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Sexuelle Gewalt im bewaffneten Konflikt: Welchen Einfluss hat die Präsenz weiblicher Kombattantinnen?

Sexuelle Gewalt im bewaffneten Konflikt: Welchen Einfluss hat die Präsenz weiblicher Kombattantinnen?

Von Viktoria Reisch

Sexuelle Gewalt gegen Frauen in bewaffneten Konflikten stellt ein kontroverses und umstrittenes Thema dar. Sie wird oftmals als omnipräsent wahrgenommen, wohingegen es durchaus Fälle gibt, wo dieses Phänomen abwesend ist. In Anbetracht dessen stellt sich die Frage, welche Faktoren Einfluss auf das Auftreten von sexueller Gewalt gegen die weibliche Zivilbevölkerung nehmen. Als ein möglicher Erklärungsfaktor wird zuweilen die Anwesenheit weiblicher Kämpferinnen genannt. Im Folgenden wird diese These anhand der Fallbeispiele der kolumbianischen FARC-EP und der kurdischen YPG/YPJ näher diskutiert.

Die Auswirkungen von bewaffneten Konflikten auf Frauen sind weitreichend und vielfältig: Lebensmittel- und Ressourcenknappheit, mangelnde medizinische Versorgung und psychische Belastungen sowie oftmals Zwangsvertreibungen und das Erleben sexueller Gewalt. Die Frage, wann und warum bewaffnete Gruppen sexuelle Gewalt gegen Zivilistinnen einsetzen und viel mehr wann und warum sie das nicht tun, ist vieldiskutiert und wird in der entsprechenden Literatur sehr unterschiedlich beantwortet[1]. Laut der US-amerikanischen Politikwissenschaftlerin Dara Kay Cohen gab es in 81% der von ihr untersuchten 91 Bürger*innenkriege zwischen 1980 und 2012 Berichte von Fällen sexueller Gewalt. Sie betont, dass diese in allen Konfliktregionen und unabhängig vom Konfliktgegenstand (wie bspw. Territorium, Autonomie, Ressourcen etc.) vorkommen, allerdings sind durchaus Variationen zu erkennen. Zum einen unterscheidet sich das Ausmaß, beispielsweise wurden in 18 Bürger*innenkriegen nur vereinzelte Übergriffe registriert. Zum anderen fallen innerhalb der beobachteten Konflikte Abweichungen zwischen den beteiligten Gruppen auf. Wendet eine Konfliktpartei diese Gewaltform an, wird diese nicht notwendigerweise von der oder den anderen übernommen[2]. Daran zeigt sich, dass sexuelle Gewalt[3] in bewaffneten Konflikten ein weitverbreitetes, jedoch nicht allgegenwärtiges Phänomen ist.

Angesichts der Tatsache, dass es eine nicht geringe Zahl an bewaffneten Gruppen gibt, die in Konfliktsituationen keine sexuelle Gewalt anwenden, betont Elizabeth Wood, Professorin für Politikwissenschaft in Yale, dass Vergewaltigung, Übergriffe oder Zwangssterilisation nicht unvermeidlich sind. Es gibt demnach keine empirische Evidenz für einen Automatismus von sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten. Umso wichtiger ist es zu untersuchen, welche Faktoren die Wahrscheinlichkeit verringern, dass bewaffnete Akteur*innen sexuelle Gewalt gegen Zivilistinnen anwenden. Dies soll Aufschlüsse für Handlungsmöglichkeiten geben und helfen, Policies zum Schutz der Bürgerinnen zu entwickeln[4].

Mögliche Faktoren

In der Suche nach Gründen stellt die These, dass Frauen als Teil einer bewaffneten Gruppe einen relevanten Einfluss auf die Abwesenheit sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten haben, einen Erklärungsversuch dar[5]. Autor*innen, die sich diesem Argument bedienen, ziehen dafür unterschiedliche Annahmen und Subthesen heran. Ceyda Kuloğlu, Wissenschaftlerin an der Başkent Universität in Ankara, ist der Ansicht, dass diese Frauen sensibilisiert für Genderthemen sein und einen bestimmten Prozentsatz in Relation zu den männlichen Mitgliedern überschreiten müssten („critical mass“)[6]. Ist dieser Prozentsatz erreicht, würde nicht nur die Anzahl der Fälle sexueller Gewalt gegen Zivilistinnen zurückgehen, sondern auch innerhalb der bewaffneten Gruppe. Die Annahme dabei ist, dass bei einem starken Ungleichgewicht der Geschlechter – in diesem Fall Männer – das zahlenmäßig dominante Geschlecht eher in klassische Rollenbilder verfällt.

Die Substitutionsthese[7] vertritt die Idee, dass männliche Kombattanten zur Anwendung sexueller Gewalt neigen, wenn sie keine regelmäßige sexuelle Befriedung haben – gleich ob durch Kontakt zu Prostituierten, Nahestehenden (Paarbeziehung, Mitkämpferinnen o. Ä.) oder Zivilistinnen im gegenseitigen Einverständnis. Die Vertreter*innen dieser These argumentieren unter anderem mit der Korrelation zwischen militärischer Präsenz und der Entwicklung von Prostitution[8]. Neben anderen berichtet Wood[9] über Aussagen vonseiten militärischen Personals und Offizieren, die das Verlangen männlicher Soldaten nach sexuellem Kontakt und dessen Befriedigung als Thema darstellen, das die Soldaten beschäftigt und maßgeblich in ihrem Handeln beeinflusst. Diese würden argumentieren, wenn nun Frauen Teil der eigenen Gruppe und sexuelle Beziehungen in- und außerhalb der Gruppe möglich sind, das „Ausweichen“ auf Außenstehende unnötig wird. Hier muss betont werden, dass sich solche Theorien meist gängiger (heteronormativer) Gender-Stereotype bedienen und gesellschaftliche Geschlechterrollen auf bewaffnete Gruppen in Konflikten übertragen. Zudem bleibt das bewusste Einsetzen von sexueller Gewalt als Kriegsstrategie völlig unberücksichtigt.

Andere Wissenschaftler*innen[10] argumentieren, dass Frauen generell vor der Anwendung sexueller Gewalt zurückschrecken und sie grundsätzlich kein Teil ihres Gewaltrepertoires ist. Dieses Argument birgt die Gefahr, in klassische Genderstereotype zurückzufallen. Allerdings weisen etwa Eriksson Baaz und Stern[11] sowie Reed et. al.[12] auf Variationen bei männlichen und weiblichen Täter*innen, was ihre Beweggründe, den Kontext und die Konsequenzen von sexueller Gewaltanwendung angeht, hin. Sie begründen dies damit, dass Männer von anderen geschlechtsspezifischen Normen auf gesellschaftlicher Ebene beeinflusst werden als Frauen und deshalb die Neigung zu dieser Form von Gewalt zwischen Geschlechtern divergiert. Allerdings ist nicht geklärt, ob die hier wirksamen Effekte gesellschaftlicher Einflüsse auch in dieser Form für bewaffnete Gruppen übernommen werden können.

Ein weiterer Erklärungsansatz ist das sogenannte male bonding[13], was die Herstellung von kollegialen Beziehungen unter Männern mittels spezifischer Trainingspraktiken bezeichnet, um Kameradschaft zu stärken. Zwar fördert nicht das Phänomen an sich die Anwendung sexueller Gewalt, allerdings die Mechanismen, die dabei eingesetzt werden. Männliche, heterosexuelle Identität gekoppelt mit männlicher Überlegenheit und Macht spiele eine wichtige Rolle, um eine bestimmte Form von Männlichkeit, soldatischer Männlichkeit, die in bewaffneten Konflikten als wichtige Charaktereigenschaft gesehen wird, zu produzieren[14].

Weibliche Kämpferinnen in Kolumbien und Nordsyrien

Um die eingangs aufgestellte These, dass Frauen als Teil einer bewaffneten Gruppe einen relevanten Einfluss auf die Abwesenheit sexueller Gewalt in bewaffneten Konflikten haben, zu diskutieren, ziehe ich als Fallbeispiele zwei bewaffnete Gruppen heran, die beide eine signifikant hohe Anzahl weiblicher Kämpferinnen aufweisen: die kolumbianische Guerilla FARC-EP (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee) sowie die die kurdische Miliz YPG/YPJ (Volksverteidigungseinheiten/Frauenverteidigungseinheiten).

Die FARC-EP ging in den 1960er Jahren aus kommunistischen Guerillabewegungen im ländlichen Gebiet hervor und war bis zur Unterzeichnung des Friedensvertrags mit der kolumbianischen Regierung 2016 eine der einflussreichsten Akteurinnen im Jahrzehnte andauernden Bürger*innenkrieg. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie weniger als 6.000 Mitglieder[15], nach Höchstzahlen von 10.000 – 15.000 im Jahr 2008[16]. Die YPG/YPJ gründete sich im Oktober 2011 im Kontext des syrischen Bürger*innenkriegs mit der Zielsetzung, die vorwiegend kurdisch bewohnten Gebiete Syriens zu verteidigen. Ihr wird eine enge Beziehung zur türkischen PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) und der syrischen PYD (Partei der demokratischen Region) nachgesagt, nachdem die YPG/YPJ auch als Streitkraft der Demokratischen Föderation Nordsyriens/Rojava gilt. 2017 wurde ihre Truppenstärke auf rund 50.000 Kämpfer*innen geschätzt.

Auf Basis von Berichten des Internationalen Strafgerichtshofs, des UN-Menschenrechtsrats und Amnesty International[17] zeigt sich das Bild, dass es eindeutig Fälle sexueller Gewalt vonseiten der FARC-EP gab, bislang jedoch keine Berichte von der Beteiligung der YPG/YPJ an solchen Praktiken vorliegen.

Werden die oben dargestellten Subthesen auf die einzelnen bewaffneten Gruppen angewendet, zeigt sich ein anderes Bild, als die hier diskutierte These vermuten lässt: Die FARC-EP erfüllt mehr Kriterien, die eine geringere Wahrscheinlichkeit der Anwendung sexueller Gewalt nahelegen, als die YPG/YPJ. Auch wenn beide einen hohen Frauenanteil aufweisen (FARC-EP rund 40%, YPG/YPJ etwa ein Drittel), weist die YPG/YPJ mehr „Risikofaktoren“ auf. Beispielsweise werden bei der FARC-EP die Kämpfer und Kämpferinnen gemeinsam ausgebildet und trainiert, wohingegen die YPG/YPJ ihre Mitglieder in geschlechtergetrennten Einheiten trainiert. Hier muss darauf hingewiesen werden, dass die kurdische Miliz grundsätzlich in eine getrennte Männereinheit (YPG) und Fraueneinheit (YPJ) gegliedert ist, in der FARC-EP sind die Kombattantinnen Teil der regulären Einheiten und leben in den gleichen Camps. Des Weiteren sind intime Paarbeziehungen zwischen FARC-EP-Mitgliedern erlaubt, während diese zwischen den Kämpfer*innen der YPG/YPJ streng verboten sind, wie aus dem Bericht einer Kämpferin hervorgeht[18].

