforscherin und Schriftstellerin, die 1905 als erste Frau mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Sie lebte in etwa zeitgleich mit Conrad von Hötzendorf. In der medialen Auseinandersetzung bildete sich jedoch schnell eine starke Opposition, welche ökonomische Aspekte der Namensänderung in den Vordergrund rückte, woraufhin die Initiative fallen gelassen wurde. Als Ergebnis der gescheiterten Initiative zur Umbenennung der Straße entstand jedoch das Ansinnen, einen gemeinschaftsfördernden Platz zu Ehren von Bertha von Suttner. Dieser Platz ist als generationenübergreifende Grünoase, die zum Verweilen und Spielen einlädt, geplant.

Die Schaffung des Bertha von Suttner-Platzes ist nicht nur für Friedensfreund*innen, sondern auch für diejenigen, denen an der Repräsentation von Frauen im öffentlichen Raum gelegen ist von Bedeutung. Denn von den etwa 52,5 Prozent der nach Personen benannten Straßen im Grazer Stadtgebiet sind bis heute lediglich ca. 2,5 Prozent nach Frauen benannt. Die restlichen Namen gehen auf Flurnamen, Zielpunkte einer Straße oder Tier- und Pflanzennamen zurück. Dabei reichen zum Beispiel die eher raren Pflanzennamen mit 2,11 Prozent fast schon an die Frauenquote heran. Da sich das Stadtgebiet in absehbarer Zeit nicht wesentlich verändert, ergeben sich voraussichtlich auch keine zusätzlichen Neubenennungen.

 „COMRADE CONRADE”

Das interdisziplinäre und mehrjährige Kunst-, Forschungs- und Friedensprojekt „COMRADE CONRADE. Demokratie und Frieden auf der Straße“ beschäftigte sich, anhand der Conrad-von-Hötzendorf-Straße, mit Zustand und Zukunft von Demokratie und Frieden der österreichischen Stadt Graz.

Das Projekt begann recht klein mit der Autorin als Initiatorin, fand aber schnell einen großen gesellschaftlichen und medialen Wiederhall und wuchs dementsprechend schnell. Rund 50 Personen und Institutionen aus Wissenschaft, Kunst und Zivilgesellschaft waren über den Zeitraum von 2016 bis 2019 in das Projekt eingebunden und gewährleisteten einen multidisziplinären und vielschichtigen Zugang zur Thematik. Teil des Projektes waren universitäre Institute, wie das Centrum für Jüdische Studien, die Institute für Kulturanthropologie und Ethnologie sowie das Europäische Trainings- und Forschungszentrum für Menschenrechte und Demokratie der Universität Graz, Fachhochschul-Lehrveranstaltungen des Themenkreises Städtebau und Stadtentwicklung, der Verein Frauenservice, das Institut für Männer- und Geschlechterforschung, die Lebenshilfe, das Stadtteilzentrum, das GrazMuseum, Künstlerinnen und Künstler und viele mehr.

Während des gesamten Projektzeitraumes wurden fünf methodisch und inhaltlich eigenständige Diskurs-Plattformen realisiert. Als erste Diskursebene diente ein niederschwelliges, ganzjähriges Rundgangsprogramm von insgesamt zehn Rundgängen, welches sich auf die etwa zwei Kilometer lange Straße und ihre Umgebung konzentrierte. Mithilfe der Expertise verschiedener Mitwirkender wurden unterschiedliche Aspekte des Lebens in der Stadt beleuchtet. Die Soziologin Elli Scambor fokussierte beispielsweise auf die verschiedenen Arten von Männlichkeit in der Conrad-von-Hötzendorf-Straße während die Diversitätsfachfrau Edith Zitz im von ihr gestalteten Rundgang die Kultur der Arbeit und Wirtschaft in der Conrad-von-Hötzendorf-Straße mit stadtentwicklerischen Perspektiven und Fragen der Geschlechterdemokratie in Verbindung brachte.

Eine weitere Projektplattform stellten mehrere „Kunst-im-öffentlichen-Raum-Projekte“ dar, die teils partizipativ angelegt und teilweise über mehrere Monate im öffentlichen Stadtraum besichtigt und erlebt werden konnten.

Weiters wurde eine mehrtägige internationale Tagung gemeinsam mit dem Centrum für Jüdische Studien und dem Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie zum breiteren Thema von „Demokratie und Frieden auf der Straße“ durchgeführt und auch in den Nahbereich der Straße getragen. Es fanden viele Veranstaltungen vor allem auch vor Ort statt, die sich mit dem täglichen Miteinander auseinandersetzten und den Wünschen der Bevölkerung Raum boten.

Was bleibt?

Zentrales methodisches Element innerhalb dieses Projektes waren die niederschwelligen Rundgänge, die Anknüpfungspunkte an die lokale Umgebung und vor allem an die Bevölkerung schufen, und die vor allem essenziell für ein friedvolles Miteinander stehen. Dadurch dass ganzjährig und konstant immer wieder Veranstaltungen zum Thema durchgeführt wurden konnten viele Menschen erreicht werden.

Eine Herausforderung für das Projekt bestand darin, einen Prozess der Öffnung anzustoßen, der notwendig ist, um die Bevölkerung teilhaben zu lassen aber gleichzeitig ein handhabbares Format zu wahren – mit klar begrenztem Ende und definiertem Ergebnis. Hier war es wichtig, Netzwerke zu bilden und die unterschiedlichen Beteiligten als selbstbewusste und eigenständige Akteur*innen in einen gemeinsamen Rahmen einzubinden. Die US-amerikanische Autorin und Literaturwissenschaftlerin Bell Hooks, die dafür plädiert alle Adressatinnen und Adressaten als aktive und eigenständige Personen wahrzunehmen und verschiedene Sorten an Wissen miteinander ins Gespräch zu bringen, war hier eine große Inspiration.[2]

In der Planungsphase des Projekts lag der Fokus auf dem aktuellen Stand der Geschlechtergerechtigkeit in einem bestimmten Stadtteil. Im Projektverlauf weitete sich dieser Schwerpunkt zunehmend aus, sodass viele weitere friedensrelevante Aspekte thematisiert werden konnten. Zentral hierfür war die Etablierung von friedvollen, diskursiven Räumen, die einen sachlichen Austausch in heterogenen Gruppen ermöglichen. Das Projekt „Comrade Conrade“ konnte wesentlich dazu beitragen, wechselseitiges Vertrauen zwischen Ortsansässigen und Vertreter*innen der Politik auf Bezirksebene und der Verwaltung aufzubauen. Das gesammelte Wissen soll nun in Form einer Publikation wieder in die Stadt eingebracht werden, um auch andere zu inspirieren, sich an der Gestaltung des öffentlichen Raums zu beteiligen.

 

Dr.in Nicole Pruckermayr

Nicole Pruckermayr studierte Biologie, Architektur, Visuelle Kultur und Kunstanthropologie. Zwischen 2004 und 2012 unterrichtete sie als Universitätsassistentin am Institut für Zeitgenössische Kunst /TU Graz vorwiegend Kunst im öffentlichen Raum. Derzeit lebt sie als freischaffende Künstlerin und Kuratorin in Graz/Österreich.

 

https://umlaeute.mur.at/CV/nicole-pruckermayr/

Quellen:

[1] Massey, Doreen. 1994. „Space, Place and Gender” In: Belina, Bernd / Naumann, Matthias und Anke Strüver (Hrsg.): Handbuch Kritische Stadtgeographie. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot.

[2] hooks, bell. 2010. Teaching Critical Thinking: Critical Wisdom . New York/London: Routledge.

How Germany advocates for the protection of aid workers in the Security Council

How Germany advocates for the protection of aid workers in the Security Council

By Dr. Charlotte Dany

Germany has made the facilitation of humanitarian aid to one of its headline goals for its 2-year seat on the UN Security Council from 2019-2020, and a main theme for its shared Security Council Presidency with France in March and April this year. With this move, Germany decidedly contributed to make the delivery of relief to suffering populations an issue of ‘high politics’. It gives humanitarian aid the salience it deserves, given the rising needs of people in humanitarian crises, as well as the constant violation of humanitarian law. Germany in particular focuses on protecting aid workers by promoting the humanitarian principles. However, this approach is insufficient and contradicted by other international humanitarian aid policies.

