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COVID-19: Herausforderungen für humanitäre Hilfe

von Charlotte Dany

Die Ausbreitung des neuen Coronavirus stellt die Industrienationen vor erhebliche Herausforderungen. Nun wird befürchtet, dass die globale Pandemie schon bald auch Staaten des Globalen Südens überrollt. In vielen dieser Länder würde dann eine ohnehin bestehende angespannte humanitäre Situation eskalieren. Humanitäre Organisationen bereiten sich auf die speziellen Herausforderungen vor, die das mit sich bringt. Sie – und besonders auch ihre lokalen Partner*innen – sind krisenerfahren und ziehen wichtige Lehren aus dem Ebola-Ausbruch in Westafrika vor wenigen Jahren. Ihr Vorgehen und die besonderen Herausforderungen, vor denen sie stehen, gießen Wasser auf die Mühlen der Lokalisierungsagenda in der humanitären Hilfe und regt einige humanitäre Organisationen zu mehr politischem Engagement an. Doch dass diese Situation insgesamt zu mehr internationaler Kooperation, Solidarität und Humanität führt, darf bezweifelt werden.

Wer ist besonders gefährdet?

Noch wütet COVID-19 besonders stark in Industrienationen; nach China hat es zentrale europäische Staaten und dann die USA erreicht. Schon in diesen Ländern mit vergleichsweise guten Gesundheitssystemen und sozialer Absicherung (auch wenn es sicherlich Variationen gibt) bringt es medizinische Kapazitäten, Alltag und Ökonomie an den Rand des Zusammenbruchs. Umso größer ist die Angst vor einer Ausbreitung des Virus in armen sowie durch Konflikte, Kriege oder Naturkatastrophen ohnehin geschwächte Regionen in Zentralafrika, Lateinamerika und im Nahen Osten. Die Zahlen der Johns Hopkins Universität (Stand: 7.4.2020) zeigen das derzeitige Ausmaß: Syrien – 19 Fälle, 2 Tote; Afghanistan – 423 Fälle, 11 Tote; Kenia – 158 Fälle, 6 Tote; Kolumbien – 1.579 Fälle, 46 Tote. Die Dunkelziffer ist – wie überall – sicherlich beträchtlich. Hinzu kommt die Sorge um die vielen Menschen auf der Flucht (laut Hochkommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge sind es derzeit 70,8 Millionen Menschen), die zum Teil in überfüllten Flüchtlingscamps unter verheerenden sanitären Bedingungen leben. Es sind vorranging diese Regionen und Menschen, für die die Vereinten Nationen (UN) am 25. März 2020 den COVID-19 Global Humanitarian Response Plan herausgegeben hat. Auch das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung arbeitet an einem umfassenden COVID-19 Hilfsprogramm für Entwicklungsländer und Flüchtlingsregionen.

Menschen in diesen Ländern oder auf der Flucht sind besonders gefährdet, denn es gibt kaum Möglichkeiten für Maßnahmen, die die Ausbreitung des Virus eindämmen könnten, wie Handhygiene oder physische Distanzierung. Das liegt nicht nur an der großen Dichte, in der Menschen in manchen Armenvierteln oder Flüchtlingscamps leben. Armut treibt die Menschen trotz Gefahr einer Infizierung oder Krankheit zum Arbeiten. Auch Geflüchtete müssen zur Arbeit, oder anstehen, um Essensrationen zu erhalten. Hier wird deutlich: ‚Social distancing‘ muss man sich leisten können.

Außerdem gibt es in Konflikt- oder Postkonfliktnationen häufig keine effektive ärztliche Versorgung. Im Jemen wurden Krankenhäuser durch Bombenangriffe in Schutt und Asche gelegt. In anderen ökonomisch schwachen afrikanischen Staaten gibt es für viele Menschen ohnehin nur eine schwer erreichbare Gesundheitsinfrastruktur mit kaum vorhandener medizinischer Ausstattung, wie Beatmungsgeräten. Zwar können einige von Ebola betroffene Staaten auf eine nun vorhandene Infrastruktur und geschultes Personal sowie Expert*innen zurückgreifen. Doch kommt erschwerend hinzu, dass das Coronavirus dort besonders verheerende Auswirkungen hat, wo ohnehin Infektionskrankheiten, wie Masern, Tuberkulose, HIV/Aids, Cholera oder Malaria, grassieren.[1]

