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Rezension: Menschenrechtsbildung an Gymnasien von Stefanie Rinaldi

von Melanie Hussak

Menschenrechtsbildung in der gegenwärtigen Form geht auf die Erfahrungen der Gräuel des Zweiten Weltkriegs zurück. Im Zentrum der Menschenrechtsbildung steht daher die Beschäftigung mit pädagogischen Ansätzen zur Überwindung von Gewalt in unterschiedlichen Formen. Diese zeichnen sich vielfach durch eine starke Zielfokussierung, festgehalten in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, und einer damit verbundenen Handlungsorientierung aus. Kodifizierte Menschenrechte fungieren als Grundlage und Leitlinie gleichermaßen für ethisches wie rechtebasiertes Handeln. Hinzu kommt eine menschenrechtliche Haltung, die in der Menschenrechtsbildung herausgearbeitet und angeregt werden soll. Will Menschenrechtsbildung aber mehr sein als das bloße Wissen über kodifizierte Menschenrechte, muss ein Bewusstsein für die persönliche Verantwortung an der Verwirklichung der Menschenrechte vermittelt werden. Im schulischen Kontext verlangt dies, die Erlebbarkeit der normativen Bedeutung der Menschenrechte im Alltag erfahrbar zu machen.

Umso bedeutsamer ist die Untersuchung der Sichtweisen von Lehrpersonen zu Menschenrechtsbildung im Unterricht, da sie diese aktiv im schulischen Kontext umsetzen sollen. Diesem Spannungsfeld aus Wissen, Haltung, Handlung und Lernumgebung (in der einschlägigen Literatur in Bildung über, für und durch Menschenrechte unterteilt), in dem sich Lehrpersonen befinden, widmet sich Stefanie Rinaldi in ihrer als Monographie veröffentlichten Dissertationsschrift.

Die Studie nimmt ihren Ausgangspunkt bei der Rolle der Lehrpersonen in der Umsetzung der Menschenrechtsbildung und berücksichtigt damit einen in der empirischen Forschung lange vernachlässigten Aspekt. Rinaldi bezieht sich dabei auf aktuelle Theorien der Bildungs- und Lehrpersonenforschung, die die Sichtweisen von Lehrpersonen als Schlüsselfaktor identifizieren.

Anhand von Gruppendiskussionen untersucht Rinaldi die Sichtweisen und Verständnisse von Schweizer Gymnasiallehrpersonen zu Menschenrechtsbildung. Ausgehend von den Ergebnissen dieser hat die Studie zum Ziel, Möglichkeiten für die weitere Umsetzung und Entwicklung der schulischen Menschenrechtsbildung an Gymnasien zu erarbeiten. In den Blick wird dabei das Verständnis von Menschenrechtsbildung gerückt wie ebenso die Einstellungen und Überzeugungen zu Lerninhalten, Lernzielen, Lehr-Lern-Prozessen sowie Bildungsauftrag der Gymnasien wie damit verbundenen Herausforderungen für den Bereich Menschenrechtsbildung. Der Fokus auf Lehrpersonen in der Schweiz ist von spezifischem Interesse, da Menschenrechtsbildung und verwandte Bildungskonzepte keine expliziten Bestandteile der Lehrpläne für Schweizer Gymnasien sind. Die Frage, auf welche Konzepte sich Lehrpersonen alternativ beziehen, ist daher besonders bedeutsam.

Zusätzlich zu den genannten Punkten rücken damit ebenso personen- und kontextbezogene Sichtweisen zu menschenrechtsbasierten Lernumgebung, zur Selbstwirksamkeit und zu gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in das Zentrum der Untersuchung.

Die besondere Relevanz der Studie von Rinaldi liegt darin, subjektive Bedeutungen und Verständnisse als Grundlage der Menschenrechtsbildung anzuerkennen und zu untersuchen. Die Beschäftigung mit Menschenrechten bietet Lehrpersonen und jungen Menschen die Möglichkeit, sich mit Werten, Haltungen und persönlichen wie gesellschaftspolitischen Prozessen auseinanderzusetzen und eigene Handlungsmöglichkeiten zu reflektieren. Die Anregung von Lernprozessen ist daher auch in einem hohen Maße subjektiv geprägt.