The rising civilian casualties of extended wars and armed conflicts, as well as increasingly deadly natural disasters make humanitarian aid an ever-more important issue of international peace and humanitarian politics. However, despite this rising need for humanitarian assistance, providing aid becomes increasingly dangerous and impossible in certain high-risk environments. Targeted attacks against aid workers and infrastructure are a constant problem, which receives increasing attention.

Aid workers are killed, injured or kidnapped, mostly in South Sudan, Afghanistan, Syria, the Democratic Republic of Congo, and Somalia. According to the Aid Workers Security Report 2017 by the Humanitarian Outcomes research and consultancy group, perpetrators are dominantly non-state armed groups. Moreover, aerial bombings by Russia and the United States killed a particularly large number of aid workers and destroyed medical facilities in Syria and Yemen. At the beginning of April 2019, Germany and France reported “139 attacks on medical facilities last year, in which more than 300 people were killed or injured” in Syria alone. Humanitarian Outcomes ranks South Sudan as the most dangerous place for aid workers, documenting an especially steep increase of violent attacks between 2016 and 2018.

Protection of aid workers as main objective

In such situations, humanitarian aid organizations may decide to withdraw their staff fully from certain countries or regions because of the attacks, as Médecins Sans Frontières did in Afghanistan in 2004 and Somalia in 2013. This is particularly worrisome as the local population often remains highly dependent on humanitarian assistance: Following its independence in 2011, South Sudan, for instance, experienced a violent civil war that cost the lives of hundreds of thousands and displaced millions of people. To make matters worse, famines contributed to the complex humanitarian crisis. Attacks against aid workers therefore do not only hurt the aid workers and organizations, but they also contribute to the suffering of already highly vulnerable people in conflict zones. The attacks effectively prohibit access to affected populations and lead to a deterioration of the situation for a wide group of people.

Therefore, it is highly justified that Germany, for its two-year term on the UN Security Council as well as its shared German-French Presidency in March and April this year, focuses on the promotion of the humanitarian system. This accords with Germany’s and other state’s increasing willingness to allocate more resources for humanitarian assistance, among others in Syria, Chad, Iraq, and Yemen. To make sure that these resources actually reach those in need, it is necessary to protect aid workers. Foreign Minister Heiko Maas consequently advocates for the protection of humanitarian aid workers and humanitarian aid infrastructure, alongside facilitating access to affected populations in armed conflicts and strengthening the application of humanitarian law

Protecting aid workers through enhancing the humanitarian principles?

Germany’s approach to protecting aid workers centrally focuses on strengthening the humanitarian principles of neutrality, impartiality, and independence. In his speech at the UN Security Council on April 1st 2019, Minister Maas emphasized that these humanitarian principles „are not an end in themselves. They protect the lives of aid workers – and the people they help”. He therefore suggested to provide better information on international humanitarian law and the humanitarian principles, and to sanction norm violations.

While he announced more concrete measures for the coming months, so far Minister Maas mostly advocates to improve knowledge: knowledge of the attacks, for example through Fact Finding Missions, as well as knowledge of the humanitarian principles and international humanitarian law. Yet, while increasing knowledge is certainly important and laudable, the focus on the humanitarian principles is insufficient, in particular when it is undermined by other policies that affect humanitarian aid.  Indeed, Germany’s broader humanitarian aid policies, also in the context of recent EU and UN strategies, risk undermining the intention to protect the lives of aid workers.

The problem of protective principles

Foreign Minister Heiko Maas follows a widespread assumption on the security of aid workers: namely, that the humanitarian principles serve as ‘protective shields’ against attacks. Sticking to the humanitarian principles, visibly showing the insignia of humanitarian aid (such as the Red Cross), as well as teaching others about these principles ought to ensure that aid workers in the course of helping others, as well as their hospitals and trucks, do not become targets. In turn, it is commonly assumed that attacks occur, because the humanitarian principles disintegrate, for example through processes of politicization and militarization.

Politicization refers to the observation that humanitarian aid has become an instrument of foreign policy, more recently during the Global War on Terror. Militarization means that, consequently, the actions of humanitarian and military actors blur. Thus, the humanitarian principles should most importantly ensure that aid workers keep their separate identity, as best as possible, to avoid a blurring of lines between them and the actions of states and military actors. Especially in the view of humanitarian aid organizations, such a commingling is the main problem for the security of aid workers. Ironically, Germany’s and the EU’s humanitarian aid policies, as well as UN counterterrorism policies contributed to the problem in the past years.

The EU promoted the integration of humanitarian aid in a comprehensive security strategy in its Comprehensive Approach, thereby blurring the lines of military actions, development cooperation, and humanitarian aid. In addition, the EU and also Germany strongly focus on the prevention of conflicts, whereby humanitarian aid becomes a means of conflict prevention. For example, it may contribute to reducing the causes of flight and migration (Fluchtursachenbekämpfung). However, the use of humanitarian aid for conflict resolution or as an instrument to reach foreign policy goals reinforces the politicization of humanitarian aid, as well as it increases its militarization.

For this reason, the International Committee of the Red Cross (ICRC) very recently objected the UNSC Counterterrorism Resolution 2462 (2019), as it “can criminalize and restrict humanitarian action”. These international and national policies affect humanitarian aid practice and illustrate the tension between Germany’s willingness to protect aid workers and its tendency to blur the lines between political, military and humanitarian action.

In sum, while Germany insists on promoting the humanitarian principles to secure aid workers, its policies include humanitarian aid as tools for conflict prevention and conflict resolution, thereby risking to contribute to a further blurring of lines between humanitarian and military action that causes at least some of the security problems in the first place. To achieve more security for aid workers, Germany should focus on keeping humanitarian aid separate from military actions and avoid being part of the problem.

This article was first published on the PRIF-Blog.
We are glad to have the permission to repost it here.
Link: https://blog.prif.org/2019/05/14/how-germany-advocates-for-the-protections-of-aid-workers-in-the-security-council/

 

Dr. Charlotte Dany

Dr. Charlotte Dany is Managing Director of the Peace Academy Rhineland-Palatinate (Friedensakademie Rheinland-Pfalz) at the University of Koblenz-Landau. Formerly, she was a postdoctoral researcher and lecturer at Goethe-University Frankfurt and holds a Ph.D. from the University of Bremen. Charlotte Dany is an expert on humanitarian aid, development cooperation, information and communication politics, as well as on the role of non-governmental organizations (NGOs) in global governance.

Negating the existence of female combatants hurts women’s status in peace processes

Negating the existence of female combatants hurts women’s status in peace processes

By Emanuel Hermann

 The gender-essentialist assumption that women are only involved in armed conflict as civilians and victims, never as combatants and perpetrators, leads to their exclusion from economic opportunities that are awarded to potential spoilers of peace. In Sierra Leone, where women constituted a large part of the armed groups, the Disarmament, Demobilization and Reintegration-program provides a salient example for this.

 

Women were labelled the “worst losers” of Sierra Leone’s eleven years long civil war.[1] News articles, reports by international organisations and academics predominately depicted women as victims and highlighted their vulnerability in the conflict. Although a large percentage of fighters were actually women, their role as perpetrators of violence was largely ignored. Most international organisations refused to refer to former female combatants as “fighters” and instead termed them “women associated with armed groups” or “dependents”. This discourse deprived women of agency during and after the conflict and influenced the programs offered to women in the post-conflict phase by international organisations.