Fazit

Wie die Diskussion der Fallbeispiele zwischen der kolumbianischen Guerilla und der kurdischen Miliz zeigt, weist die Präsenz von weiblichen Kämpferinnen an sich ein geringes Erklärungspotential für die Abwesenheit sexueller Gewalt gegen Zivilist*innen auf. Denn folgt man den hervorgebrachten Annahmen, wäre es wahrscheinlicher, dass die YPG/YPJ auf dieses Gewaltmittel zurückgreift. Allerdings zeigt sich bei den ausgewählten Fällen das Gegenteil. Dementsprechend sind Theorien, die auf Basis der reinen Anwesenheit von Frauen argumentieren, zum einen wenig erkenntnisreich, zum anderen oftmals von starken Gender-Stereotypen durchzogen. Vielversprechender scheinen allerdings weitere Untersuchungen bezüglich Fragen darüber, welche Funktionen Frauen in der jeweiligen bewaffneten Gruppe übernehmen und wie sich damit einhergehend ihr Mitspracherecht und ihr Einfluss auf das Handeln und die Ausrichtung der Gruppe gestaltet. Elisabeth Wood[19] schlägt darüber hinaus vor, dass ein größerer Fokus auf die hierarchische Struktur innerhalb der Gruppe sowie die zugrundeliegende Ideologie und den (gesamtgesellschaftlichen) sozio-politischen Kontext gelegt werden muss. Zudem wird deutlich, dass es einer stärkeren Berücksichtigung von Gender-Stereotypen sowie der Sozialisierung von Kombattant*innen bedarf.

[1] Für eine Auswahl: Cohen, D. K. (2016): Rape During Civil War. Ithaca, NY. Kirby, P. (2013): How is rape a weapon of war? Feminist International Relations, Modes of Critical Explanation and the Study of Wartime Sexual Violence. European Journal of International Relations 19 (4), 797–821. Eriksson Baaz, M./Stern, M. (2009): Why do Soldiers Rape? Masculinity, Violence, and Sexuality in the Armed Forces in the Congo (DRC), International Studies Quarterly 53 (2), 495–518. Wood, E. J. (2009): Armed Groups and Sexual Violence. When Is Wartime Rape Rare?, Politics & Society 37 (1), 131–162.

[2] Cohen, D. K. (2016), 73.

[3] Für die Definition von sexueller Gewalt siehe: International Criminal Court (2000): Elements of Crimes, U.N. Doc. PCNICC/2000/1/Add.2 Article 7 (1) (g). Verfügbar unter: https://documents-dds-ny.un.org/doc/UNDOC/GEN/N00/724/27/PDF/N0072427.pdf?OpenElement [16.06.2019]

[4] Wood, E. J. (2009).

[5] Wood, E. J. (2009), 135-136.

[6] Kuloğlu, C. (2008): Violence Against Women in Conflict Zones. In: Carreiras, H. & Kümmel, G. (Hrsg.): Women in the Military and in Armed Conflict. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 227–238.

[7] Enloe, C. H. (2000): Maneuvers. The International Politics of Militarizing Women’s Lives. University of California Press, Berkeley, Calif, S. 111. Cohen, D. K. (2016). Wood, E. J. (2009): 135.

[8] Enloe, C. H. (2000),111.

[9] Wood, E. J. (2009), 135.

[10] Ebd.; Reed, E./Gupta, J./Silverman, J. G. (2014): Understanding Sexual Violence Perpetration. JAMA Pediatr., 168(6), 581-582.

[11] Eriksson Baaz, M./Stern M. (2018): Curious erasures. The Sexual in Wartime Sexual Violence, International Feminist Journal of Politics, 20:3, 295-314,

[12] Reed, E./Gupta, J./Silverman, J. G. (2014).

[13] Tiger, L. (2004): Men in Groups. Taylor and Francis, Somerset.

[14] Cockburn, C. (2004): The Continuum of Violence. A Gender Perspective on War and Peace. In: Giles, W. M./ Hyndman, J. (Hrsg.): Sites of violence: Gender and conflict zones. University of California Press, Berkeley, 24–44.

[15] Heidelberg Institute for International Conflict Research (2017): Conflict Barometer 2016, Heidelberg.

[16] Uppsala Conflict Data Program: FARC. http://ucdp.uu.se/#actor/7438 [28.08.2019].

[17] Siehe beispielsweise für Kolumbien: International Criminal Court (2012): Situation in Colombia: Interim Report. Verfügbar unter: https://www.icc-cpi.int/NR/rdonlyres/3D3055BD-16E2-4C83-BA85-35BCFD2A7922/285102/OTPCOLOMBIAPublicInterimReportNovember2012.pdf [23.09.2018] oder Amnesty International (2017): Amnesty International (AI) (2004) Colombia. Cuerpos Marcados, Crímenes Silenciados.Violencia Sexual contra las Mujeres en el Marco del Conflicto Armado. Editorial Amnistía Internacional, Madrid, verfügbar unter: https://www.amnesty.org/es/documents/AMR23/040/2004/es/ [31.08.2019]; siehe beispielsweise für Syrien die Berichte der Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic verfübar unter: https://www.ohchr.org/EN/HRBodies/HRC/IICISyria/Pages/Documentation.aspx [31.08.2019].

[18] Buckler, J.-B. (2016): Ein deutscher YPG-Kämpfer erzählt, wie der Krieg gegen den IS von innen aussieht. https://www.vice.com/de/article/8gbj5v/ein-deutscher-ypg-kaempfererzaehlt-wie-der-krieg-gegen-den-is-von-innen-aussieht-885 [25.09.2018].

[19] Wood, E. J. (2009).

Viktoria Reisch studiert Inter-nationale Studien/ Friedens- und Konfliktforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt mit einem Schwerpunkt auf Südamerika,  Indigene und Gender Studies. Zuletzt hat sie ein Praktikum beim Klima-Bündnis, einem europäischen Städtenetzwerke mit Sitz in Frankfurt, gemacht. Aktuell ist sie Praktikantin bei der Heinrich-Böll-Stiftung Cono Sur in Santiago und forscht für ihre Masterarbeit.

Gender-based violence: An international crime?

Gender-based violence: An international crime?

By Kristina Hatas

In the eyes of the international community, some crimes are so large-scale and so heinous that they must be sanctioned by international law. If national authorities are unable or unwilling to prosecute these crimes, international courts and tribunals can take over. Does gender-based violence meet this threshold?

“Never again”: The birth of International Criminal Law

The immediate aftermath of the Second World War is commonly regarded as the birth hour of International Criminal Law. Its core motive, the promise of “Never Again”, crucially informs International Criminal Law to this day. This central idea – to prevent and punish systematic violence – sometimes stands directly opposed to, some of the traditional principles of International Law. In the Westphalian state system, sovereignty means that states may not involve themselves in the domestic affairs of others, much less intervene in them. This paradigm has strongly shifted during the 20th century, through Human Rights and International Criminal Law. The underlying logic is that some crimes are so egregious that the international community cannot stand by idly as perpetrators go unpunished. Such crimes deserve international attention, and International Criminal Law can therefore, in a limited number of specific crimes, surpass the principles of International Law such as state sovereignty. Actions that qualify as international crimes are currently limited to three international, so called “core” crimes. These are war crimes, genocide and crimes against humanity.[1]

A new type of law

International Criminal Law is also special in another respect: While International Law in general deals with the relationship among states, International Criminal Law looks beyond the state and towards the individual. International Criminal Law has repeatedly been employed by the international community after large-scale (political) violence and wars. Its appeal as a mechanism of post-conflict or transitional justice is two-fold. First, it can assist or replace a judiciary which is weakened or non-existent after a conflict. Second, justice can be administered in situations where there is no political will within the country to hold those most responsible for atrocities accountable. Often, international tribunals will concern themselves with high ranking perpetrators within politics and the military, while mid-level perpetrators are prosecuted locally or in hybrid courts.

Because of its global nature and reach, another characteristic of International Criminal Law is arguably its norm-setting or trickle down-effect – the idea that setting legal and moral rules on an international level will also have an impact regionally and locally. Through this, some[2] view International Criminal Law as a possible avenue for advancing gender equality, notably through how it addresses and deals with gender-based violence.

Gender-based violence in International Criminal Law

Gender-based violence, while having no agreed upon single definition, is most commonly viewed as violence which targets a person because of their gender or disproportionately affects them because of it. As this definition is based on gender, it can include violence against a broader category of people, including men. It is, however, often used synonymously with violence against women and girls because they are thought to make up the majority of gender-based violence victims.

Because International Criminal Law deals with the individual criminal responsibility for committed atrocities, gender-based violence could very well be a crime to be addressed within this field of law. However, at this point, it can only be prosecuted as part of one of the three defined core crimes. In each instance, this has varying advantages as well as disadvantages and limitations.

Gender-based violence as a war crime

The oldest form of recognition of gender-based violence in International Law has been the recognition of sexual violence, particularly rape, as a war crime.[3] Historically, war-time rape – often a form of gender-based violence since it affects women disproportionately – was long considered an unfortunate, yet inherent, part of warfare. This may explain why in the Geneva conventions, which deal with the law of war, rape has often been circumscribed only as a “crime of honor”.[4] Additionally, the crime relies on a distinction between war and peace, since war crimes can only happen in the course of a war. This distinction is sometimes criticized as detached from reality, as much gender-based violence also happens on the sides of or in the aftermath of conflict. At the same time, the concept of war-time rape tends to focus on rape across enemy lines. In a recent development however, the International Criminal Court recognized that sexual violence perpetrated against own troops can also constitute a war crime.

Gender-based violence as genocide

Genocide – literally the act of killing a people – is a crime defined through specified categories which are protected. This, for now exhaustive, list of categories consists of race, nationality, ethnicity and religion. For gender-based violence this means that a woman experiencing violence because she is a woman, even if the intent is to destroy women as a group, would not count as genocide. The International United Nations Tribunal dealing with the genocide in Rwanda did however recognize that rape could constitute genocide. If somebody was targeted for belonging to one of the protected groups, rape can be a form of genocide. The case in which the tribunal decided this, Akayesu, is widely regarded as important for this reason. Moreover, the International Criminal Tribunal for Rwanda was applauded for using a particularly broad definition of sexual violence which did not rely on purely physical aspects, such as penetration, and also focusing on the psychological damage to women rather than just harm done to their reproductive ability.