Aus Perspektive der Forschung zu Menschenrechtsbildung trägt die Autorin zudem zum Schließen von zwei weiteren Forschungslücken bei: der Abweichung von Theorie und Praxis sowie einer empirisch fundierten Reflexion der zahlreichen Herausforderungen, die sich in der pädagogischen Umsetzung der Menschenrechtsbildung aufgrund des skizzierten Spannungsfeldes stellen.

Die Ergebnisse der Studie bestätigen die Relevanz und subjektiven Erfahrungen und Konzepte von Lehrpersonen als determinierenden Faktor und wichtige Voraussetzung für die Integration von Menschenrechtsbildung in den schulischen Alltag und für den Lernerfolg der Schüler*innen.

Rinaldi nutzt ihre Ergebnisse um aufgrund deren Bedeutung für den pädagogischen Alltag Ideen für die pädagogische und methodische Weiterentwicklung an Schweizer Gymnasien zu skizzieren und Vorschläge zu institutionellen Maßnahmen, unterstützenden Materialien sowie Aus- und Weiterbildung zu erstellen. Auch das Backcover der Monographie verspricht neben der Präsentation der Sichtweisen von Lehrpersonen zum einen auch Ableitungen wie Menschenrechtsbildung pädagogisch, methodisch und institutionell weiterentwickelt werden kann. Zum anderen kündigt es Ideen für die pädagogische Umsetzung an. Hinter dieser Ankündigung bleibt die Studie etwas zurück. Die Ableitungen werden nur rudimentär skizziert und bleiben letztlich nur erste Anregungen. Sie laden jedoch zum Weiterdenken und -forschen an und können durchaus als sehr wertvolle Forschungsdesiderata betrachtet werden. Sie zeigen Impulse für eine wenig erforschte Menschenrechtsbildung auf, die sich zuweilen mit der Erstellung von Unterrichtsmaterialien und Methodensammlungen zufriedengibt.

Auch wenn die Autorin zu Ende des Buches betont, dass die Schlussfolgerungen der Studie aufgrund des Schwerpunkts auf das schweizerische Bildungssystem und dessen Defizite im Bereich Menschenrechtsbildung nur wenig auf andere Kontexte transferiert werden können, bietet das Buch nach Einschätzung der Rezensentin dennoch wertvolle Impulse für schulische Menschenrechtsbildung auch außerhalb der Schweiz wie grundlegend für Forschung zu Menschenrechtsbildung.

Aufgrund der sehr umfassenden Literaturaufarbeitung ist das Buch von Rinaldi obwohl es in erster Linie eine Forschungsarbeit ist, zudem ein sehr lohnenswerter Einstieg für Lehrpersonen, Multiplikator*innen und weitere Interessierte der schulischen Menschenrechtsbildung. Durch den Bezug auf einschlägige internationale Dokumente der Menschenrechte und Menschenrechtsbildung sowie durch die Auseinandersetzung und Abgrenzung mit verwandten Bildungsbereichen wie bspw. der Friedenspädagogik, werden Inhalt, Ansatzebenen und Ziele der Menschenrechtsbildung klar verdeutlicht. Ebenso wird ein Einstieg in gegenwärtige Diskurse der Menschenrechtsbildung ermöglicht. Auch wenn nicht alle Erwartungen in Bezug auf angekündigte Themen zur Gänze erfüllt werden, ist das Buch dennoch sehr lesenswert und ein wichtiger Beitrag zu einer dringend benötigten empirisch fundierten Menschenrechtsbildung und Bildungsforschung.

Stefanie Rinaldi:
Menschenrechtsbildung an Gymnasien
Verständnisse, Chancen und Herausforderungen
Leverkusen: Barbara Budrich 2018
(332 S.; ISBN 978-3-86388-787-2; 43,00 EUR)

 

Die Rezension ist als Erstveröffentlichung in der Erziehungswissenschaftlichen Revue erschienen:
Verlag Julius Klinkhardt: EWR 19 (2020), Nr. 5 (November / Dezember): Menschenrechtsbildung an Gymnasien
Wir bedanken uns für die Erlaubnis zum Repost.

 

Melanie Hussak ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz. Ihre aktuellen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten umfassen Shared Society, Friedensprozesse indigener Communities in Nordamerika sowie Friedenspädagogik und Friedensbildung in Theorie und Praxis.