The role of female combatants in the Sierra Leonean conflict

Approximately 75,000 people were killed in the civil war in Sierra Leone between 1991 until 2002. The conflict was characterised by various factions fighting each other and the government respectively. All conflict parties were responsible for atrocities and all factions had female combatants in their ranks. In total, it was estimated that around 10-30% of all fighters were women and girls.[2] It is impossible to make generalisations about the experiences of women and girls during the war since they varied considerably among individuals. Some tried to escape the groups they were to become a part of, some married fellow combatants out of love, some were forced to do so, some divorced, some had children, and some took up the opportunity to join the fight.[3] Only a minority of women decided to join the groups by choice. Most of them were abducted (as were many men and boys) and subsequently suffered sexual abuse and forced labour within their respective armed group.[4]

For those women who decided to take up arms it is important to point out that they did not do so primarily to improve their own or women’s status more generally. Instead, many chose to fight for their own or families’ survival. Their decisions were constrained by the social context they found themselves in. Their options were often very limited, consisting of either taking up arms, becoming the lover of a commander, having to work in the camps or being killed by fellow group members. Choosing between life and death is of course “more a matter of bare survival” than a choice.[5] However, although highly constrained in their choice, women in the camps could decide between different survival strategies. Some women who decided to fight, stated that this enabled them to access resources through looting, to protect themselves against the enemy but also against members of their own armed groups. Some stated that possessing a gun made them “feel strong and fearless”.[6] Thus, becoming a combatant enabled some women to have a certain degree of independence and agency. However, conditions for female combatants still differed strongly from those of their male counterparts. They remained more vulnerable to sexual violence and forced labour were relatively powerless within the armed groups.[7]

The DDR-process and the influence of gender essentialist ideas

Sierra Leone’s civil war was followed by a massive peacebuilding and subsequent statebuilding project. As in other post-conflict countries, Disarmament, Demobilization and Reintegration (DDR) was a major component of this processes. DDR-programs are generally based on the assumption that former members of armed groups are “potential spoilers to the peace process and therefore pose a danger in a post-conflict environment”.[8] A crucial element of DDR-processes is the disarming of groups. Demobilisation refers to the process of “decommissioning active combatants from Armed Forces and other armed groups”. [9] Reintegration aims at giving combatants economic opportunities either by returning to civilian life or, in some cases, by integrating into the national army. In the case of Sierra Leone, the DDR-process was mainly funded by the World Bank, the United Nations Mission to Sierra Leone (UNAMSIL), UNICEF and the Sierra Leonean government. At first, the program was supposed to “support the short term economic and social integration” of around 45,000 former combatants of all factions. The actual number of former fighters turned out to be much higher and when the program ended in 2002, around 75,000 people had taken part in the process.[10]

The planning and execution of the DDR-process in Sierra Leone was based on the gendered assumption of men as “perpetrators” in war and women as “victims” of war.[11] In general, this dichotomy is predominant within the international policy community. In the case of Sierra Leone, women combatants were portrayed as “camp followers”, “sex-slaves” and “wives” but not as “fighters” or “combatants” although some were exactly that. In contrast, men associated with armed groups, were exclusively defined as soldiers but never as “men involved in armed groups” or similar terms that were used to describe former female fighters. Since most women were first abducted and usually raped, they were seen solely as “victims”. That a person can be both, a “victim” but also a “perpetrator”, is not considered in this discourse. This oversimplification had serious consequences in Sierra Leone where it led to the different treatment of male and female combatants within the DDR-process, especially in the reintegration phase. Women were not seen as “real soldiers” and hence, not as a potential security threat to the peace. As MacKenzie highlights, DDR-process are essentially “securitisation”-processes in which potential threats are constructed and policies designed to produce security. Thus, not being recognised as a threat can have serious policy implications.[12] In Sierra Leone, it led to the “depoliticization” of women’s role in the conflict and since in a post-conflict climate the international community is more likely to prioritise perceived security threats, reintegration efforts for male combatants received considerably more attention and funding. Reintegration programs for men encompassed a range of different training programs to prepare them for a legal occupation while reintegration for women was largely seen as “a social process” in which women were expected to return to their communities to start a “normal” life.[13] Furthermore, the training options for women were very limited and based upon gender-essentialist ideas of the role of women in the economy. While the training programs for men included potentially lucrative skills like auto mechanics, computer skills or masonry and plumbing, the options for women were limited and consisted of low-income activities such as soap-making, tie-dying or tailoring. Another part of the program that should help female women to return to their communities encompassed a micro-credit scheme that was designed to help women to “reduce the family pressure on male ex-combatants”.[14] Again, it was assumed that women want to act in the way that is expected of them, which is to be married, stay married and support their breadwinning husband.

Conclusion

The programs implemented by international organisations in post-conflict Sierra Leone were based on gender essentialist ideas about women’s role in conflict and society. By describing female combatants solely as “victims”, they were assigned a fixed personal status rather than acknowledging that female combatants were also perpetrators of violence. This categorisation determined their perceived importance in the peace process as well as the economic options offered to them. While former male combatants were viewed as a potential threat to stability that needed to be managed by providing them with economic opportunities, women’s reintegration was understood as a social process. They were assumed to return to their previous place in society depriving them from the positions of authority or economic opportunities some of them had known during the civil war. The post-conflict period can be a source of social change and an opportunity for the political and economic inclusion of previously marginalised groups. In the case of Sierra Leone, however, this did not happen as peace builders deprived women of agency and instead reinforced stereotypical gender views.

Emanuel Hermann

Emanuel Hermann studiert Development Studies mit dem Schwerpunkt “Conflict, Power and Development” am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf. Er ist zudem als studentischer Mitarbeiter an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz angestellt und arbeitete mehrere Jahre für das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK).

 

Quellen

[1] MacKenzie, Megan (2009a) Securitization and Desecuritization: Female Soldiers and the Reconstruction of Women in Post-Conflict Sierra Leone, Security Studies 18:2, 241-261.

[2] Coulter, Chris (2008) Female Fighters in the Sierra Leone War: Challenging the Assumptions?, Feminist Review 88:1, 54-73.

[3] MacKenzie, Megan (2009b) Empowerment boom or bust? Assessing women’s post-conflict empowerment initiatives, Cambridge Review of International Affairs 22:2, 199-215; MacKenzie, Securitization and Desecuritization; Coulter, Female Fighters in the Sierra Leone War; Lahai, John Idriss (2012) ‘Fused in Combat’: Unsettling Gender Hierarchies and Women’s Roles in the Fighting Forces in Sierra Leone’s Civil War, ARAS 33:1, 34-55.

[4] Coulter, Female Fighters in the Sierra Leone War, p.58/59. It is difficult to determine the number of female combatants who joint armed groups voluntarily. About 93% of women who served in the Revolutionary United Front (RUF), the armed group with the highest number of female combatants, stated that they were abducted and forcefully recruited (Cohen, Dara Kay (2013) Female Combatants and the Perpetration of Violence: Wartime Rape in the Sierra Leonean Civil War, World Politics 65:3, 383-415, p.402).

[5] Coulter, Female Fighters in the Sierra Leone War, p.68.

[6] ibid., p.68.

[7] ibid., p.68. Rape and other sexual violence was also committed against boys and men, though on a much smaller scale (see: Human Rights Watch (2003) ‘We will kill you if you cry’: Sexual Violence in the Sierra Leonean Conflict, https://www.hrw.org/reports/2003/sierraleone/index.htm#TopOfPage [13.02.2019]).

[8] Thakur, Monika (2008) Demilitarising Militias in the Kivus (eastern Democratic Republic of Congo), African Security Studies 17:1, 51-67, p.53; for more on DDR-processes see Omach, Paul (2012) The Limits of Disarmament, Demobilisation, and Reintegration, in: Peacebuilding, Power, and Politics in Africa. Ed. by Devon Curtis & Gwinyayi A. Dzinesa, Ohio: Ohio University Press.

[9] Carames, Albert & Eneko Sanz (2009) DDR 2009: Analysis of Disarmament, Demobilisation and Reintegration (DDR) Programmes in the World during 2008. Bellaterra: School for a Culture of Peace, p.8.

[10] MacKenzie, Empowerment boom or bust?, p.207.

[11] Coulter, Female Fighters in the Sierra Leone War, p.65/66.