However, it should be noted that the original indictments of the tribunal did not include a single count of rape or other sexual violence. It was not until a female judge started questioning witnesses on their knowledge of sexual violence that the court became aware of its prevalence and the prosecution amended their indictments. Some critics have also highlighted that trying to define crimes against women as genocide, by definition, puts their belonging to a certain group – and thereby the group – in the foreground, rather than the experience of the individual victim.

Gender-based violence as a crime against humanity

Finally, crimes against humanity may include crimes committed during peace time and against civilian populations more generally. Under this crime, gender is also a specifically named category protected from persecution. In order to qualify violence as a crime against humanity, an act must be part of a wide-spread or systematic attack against the population. This is usually understood as relating to certain policies or agendas pursued by the state, such as laws or official statements inciting grave breaches of human rights.

This means that many forms of gender-based violence against women, as for example the rampant and unpunished sexual violence and killing of women in parts of Mexico, do not qualify as systematic due to lack of such a public or official incitement or condonement. The problem with the “wide-spread or systematic” requirement in the context of such violence remains that the framework within which gender-based violence occurs often tends to be implicit rather than explicit. This raises the question whether certain cultural practices or the omission of the state to sanction crimes against women can be understood as a policy or agenda amounting to a crime against humanity. This has not yet been addressed by any court.

Where next?

Studying the treatment of gender-based violence internationally and historically, two things are apparent. The first is that gender-based violence has been notably absent from international law for a long time and its recognition is still very slow. The second is that, while increasingly gender-based violence gains attention and is prosecuted, the framework of current crimes limits what kind of gender-based violence can constitute an international crime. The main criticism here is that victims and their experiences as well as structural problems, such as misogyny or patriarchy, play only a secondary role. For example, the narrative which is to large part reflected in the way the crimes are structured, is that gender-based violence is primarily a crime against the communities, nations, and populations which women are part of. Gender-based violence is reduced to a means to an end and the gender structures which can motivate such violence are not accounted for.

With these limitations that each of the existing definitions of international crimes poses, there are two options through which gender-based violence could become easier to address and prosecute internationally. The first is to expand the definitions of the current crimes. Here, a broadening of the legal concepts of crimes against humanity and “wide-spread or systematic attacks” would likely be the most attractive one. The second option is to introduce a new crime of “femicide” or more generally: gender-based violence. Its advantage would be the focus on the experiences of victims in the first place, rather than the accompanying circumstances of the crime, such as the belonging to a group or the instrumentalization of individuals by using rape as a strategy of war. Instead, gender-based violence as the pinnacle of gender discrimination would be at the front and center of such a new crime.

Currently, the idea of this new crime is yet to gain traction in the international legal community. However, with a growing number of governments pursuing an openly feminist foreign policy agenda – amongst them Sweden, France and Canada – such a change could some day become reality.

[1] Rome Statute Arts 6-8.

[2] See for example, Rhonda Copelon, ‘Gender Crimes as War Crimes: Integrating Crimes Against Women Into International Criminal Law’(2000) 46 McGill Law Journal 217-240; Kiran Grewal, ‘International Criminal Law as a Site for Enhancing Women’s Rights? Challenges, Possibilities, Strategies’ (2015) 23 Feminist Legal

Studies 149-165, 150.

[3] See on of the earliest codifications in: Instructions for the Government of the Armies of the United States in the Field, Prepared by Francis Lieber, LL.D. and Revised by a Board of Officers (1863). See also Kelly D. Askin,

‘Prosecuting Wartime Rape and Other Gender-Related Crimes under International Law: Extraordinary Advances, Enduring Obstacles’ (2003) 21 BJIL 288-349.

[4] Hague Convention (IV) Respecting the Laws and Customs of War on Land and Its Annex: Regulations Concerning the Laws and Customs of War on Land, 18 October 1907, Article XLVI; International Committee of the Red Cross, Geneva Convention Relative to the Protection of Civilian Persons in Time of War (Fourth Geneva Convention), 12 August 1949, 75 UNTS 287, Article 27; International Committee of the Red Cross, Protocol Additional to the Geneva Conventions of 12 August 1949, and relating to the Protection of Victims of International Armed Conflicts (Protocol I), 8 June 1977, 1125 UNTS 3, Article 76.

Kristina Hatas holds an LL.M. in Public International Law and is currently completing a graduate program in International Affairs at the Hertie School of Governance, where she also works as a research assistant in International Human Rights Law.

Bildungs- und Begegnungsstätte “Givat Haviva”

“Givat Haviva – The Center for a Shared Society”

Von Torsten Reibold

Givat Haviva ist die 1949 von der Kibbutzbewegung Ha´Kibbutz Ha´artzi gegründete nationale Bildungs- und Begegnungsstätte. Benannt ist sie nach der jüdischen Widerstandskämpferin Haviva Reik, die ein Mitglied der Kibbutzbewegung war.

Während Givat Haviva in seiner Anfangszeit vor allem als das nationale Bildungszentrum der Bewegung diente, wurde bereits im Jahre 1963 das jüdisch-arabische Zentrum für den Frieden (JACP) gegründet. Diese Gründung war eine Reaktion auf die Erkenntnis, dass der Anspruch der Kibbutzbewegung, Freiheit und Gleichheit für alle Staatsbürger zu erreichen, im Gegensatz zur offensichtlichen politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Ungleichheit zwischen jüdischen und arabischen Israelis stand. Ab diesem Zeitpunkt nahm die Arbeit Givat Havivas als führende Einrichtung für den Ausgleich zwischen Juden und Arabern in Israel, die Förderung der Demokratie und der zivilen Konfliktbearbeitung ihren Anfang. Im Jahr 2015 gab sich Givat Haviva darüber hinaus den Untertitel The Center for a Shared Society. So wird Givat Havivas Mission deutlich, eine gemeinsam gestaltete, inklusive und demokratische Zivilgesellschaft zu schaffen, in der sich alle ihre Mitglieder gleichsam zuhause fühlen und Verantwortung für die Wohlfahrt der Gesellschaft übernehmen. Im Shared Society Programmcluster bündelt Givat Haviva seine vielfältigen pädagogischen, edukativen, zivilgesellschaftlichen und politischen Einzelprojekte und führt sie inhaltlich und pädagogisch zu einem wirkungsvollen und schlagkräftigen Programmbündel zusammen.

Givat Haviva leistet Verständigungsarbeit zwischen Arabern und Juden und fördert das Zusammenleben beider Bevölkerungsgruppen in Israel. In den zahlreichen Projekten haben beide Seiten oft zum ersten Mal die Gelegenheit, sich gegenseitig kennenzlernen und Erfahrungen auszutauschen. Ziel der Projekte ist es, Vorurteile abzubauen und das Verständnis für die gemeinsame Verantwortung aller Israelis für die Zukunft in einer gerechten und demokratischen Gesellschaft zu fördern. Givat Haviva geht bei der Gleichberechtigung selbst mit gutem Beispiel voran: Die Projektteams und viele Leitungspositionen sind, wenn immer möglich, sowohl geschlechterparitätisch als auch gleich mit Juden und Arabern besetzt. Neben dem jüdisch-arabischen Zentrum für den Frieden existieren auf dem Campus auch ein Kunstzentrum, ein Frauenzentrum, das die spezifisch frauen- und genderpolitischen Projekte Givat Havivas entwirft und umsetzt, das CoLab, ein Campus, für internationale Partnerschaften sowie weitere jüdische und arabische Institutionen der Zivilgesellschaft, die sich bei Givat Haviva niederlassen möchten, sowie ein renommiertes Zentrum für arabische Sprache und Kultur. Als genuine Teile der Kibbutzbewegung existieren daneben noch Archive zur Dokumentation des Widerstands während der Shoa und der Jugendbewegung Hashomer Hatzair sowie die Friedensbibliothek, eine der größten nichtstaatlichen privaten Bibliotheken in Israel mit Focus auf die Geschichte Israels und des Nahen Ostens sowie Friedenspädagogik. Im Sommer 2018 öffnete auf dem Campus zusätzlich die Givat Haviva International School: ein internationales Oberstufeninternat nach IB-Standard.

Über 50.000 Menschen aus Israel und aller Welt, Schülergruppen, Bildungsreisende, Studierendengruppen, sowie die tausenden Teilnehmer und Teilnehmerinnen der gesellschaftspolitischen Projekte besuchen jedes Jahr den Campus und lernen zu Demokratie, Frieden und Gerechtigkeit. Für die unentwegte Arbeit im Konfliktmanagement wurde Givat Haviva im Jahre 2001 mit dem UNESCO Prize for Peace Education ausgezeichnet. Viele weitere Auszeichnungen, wie der Albert Schweizer Award for Excellence der Chapman University, Kalifornien, der Chaim Konstantiner-Preis für Erziehung der Universität Tel Aviv oder der Intercultural Achievement Award der Republik Österreich kamen im Laufe der Jahre hinzu. Im November 2015 wurde außerdem zwei Bürgermeistern aus Givat Havivas Shared Communities Projekt, stellvertretend für alle Beteiligten, der Menschenrechtspreis der Friedrich Ebert Stiftung zuerkannt.

Nähere Informationen:
http://www.givathaviva.org/

Friedvolle Straßen? Eine Zwischenanalyse zu einem interdisziplinärem Kunst-, Forschungs- und Friedensprojekt

Friedvolle Straßen? Eine Zwischenanalyse zu einem interdisziplinärem Kunst-, Forschungs- und Friedensprojekt

Dr.in Nicole Pruckermayr

Was sind „friedvolle Straßen“? Die Künstlerin, Initiatorin und Kuratorin Nicole Pruckermayr stellt das Projekt „Comrade Conrade“ vor, das sich mit geschlechtlicher Repräsentation im öffentlichen Raum in Graz beschäftigt.