Covid-19: Friedenspädagogische Betrachtungen des Transformationspotentials eines Virus

Von Melanie Hussak

Durch Ausbruch und Verbreitung des neuartigen Covid-19 Virus wird uns deutlich vor Augen geführt, dass wir in unserem gegenwärtigen globalen Gesellschaftssystem auf physischer und sozialer Ebene ebenso miteinander verbunden wie voneinander abhängig und dadurch vulnerabel sind. Die Friedens- und Konfliktforschung und insbesondere die Friedenspädagogik sind nun gefordert, die damit in Verbindung stehenden Konflikte sowie Friedenspotentiale aufzuzeigen und Menschen in ihren gegenwärtigen Anpassungsprozessen zu unterstützen. Die prozessorientierte Konfliktbearbeitungsmethode Worldwork berücksichtigt hierfür gleichermaßen individuelle und gesellschaftliche Dynamiken und bietet eine konzeptionelle Fundierung zur Analyse und Bearbeitung der aktuellen Konfliktkonstellationen.

Viele Stimmen – viele Prozesse

Was zu Beginn des Jahres als Gesundheitskrise begann, hat in den vergangenen Wochen durch die vielerorts verordneten Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen massive gesellschaftliche, politische, ökonomische, ökologische und kulturelle Auswirkungen hervorgerufen. Durch die von außen verursachte (Zwangs-)Situation sind viele Menschen unwillkürlich und plötzlich in einen Nachdenk- und Empfindungsprozess gekommen: Sie stehen vor der Frage, was die Situation für sie konkret bedeutet. Was macht die Krise mit mir, mit uns? Welche Transformationsprozesse werden von der Pandemie angestoßen?

Neben diesen durch Covid-19 hervorgerufenen Konsequenzen sind es oftmals ebenso persönliche wie spezifische Herausforderungen und Erkenntnisse in der Zeit der Pandemie, die uns nachhaltig beeinflussen. Denn aufgrund unterschiedlicher Lebensrealitäten werden eine Vielzahl von positiven wie negativen Empfindungen und Emotionen ausgelöst, viele Menschen nehmen einen Bedarf an Veränderung wahr.

Manche haben Sehnsucht nach individuellem Rückzug und Zeit für das Wesentliche, nicht nur für das, was sich im Alltag wichtigmacht. Auch die Queen sprach von der Gelegenheit zu ‚entschleunigen‘ und im Gebet oder Mediation innezuhalten und zu reflektieren. Andere empfinden eine neue Verbundenheit und Solidarität mit den Mitmenschen.

Für zahlreiche Menschen ist an dieses Privileg der Entschleunigung nicht zu denken, sie spüren die negativen Konsequenzen der Pandemie in voller Härte. Das umfasst zum Beispiel reale Ängste um die ökonomische Existenz, bedingt durch massiv gestiegene Arbeitslosenraten und der Gefahr einer längeren globalen Rezession sowie Einsamkeit und die Gefahr eines Ansteigens an psychosozialen Krankheiten in Folge von Isolation. In vielen Weltregionen können sich Menschen hingegen ein Zuhause-bleiben schlicht nicht leisten, da sie sprichwörtlich von ‚der Hand in den Mund‘ leben.

Auch auf der Makroebene ist derzeit eine ebenso große Diversität zu beobachten. Diese reicht von unsolidarischem Verhalten der Staaten in Bezug auf Gesundheitsgüter und finanziellen Wiederaufbauhilfen, einem bewussten Ausnutzen der Notsituation für repressive Zwecke in autokratisch geführten Ländern und zur Durchsetzung unbeliebter (Infrastruktur-)Projekte die mit Naturzerstörung einhergehen bis zum Ruf nach einem besonnenen Umgang mit unserem Planeten und ein stärkeres Bewusstsein für das Wohl aller in Form einer nachhaltigen, solidarischen Lebens- und Wirtschaftsform.

Die globale Dimension der Covid-19-Krise bietet nun die beispiellose Möglichkeit, allen aus einem einzigen „Ereignis“ entstehenden und sich darum verortenden Stimmen einen Raum zu geben. Diese Chance sollte gerade auch die Friedens- und Konfliktforschung nutzen.