[12] MacKenzie, Securitization and Desecuritization, p.245 & p.257.

[13] ibid., p.257.

[14] MacKenzie, Empowerment boom or bust?, p.208-213.

 

Der Mädchen-Effekt: Eine Kritik am vorherrschenden Frauenbild in der Entwicklungshilfe

Der Mädchen-Effekt: Eine Kritik am vorherrschenden Frauenbild in der Entwicklungshilfe

Von Max Jansen

Mit den Erfolgen der Frauenbewegung hat sich im öffentlichen Diskurs ein Frauenbild etabliert, das die Eingliederung von Frauen in globale Wertschöpfungsketten in den Vordergrund stellt. Diese Vorstellung, in der Frauen vor allem eine gesamtgesellschaftliche Investition sind, dominiert heute auch die transnationale Entwicklungszusammenarbeit. Das ihr zugrundeliegende Frauenbild ist eindimensional und unpolitisch. Verfolgt Entwicklungszusammenarbeit das Ziel, Frauen und Mädchen wirklich zu ermächtigen, muss sie einem politischen Selbstverständnis folgen.

Feministische Kämpfe haben Frauen in den vergangenen 100 Jahren zu weitreichender rechtlicher Gleichberechtigung und zunehmender wirtschaftlicher, politischer und kultureller Teilhabe verholfen. In Verbindung damit hat sich in den letzten Jahrzehnten medial und kulturell ein neues Frauenbild etabliert, das Frauen nicht länger als benachteiligt und unterdrückt, sondern vielmehr als dynamisch, kompetent, sozial und erfolgreich darstellt. Insbesondere jungen Frauen wird heute in öffentlichen Debatten mit Faszination, Enthusiasmus und lustvoller Aufregung begegnet. Dabei haben sich innerhalb des Feminismus mittlerweile vor allem solche Strömungen durchgesetzt, deren Schwerpunkt auf der ungehinderten Teilnahme von Frauen am Arbeitsmarkt liegt. Dieser, häufig als „liberaler Feminismus“ betitelte Feminismus, prägt derzeit auch das Frauenbild, welches in der Entwicklungszusammenarbeit von Staaten, Stiftungen, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Unternehmen des globalen Nordens vermittelt wird.

The Girl Effect: Mädchen als perfekte Empfängerinnen von Entwicklungshilfe

Durch die entwicklungspolitischen Programme staatlicher Entwicklungsagenturen, internationaler Organisationen und die Werbeanzeigen westlicher NGOs zieht sich heute die Idee der sogenannten „girlpower“ – einer Frauen und Mädchen eigenen Macht. So lautet der Titel eines Berichtes des global tätigen Finanzdienstleisters Goldman Sachs beispielsweise „Women Hold Up Half the Sky“, während der internationale Wirtschaftsfond titelt “Girl Power – Policies that help integrate women into the workforce benefit everyone”. In der von der Nike Foundation getragenen Kampagne „The Girl Effect“ heißt es „change starts with a girl“, denn Mädchen seien die „mächtigste Kraft für den Wandel auf unserem Planeten“. Auch die Kinderhilfsorganisation Plan International spricht in „An alle Frauen in Deutschland“ adressierten Briefen von einem „Mädchen-Effekt“, der dadurch wirke, dass private Spenden von Einzelpersonen im globalen Norden jungen Mädchen im globalen Süden Bildungsangebote ermöglichen. Diese Bildungsangebote sollen dazu führen, dass Mädchen zunächst ihr eigenes Leben und in der Konsequenz auch die Gesellschaften, in denen sie leben, positiv verändern.

Kurzum, Frauen werden von Geberorganisationen der Entwicklungshilfe nicht mehr primär in einer Opferrolle, als hilfsbedürftige „third world women“ dargestellt, sondern als Ikonen der Effizienz und des Altruismus – und nicht zuletzt, als ertragreiches Investment. Während Jungen und Männer aus dem globalen Süden durch das Bild des potenziell gefährlichen „Flüchtlings“ zunehmend als Problem dargestellt werden, erscheinen Frauen und Mädchen als kooperationswillige und kompetente Partnerinnen beim Aufbau der (besseren) Welt von morgen.

 Kompetent und unpolitisch

Derartige Kampagnen sprechen, einer (neo-)liberalen Logik folgend, gezielt Vorstellungen von persönlicher Ermächtigung (Empowerment) und individueller Handlungsfähigkeit (Agency) an. Sie rücken ökonomische Aktivitäten in den Vordergrund und sind darum bemüht, junge Frauen und Mädchen im globalen Süden fest in bereits bestehende Formen globaler Wertschöpfung einzugliedern. Die wirtschaftlichen und sozialen Erträge, die eine Gesellschaft aus der Investition in Frauen und Mädchen erhält, hängen in dieser Sichtweise von deren optimistischer Einstellung und Strebsamkeit ab – kurzum, von Vorstellungen tugendhafter Weiblichkeit. Damit bürden sie individuellen Frauen und Mädchen die Verantwortung auf, die Gesellschaften, in denen sie leben, in ein neues Zeitalter zu führen. Politische Auseinandersetzungen über die Notwendigkeit struktureller Veränderungen rücken so an den Rand der Bedeutungslosigkeit.

So dargestellt erscheinen globale Ungerechtigkeiten durch geschickte Ressourcenausstattung auf individueller Ebene lösbar, während die Notwendigkeit grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen in den Hintergrund tritt. Aufgrund der ihnen zugeschriebenen Potenziale erscheinen insbesondere junge Mädchen im globalen Süden als eine vermeintlich feministische Lösung für die derzeitigen Entwicklungsprobleme der Welt (und zunehmend auch des Klimawandels). Auf diese Weise wird eine warenförmige Weiblichkeit produziert: Frauen werden als durchweg freundlich, schön und gewissermaßen formbar dargestellt. Sie strahlen Wohlwollen, Strebsamkeit und einen guten Willen aus, wodurch sie als attraktive Vorbotinnen eines neuen weiblichen Typs erscheinen. Das erfolgreiche Mädchen entsteht hierbei erst durch einen von außen auszulösenden Effekt, der an konkrete Erwartungen geknüpft wird. Die Aufgabe, eine positive Veränderung der Welt herbeizuführen, wird somit ausgerechnet von denjenigen geschultert, die unter den derzeitigen globalen Verhältnissen am meisten leiden.

Ausblick: Die Frau in Jinwar und die Notwendigkeit struktureller Veränderungen

Während mittels dieses Frauenbildes eine mögliche Verbesserung der Welt suggeriert wird, die ohne eine Analyse und Beseitigung der strukturellen Grundlagen der bestehenden Missstände auszukommen scheint, zeigen andere Beispiele, dass ein transnationales Engagement für Frauen und Mädchen auch anders möglich ist. Beispielhaft lässt sich dies anhand des Frauenbildes beschreiben, das in der Außendarstellung des Frauendorfes Jinwar in Nordsyrien zum Tragen kommt. Das Frauendorf wurde durch ein Komitee von Dorfbewohnerinnen im Norden der Demokratischen Föderation Nordsyrien, besser bekannt unter ihrem kurdischen Namen „Rojava“, ins Leben gerufen und wird von der Konföderation der Frauenbewegung in Rojava in Kooperation mit der Stiftung der Freien Frau in Rojava/Syrien unterstützt. Das Leitmotto des Frauendorfes lautet: „Die freie Frau ist die Basis der freien Gesellschaft“. Also dient die Frau auch in Jinwar zur Verkörperung eines bevorstehenden Wandels, der weit über ihr individuelles Leben hinaus einen gesamtgesellschaftlichen Effekt ausstrahlen soll. Allerdings werden Frauen hier nicht als von außen auszulösender Effekt dargestellt, sondern als selbstbestimmte und vielfältige Individuen, die sich durch kollektive Selbstermächtigung ein gemeinschaftliches Leben aufbauen und ihre Erfahrungen selbst nach außen tragen. Die Bewohnerinnen des Dorfes berichten in Newslettern und bei Vorträgen von ihren Anstrengungen, sich inmitten des anhaltenden Bürgerkriegs in Syrien frei von Gewalt und Unterdrückung ein neues Leben, Arbeiten und Miteinander zu ermöglichen sowie von dem Baufortschritt in Jinwar.