„Friedvolle Straßen“

Was kann man unter „friedvollen Straßen” verstehen? Und wie können öffentliche Räume auf friedensfördernde Art gestaltet werden? Mit diesen Fragen setzt sich das Projekt „Comrade Conrade“ auseinander, dass sich zugleich als Kunst-, Forschungs- und Friedensprojekt versteht. Bei der Frage, was den öffentlichen Raum friedvoll oder gewaltvoll macht, spielt zum einen die Repräsentation eine Rolle, die in Straßennamen zum Ausdruck kommt: Nach wem werden Straßen benannt und wer wird wie repräsentiert? Aus der Benennung von Straßen lassen sich Schlüsse darüber ziehen, welche Handlungen in unserer Gesellschaft wertgeschätzt und geehrt werden. Die Politik spielt hier als Entscheiderin und Vertreterin des Volkes eine große Rolle. Zum anderen geht es auch um die Frage, auf welche Weise öffentlicher Raum unterschiedlichen Personengruppen zugänglich gemacht wird. Hier zeigt sich auch, wie viel potenziell gemeinschaftsbildenden Raum sich eine Gesellschaft leistet, um zukünftige Konflikte bereits im Vorfeld abfedern zu können. Dabei ist vor allem die Stadt- und Raumplanung gefordert, die Rahmenbedingungen definiert. Städtische Räume sind nach der Geografin und Sozialwissenschafterin Doreen Massey immer geschlechtlich „codiert“. „Dies reicht von symbolischen Bedeutungen, die Räumen zugeschrieben werden und die eindeutige geschlechtlich differenziert sind, bis hin zur direkten Ab- und Ausgrenzung durch (die Angst vor) Gewalttätigkeiten.“ [1] Räume drücken die Art und Weise, wie Geschlechterverhältnisse konstruiert werden aus und beeinflussen so das Erleben und Verständnis von Geschlecht. Umgekehrt prägen sie aber auch Geschlechterbilder. Gesellschaftliche Machtverhältnisse wie auch unaufgearbeitete Konflikte und Ungleichgewichte werden so im öffentlichen Raum sichtbar. Darauf will das Projekt „Comrade Conrade“ am Beispiel der Conrad-von-Hötzendorf-Straße in Graz aufmerksam machen.

Der Krieger und die Pazifistin: Wem begegnen wir im öffentlichen Raum?

Seit einigen Jahren befindet sich die Conrad-von-Hötzendorf-Straße in einem massiven städtebaulichen Transformationsprozess, der durch verschiedene Um- und Neubau-Projekte das Antlitz der Stadt Graz weiter verändern wird. Ein Teil dieses Prozesses betrifft die Auseinandersetzung um die Namensgebung der Straße nach Franz Conrad von Hötzendorf (1852-1925) – Chef des Generalstabes für Österreich-Ungarn und wesentlich mitverantwortlich für den Weg in den Ersten Weltkrieg, die brutale Kriegsführung und Übergriffe gegen Zivilist*innen.

Eine – wesentlich von der Partei „die Grünen“ ausgehende Initiative hatte zum Ziel, die Straße in Bertha-von-Suttner-Straße umzubenennen. Bertha von Suttner (1843-1914) war eine österreichische Pazifistin, Friedensforscherin und Schriftstellerin, die 1905 als erste Frau mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Sie lebte in etwa zeitgleich mit Conrad von Hötzendorf. In der medialen Auseinandersetzung bildete sich jedoch schnell eine starke Opposition, welche ökonomische Aspekte der Namensänderung in den Vordergrund rückte, woraufhin die Initiative fallen gelassen wurde. Als Ergebnis der gescheiterten Initiative zur Umbenennung der Straße entstand jedoch das Ansinnen, einen gemeinschaftsfördernden Platz zu Ehren von Bertha von Suttner. Dieser Platz ist als generationenübergreifende Grünoase, die zum Verweilen und Spielen einlädt, geplant.

Die Schaffung des Bertha von Suttner-Platzes ist nicht nur für Friedensfreund*innen, sondern auch für diejenigen, denen an der Repräsentation von Frauen im öffentlichen Raum gelegen ist von Bedeutung. Denn von den etwa 52,5 Prozent der nach Personen benannten Straßen im Grazer Stadtgebiet sind bis heute lediglich ca. 2,5 Prozent nach Frauen benannt. Die restlichen Namen gehen auf Flurnamen, Zielpunkte einer Straße oder Tier- und Pflanzennamen zurück. Dabei reichen zum Beispiel die eher raren Pflanzennamen mit 2,11 Prozent fast schon an die Frauenquote heran. Da sich das Stadtgebiet in absehbarer Zeit nicht wesentlich verändert, ergeben sich voraussichtlich auch keine zusätzlichen Neubenennungen.

 „COMRADE CONRADE”

Das interdisziplinäre und mehrjährige Kunst-, Forschungs- und Friedensprojekt „COMRADE CONRADE. Demokratie und Frieden auf der Straße“ beschäftigte sich, anhand der Conrad-von-Hötzendorf-Straße, mit Zustand und Zukunft von Demokratie und Frieden der österreichischen Stadt Graz.

Das Projekt begann recht klein mit der Autorin als Initiatorin, fand aber schnell einen großen gesellschaftlichen und medialen Wiederhall und wuchs dementsprechend schnell. Rund 50 Personen und Institutionen aus Wissenschaft, Kunst und Zivilgesellschaft waren über den Zeitraum von 2016 bis 2019 in das Projekt eingebunden und gewährleisteten einen multidisziplinären und vielschichtigen Zugang zur Thematik. Teil des Projektes waren universitäre Institute, wie das Centrum für Jüdische Studien, die Institute für Kulturanthropologie und Ethnologie sowie das Europäische Trainings- und Forschungszentrum für Menschenrechte und Demokratie der Universität Graz, Fachhochschul-Lehrveranstaltungen des Themenkreises Städtebau und Stadtentwicklung, der Verein Frauenservice, das Institut für Männer- und Geschlechterforschung, die Lebenshilfe, das Stadtteilzentrum, das GrazMuseum, Künstlerinnen und Künstler und viele mehr.

Während des gesamten Projektzeitraumes wurden fünf methodisch und inhaltlich eigenständige Diskurs-Plattformen realisiert. Als erste Diskursebene diente ein niederschwelliges, ganzjähriges Rundgangsprogramm von insgesamt zehn Rundgängen, welches sich auf die etwa zwei Kilometer lange Straße und ihre Umgebung konzentrierte. Mithilfe der Expertise verschiedener Mitwirkender wurden unterschiedliche Aspekte des Lebens in der Stadt beleuchtet. Die Soziologin Elli Scambor fokussierte beispielsweise auf die verschiedenen Arten von Männlichkeit in der Conrad-von-Hötzendorf-Straße während die Diversitätsfachfrau Edith Zitz im von ihr gestalteten Rundgang die Kultur der Arbeit und Wirtschaft in der Conrad-von-Hötzendorf-Straße mit stadtentwicklerischen Perspektiven und Fragen der Geschlechterdemokratie in Verbindung brachte.

Eine weitere Projektplattform stellten mehrere „Kunst-im-öffentlichen-Raum-Projekte“ dar, die teils partizipativ angelegt und teilweise über mehrere Monate im öffentlichen Stadtraum besichtigt und erlebt werden konnten.

Weiters wurde eine mehrtägige internationale Tagung gemeinsam mit dem Centrum für Jüdische Studien und dem Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie zum breiteren Thema von „Demokratie und Frieden auf der Straße“ durchgeführt und auch in den Nahbereich der Straße getragen. Es fanden viele Veranstaltungen vor allem auch vor Ort statt, die sich mit dem täglichen Miteinander auseinandersetzten und den Wünschen der Bevölkerung Raum boten.

Was bleibt?

Zentrales methodisches Element innerhalb dieses Projektes waren die niederschwelligen Rundgänge, die Anknüpfungspunkte an die lokale Umgebung und vor allem an die Bevölkerung schufen, und die vor allem essenziell für ein friedvolles Miteinander stehen. Dadurch dass ganzjährig und konstant immer wieder Veranstaltungen zum Thema durchgeführt wurden konnten viele Menschen erreicht werden.

Eine Herausforderung für das Projekt bestand darin, einen Prozess der Öffnung anzustoßen, der notwendig ist, um die Bevölkerung teilhaben zu lassen aber gleichzeitig ein handhabbares Format zu wahren – mit klar begrenztem Ende und definiertem Ergebnis. Hier war es wichtig, Netzwerke zu bilden und die unterschiedlichen Beteiligten als selbstbewusste und eigenständige Akteur*innen in einen gemeinsamen Rahmen einzubinden. Die US-amerikanische Autorin und Literaturwissenschaftlerin Bell Hooks, die dafür plädiert alle Adressatinnen und Adressaten als aktive und eigenständige Personen wahrzunehmen und verschiedene Sorten an Wissen miteinander ins Gespräch zu bringen, war hier eine große Inspiration.[2]

In der Planungsphase des Projekts lag der Fokus auf dem aktuellen Stand der Geschlechtergerechtigkeit in einem bestimmten Stadtteil. Im Projektverlauf weitete sich dieser Schwerpunkt zunehmend aus, sodass viele weitere friedensrelevante Aspekte thematisiert werden konnten. Zentral hierfür war die Etablierung von friedvollen, diskursiven Räumen, die einen sachlichen Austausch in heterogenen Gruppen ermöglichen. Das Projekt „Comrade Conrade“ konnte wesentlich dazu beitragen, wechselseitiges Vertrauen zwischen Ortsansässigen und Vertreter*innen der Politik auf Bezirksebene und der Verwaltung aufzubauen. Das gesammelte Wissen soll nun in Form einer Publikation wieder in die Stadt eingebracht werden, um auch andere zu inspirieren, sich an der Gestaltung des öffentlichen Raums zu beteiligen.

 

Dr.in Nicole Pruckermayr

Nicole Pruckermayr studierte Biologie, Architektur, Visuelle Kultur und Kunstanthropologie. Zwischen 2004 und 2012 unterrichtete sie als Universitätsassistentin am Institut für Zeitgenössische Kunst /TU Graz vorwiegend Kunst im öffentlichen Raum. Derzeit lebt sie als freischaffende Künstlerin und Kuratorin in Graz/Österreich.

 

https://umlaeute.mur.at/CV/nicole-pruckermayr/

Quellen:

[1] Massey, Doreen. 1994. „Space, Place and Gender” In: Belina, Bernd / Naumann, Matthias und Anke Strüver (Hrsg.): Handbuch Kritische Stadtgeographie. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot.

[2] hooks, bell. 2010. Teaching Critical Thinking: Critical Wisdom . New York/London: Routledge.

How Germany advocates for the protection of aid workers in the Security Council

How Germany advocates for the protection of aid workers in the Security Council

By Dr. Charlotte Dany

Germany has made the facilitation of humanitarian aid to one of its headline goals for its 2-year seat on the UN Security Council from 2019-2020, and a main theme for its shared Security Council Presidency with France in March and April this year. With this move, Germany decidedly contributed to make the delivery of relief to suffering populations an issue of ‘high politics’. It gives humanitarian aid the salience it deserves, given the rising needs of people in humanitarian crises, as well as the constant violation of humanitarian law. Germany in particular focuses on protecting aid workers by promoting the humanitarian principles. However, this approach is insufficient and contradicted by other international humanitarian aid policies.