Neue, alte Konfliktdynamiken: Aufgaben für die Friedensforschung

Die Covid-19-Krise hat weitreichende Auswirkungen auf Kernthemen der Friedensforschung:  der Überwindung multipler Formen von Gewalt, der Analyse von aktuellen Konfliktlinien und -dynamiken auf unterschiedlichen Systemebenen sowie dem Aufzeigen und Skizzieren von Friedenspotentialen.

In der gegenwärtigen Situation bedeutet das, auf wenig sichtbare und marginalisierte Konflikte aufmerksam zu machen – wie bspw. auf die massiven Auswirkungen der Pandemie auf vulnerable Gruppen in humanitäre Krisen, Menschen auf der Flucht und in Kriegs- und Katastrophengebieten – aber auch Friedenspotentiale zu benennen und Menschen in ihren gegenwärtigen Anpassungsprozessen zu begleiten.

Im Folgenden möchte ich zwei Punkte hervorheben, die mir diesbezüglich in der gegenwärtigen Situation aufgrund der Unvorhersehbarkeit der Pandemie und der Verflechtung globaler Prozesse als wesentlich erscheinen: Beschleunigt in der Entschleunigung (I) und Verortung (II).

(I) Zum einen kann beobachtet werden, dass sich Konflikte derzeit nicht unbedingt neu formieren, sondern sich durch die von Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen verursachte Entschleunigung beschleunigen können. Das bedeutet, dass insbesondere jene Konflikte aufbrechen oder sich verstärken, die schon in ihren Grundstrukturen angelegt waren und durch die Auswirkungen der Pandemie akuter und wahrnehmbarer wurden. Stress- und Drucksituationen wie finanzielle Nöte oder ein beengter Wohnraum können Dynamiken und Situationen, die bereits in Schieflage waren, stark antreiben. Auch, weil Konfliktreaktionen wie bspw. Flucht aus einer Situation durch kurzfristige räumliche Trennung einige Zeit nicht zur Verfügung standen.

Im persönlichen Bereich entsteht durch die Entschleunigung für einige ein „mehr Zeit haben“ und somit mehr potenzieller Raum dafür, eigene Bedürfnisse und Emotionen wahrzunehmen und das eigene Leben und Beziehungen zu reflektieren. Bei anderen hingegen entsteht gerade durch diese Entschleunigung und Beschränkungen in vielen Lebensbereichen eine dynamische, fast exponentielle Beschleunigung. Das trifft insbesondere auf Menschen in herausfordernden beruflichen Situationen, die parallel Sorgearbeit leisten, zu. Beide genannten Tendenzen können dazu führen, dass Bedarfe an Veränderungen dadurch stärker wahrgenommen werden und Konflikte verschärfen.

Die Beobachtung einer dynamischen Verstärkung bestehender Konflikte steht mit meinem zweiten Punkt der Verortung in Zusammenhang.

(II) Mit Verortung meine ich sowohl eine räumlich-geografische Zuordnung wie auch eine persönliche mit Bezug auf die eigene Position im Leben, sowie im Welt- und Gesellschaftssystem.  Sie basiert auf biographischer, familiärer, sozialer, beruflicher, ökonomischer und/oder gesundheitlicher Voraussetzungen und Erfahrungen. Verortung kommt eine zentrale Rolle in der Frage zu, wie und in welchem Ausmaß eine Person die Krise trifft und welchen Handlungsspielraum sie hat, darauf zu reagieren. Das gilt auch für Staaten und andere Gesellschaftsformationen. So betont Janpeter Schilling: „Es besteht die Gefahr, dass die Corona-Seuche verwundbare Länder näher an einen gesellschaftlichen Kipppunkt führt, auf dessen anderer Seite Gewalt, Krieg und Kollaps stehen.“

Persönliche und gesellschaftliche Verortungen sind eng verbunden mit den Gewaltmechanismen der strukturellen und epistemischen Gewalt, die tief in unser Gesellschafts- und Weltsystem eingeschrieben sind. Strukturelle und epistemische Gewalten sind internalisierte Gewaltformen, die bestehende Ordnungen aufgrund gesellschaftlicher Machtverhältnisse aufrechterhalten. Erstere umfassen bspw. soziale und ökonomische Ungleichheiten, die sich auch auf den essenziellen Bereich der Gesundheitsversorgung niederschlagen, sowie Diskriminierungen und Rassismus. Epistemische Gewalt bezeichnet jene Gewalt, die von Wissen und Wissenschaft selbst ausgeht. In der aktuellen Situation ergeben sich dadurch Fragen wie: Wer hat in der gegenwärtigen Situation die Deutungshoheit? Also welche Stimmen werden gehört und können sich in der Krise durchsetzen?