Zu erwarten ist daher eine schnelle Ausbreitung, hohe Sterblichkeitsraten und menschliches Leid, sowie große und langwierige wirtschaftliche und politische Folgeschäden in besonders schlecht darauf vorbereiteten Ländern. Es zeigt sich schon jetzt, dass durch die Covid-19 Situation in Syrien, und besonders in Idlib, neue Konflikte entstehen und existierende verschärft werden.

Humanitäre Reaktionen auf die Corona-Krise: Lokalisierung und Advocacy

Humanitäre NGOs begegnen der Ausbreitung des Virus als einer komplexen humanitären Notsituation. Ihr Ziel ist es, unmittelbares Leid zu lindern und Leben zu retten. Dabei ziehen sie Lehren aus dem Ebola-Ausbruch in Westafrika, wo humanitäre Organisationen lange warnten, bevor es endlich zu einer politischen Reaktion der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kam – zu spät für viele Menschen. Laut Robert Koch-Institut starben in den am stärksten betroffenen Ländern Guinea, Liberia und Sierra Leone mehr als 11.000 Menschen am Ebola-Fieber.

Gegen das neue Coronavirus sind humanitäre Organisationen schon aktiv, um bestenfalls noch vor einem Ausbruch Präventionsarbeit zu leisten. In diesem frühen Stadium leisten sie vorrangig Informationsarbeit und Aufklärung über Infektionswege und Vorbeugungsmaßnahmen. Die Herausforderung besteht darin, „frühzeitig, korrekte und verständliche Informationen auf geeigneten Wegen an die Bevölkerung weiter zu geben und mit der Bevölkerung in einen Dialog zu treten, welche Maßnahmen man jetzt gemeinsam ergreifen kann“, wie Anna Kühne, Epidemiologin für Ärzte ohne Grenzen, in einem Interview mit dem Tagesspiegel klarstellt. Denn ein Hauptproblem liegt in fehlendem Vertrauen gegenüber der Richtigkeit der Informationen. Ausländische Helfer*innen könnten gar in Verdacht geraten, das Virus aus Europa einzuschleppen. Eine Lehre aus dem Ebola-Ausbruch in Sierra Leone ist daher, dass Informationen über verschiedene Stakeholder und auch religiöse Autoritäten gestreut werden müssen, wie Anna Kühne betont.

Das ist ganz im Sinne der spätestens seit dem UN World Humanitarian Summit (WHS) 2016 von der Staatengemeinschaft breit diskutierten Lokalisierungsagenda der humanitären Hilfe, welche von Praktiker*innen angestoßenen wurde. Diese Lokalisierungsagenda beinhaltet, dass humanitäre Hilfe mehr durch lokale Organisationen oder Menschen geleistet werden sollte, da deren Handlungen stärker akzeptiert werden und sie die Effekte ihrer Handlungen durch lokale Expertise besser antizipieren können. Internationale humanitäre NGOs, die oftmals ihre Hauptquartiere in westlichen Industrienationen haben, sollten sich hingegen auf Finanzierungs-, Unterstützungs- und Koordinierungsleistungen beschränken, oder am besten gar ihre Hauptquartiere ganz in die Länder des Globalen Südens verlegen. Das Coronavirus könnte dazu beitragen, dass diese Lokalisierungsagenda in der humanitären Hilfe schneller umgesetzt wird.