The rising civilian casualties of extended wars and armed conflicts, as well as increasingly deadly natural disasters make humanitarian aid an ever-more important issue of international peace and humanitarian politics. However, despite this rising need for humanitarian assistance, providing aid becomes increasingly dangerous and impossible in certain high-risk environments. Targeted attacks against aid workers and infrastructure are a constant problem, which receives increasing attention.

Aid workers are killed, injured or kidnapped, mostly in South Sudan, Afghanistan, Syria, the Democratic Republic of Congo, and Somalia. According to the Aid Workers Security Report 2017 by the Humanitarian Outcomes research and consultancy group, perpetrators are dominantly non-state armed groups. Moreover, aerial bombings by Russia and the United States killed a particularly large number of aid workers and destroyed medical facilities in Syria and Yemen. At the beginning of April 2019, Germany and France reported “139 attacks on medical facilities last year, in which more than 300 people were killed or injured” in Syria alone. Humanitarian Outcomes ranks South Sudan as the most dangerous place for aid workers, documenting an especially steep increase of violent attacks between 2016 and 2018.

Protection of aid workers as main objective

In such situations, humanitarian aid organizations may decide to withdraw their staff fully from certain countries or regions because of the attacks, as Médecins Sans Frontières did in Afghanistan in 2004 and Somalia in 2013. This is particularly worrisome as the local population often remains highly dependent on humanitarian assistance: Following its independence in 2011, South Sudan, for instance, experienced a violent civil war that cost the lives of hundreds of thousands and displaced millions of people. To make matters worse, famines contributed to the complex humanitarian crisis. Attacks against aid workers therefore do not only hurt the aid workers and organizations, but they also contribute to the suffering of already highly vulnerable people in conflict zones. The attacks effectively prohibit access to affected populations and lead to a deterioration of the situation for a wide group of people.

Therefore, it is highly justified that Germany, for its two-year term on the UN Security Council as well as its shared German-French Presidency in March and April this year, focuses on the promotion of the humanitarian system. This accords with Germany’s and other state’s increasing willingness to allocate more resources for humanitarian assistance, among others in Syria, Chad, Iraq, and Yemen. To make sure that these resources actually reach those in need, it is necessary to protect aid workers. Foreign Minister Heiko Maas consequently advocates for the protection of humanitarian aid workers and humanitarian aid infrastructure, alongside facilitating access to affected populations in armed conflicts and strengthening the application of humanitarian law

Protecting aid workers through enhancing the humanitarian principles?

Germany’s approach to protecting aid workers centrally focuses on strengthening the humanitarian principles of neutrality, impartiality, and independence. In his speech at the UN Security Council on April 1st 2019, Minister Maas emphasized that these humanitarian principles „are not an end in themselves. They protect the lives of aid workers – and the people they help”. He therefore suggested to provide better information on international humanitarian law and the humanitarian principles, and to sanction norm violations.

While he announced more concrete measures for the coming months, so far Minister Maas mostly advocates to improve knowledge: knowledge of the attacks, for example through Fact Finding Missions, as well as knowledge of the humanitarian principles and international humanitarian law. Yet, while increasing knowledge is certainly important and laudable, the focus on the humanitarian principles is insufficient, in particular when it is undermined by other policies that affect humanitarian aid.  Indeed, Germany’s broader humanitarian aid policies, also in the context of recent EU and UN strategies, risk undermining the intention to protect the lives of aid workers.

The problem of protective principles

Foreign Minister Heiko Maas follows a widespread assumption on the security of aid workers: namely, that the humanitarian principles serve as ‘protective shields’ against attacks. Sticking to the humanitarian principles, visibly showing the insignia of humanitarian aid (such as the Red Cross), as well as teaching others about these principles ought to ensure that aid workers in the course of helping others, as well as their hospitals and trucks, do not become targets. In turn, it is commonly assumed that attacks occur, because the humanitarian principles disintegrate, for example through processes of politicization and militarization.

Politicization refers to the observation that humanitarian aid has become an instrument of foreign policy, more recently during the Global War on Terror. Militarization means that, consequently, the actions of humanitarian and military actors blur. Thus, the humanitarian principles should most importantly ensure that aid workers keep their separate identity, as best as possible, to avoid a blurring of lines between them and the actions of states and military actors. Especially in the view of humanitarian aid organizations, such a commingling is the main problem for the security of aid workers. Ironically, Germany’s and the EU’s humanitarian aid policies, as well as UN counterterrorism policies contributed to the problem in the past years.

The EU promoted the integration of humanitarian aid in a comprehensive security strategy in its Comprehensive Approach, thereby blurring the lines of military actions, development cooperation, and humanitarian aid. In addition, the EU and also Germany strongly focus on the prevention of conflicts, whereby humanitarian aid becomes a means of conflict prevention. For example, it may contribute to reducing the causes of flight and migration (Fluchtursachenbekämpfung). However, the use of humanitarian aid for conflict resolution or as an instrument to reach foreign policy goals reinforces the politicization of humanitarian aid, as well as it increases its militarization.

For this reason, the International Committee of the Red Cross (ICRC) very recently objected the UNSC Counterterrorism Resolution 2462 (2019), as it “can criminalize and restrict humanitarian action”. These international and national policies affect humanitarian aid practice and illustrate the tension between Germany’s willingness to protect aid workers and its tendency to blur the lines between political, military and humanitarian action.

In sum, while Germany insists on promoting the humanitarian principles to secure aid workers, its policies include humanitarian aid as tools for conflict prevention and conflict resolution, thereby risking to contribute to a further blurring of lines between humanitarian and military action that causes at least some of the security problems in the first place. To achieve more security for aid workers, Germany should focus on keeping humanitarian aid separate from military actions and avoid being part of the problem.

This article was first published on the PRIF-Blog.
We are glad to have the permission to repost it here.
Link: https://blog.prif.org/2019/05/14/how-germany-advocates-for-the-protections-of-aid-workers-in-the-security-council/

 

Dr. Charlotte Dany

Dr. Charlotte Dany is Managing Director of the Peace Academy Rhineland-Palatinate (Friedensakademie Rheinland-Pfalz) at the University of Koblenz-Landau. Formerly, she was a postdoctoral researcher and lecturer at Goethe-University Frankfurt and holds a Ph.D. from the University of Bremen. Charlotte Dany is an expert on humanitarian aid, development cooperation, information and communication politics, as well as on the role of non-governmental organizations (NGOs) in global governance.

Negating the existence of female combatants hurts women’s status in peace processes

Negating the existence of female combatants hurts women’s status in peace processes

By Emanuel Hermann

 The gender-essentialist assumption that women are only involved in armed conflict as civilians and victims, never as combatants and perpetrators, leads to their exclusion from economic opportunities that are awarded to potential spoilers of peace. In Sierra Leone, where women constituted a large part of the armed groups, the Disarmament, Demobilization and Reintegration-program provides a salient example for this.

 

Women were labelled the “worst losers” of Sierra Leone’s eleven years long civil war.[1] News articles, reports by international organisations and academics predominately depicted women as victims and highlighted their vulnerability in the conflict. Although a large percentage of fighters were actually women, their role as perpetrators of violence was largely ignored. Most international organisations refused to refer to former female combatants as “fighters” and instead termed them “women associated with armed groups” or “dependents”. This discourse deprived women of agency during and after the conflict and influenced the programs offered to women in the post-conflict phase by international organisations.

The role of female combatants in the Sierra Leonean conflict

Approximately 75,000 people were killed in the civil war in Sierra Leone between 1991 until 2002. The conflict was characterised by various factions fighting each other and the government respectively. All conflict parties were responsible for atrocities and all factions had female combatants in their ranks. In total, it was estimated that around 10-30% of all fighters were women and girls.[2] It is impossible to make generalisations about the experiences of women and girls during the war since they varied considerably among individuals. Some tried to escape the groups they were to become a part of, some married fellow combatants out of love, some were forced to do so, some divorced, some had children, and some took up the opportunity to join the fight.[3] Only a minority of women decided to join the groups by choice. Most of them were abducted (as were many men and boys) and subsequently suffered sexual abuse and forced labour within their respective armed group.[4]

For those women who decided to take up arms it is important to point out that they did not do so primarily to improve their own or women’s status more generally. Instead, many chose to fight for their own or families’ survival. Their decisions were constrained by the social context they found themselves in. Their options were often very limited, consisting of either taking up arms, becoming the lover of a commander, having to work in the camps or being killed by fellow group members. Choosing between life and death is of course “more a matter of bare survival” than a choice.[5] However, although highly constrained in their choice, women in the camps could decide between different survival strategies. Some women who decided to fight, stated that this enabled them to access resources through looting, to protect themselves against the enemy but also against members of their own armed groups. Some stated that possessing a gun made them “feel strong and fearless”.[6] Thus, becoming a combatant enabled some women to have a certain degree of independence and agency. However, conditions for female combatants still differed strongly from those of their male counterparts. They remained more vulnerable to sexual violence and forced labour were relatively powerless within the armed groups.[7]

The DDR-process and the influence of gender essentialist ideas

Sierra Leone’s civil war was followed by a massive peacebuilding and subsequent statebuilding project. As in other post-conflict countries, Disarmament, Demobilization and Reintegration (DDR) was a major component of this processes. DDR-programs are generally based on the assumption that former members of armed groups are “potential spoilers to the peace process and therefore pose a danger in a post-conflict environment”.[8] A crucial element of DDR-processes is the disarming of groups. Demobilisation refers to the process of “decommissioning active combatants from Armed Forces and other armed groups”. [9] Reintegration aims at giving combatants economic opportunities either by returning to civilian life or, in some cases, by integrating into the national army. In the case of Sierra Leone, the DDR-process was mainly funded by the World Bank, the United Nations Mission to Sierra Leone (UNAMSIL), UNICEF and the Sierra Leonean government. At first, the program was supposed to “support the short term economic and social integration” of around 45,000 former combatants of all factions. The actual number of former fighters turned out to be much higher and when the program ended in 2002, around 75,000 people had taken part in the process.[10]

The planning and execution of the DDR-process in Sierra Leone was based on the gendered assumption of men as “perpetrators” in war and women as “victims” of war.[11] In general, this dichotomy is predominant within the international policy community. In the case of Sierra Leone, women combatants were portrayed as “camp followers”, “sex-slaves” and “wives” but not as “fighters” or “combatants” although some were exactly that. In contrast, men associated with armed groups, were exclusively defined as soldiers but never as “men involved in armed groups” or similar terms that were used to describe former female fighters. Since most women were first abducted and usually raped, they were seen solely as “victims”. That a person can be both, a “victim” but also a “perpetrator”, is not considered in this discourse. This oversimplification had serious consequences in Sierra Leone where it led to the different treatment of male and female combatants within the DDR-process, especially in the reintegration phase. Women were not seen as “real soldiers” and hence, not as a potential security threat to the peace. As MacKenzie highlights, DDR-process are essentially “securitisation”-processes in which potential threats are constructed and policies designed to produce security. Thus, not being recognised as a threat can have serious policy implications.[12] In Sierra Leone, it led to the “depoliticization” of women’s role in the conflict and since in a post-conflict climate the international community is more likely to prioritise perceived security threats, reintegration efforts for male combatants received considerably more attention and funding. Reintegration programs for men encompassed a range of different training programs to prepare them for a legal occupation while reintegration for women was largely seen as “a social process” in which women were expected to return to their communities to start a “normal” life.[13] Furthermore, the training options for women were very limited and based upon gender-essentialist ideas of the role of women in the economy. While the training programs for men included potentially lucrative skills like auto mechanics, computer skills or masonry and plumbing, the options for women were limited and consisted of low-income activities such as soap-making, tie-dying or tailoring. Another part of the program that should help female women to return to their communities encompassed a micro-credit scheme that was designed to help women to “reduce the family pressure on male ex-combatants”.[14] Again, it was assumed that women want to act in the way that is expected of them, which is to be married, stay married and support their breadwinning husband.