Denn auf physischer Ebene betrifft Covid-19 zunächst alle Menschen, aber es betrifft sie nicht in gleichem Ausmaß. Wie die Kulturwissenschaftlerin Susan Arndt betont, unterscheiden nicht die Viren, „sondern die menschlichen Antworten passen sich der kapitalistischen Grammatik der sozialen Ungleichheit an. […] Ursachen sind allein menschengemachte Ordnungen sozialer Ungleichheit“.

Die Friedenspädagogik ist nun auf Basis dieser Beobachtungen gefordert, einen Beitrag zu leisten. Die prozessorientierte Konflikttransformationsmethode Worldwork kann mithilfe ihres Feld-Konzepts in den gegenwärtigen (Konflikt-)Lagen Komplexität reduzieren und Wege für die Bearbeitung der genannten Konfliktlinien skizzieren.

Prozessorientierte Konfliktarbeit

Worldwork, begründet von Arnold Mindell, stellt die Verwobenheit von individuellen und gesellschaftlichen Dynamiken als konzeptionelle Fundierung für die Bearbeitung gesellschaftlicher Spannungsfelder und so auch für die gegenwärtigen Konfliktlagen dar. Bei der Facilitation von Gruppen werden sowohl die innere Dimension von Personen wie auch die äußeren Ereignisse, denen sie angehören und sie umgeben, miteinbezogen. Das theoretische Konzept von Worldwork basiert auf der Annahme, dass individuelle, dyadische und kollektive Prozesse soweit in Verbindung stehen und miteinander verschränkt sind, sodass sich die Strukturen dabei auf verschiedenen Ebenen zeigen oder wiederholen.

Dieser Gedanke wird durch die Vorstellung eines imaginären Feldes verständlicher. In diesem sind Individuen mit anderen Individuen und Gruppen verbunden, interagieren miteinander und werden von diesen auch bewegt und strukturiert. Das Feld „schließt das subjektive Erleben des ‚Lebensraums‘ und damit aller Faktoren, die Verhalten, Denken, Handeln und Fühlen bedingen, mit ein.“ [1]

Menschen sind in ihrem (Er-)Leben von Primär- und Sekundärprozessen geprägt. Als Primärprozess gelten nach Mindell die gewohnte Identität und Denkweise. Unter einem Sekundärprozess versteht man unbewusste Teile, die Signale und Botschaften an das Individuum ‚senden‘, die in Alltagsroutinen oft wenig Raum zur Entfaltung haben oder mitunter als konfliktiv und störend wahrgenommen werden. [2] Diese Teile werden in der Prozessarbeit prozessiert, das bedeutet, es wird versucht die Signale und Informationen, die aus miteinander verbundenen Kanälen stammen und wahrgenommen werden, zu entfalten, miteinander in Verbindung zu bringen und schließlich zu bearbeiten.

Diese Prozesse auf individueller Ebene werden von sogenannten Kanälen, die unsere Wahrnehmungskapazitäten umfassen, geprägt. Durch sie werden Informationen aufgenommen und ausgedrückt: Neben den Grundkanälen Sehen (visuell), Hören (auditiv), Fühlen (propriozeptiv) und Bewegen (kinästhetisch) sind dies die Mischkanäle Beziehung (die Begegnung und Bezug zu einer anderen Person auf Basis der Grundkanäle) und Welt (Bezug zum sozialen Umfeld, Ereignissen in der Welt u.a. auf Basis der Grundkanäle und des Beziehungskanals). [3]

Die beiden Kanäle Beziehung und Welt sind die Verbindungslinie von Individuum und Gesellschaft im Feld, durch die die gegenseitigen Verschränkungen in unsere kollektiven Erfahrungen einfließen.

Ähnlich wie andere Konzepte der Konflikttransformation geht Worldwork davon aus, dass Konflikte als natürliche zwischenmenschliche Begebenheit einen Bedarf an Veränderung der Beziehungen anzeigt und diese als Chance und Ausgangspunkt zur Neugestaltung von Beziehungen, Strukturen sowie Rahmenbedingungen der sozialen Wirklichkeit nimmt. Somit können jegliches Verhalten, unterschiedliche Einstellungen und Strukturen als Phänomene betrachtet werden, die durch (Inter-) Aktionsprozesse von Personen(gruppen) entstehen, aber – und das ist der springende Punkt auch in der gegenwärtigen Krisensituation – durch entsprechende Bearbeitung und Begleitung auch gemeinsam gestaltet werden.