Mit ihrer gemeinschaftlichen Lebensweise möchten die Frauen in Jinwar an prähistorische Gesellschaftsstrukturen im heutigen Mesopotamien anknüpfen, die sie als kollektiv, kommunal, ökologisch und matriarchal geprägt beschreiben. So bauen sie beispielsweise bewusst auf traditionelle und nachhaltige Weise. Die dabei verwendeten Lehmziegel stellen sie selbst her und beziehen alle notwendigen Rohstoffe aus der Region. Auch der große, ökologisch bewirtschaftete Gemeinschaftsgarten erfüllt die Anforderungen eines autarken und selbstbestimmten Lebensstils. Während westliche Entwicklungsagenturen Frauen im globalen Süden in einer eindimensionalen Weise darstellen, um sie in bestehende Formen der Wertschöpfung einzugliedern, wird in Jinwar stattdessen ein umfassenderes Frauenbildes verkörpert, das die autonom gewählte Selbstorganisation und angesichts der Schrecken des syrischen Bürgerkriegs beispielsweise auch die Möglichkeit zur Selbstverteidigung einschließt, wie die Kooperation der Frauen in Jinwar mit den Frauenverteidigungseinheiten in Nordsyrien (kurdisch: Yekîneyên Parastina Jin, YPJ) zeigt.

Das Frauenbild, das in Jinwar vermittelt wird, geht somit weit über die passive Rolle hinaus, die Frauen und Mädchen im dominanten Paradigma der Entwicklungszusammenarbeit gemeinhin zugewiesen wird. Hier werden Frauen nicht einseitig als strebsam, kooperativ und regelrecht harmlos dargestellt, sondern zudem als autark, streitbar und politisch. Dies bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte, welche die internationale Entwicklungszusammenarbeit aufnehmen könnte, wenn sie Frauen nicht als Mittel zum Zweck, sondern als selbstbestimmte, heterogene und politische Subjekte wahrnehmen möchte.

 

Max Jansen

Max P. Jansen studiert Friedens- und Konfliktforschung mit einem Schwerpunkt auf Gender Studies, Zivilgesellschaft und Cybersecurity an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der TU Darmstadt. Neben seinem Studium arbeitet er für eine in Frankfurt ansässige Hilfs- und Menschenrechtsorganisation und veröffentlicht in unregelmäßigen Abständen Beiträge auf www.freitag.de/autoren/max-jansen.

Pfälzer Initiative “Entrüstet Euch!”

Pfälzer Initiative “Entrüstet Euch!”

Von Helmut Schmidt

Unsere Initiative wurde Anfang 2016 in Kaiserslautern gegründet. Viele in unserer Gruppe sind schon lange in der Friedensbewegung aktiv, manche aber auch erst seit kurzer Zeit – und wir freuen uns über jede(n) weitere(n) Mitstreiter(in).

Unser zentrales Ziel ist es, eine umfassende Abrüstung bei uns in der Region, in Deutschland und weltweit zu erreichen. Der alte Slogan aus den 1970er Jahren: Rüstung tötet täglich – ist leider wieder sehr aktuell geworden. Die erhoffte Minderung der weltweiten Rüstungsausgaben durch das Ende des Kalten Krieges 1991 ist leider nicht eingetreten. Im Gegenteil – und die durch neuerliche Hochrüstung ‘verschwendeten‘ Mittel fehlen mehr denn je für eine gerechte und humane Politik, sei es bei uns oder auch weltweit.

Konkret wollen wir vor Ort die Bürgerinnen und Bürger aufklären über die Bedeutung von Militärbasen in ganz Deutschland. Im Fokus haben wir dabei insbesondere die US-Airbase Ramstein in der Nähe von Kaiserslautern. Auf dieser Airbase Ramstein befindet sich nicht nur die für den weltweiten mörderischen Drohnenkrieg der USA notwendige Relaisstation, sondern auch die Befehlszentrale für das US-Raketenabwehrschild und für die Koordinierung der völkerrechtswidrigen Kriegsaktionen der US-Armee.

Ein weiterer Punkt neben der Aufklärung über diese militärischen Fakten ist die aus unserer Sicht notwendige Konversion. Das biblische Motto ‘Schwerter zu Pflugscharen’ gibt auf bildliche Weise sehr gut wieder, was auch unser Ziel ist: Waffen und Militäranlagen sollen umgewandelt werden in zivile Güter und zivile Infrastruktur, die für das Leben allgemein und für die Entwicklung unserer Region speziell sehr hilfreich sind.

Wir distanzieren uns ganz entschieden von der imperialen Machtpolitik der USA und der Nato – selbstverständlich aber auch genauso von der Militarisierung Deutschlands und von der im Aufbau befindlichen EU-Militärmacht. Wir fordern ein Russland einschließendes Friedens- und Sicherheitskonzept, sodass der Bau des gemeinsamen, europäischen Hauses endlich begonnen werden kann.

Die nächsten Veranstaltungen, bei denen man die Pfälzer Initiative “Entrüstet Euch!” kennenlernen kann sind: der Ostermarsch am 20. April 2019 in Kaiserslautern, der Vortrag “Militär und Umwelt” am 24. Mai 2019, der Vortrag “Neue atomare Bedrohung” am 13. Juni und die Aktionswoche “Stopp Airbase Ramstein” vom 23. Juni bis 30. Juni 2019. Weitere Informationen – Veranstaltungen, Termine, Links – findet man auf unserer Homepage.

 

Mehr Schein als Sein. Geschlechtergerechtigkeit in den Vereinten Nationen

Mehr Schein als Sein. Geschlechtergerechtigkeit in den Vereinten Nationen

Von Manuela Scheuermann 

Die Vereinten Nationen  bemühen sich redlich, Maßnahmen zu mehr Geschlechtergerechtigkeit in allen Teilen der Welt anzustoßen. Doch sie selbst verharren  in tradierten Mustern – mit tiefgreifenden Folgen für die Geschlechtergleichheit in der eigenen Organisation. Mögen jüngste Entwicklungen, wie die Geschlechterparität in einigen großen Sonderorganisationen, ein positiveres Bild einer gender-sensiblen UN zeichnen, so zeigt doch gerade der wichtige Tätigkeitsbereich „Frieden und Sicherheit“, dass die UN noch einen langen Weg vor sich haben. Systemische Hindernisse auf politischer und bürokratischer Ebene verhindern Geschlechtergerechtigkeit innerhalb der Weltorganisation.

Eine Weltorganisation setzt Normen

Die United Nations (UN) inszenieren sich seit geraumer Zeit als Vorreiterin, Vordenkerin und Normsetzerin für Geschlechtergerechtigkeit. Seit dem Amtsantritt von Antonio Guterres wurden die Appelle der UN an die Staatengemeinschaft, Gender-Belange ernst zu nehmen, noch lauter. Anlässlich des Weltfrauentags 2019 unterstrich der UN-Generalsekretär, die Förderung der weiblichen Hälfte der Weltbevölkerung sei essentiell für den globalen Fortschritt. Dies ist insbesondere in dem für die Vereinten Nationen konstitutiven Tätigkeitsbereich „Frieden und Sicherheit“ der Fall. Fotos von Frauen in Uniform dominieren den Internetauftritt der für Friedenssicherung zuständigen Abteilung „Department for Peace Operations“ (DPO). Die Intensivierung des „Women, Peace and Security“-Programms steht auch – und gerade durch deutsche Initiativen – während der nicht-ständigen Mitgliedschaft Deutschlands von 2019 bis 2020 im UN-Sicherheitsrat hoch auf der Tagesordnung.