Conclusion

The programs implemented by international organisations in post-conflict Sierra Leone were based on gender essentialist ideas about women’s role in conflict and society. By describing female combatants solely as “victims”, they were assigned a fixed personal status rather than acknowledging that female combatants were also perpetrators of violence. This categorisation determined their perceived importance in the peace process as well as the economic options offered to them. While former male combatants were viewed as a potential threat to stability that needed to be managed by providing them with economic opportunities, women’s reintegration was understood as a social process. They were assumed to return to their previous place in society depriving them from the positions of authority or economic opportunities some of them had known during the civil war. The post-conflict period can be a source of social change and an opportunity for the political and economic inclusion of previously marginalised groups. In the case of Sierra Leone, however, this did not happen as peace builders deprived women of agency and instead reinforced stereotypical gender views.

Emanuel Hermann

Emanuel Hermann studiert Development Studies mit dem Schwerpunkt “Conflict, Power and Development” am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf. Er ist zudem als studentischer Mitarbeiter an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz angestellt und arbeitete mehrere Jahre für das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung (HIIK).

 

Quellen

[1] MacKenzie, Megan (2009a) Securitization and Desecuritization: Female Soldiers and the Reconstruction of Women in Post-Conflict Sierra Leone, Security Studies 18:2, 241-261.

[2] Coulter, Chris (2008) Female Fighters in the Sierra Leone War: Challenging the Assumptions?, Feminist Review 88:1, 54-73.

[3] MacKenzie, Megan (2009b) Empowerment boom or bust? Assessing women’s post-conflict empowerment initiatives, Cambridge Review of International Affairs 22:2, 199-215; MacKenzie, Securitization and Desecuritization; Coulter, Female Fighters in the Sierra Leone War; Lahai, John Idriss (2012) ‘Fused in Combat’: Unsettling Gender Hierarchies and Women’s Roles in the Fighting Forces in Sierra Leone’s Civil War, ARAS 33:1, 34-55.

[4] Coulter, Female Fighters in the Sierra Leone War, p.58/59. It is difficult to determine the number of female combatants who joint armed groups voluntarily. About 93% of women who served in the Revolutionary United Front (RUF), the armed group with the highest number of female combatants, stated that they were abducted and forcefully recruited (Cohen, Dara Kay (2013) Female Combatants and the Perpetration of Violence: Wartime Rape in the Sierra Leonean Civil War, World Politics 65:3, 383-415, p.402).

[5] Coulter, Female Fighters in the Sierra Leone War, p.68.

[6] ibid., p.68.

[7] ibid., p.68. Rape and other sexual violence was also committed against boys and men, though on a much smaller scale (see: Human Rights Watch (2003) ‘We will kill you if you cry’: Sexual Violence in the Sierra Leonean Conflict, https://www.hrw.org/reports/2003/sierraleone/index.htm#TopOfPage [13.02.2019]).

[8] Thakur, Monika (2008) Demilitarising Militias in the Kivus (eastern Democratic Republic of Congo), African Security Studies 17:1, 51-67, p.53; for more on DDR-processes see Omach, Paul (2012) The Limits of Disarmament, Demobilisation, and Reintegration, in: Peacebuilding, Power, and Politics in Africa. Ed. by Devon Curtis & Gwinyayi A. Dzinesa, Ohio: Ohio University Press.

[9] Carames, Albert & Eneko Sanz (2009) DDR 2009: Analysis of Disarmament, Demobilisation and Reintegration (DDR) Programmes in the World during 2008. Bellaterra: School for a Culture of Peace, p.8.

[10] MacKenzie, Empowerment boom or bust?, p.207.

[11] Coulter, Female Fighters in the Sierra Leone War, p.65/66.

[12] MacKenzie, Securitization and Desecuritization, p.245 & p.257.

[13] ibid., p.257.

[14] MacKenzie, Empowerment boom or bust?, p.208-213.

 

Der Mädchen-Effekt: Eine Kritik am vorherrschenden Frauenbild in der Entwicklungshilfe

Der Mädchen-Effekt: Eine Kritik am vorherrschenden Frauenbild in der Entwicklungshilfe

Von Max Jansen

Mit den Erfolgen der Frauenbewegung hat sich im öffentlichen Diskurs ein Frauenbild etabliert, das die Eingliederung von Frauen in globale Wertschöpfungsketten in den Vordergrund stellt. Diese Vorstellung, in der Frauen vor allem eine gesamtgesellschaftliche Investition sind, dominiert heute auch die transnationale Entwicklungszusammenarbeit. Das ihr zugrundeliegende Frauenbild ist eindimensional und unpolitisch. Verfolgt Entwicklungszusammenarbeit das Ziel, Frauen und Mädchen wirklich zu ermächtigen, muss sie einem politischen Selbstverständnis folgen.

Feministische Kämpfe haben Frauen in den vergangenen 100 Jahren zu weitreichender rechtlicher Gleichberechtigung und zunehmender wirtschaftlicher, politischer und kultureller Teilhabe verholfen. In Verbindung damit hat sich in den letzten Jahrzehnten medial und kulturell ein neues Frauenbild etabliert, das Frauen nicht länger als benachteiligt und unterdrückt, sondern vielmehr als dynamisch, kompetent, sozial und erfolgreich darstellt. Insbesondere jungen Frauen wird heute in öffentlichen Debatten mit Faszination, Enthusiasmus und lustvoller Aufregung begegnet. Dabei haben sich innerhalb des Feminismus mittlerweile vor allem solche Strömungen durchgesetzt, deren Schwerpunkt auf der ungehinderten Teilnahme von Frauen am Arbeitsmarkt liegt. Dieser, häufig als „liberaler Feminismus“ betitelte Feminismus, prägt derzeit auch das Frauenbild, welches in der Entwicklungszusammenarbeit von Staaten, Stiftungen, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Unternehmen des globalen Nordens vermittelt wird.

The Girl Effect: Mädchen als perfekte Empfängerinnen von Entwicklungshilfe

Durch die entwicklungspolitischen Programme staatlicher Entwicklungsagenturen, internationaler Organisationen und die Werbeanzeigen westlicher NGOs zieht sich heute die Idee der sogenannten „girlpower“ – einer Frauen und Mädchen eigenen Macht. So lautet der Titel eines Berichtes des global tätigen Finanzdienstleisters Goldman Sachs beispielsweise „Women Hold Up Half the Sky“, während der internationale Wirtschaftsfond titelt “Girl Power – Policies that help integrate women into the workforce benefit everyone”. In der von der Nike Foundation getragenen Kampagne „The Girl Effect“ heißt es „change starts with a girl“, denn Mädchen seien die „mächtigste Kraft für den Wandel auf unserem Planeten“. Auch die Kinderhilfsorganisation Plan International spricht in „An alle Frauen in Deutschland“ adressierten Briefen von einem „Mädchen-Effekt“, der dadurch wirke, dass private Spenden von Einzelpersonen im globalen Norden jungen Mädchen im globalen Süden Bildungsangebote ermöglichen. Diese Bildungsangebote sollen dazu führen, dass Mädchen zunächst ihr eigenes Leben und in der Konsequenz auch die Gesellschaften, in denen sie leben, positiv verändern.

Kurzum, Frauen werden von Geberorganisationen der Entwicklungshilfe nicht mehr primär in einer Opferrolle, als hilfsbedürftige „third world women“ dargestellt, sondern als Ikonen der Effizienz und des Altruismus – und nicht zuletzt, als ertragreiches Investment. Während Jungen und Männer aus dem globalen Süden durch das Bild des potenziell gefährlichen „Flüchtlings“ zunehmend als Problem dargestellt werden, erscheinen Frauen und Mädchen als kooperationswillige und kompetente Partnerinnen beim Aufbau der (besseren) Welt von morgen.

 Kompetent und unpolitisch

Derartige Kampagnen sprechen, einer (neo-)liberalen Logik folgend, gezielt Vorstellungen von persönlicher Ermächtigung (Empowerment) und individueller Handlungsfähigkeit (Agency) an. Sie rücken ökonomische Aktivitäten in den Vordergrund und sind darum bemüht, junge Frauen und Mädchen im globalen Süden fest in bereits bestehende Formen globaler Wertschöpfung einzugliedern. Die wirtschaftlichen und sozialen Erträge, die eine Gesellschaft aus der Investition in Frauen und Mädchen erhält, hängen in dieser Sichtweise von deren optimistischer Einstellung und Strebsamkeit ab – kurzum, von Vorstellungen tugendhafter Weiblichkeit. Damit bürden sie individuellen Frauen und Mädchen die Verantwortung auf, die Gesellschaften, in denen sie leben, in ein neues Zeitalter zu führen. Politische Auseinandersetzungen über die Notwendigkeit struktureller Veränderungen rücken so an den Rand der Bedeutungslosigkeit.