Fazit

Die Covid-19 Pandemie und ihre Folgen können eine neue und erweiterte Sichtweise auf viele Aspekte des eigenen Lebens wie in Bezug zum unmittelbaren Gesellschafts- und Weltgeschehen eröffnen. Wollen wir die Erfahrungen der Krise zu einer gesellschaftlichen Neugestaltung zum Wohl aller nutzen, ist es wichtig, jetzt damit zu beginnen. Ein inklusiver und partizipativer Lernprozess unterstützt dabei, Ziel und Richtung für positive Gestaltungsmöglichkeiten menschlichen Zusammenlebens zu finden, wenn alte Sichtweisen und konfliktive Strukturen nicht mehr tragen. In Zeiten starker Unsicherheit und Überlastung brauchen Menschen aber die Möglichkeit für Foren zur Begleitung und Unterstützung.

In der Phase der Rückkehr aus der Isolation bedeutet das, Räume für Kommunikation und Beziehungen anzubieten: in Schulen, am Arbeitsplatz und in Freundeskreisen. Diese Resonanzräume, die sich in der Krise für Neuorientierungen öffnen, bergen Chancen für gemeinschaftliches Wachstum und gelebte Erfahrungen  dialogisch aufzuarbeiten.

Die prozessorientierte Feld-Perspektive verdeutlicht dabei weiteres Erkenntnis- und Friedenspotential für die gegenwärtige Krise und insbesondere für die genannten Konfliktdynamiken:

Erstens schärft die Perspektive das konzeptionelle Bewusstsein für alles, was im Feld wirkt und dadurch die gegenwärtigen Veränderungsprozesse mitgestaltet. Das umfasst nicht nur die Verschränkung von Individuum, Kollektiven und äußeren Ereignissen. Es berücksichtigt auch, dass unmittelbare auftretende äußere Ereignisse auf bereits vorhandene Erfahrungen und Empfindungen treffen, die mitunter gewohnte Lebens- und Denkweisen (Primärprozesse) durchbrechen können und sehr tiefe Prozesse auslösen können.

Zweitens zeigt diese Verwobenheit, dass individuelle wie kollektive Prozesse Transformationspotentiale für gesellschaftliche Ordnungssysteme bergen. Ein stärkendes globales Bewusstsein kann eine gemeinsame Grundhaltung in Zeiten der Pandemie sein. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass nicht nur die eigenen Prozesse wahrgenommen werden, sondern durch eine Beachtung der Kanäle Beziehung und Welt auch eigene Anteile von Individuen am Weltgeschehen prozessiert und reflektiert werden. Es hat somit Potential für ein globales Umdenken, das auch auf die Ebenen der strukturellen und epistemischen Gewaltkonstellationen rückwirken kann.

Auch wenn die Krise verschiedene Auswirkungen hervorruft, individuell wie gesellschaftlich und wenn derzeit nur Tendenzen ausgemacht werden können, wohin sich ‚die Welt‘ nach der überstandenen Krise entwickelt, ist eines sicher: Die Welt ist im fortschreitenden Wandel. Offen ist nur, ob wir als Individuen und als Gesellschaft den Prozess geschehen lassen oder ihn mit Courage selbst in die Hand nehmen.

Literatur

[1] Reini Hauser: Worldwork, Konfliktarbeit und Spiritualität. In: Bewusstseins-Wissenschaften: Transpersonale Psychologie und Psychotherapie, 2/2015, 42-56, S. 46.

[2] Arnold Mindell (1991): Das Jahr eins. Ansätze zur Heilung unseres Planeten: Globale Prozessarbeit. Walter-Verlag: Olten und Freiburg im Breisgau, S. 202.

[3] Ebd., S. 201.

 

Melanie Hussak ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz. Ihre aktuellen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten umfassen Shared Society, Friedensprozesse indigener Communities in Nordamerika sowie Friedenspädagogik und Friedensbildung in Theorie und Praxis.