Dabei dominiert im UN-Diskurs ein friedenspolitisches Narrativ von Geschlechtergerechtigkeit: der Schutz von Frauen vor sexualisierter oder gender-basierter Gewalt, die Bewahrung von Frauenrechten als Menschenrechten und der Einbezug, ja die aktive Partizipation, von Frauen in allen Phasen des Friedensprozesses als zwingende Voraussetzung für einen nachhaltigen, stabilen und positiven Frieden. Frauen werden dabei in den Friedensoperationen theoretisch mittlerweile alle Rollen zugedacht, die Männern von Beginn an zustanden. Frauen sollen als Vermittlerinnen in Friedensverhandlungen, als Kandidatinnen für Wahlen, und als Polizistinnen und Soldatinnen zu UN-Friedensoperationen beitragen. Sie alle sollen als Vorbild, als „role model“, dienen, aber auch die Kommunikation mit der weiblichen Bevölkerung in den Einsatzgebieten erleichtern. Frauen bringen einzigartige Fähigkeiten in Friedensprozesse ein. Deshalb sind Anstrengungen für Gender-Parität, Gender-Mainstreaming und Gender-Sensibilität wichtig. Das ist die Botschaft der United Nations.

Gender-Misere in UN-Friedensoperationen

Sieht man jedoch hinter diese glitzernde Fassade, zeigt bereits der Blick auf die Verhältnisse innerhalb der Weltorganisation, dass Worte und Taten noch immer stark auseinanderklaffen. Auch wenn der Anteil von Polizistinnen und zivilen UN-Mitarbeiterinnen stetig steigt, stagniert der Anteil an Soldatinnen in UN-Friedensoperationen auf niedrigem Niveau. Seit mehr als einem Jahrzehnt verharrt er bei etwa vier Prozent. Die Appelle des UN-Generalsekretärs scheinen vor allem in militärischen Belangen ungehört zu verhallen. Er mahnte anlässlich der letztjährigen Generaldebatte zu „Women, Peace and Security“ an, die UN würden sowohl ihre Glaubwürdigkeit als auch ihre Fähigkeiten zum Schutz der Zivilbevölkerung verlieren, wenn die UN-Blauhelmkontingente weiterhin fast ausschließlich männlich werden. Gerade der Schutz-Aspekt ist ein zentraler Aufgabenbereich der UN-Peacekeeper und gerade hier leisten weibliche Soldatinnen einen essentiellen Beitrag. Nachweislich sinkt die sexualisierte Gewalt gegen die weibliche Zivilbevölkerung, das Vertrauen in die UN-Friedensmission steigt und das Fehlverhalten der männlichen Peacekeeper verringert sich, wenn mehr Frauen in UN-Uniform vor Ort sind. Es ist also keineswegs nur ein Zahlenspiel, das die UN antreibt mehr Frauen als Soldatinnen in UN-Friedensoperationen zu entsenden, sondern die Überzeugung dass Frauen einen echten Mehrwert bringen – für die Kultur innerhalb der Mission und für die Friedensbemühungen vor Ort.

Männliche Institution verhindert Geschlechtergerechtigkeit

Der Schuldige dieser Gender-Balancing-Misere in UN-Friedensoperationen ist meist schnell ausgemacht: Es sind die truppenstellenden Staaten, die keine Frauen in die Operationen entsenden, so die landläufige, insbesondere von der UN vertretene Position. Dabei tragen die Vereinten Nationen, insbesondere das DPO, selbst einen beträchtlichen Anteil an dieser Gender-Misere. Die Verantwortung muss demnach bei beiden Protagonisten, den UN und den Truppenstellern, gesucht werden. Dies wird nicht so sehr auf dem sogenannten Makro-Level, also der politischen Ebene sichtbar, sondern auf dem Mikro-Level, den Mechanismen der bürokratischen Institution DPO.

Insbesondere das DPO pflegt noch immer einen auffallend männlichen Managementstil. Dadurch werden Frauen bewusst und unbewusst ausgeschlossen. Diese Praxis soll mit einigen Beispielen aus der Alltagsroutine der DPO veranschaulicht werden. Überwiegend männliche Leitungsgremien (1), gender-unsensible Auswahlprozesse bei der Besetzung von Posten (2) und – wie jüngst bekannt wurde – sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz (3) sind immer noch an der Tagesordnung.

(1) Das mächtige, weil für alle UN-Friedensoperationen zuständige, DPO wird von sechs altgedienten Führungspersönlichkeiten geleitet, darunter nur eine Frau. Dieses mit Männern durchsetzte Bild einer Führung verwundert nicht, und dies aus vielerlei Gründen. Zum einen ist das DPO die einzige Institution der durch und durch zivilen UN, die sich mit militärischen Fragen auseinandersetzt. Folgt man feministischen Thesen wie der einer „military masculinity“, die unter anderem von Kronsell vertreten wird, wird klar, dass die Institution Militär per se maskulin ist, und ein militärisch arbeitendes DPO demnach vor allem Männer und männliche Verhaltensweisen honoriert – von der männlichen Stellenbeschreibung bis zum männlichen Führungsstil und männlichen „leader“. Zwar arbeiten die UN in vielen ihrer Nebenorgane und Programme gegen diese „Maskulinität“ an, indem sie bewusst Förderprogramme für Frauen in Leitungspositionen auflegen. Diese zeigen aber gerade im DPO wenig Effekt. Innerhalb der Missionen kommt noch eine weitere Herausforderung hinzu, die Frauen geradezu abschreckt, in einer Führungsposition zu dienen. In den UN herrscht die Praxis vor, Leitungspositionen in UN-Friedensoperationen gewohnheitsmäßig als „no family duty“ zu kennzeichnen – also die Mitnahme von Familienangehörigen zu untersagen. Dies mag in hoch volatilen Gebieten seinen Sinn haben, möchte man die Familie nicht den Gefahren aussetzen, die gewaltsame Konflikt mit sich bringen. In Missionen, die eher beobachtender Natur sind macht das schlicht keinen Sinn. Beachtet man dabei noch, dass Leitungspositionen stets mehrjährige Stehzeiten bedeuten, die wenigsten Frau jedoch für zwei oder mehr Jahre von ihrer Familie getrennt sein möchten, liegt in UN-Friedensmissionen letztendlich eine doppelte Diskriminierung vor: die der Frau und die der Mutter.

(2) Weitere Hinderungsgründe für die Partizipation von Frauen im DPO sind die generell „männlich“ definierten Anforderungen und die Besetzungspraxis innerhalb der UN. Beispielsweise werden die Aufgaben, die im DPO und im Feld geleistet werden müssen in den Stellengesuchen der UN oftmals in einen ausgesprochen militärischen Sprachjargon eingebettet. Das ist selbst bei zivilen Tätigkeiten der Fall. Zivile Frauen werden dadurch häufig abgeschreckt. Zudem führt eine von Männern dominierte Besetzungspraxis dazu, dass Frauen zumeist auf den unteren Karrierebenen verharren. In den UN erfolgen interne Besetzungen nämlich durch informelles Mentoring – in der Regel von Mann zu Mann. Männliche Einsteiger werden von männlichen Abteilungsleitern gecoacht und für neue Positionen vorgeschlagen. Frauen bleiben in diesem männlichen Netzwerk außen vor.

(3) Dazu kommt ein die gesamte UN schwächendes System der Herabwürdigung von Frauen. Wie jüngste Studien belegen, ist sexuelle Belästigung an der Tagesordnung. Eine unter allen UN-Mitarbeiter_innen durchgeführte Befragung kam zu dem Ergebnis, dass ein Drittel des UN-Staff sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt hat. Dass nur 17 Prozent der 30.000 UN-Mitarbeiter_innen die Umfrage beantwortet hat, spricht nach Ansicht des UN-Generalsekretärs Bände. „The Guardian“ spricht in einem Artikel im Januar 2019 in Bezug auf sexuelle Belästigung in der UN von einer “Kultur der Straflosigkeit”. Die Vereinten Nationen haben ein systemisches Diskriminierungsproblem. Und dies obwohl sich die UN mit angeblich hocheffektiven Programmen gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz schmücken.