So dargestellt erscheinen globale Ungerechtigkeiten durch geschickte Ressourcenausstattung auf individueller Ebene lösbar, während die Notwendigkeit grundlegender gesellschaftlicher Veränderungen in den Hintergrund tritt. Aufgrund der ihnen zugeschriebenen Potenziale erscheinen insbesondere junge Mädchen im globalen Süden als eine vermeintlich feministische Lösung für die derzeitigen Entwicklungsprobleme der Welt (und zunehmend auch des Klimawandels). Auf diese Weise wird eine warenförmige Weiblichkeit produziert: Frauen werden als durchweg freundlich, schön und gewissermaßen formbar dargestellt. Sie strahlen Wohlwollen, Strebsamkeit und einen guten Willen aus, wodurch sie als attraktive Vorbotinnen eines neuen weiblichen Typs erscheinen. Das erfolgreiche Mädchen entsteht hierbei erst durch einen von außen auszulösenden Effekt, der an konkrete Erwartungen geknüpft wird. Die Aufgabe, eine positive Veränderung der Welt herbeizuführen, wird somit ausgerechnet von denjenigen geschultert, die unter den derzeitigen globalen Verhältnissen am meisten leiden.

Ausblick: Die Frau in Jinwar und die Notwendigkeit struktureller Veränderungen

Während mittels dieses Frauenbildes eine mögliche Verbesserung der Welt suggeriert wird, die ohne eine Analyse und Beseitigung der strukturellen Grundlagen der bestehenden Missstände auszukommen scheint, zeigen andere Beispiele, dass ein transnationales Engagement für Frauen und Mädchen auch anders möglich ist. Beispielhaft lässt sich dies anhand des Frauenbildes beschreiben, das in der Außendarstellung des Frauendorfes Jinwar in Nordsyrien zum Tragen kommt. Das Frauendorf wurde durch ein Komitee von Dorfbewohnerinnen im Norden der Demokratischen Föderation Nordsyrien, besser bekannt unter ihrem kurdischen Namen „Rojava“, ins Leben gerufen und wird von der Konföderation der Frauenbewegung in Rojava in Kooperation mit der Stiftung der Freien Frau in Rojava/Syrien unterstützt. Das Leitmotto des Frauendorfes lautet: „Die freie Frau ist die Basis der freien Gesellschaft“. Also dient die Frau auch in Jinwar zur Verkörperung eines bevorstehenden Wandels, der weit über ihr individuelles Leben hinaus einen gesamtgesellschaftlichen Effekt ausstrahlen soll. Allerdings werden Frauen hier nicht als von außen auszulösender Effekt dargestellt, sondern als selbstbestimmte und vielfältige Individuen, die sich durch kollektive Selbstermächtigung ein gemeinschaftliches Leben aufbauen und ihre Erfahrungen selbst nach außen tragen. Die Bewohnerinnen des Dorfes berichten in Newslettern und bei Vorträgen von ihren Anstrengungen, sich inmitten des anhaltenden Bürgerkriegs in Syrien frei von Gewalt und Unterdrückung ein neues Leben, Arbeiten und Miteinander zu ermöglichen sowie von dem Baufortschritt in Jinwar.

Mit ihrer gemeinschaftlichen Lebensweise möchten die Frauen in Jinwar an prähistorische Gesellschaftsstrukturen im heutigen Mesopotamien anknüpfen, die sie als kollektiv, kommunal, ökologisch und matriarchal geprägt beschreiben. So bauen sie beispielsweise bewusst auf traditionelle und nachhaltige Weise. Die dabei verwendeten Lehmziegel stellen sie selbst her und beziehen alle notwendigen Rohstoffe aus der Region. Auch der große, ökologisch bewirtschaftete Gemeinschaftsgarten erfüllt die Anforderungen eines autarken und selbstbestimmten Lebensstils. Während westliche Entwicklungsagenturen Frauen im globalen Süden in einer eindimensionalen Weise darstellen, um sie in bestehende Formen der Wertschöpfung einzugliedern, wird in Jinwar stattdessen ein umfassenderes Frauenbildes verkörpert, das die autonom gewählte Selbstorganisation und angesichts der Schrecken des syrischen Bürgerkriegs beispielsweise auch die Möglichkeit zur Selbstverteidigung einschließt, wie die Kooperation der Frauen in Jinwar mit den Frauenverteidigungseinheiten in Nordsyrien (kurdisch: Yekîneyên Parastina Jin, YPJ) zeigt.

Das Frauenbild, das in Jinwar vermittelt wird, geht somit weit über die passive Rolle hinaus, die Frauen und Mädchen im dominanten Paradigma der Entwicklungszusammenarbeit gemeinhin zugewiesen wird. Hier werden Frauen nicht einseitig als strebsam, kooperativ und regelrecht harmlos dargestellt, sondern zudem als autark, streitbar und politisch. Dies bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte, welche die internationale Entwicklungszusammenarbeit aufnehmen könnte, wenn sie Frauen nicht als Mittel zum Zweck, sondern als selbstbestimmte, heterogene und politische Subjekte wahrnehmen möchte.

 

Max Jansen

Max P. Jansen studiert Friedens- und Konfliktforschung mit einem Schwerpunkt auf Gender Studies, Zivilgesellschaft und Cybersecurity an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der TU Darmstadt. Neben seinem Studium arbeitet er für eine in Frankfurt ansässige Hilfs- und Menschenrechtsorganisation und veröffentlicht in unregelmäßigen Abständen Beiträge auf www.freitag.de/autoren/max-jansen.

Pfälzer Initiative “Entrüstet Euch!”

Pfälzer Initiative “Entrüstet Euch!”

Von Helmut Schmidt

Unsere Initiative wurde Anfang 2016 in Kaiserslautern gegründet. Viele in unserer Gruppe sind schon lange in der Friedensbewegung aktiv, manche aber auch erst seit kurzer Zeit – und wir freuen uns über jede(n) weitere(n) Mitstreiter(in).

Unser zentrales Ziel ist es, eine umfassende Abrüstung bei uns in der Region, in Deutschland und weltweit zu erreichen. Der alte Slogan aus den 1970er Jahren: Rüstung tötet täglich – ist leider wieder sehr aktuell geworden. Die erhoffte Minderung der weltweiten Rüstungsausgaben durch das Ende des Kalten Krieges 1991 ist leider nicht eingetreten. Im Gegenteil – und die durch neuerliche Hochrüstung ‘verschwendeten‘ Mittel fehlen mehr denn je für eine gerechte und humane Politik, sei es bei uns oder auch weltweit.

Konkret wollen wir vor Ort die Bürgerinnen und Bürger aufklären über die Bedeutung von Militärbasen in ganz Deutschland. Im Fokus haben wir dabei insbesondere die US-Airbase Ramstein in der Nähe von Kaiserslautern. Auf dieser Airbase Ramstein befindet sich nicht nur die für den weltweiten mörderischen Drohnenkrieg der USA notwendige Relaisstation, sondern auch die Befehlszentrale für das US-Raketenabwehrschild und für die Koordinierung der völkerrechtswidrigen Kriegsaktionen der US-Armee.

Ein weiterer Punkt neben der Aufklärung über diese militärischen Fakten ist die aus unserer Sicht notwendige Konversion. Das biblische Motto ‘Schwerter zu Pflugscharen’ gibt auf bildliche Weise sehr gut wieder, was auch unser Ziel ist: Waffen und Militäranlagen sollen umgewandelt werden in zivile Güter und zivile Infrastruktur, die für das Leben allgemein und für die Entwicklung unserer Region speziell sehr hilfreich sind.

Wir distanzieren uns ganz entschieden von der imperialen Machtpolitik der USA und der Nato – selbstverständlich aber auch genauso von der Militarisierung Deutschlands und von der im Aufbau befindlichen EU-Militärmacht. Wir fordern ein Russland einschließendes Friedens- und Sicherheitskonzept, sodass der Bau des gemeinsamen, europäischen Hauses endlich begonnen werden kann.

Die nächsten Veranstaltungen, bei denen man die Pfälzer Initiative “Entrüstet Euch!” kennenlernen kann sind: der Ostermarsch am 20. April 2019 in Kaiserslautern, der Vortrag “Militär und Umwelt” am 24. Mai 2019, der Vortrag “Neue atomare Bedrohung” am 13. Juni und die Aktionswoche “Stopp Airbase Ramstein” vom 23. Juni bis 30. Juni 2019. Weitere Informationen – Veranstaltungen, Termine, Links – findet man auf unserer Homepage.

 

Mehr Schein als Sein. Geschlechtergerechtigkeit in den Vereinten Nationen

Mehr Schein als Sein. Geschlechtergerechtigkeit in den Vereinten Nationen

Von Manuela Scheuermann 

Die Vereinten Nationen  bemühen sich redlich, Maßnahmen zu mehr Geschlechtergerechtigkeit in allen Teilen der Welt anzustoßen. Doch sie selbst verharren  in tradierten Mustern – mit tiefgreifenden Folgen für die Geschlechtergleichheit in der eigenen Organisation. Mögen jüngste Entwicklungen, wie die Geschlechterparität in einigen großen Sonderorganisationen, ein positiveres Bild einer gender-sensiblen UN zeichnen, so zeigt doch gerade der wichtige Tätigkeitsbereich „Frieden und Sicherheit“, dass die UN noch einen langen Weg vor sich haben. Systemische Hindernisse auf politischer und bürokratischer Ebene verhindern Geschlechtergerechtigkeit innerhalb der Weltorganisation.

Eine Weltorganisation setzt Normen

Die United Nations (UN) inszenieren sich seit geraumer Zeit als Vorreiterin, Vordenkerin und Normsetzerin für Geschlechtergerechtigkeit. Seit dem Amtsantritt von Antonio Guterres wurden die Appelle der UN an die Staatengemeinschaft, Gender-Belange ernst zu nehmen, noch lauter. Anlässlich des Weltfrauentags 2019 unterstrich der UN-Generalsekretär, die Förderung der weiblichen Hälfte der Weltbevölkerung sei essentiell für den globalen Fortschritt. Dies ist insbesondere in dem für die Vereinten Nationen konstitutiven Tätigkeitsbereich „Frieden und Sicherheit“ der Fall. Fotos von Frauen in Uniform dominieren den Internetauftritt der für Friedenssicherung zuständigen Abteilung „Department for Peace Operations“ (DPO). Die Intensivierung des „Women, Peace and Security“-Programms steht auch – und gerade durch deutsche Initiativen – während der nicht-ständigen Mitgliedschaft Deutschlands von 2019 bis 2020 im UN-Sicherheitsrat hoch auf der Tagesordnung.