Umgekehrt werden internationale humanitäre NGOs nun auch verstärkt in Europa aktiv. So bietet beispielsweise Ärzte ohne Grenzen in der Corona-Krise Hilfe für Obdachlose, Migrant*innen, Geflüchtete oder Personen in Pflegeheimen in Frankreich an. Das ist bemerkenswert, denn noch auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015/16 tat sich Ärzte ohne Grenzen schwer damit, humanitäre Hilfe für Geflüchtete in den europäischen Zielländern zu leisten. Stattdessen haben sie diese Hilfe weiter in den Ursprungs- oder Transitländern angeboten. Außerdem hat die Organisation in Europa verstärkt politische Aufmerksamkeit für die Lage der Geflüchteten hergestellt und die europäische Flüchtlingspolitik offen kritisiert.[2]

Auch in der Corona-Krise werden internationale humanitäre NGOs als politische Advokaten aktiv. So fordern sie erstens, dass die Flüchtlingscamps auf den griechischen Inseln geräumt und die Geflüchteten in Sicherheit gebracht werden, bevor sich das Virus dort ausbreitet. Zweitens sollen Medikamente in Entwicklungsländern zugänglich gemacht werden. In beiden Fällen unterstreichen die Gefahren von Covid-19 die Dringlichkeit bereits bestehender Bemühungen, zu einer humanitären Flüchtlingspolitik in Europa beizutragen und den Zugang zu wichtigen Medikamenten zu erleichtern und zu verbilligen. Das ist umso wichtiger, als die internationale Solidarität in der medialen, öffentlichen und politischen Aufmerksamkeit vor den lokalen und nationalen Sorgen in den Hintergrund rückt.

Dennoch sollte das, was humanitäre Organisationen leisten können, nicht überschätzt werden. Humanitäre Hilfe, auch wenn sie um politische Forderungen ergänzt wird, kann immer nur eine begrenzte Antwort sein. Sie wird die Ausbreitung des Coronavirus nicht aufhalten können. Und sie wird auch die verheerenden Folgen der Pandemie für Entwicklungsländer nur sehr bedingt abfedern können. Dazu bräuchte es eine umfassende, politische Reaktion, die Staaten, die WHO, Pharmakonzerne und andere machtvolle Akteur*innen mit einbezieht, wie auch Anna Kühne betont.

Chance für Solidarität und Humanität?

Mit den weltweiten Todeszahlen steigt die Sehnsucht nach guten Nachrichten. Viele wollen gerne positive Folgen der Corona-Krise beschreiben: Könnte sie eine Chance sein für mehr Solidarität und Humanität? Kann diese globale Herausforderung dazu beitragen, dass wir nun – aus eigener, geteilter Erfahrung – mehr Empathie aufbringen für das Leid der Menschen anderswo? Eine Expertin des Overseas Development Institute sieht beispielsweise in Berichten über den Austausch von medizinischen Geräten und Expertise zwischen Ländern den möglichen Beginn eines „new approach to international cooperation“, der die traditionellen Rollen zwischen Gebern und Nehmern aufbricht. Rachel Scott vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) betrachtet den COVID-19 UN Global Response Plan und die daraus resultierenden Möglichkeiten der Krisenbewältigung als Chance für einen „positive peace“, auch über die Bekämpfung des Coronavirus hinaus.

Doch abgesehen von diesen ersten Ansätzen ist eine umfassende, politische Reaktion, die nicht nur auf die Interessen des eigenen Landes oder der unmittelbaren Region gerichtet ist, sondern auf die Bedarfe derjenigen, die Hilfe am dringendsten benötigen, nicht in Sicht. Das weltweite Konfliktpotential steigt durch COVID-19 eher, als dass es verringert wird. Es ist daher richtig und wichtig, dass humanitäre Organisationen weiter auch politische Aufmerksamkeit auf diese Themen lenken und für mehr Solidarität und Humanität in der Krise kämpfen.

[1] UN OCHA, Global Humanitarian Response Plan COVID-19, S. 12.

[2] Charlotte Dany (2019) Exploring the Political Agency of Humanitarian NGOs: Médecins Sans Frontières During the European Refugee Crisis, Global Society, 33:2, 184-200, DOI: 10.1080/13600826.2019.1577804

Dr. Charlotte Dany leitet  die Friedensakademie als Geschäftsführerin. Zuvor war sie fast zehn Jahre lang wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt, hatte eine Vertretungsprofessur an der Zeppelin Universität Friedrichshafen inne und promovierte an der Universität Bremen. Zu Danys Expertise gehören humanitäre Krisen, humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit, sowie Partizipation und Teilhabe gesellschaftlicher Akteure in globaler Politik.