Ausblick

Diese systemischen Stolpersteine auf dem Weg zu Gendergerechtigkeit sind den Vereinten Nationen durchaus bewusst und in vielen nicht-militärischen Bereichen sind überraschend positive Schritte hin zu Geschlechterparität zu beobachten. Doch wird sich die tiefgreifende Ungerechtigkeit, die sich besonders im DPO beobachten lässt, auch in Zukunft schwer ändern lassen. Die Vereinten Nationen sind von Männern gegründet, ein „Männerverein“ mit einer männlichen Kultur und auf einem männlichen institutionellen Pfad, von dem sie nur schwer abkehren können. Das wiegt im DPO, einer zusätzlich noch militärisch institutionalisierten Abteilung, noch schwerer.

Es muss deshalb nicht verwundern  dass – folgt man Hochrechnung der UN – das DPO Geschlechterparität frühestens im Jahre 2182 erreichen wird. Es sind die alten, einer militärisch arbeitenden Institution traditionell inhärenten Pfade, die eine geschlechtergerechte Öffnung des UN-Apparats im Bereich von Frieden und Sicherheit verhindern. Es sind eben nicht nur die offensichtlichen, entschuldigend und anklagend angeführten Argumente, allen voran der Mangel an weiblichen Soldatinnen in den truppenstellenden Nationen, die der Geschlechtergerechtigkeit im Wege stehen. Das DPO ist noch immer eine militärisch-maskuline Einrichtung. Das wird wahrscheinlich auch weiterhin so bleiben – mit allen entsprechenden Auswirkungen für einen nachhaltigen, stabilen und positiven Frieden.

 

Foto: Gerd Bayer

Dr. Manuela Scheuermann ist Post-Doc und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Jean-Monnet-Lehrstuhl des Instituts für Politikwissenschaft und Soziologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Sie beschäftigt sich mit Gender-Normen in internationalen Sicherheitsorganisationen, inter-organisationalen Beziehungen und den Vereinten Nationen

Prof. Dr. Ran Kuttner

Ran Kuttner is an Associate Professor of Dispute Resolution (expert track) at the University of Haifa, where he teaches in the International Graduate Program in Peace and Conflict Management Studies. He also serves as an academic advisor to Givat Haviva, an organization that aims at building a shared society and dialogue among Jews and Arabs in Israel. Prior to his return to Israel, he was an Associate Professor of Negotiation and Dispute Resolution at the Werner Institute, Creighton University (USA) and preceding his arrival at Creighton, he was a Visiting Scholar at the Program on Negotiation at Harvard Law School for three years. He is a certified mediator and mediation teacher in Israel and consults to organizations and community mediation centers that work towards a more dialogic Israeli society in implementing collaborative conflict engagement approaches.  He teaches courses on dialogue, group facilitation, leadership and conflict resolution, negotiation, mediation and peace building strategies.

Tagungsbericht: Junge Palästinenser im Libanon und die Herausforderung der Partizipation

Tagungsbericht: Junge Palästinenser im Libanon und die Herausforderung der Partizipation

Von Julia Renner

Vom 29.01. 2019 bis 02.02.2019  war Julia Renner – Associate der Friedensakademie Rheinland-Pfalz – von der GIZ und der EU auf die Konferenz „Palestinian Youth in Lebanon: the Quest for Participation“ nach Beirut eingeladen. In diesem Tagungsbericht schildert sie ihre Eindrücke.

Junge Menschen werden als Motor von kreativen Prozessen und Veränderungen angesehen, die sich positiv auf die soziale und politische Entwicklung auswirken. Allerdings erfahren sie oft Widerstand von etablierten politischen Akteuren, wenn es darum geht, sich proaktiv in sozio-politische Prozesse einzubringen. Ungeachtet der hochkomplexen politischen Situation im Nahen Osten, nutzen junge Palästinenser, die im Libanon leben, die ihnen zur Verfügung stehenden Räume, um sich politisch zu engagieren. Die verschiedenen Initiativen und Programme, die auf der Konferenz vorgestellt wurden, bieten jungen Menschen im Allgemeinen, und speziell Palästinenser*innen die Möglichkeit, als gleichwertige Akteure in der Region wahrgenommen zu werden. Ziel ist es, ihnen im tagesaktuellen politischen Geschehen aber auch mit Blick auf zukünftige Entscheidungen eine Stimme zu geben.

Die in Beirut veranstaltete Konferenz „Palestinian Youth in Lebanon: the Quest for Participation“ wurde von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und der Europäischen Union ko-finanziert und gemeinsam veranstaltet. Das Ziel der Konferenz war es, nationale und internationale Entscheidungsträger und Interessensvertreter mit jungen Palästinensern*innen, die im Libanon leben, zusammenzubringen. Im Rahmen von Panel-Diskussionen und Workshops wurde versucht, Schnittmengen gemeinsamer Interessen zu bestimmen, um Handlungsempfehlungen für eine Arbeitsmarktintegration sowie eine bessere Beteiligung an sozialen und politischen Prozessen zu formulieren. Eine weitere Zielsetzung der Konferenz bestand darin, Raum zum Austausch zu geben, um durch die Vorstellung von bereits erfolgreichen Partizipationsgeschichten andere Teilnehmende zu motivieren, ihr eigenes Potential zum gesellschaftspolitischen Engagement zu nutzen.

Partnerschaft auf Augenhöhe

In seiner Eröffnungsrede unterstrich Dr. Georg Birgelen, der deutsche Botschafter zum Libanon, dass junge Menschen als Partner verstanden werden sollten, mit denen auf Augenhöhe zusammengearbeitet wird. Dieser Gedanke diente im Folgenden als Leitmotiv für den weiteren Konferenzablaufes. Robert Krengel, der Leiter der Abteilung der MENA-Region der EU Delegation im Libanon, unterstrich die Bedeutung eines direkten Dialoges mit jungen Menschen, anstatt eines Dialoges über junge Menschen. Die Direktorin der GIZ im Libanon betonte das Potential junger Bevölkerungsschichten als Triebfaktor gesellschaftlicher Erneuerung und Veränderung.

In den Panels wurden zum einen vielseitige weltweite Fallbeispiele der Integration junger Menschen in politische Prozesse und Friedensbildungsmissionen diskutiert. Zum anderen wurden aktuelle Schwierigkeiten bei der Integration von Palästinensern*innen in Bildungs- und Arbeitsmarktprogramme, sowie im Bereich politischer und zivilgesellschaftlicher Entscheidungsprozesse im Libanon thematisiert. Während der Paneldiskussionen wurde wiederholt die Wichtigkeit betont, die Reichweite der Einbeziehung junger Menschen zu erhöhen, sowohl auf nationaler Ebene im Libanon als auch auf der regionalen Ebene im Nahen Osten. Raphael Obonyo, Initiator des Youth Congress Kenia, fasste diese Aussagen während seines Statements sehr gut zusammen: „if you want to go fast, go alone; if you want to go far, go together.”

Im Rahmen der Panels und der im Anschluss stattgefundenen Diskussionsrunden wurde deutlich, dass zwar alle Teilnehmer*innen sich für Dialogforen und verbesserte Rahmenbedingungen für die Einbindung junger Menschen in den gesamtpolitischen Prozess aussprachen. In Bezug auf die konkrete Umsetzung gingen die Interessen der verschiedenen teilnehmenden Gruppen jedoch stark auseinander.

In den am zweiten Konferenztag angebotenen Workshops wurden unter anderem thematische Verknüpfungen vom Engagement junger Menschen bei der Ausformulierung der Jugendstrategie 2019-2025 durch verschiedenen Arten von Konsensentscheidungen hergestellt und Möglichkeiten der erhöhten Beteiligung junger Menschen an der Arbeit des Hilfswerkes der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten gesucht. Weitere Workshops beschäftigten sich mit der Integration junger Menschen in die Arbeitsabläufe und Programme der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) sowie der Beziehung internationaler Akteure zu Palästinensern*innen im Libanon und der Region. Die Teilnehmenden erarbeiteten konkrete Ideen für eine bessere Partizipation sowie Politik-Empfehlungen. Diese wurden im abschließenden Panel vorgestellt und mit den politischen Entscheidungsträgern diskutiert.