Dabei dominiert im UN-Diskurs ein friedenspolitisches Narrativ von Geschlechtergerechtigkeit: der Schutz von Frauen vor sexualisierter oder gender-basierter Gewalt, die Bewahrung von Frauenrechten als Menschenrechten und der Einbezug, ja die aktive Partizipation, von Frauen in allen Phasen des Friedensprozesses als zwingende Voraussetzung für einen nachhaltigen, stabilen und positiven Frieden. Frauen werden dabei in den Friedensoperationen theoretisch mittlerweile alle Rollen zugedacht, die Männern von Beginn an zustanden. Frauen sollen als Vermittlerinnen in Friedensverhandlungen, als Kandidatinnen für Wahlen, und als Polizistinnen und Soldatinnen zu UN-Friedensoperationen beitragen. Sie alle sollen als Vorbild, als „role model“, dienen, aber auch die Kommunikation mit der weiblichen Bevölkerung in den Einsatzgebieten erleichtern. Frauen bringen einzigartige Fähigkeiten in Friedensprozesse ein. Deshalb sind Anstrengungen für Gender-Parität, Gender-Mainstreaming und Gender-Sensibilität wichtig. Das ist die Botschaft der United Nations.

Gender-Misere in UN-Friedensoperationen

Sieht man jedoch hinter diese glitzernde Fassade, zeigt bereits der Blick auf die Verhältnisse innerhalb der Weltorganisation, dass Worte und Taten noch immer stark auseinanderklaffen. Auch wenn der Anteil von Polizistinnen und zivilen UN-Mitarbeiterinnen stetig steigt, stagniert der Anteil an Soldatinnen in UN-Friedensoperationen auf niedrigem Niveau. Seit mehr als einem Jahrzehnt verharrt er bei etwa vier Prozent. Die Appelle des UN-Generalsekretärs scheinen vor allem in militärischen Belangen ungehört zu verhallen. Er mahnte anlässlich der letztjährigen Generaldebatte zu „Women, Peace and Security“ an, die UN würden sowohl ihre Glaubwürdigkeit als auch ihre Fähigkeiten zum Schutz der Zivilbevölkerung verlieren, wenn die UN-Blauhelmkontingente weiterhin fast ausschließlich männlich werden. Gerade der Schutz-Aspekt ist ein zentraler Aufgabenbereich der UN-Peacekeeper und gerade hier leisten weibliche Soldatinnen einen essentiellen Beitrag. Nachweislich sinkt die sexualisierte Gewalt gegen die weibliche Zivilbevölkerung, das Vertrauen in die UN-Friedensmission steigt und das Fehlverhalten der männlichen Peacekeeper verringert sich, wenn mehr Frauen in UN-Uniform vor Ort sind. Es ist also keineswegs nur ein Zahlenspiel, das die UN antreibt mehr Frauen als Soldatinnen in UN-Friedensoperationen zu entsenden, sondern die Überzeugung dass Frauen einen echten Mehrwert bringen – für die Kultur innerhalb der Mission und für die Friedensbemühungen vor Ort.

Männliche Institution verhindert Geschlechtergerechtigkeit

Der Schuldige dieser Gender-Balancing-Misere in UN-Friedensoperationen ist meist schnell ausgemacht: Es sind die truppenstellenden Staaten, die keine Frauen in die Operationen entsenden, so die landläufige, insbesondere von der UN vertretene Position. Dabei tragen die Vereinten Nationen, insbesondere das DPO, selbst einen beträchtlichen Anteil an dieser Gender-Misere. Die Verantwortung muss demnach bei beiden Protagonisten, den UN und den Truppenstellern, gesucht werden. Dies wird nicht so sehr auf dem sogenannten Makro-Level, also der politischen Ebene sichtbar, sondern auf dem Mikro-Level, den Mechanismen der bürokratischen Institution DPO.

Insbesondere das DPO pflegt noch immer einen auffallend männlichen Managementstil. Dadurch werden Frauen bewusst und unbewusst ausgeschlossen. Diese Praxis soll mit einigen Beispielen aus der Alltagsroutine der DPO veranschaulicht werden. Überwiegend männliche Leitungsgremien (1), gender-unsensible Auswahlprozesse bei der Besetzung von Posten (2) und – wie jüngst bekannt wurde – sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz (3) sind immer noch an der Tagesordnung.

(1) Das mächtige, weil für alle UN-Friedensoperationen zuständige, DPO wird von sechs altgedienten Führungspersönlichkeiten geleitet, darunter nur eine Frau. Dieses mit Männern durchsetzte Bild einer Führung verwundert nicht, und dies aus vielerlei Gründen. Zum einen ist das DPO die einzige Institution der durch und durch zivilen UN, die sich mit militärischen Fragen auseinandersetzt. Folgt man feministischen Thesen wie der einer „military masculinity“, die unter anderem von Kronsell vertreten wird, wird klar, dass die Institution Militär per se maskulin ist, und ein militärisch arbeitendes DPO demnach vor allem Männer und männliche Verhaltensweisen honoriert – von der männlichen Stellenbeschreibung bis zum männlichen Führungsstil und männlichen „leader“. Zwar arbeiten die UN in vielen ihrer Nebenorgane und Programme gegen diese „Maskulinität“ an, indem sie bewusst Förderprogramme für Frauen in Leitungspositionen auflegen. Diese zeigen aber gerade im DPO wenig Effekt. Innerhalb der Missionen kommt noch eine weitere Herausforderung hinzu, die Frauen geradezu abschreckt, in einer Führungsposition zu dienen. In den UN herrscht die Praxis vor, Leitungspositionen in UN-Friedensoperationen gewohnheitsmäßig als „no family duty“ zu kennzeichnen – also die Mitnahme von Familienangehörigen zu untersagen. Dies mag in hoch volatilen Gebieten seinen Sinn haben, möchte man die Familie nicht den Gefahren aussetzen, die gewaltsame Konflikt mit sich bringen. In Missionen, die eher beobachtender Natur sind macht das schlicht keinen Sinn. Beachtet man dabei noch, dass Leitungspositionen stets mehrjährige Stehzeiten bedeuten, die wenigsten Frau jedoch für zwei oder mehr Jahre von ihrer Familie getrennt sein möchten, liegt in UN-Friedensmissionen letztendlich eine doppelte Diskriminierung vor: die der Frau und die der Mutter.

(2) Weitere Hinderungsgründe für die Partizipation von Frauen im DPO sind die generell „männlich“ definierten Anforderungen und die Besetzungspraxis innerhalb der UN. Beispielsweise werden die Aufgaben, die im DPO und im Feld geleistet werden müssen in den Stellengesuchen der UN oftmals in einen ausgesprochen militärischen Sprachjargon eingebettet. Das ist selbst bei zivilen Tätigkeiten der Fall. Zivile Frauen werden dadurch häufig abgeschreckt. Zudem führt eine von Männern dominierte Besetzungspraxis dazu, dass Frauen zumeist auf den unteren Karrierebenen verharren. In den UN erfolgen interne Besetzungen nämlich durch informelles Mentoring – in der Regel von Mann zu Mann. Männliche Einsteiger werden von männlichen Abteilungsleitern gecoacht und für neue Positionen vorgeschlagen. Frauen bleiben in diesem männlichen Netzwerk außen vor.

(3) Dazu kommt ein die gesamte UN schwächendes System der Herabwürdigung von Frauen. Wie jüngste Studien belegen, ist sexuelle Belästigung an der Tagesordnung. Eine unter allen UN-Mitarbeiter_innen durchgeführte Befragung kam zu dem Ergebnis, dass ein Drittel des UN-Staff sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt hat. Dass nur 17 Prozent der 30.000 UN-Mitarbeiter_innen die Umfrage beantwortet hat, spricht nach Ansicht des UN-Generalsekretärs Bände. „The Guardian“ spricht in einem Artikel im Januar 2019 in Bezug auf sexuelle Belästigung in der UN von einer “Kultur der Straflosigkeit”. Die Vereinten Nationen haben ein systemisches Diskriminierungsproblem. Und dies obwohl sich die UN mit angeblich hocheffektiven Programmen gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz schmücken.

Ausblick

Diese systemischen Stolpersteine auf dem Weg zu Gendergerechtigkeit sind den Vereinten Nationen durchaus bewusst und in vielen nicht-militärischen Bereichen sind überraschend positive Schritte hin zu Geschlechterparität zu beobachten. Doch wird sich die tiefgreifende Ungerechtigkeit, die sich besonders im DPO beobachten lässt, auch in Zukunft schwer ändern lassen. Die Vereinten Nationen sind von Männern gegründet, ein „Männerverein“ mit einer männlichen Kultur und auf einem männlichen institutionellen Pfad, von dem sie nur schwer abkehren können. Das wiegt im DPO, einer zusätzlich noch militärisch institutionalisierten Abteilung, noch schwerer.

Es muss deshalb nicht verwundern  dass – folgt man Hochrechnung der UN – das DPO Geschlechterparität frühestens im Jahre 2182 erreichen wird. Es sind die alten, einer militärisch arbeitenden Institution traditionell inhärenten Pfade, die eine geschlechtergerechte Öffnung des UN-Apparats im Bereich von Frieden und Sicherheit verhindern. Es sind eben nicht nur die offensichtlichen, entschuldigend und anklagend angeführten Argumente, allen voran der Mangel an weiblichen Soldatinnen in den truppenstellenden Nationen, die der Geschlechtergerechtigkeit im Wege stehen. Das DPO ist noch immer eine militärisch-maskuline Einrichtung. Das wird wahrscheinlich auch weiterhin so bleiben – mit allen entsprechenden Auswirkungen für einen nachhaltigen, stabilen und positiven Frieden.

 

Foto: Gerd Bayer

Dr. Manuela Scheuermann ist Post-Doc und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Jean-Monnet-Lehrstuhl des Instituts für Politikwissenschaft und Soziologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Sie beschäftigt sich mit Gender-Normen in internationalen Sicherheitsorganisationen, inter-organisationalen Beziehungen und den Vereinten Nationen

Prof. Dr. Ran Kuttner

Ran Kuttner is an Associate Professor of Dispute Resolution (expert track) at the University of Haifa, where he teaches in the International Graduate Program in Peace and Conflict Management Studies. He also serves as an academic advisor to Givat Haviva, an organization that aims at building a shared society and dialogue among Jews and Arabs in Israel. Prior to his return to Israel, he was an Associate Professor of Negotiation and Dispute Resolution at the Werner Institute, Creighton University (USA) and preceding his arrival at Creighton, he was a Visiting Scholar at the Program on Negotiation at Harvard Law School for three years. He is a certified mediator and mediation teacher in Israel and consults to organizations and community mediation centers that work towards a more dialogic Israeli society in implementing collaborative conflict engagement approaches.  He teaches courses on dialogue, group facilitation, leadership and conflict resolution, negotiation, mediation and peace building strategies.