Resümee

Die Konferenz „Palestinian Youth in Lebanon: the Quest for Participation“ hat einen wichtigen Beitrag zur besseren Wahrnehmung der Bedürfnisse und Interessen der palästinensischen Jugend im Libanon sowie der Möglichkeiten und Grenzen, diese umzusetzen aufgezeigt. Der Teilnehmer*innenkreis spiegelte das Anliegen der Konferenz wider: Vielfalt zu berücksichtigen und vor allem jungen Menschen aus politischen Organisationen und der Wissenschaft, aber auch Aktivist*innen und zivilgesellschaftlichen Akteuren einen gemeinsamen Raum zum Austausch zu bieten. Die Diskussionen zwischen Teilnehmenden haben vor allem den Wunsch junger Menschen im Nahen Osten nach sicheren Räumen zum Austausch und direkten Gesprächsforen deutlich werden lassen. Die UN-Resolution „On Youth Peace and Security“ fordert Gesellschaften auf, jungen Menschen mehr politischen Raum zu geben. Zur Gestaltung zukunftsfähiger politischer, wirtschaftlicher und sozialer Prozesse, auch im Rahmen von Friedensbildungsmissionen, ist die intensivere Beteiligung junger Menschen unerlässlich.

Julia Renner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der Universität Koblenz-Landau. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit Ressourcenkonflikte, vor allem um Wasser, in Ostafrika. Dazu forscht sie derzeit in Kenia und Uganda. Julia Renner ist mit der Friedensakademie RLP affiliiert und Mitglied der Forschungsgruppe Landnutzungskonflikte an der Universität Koblenz-Landau. Sie ist Sprecherin der Nachwuchsgruppe der Arbeitsgemeinschaft Friedens- und Konfliktforschung.

Water Shortages at Water Rich Bodies – Observing the Water-Conflict Nexus at Lake Naivasha

Water Shortages at Water Rich Bodies – Observing the Water-Conflict Nexus at Lake Naivasha

By Julia Renner

“The water levels are currently enormous, but local people lack adequate provision of water!” This observation struck me during my field research around Lake Naivasha in Kenya. Therefore, enlarging the research puzzle on the water-conflict nexus, I investigate how water shortages at water abundant areas impact low-key conflicts in Kenya.

Since the early 2000s, Naivasha town and its surroundings have experienced a sharp population increase from once 100.000 people to almost one million residents now. The promise of labour has drawn many unskilled workers to the horticulture farms and hotel industry.

Trees dying in Lake Naivasha from water pollution  (© Julia Renner)

As a result, the population composition changed. There are two broader groups sharing the space and resources around Lake Naivasha nowadays: on the one hand, farmers, pastoralists, fishermen and descendants of white residents; on the other hand, multi-national companies and Kenyan hotel owners. Because of the seasonal variability in rainfall patterns the water levels of Lake Naivasha vary considerably. In the past, this led to conflicts between farmers and pastoralists on water usage during dry seasons. Whereas farmers mainly use water for irrigation, pastoralists rely on water for cattle husbandry. These conflicts have usually involved cattle raiding for re-stocking, cattle slaughtering or the destruction of electric fences to access agricultural land or to pave the way to the lake’s shorelines to water the cattle.

Accelerated by the population increase, the available amount of water for farmers, fishermen, and pastoralists is deteriorating. At first glance, this seems surprising given the enormous water levels at Lake Naivasha. Yet, today’s water shortage is aggravated by the chemical and waste disposal of the flower farms and the hotels. In addition, direct access to the lake becomes scarce for local residents. Supported by the political elite, national and multi-national companies are allowed to convert communal land at the lake’s shorelines into private land. The increasing economic activities around the lake reduced the number of public water access points from more than 100 to only 14. This forced most residents to move away from the lake to one of four informal settlements in the wider surroundings. They now depend on the provisions of a national water supplier, if they can afford to pay the refilling of their water tanks. Unlike the descendants of former white settlers, who were granted land titles for 99 years after independence, the water shortage affects primarily farmers and fishermen.

Besides, various local conflicts around the lake can be observed, i.e. resulting from water pollution, land encroachment, upstream deforestation, unsustainable farming activities, overuse of chemicals, and increased pressure on the water access points. Most of these conflicts arise at community level. For instance, farmers construct fences around their land to stop pastoralists from grazing their cattle. Fishermen protect their landing beaches by setting up provisional fences or by night guards in order to prevent farmers from accessing water and encroaching on their land. Moreover, more forceful actions nowadays include cattle raiding and the destruction of fishing boats or agricultural land. Recently, cattle is slaughtered or people get even killed when trying to access the lake’s landing beaches (ACLED 2018).

Man fetching water at Kameri landing site
(© Julia Renner)

There are various conflict promoting factors that exacerbate these confrontations: Farmers, fishermen, and pastoralists feel politically, economically and socially marginalized by the political elite. Lacking access to education services to escape from poverty and to increase employment opportunities, increasing population pressure, high levels of poverty and an unclear landownership system further add to the tensions. More recently, however, the limited access to water basins and unavailable or unaffordable water infrastructure become major drivers of these conflicts.

So far, this low-key conflict has not escalated into large-scale physical violent conflicts. National and international actors turn a blind eye onto these conflicts, although the situation worsens by the day as the water scarcity threatens the existence of many people around Lake Naivasha.

The commercialisation of Lake Naivasha’s resources, which has foremost served the economic interests of the government, further fuelled these conflicts. Whereas investors and companies need public land to establish flower farms and hotels, the local populations depend on public land to pursue farming or fishing to meet their basic needs. Governmental actors exacerbate these conflictive interests by granting companies the right to turn public land into private land. While some residents of the informal settlements are employed at the farms and hotels, others demonstrate against the companies for the right to access former public landing beaches and water access points. Strikingly, local populations challenge the investors through non-violent protest, while violence occurs only among farmers, fishermen and residents around Lake Naivasha.

Central landing beach
(© Julia Renner)

Due to the lake’s unique setting as the only fresh water source in the area, Nairobi elites in particular support the set-up of agricultural and touristic businesses that shall to contribute to the growth of the Kenyan economy. At the same time, ineffective governance structures, high levels of corruption and political unwillingness to solve socioeconomic problems also accelerate the capitalisation of land around the lake and therewith contribute to increased water shortages with severe consequences for local residents.

The contradiction of water shortages in water-abundant areas and its links to low-key resource conflicts is an interesting nexus to investigate. As I demonstrate in this article, this perspective focuses on conflictive interests between investors, the government, and the different local populations. Developing theoretical and analytical models linking water shortages at water-abundant areas to low-key conflicts can be designed to formulate policy programs and bring the topic to wider attention to political stakeholders as well as scholars.

 

This article was first published by the Resources and Conflict blog and has been re-blogged here with the permission of the author and the editors of the R & C blog.

Julia Renner is a Research Fellow and doctoral candidate at the University of Koblenz-Landau. Her research interests center on resource conflicts and water conflicts within the Eastern African Community in particular. She has conducted field work in Kenya and Uganda. Moreover, she is an Associate Fellow at the Peace Academy of Rhineland-Palatinate and member of the research group on land-use conflicts. She is speaker of the research group “Junge AFK” of the German Association for Peace and Conflict Studies.

Dr. Claudia Brunner

 

Dr. Claudia – Brunner Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung, Universität Klagenfurt – © Foto Riccio, Klagenfurt

Dr. Claudia Brunner ist Assistenzprofessorin am Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung der Universität Klagenfurt. Zuvor war sie DFG-Stipendiatin sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin. In Wien und Paris hat sie Politikwissenschaft, Zeitgeschichte und Geschlechterforschung studiert. An der Schnittstelle von Politischer Theorie, Kritischer Friedensforschung und Wissenssoziologie beschäftigt sie sich mit Zusammenhängen zwischen Wissen(schaft) und unterschiedlichen Formen von Gewalt.