Sternenweg – Chemin des étoiles

Ein europäisches Modellprojekt setzt           [Wege]Zeichen

von Peter Michael Lupp

Die Milchstraße galt im Mittelalter als kosmischer Wegweiser zum Sehnsuchtsziel Santiago de Compostela. Ein von unzähligen Füßen hervorgebrachtes Netz von Wegen erinnert quer durch das heutige Europa an die Suchbewegung von Jakobspilger*innen, die entlang der Sterne in Richtung Spanien zum Grab des Heiligen Jakobus unterwegs waren. Diese Wege führen auch durch die Europäische Kulturstraße im deutsch-französischen Grenzraum. Ein partnerschaftliches Modellprojekt ermöglicht ein Pilgerwandern in der Gegenwart und setzt ursprüngliche „Wegweiser“ mit einer europäischen Friedensvision in Verbindung.

Frieden in die Welt hinaustragen

Pilgern im Sinne einer spirituellen Wanderschaft zu religionsgeschichtlich relevanten Orten sucht heute wie gestern nach ganzheitlicher Erfahrung von Frieden. Sei es durch das Spüren des göttlichen Funkens im eigenen Sein oder im Einklang mit der Natur. Auch durch die Begegnung mit dem Unbekannten und anderen Kulturen können Menschen einen Zugang zu sich selbst finden. So kann sich beim Orientieren, Erkunden und Entdecken in der Fremde der Fluss der Gedanken verändern. In der Selbstdistanz können sich innere Konflikte beruhigen. Eine andere Art von Begegnung mit Menschen, Kulturen und Orten wird in der im Takt der Schritte vorbeiziehenden Landschaft ermöglicht. Das achtsame Voranschreiten mobilisiert die geistigen Kräfte, generiert Wissensdurst und eine ausgeprägte Weltoffenheit. Zeitübergreifend gilt das Pilgern daher als Chance einer Bewusstseinserweiterung durch das Gewinnen neuer Erfahrungen und Erkenntnisse, die als Bausteine für das individuelle Mitgestalten einer freien und friedvollen Gesellschaft dienen können.

Ein aus der Erfahrung von „weg“ und gleichzeitig „auf dem Weg“ sein gewonnener innerer Frieden kann so zum Impuls werden, auch im Außen den Frieden in die Welt zu tragen. Dieser Prozess kann sich sowohl im Alltag als auch im Urlaub, sei es zu Fuß, mit dem Fahrrad oder auch mit anderen Verkehrsmitteln (für ältere Menschen) entfalten.

Inwertsetzung eines großregionalen Wegenetzes

Der Titel „Sternenweg/Chemin des étoiles“ nimmt Bezug auf den kosmischen Wegweiser der Pilger*innen in der Ursprungszeit und den Mythos der Jakobspilgerschaft, der sich über Jahrhunderte entwickelte. Gegenwartsbezogen versteht sich das Projekt als prozessorientiertes Beispiel einer behutsamen Inwertsetzung der wiederentdeckten Wege der Jakobspilger*innen in Teilen des Saarlandes, von Rheinland-Pfalz sowie Lothringens und des Elsass. Die Gründungsgedanken der europäischen Union durchdringen als Vision richtungsweisend das Projekt: Unterwegssein auf dem Sternenweg als Friedenspilger*in, um die Ideen von Toleranz, Humanität, Freiheit, Demokratie und freundschaftlicher Begegnung der Kulturen zu verbreiten. Damit zielt die Inwertsetzung letztlich auf die Vertiefung und Verbreitung eines humanistischen Weltbildes der Neuzeit im Spiegel der Weltanschauung des Mittelalters während eines Unterwegsseins als Pilger*in im Projektraum.

Der Europarat hat dieses Wegenetz 1987 zur Europäischen Kulturstraße erklärt und die Regionen Europas eingeladen, die versunkenen Wege der Jakobspilger*innen wiederzuentdecken, um sie auf regionaler Ebene mit den Ursprüngen des „europäischen Gedankens“ in Verbindung zu bringen. Die Idee und das Konzept des „Sternenweges“ versteht sich daher als Modellprojekt, wie ein solcher Auftrag auch in einem großregionalen Kontext im Herzen Europas inspiriert, erprobt und umgesetzt werden kann.

Die Sensibilisierung der Wahrnehmung, die sich beim Pilgern einzustellen vermag, möchte sich der „Sternenweg/Chemin des étoiles“ beispielgebend zu Nutze machen.  Er wird begriffen als eine der Nahtstellen Europas, in der sich die deutsche und französische Kultur begegnen. Die Region Saarbrücken, von der aus das europäische Modellprojekt 2006 seinen Lauf nahm, begreift sich als einer der Knotenpunkte der verschiedenen Wegeachsen, die den Projektraum grenzüberschreitend wie ein sternförmiges Netz durchziehen.

Von hier aus betreut und steuert der Regionalverband Saarbrücken mit der Unterstützung von vielen Projektpartner*innen am Wegesrand das Projekt. Ziel ist es, das Pilgerwandern der Gegenwart mit den verschiedenen regionalen Facetten der Kulturlandschaften des Projektraumes, ihren jeweiligen mittelalterlichen Baudenkmälern und Aspekten von kulturellen, sozialen und ethischen Werten, als Basis einer zukunftsfähigen Entwicklung Europas in Verbindung zu bringen.

Umsetzung mit „kleinen Gesten“

Dabei experimentiert das Modellprojekt mit dem Einbezug von Poesie. Das bedeutet für die Beteiligten, die Idee und den Prozess des Unterwegssein als Pilger*in wie ein Gedicht zum Beispiel über Frieden und Schönheit zu denken und das Wesentliche im Einfachen, im oftmals Unscheinbaren zu entdecken. Die Inwertsetzung folgt daher dem Prinzip der „kleinen Gesten“. Dazu werden entlang der Wege immer wieder auch unscheinbare Spuren, Symbole, Zeichen vergangener Kulturen beleuchtet, wie beispielsweise Sternenmotive an mittelalterlichen Baudenkmälern und ihre Bedeutung. Der Fokus liegt auf dem Spurensuchen und bewusst Entdecken, um tief zu berühren: den Menschen, die Landschaft, das kulturelle Erbe und die Gemeinschaft. Bei der Inhaltsvermittlung geht es darum, kunstgeschichtliche, kulturlandschaftliche Hintergründe sowie abstrakte Wertedefinitionen auf Essentielles zu reduzieren und verständlich zu machen. Beim Entdecken können so Zusammenhänge erkannt werden und eigene Handlungsoptionen inspirieren. Diese Art der Inhaltsvermittlung erfolgt zuweilen auch unter Einbeziehung von künstlerischen Reflexionen wie zum Beispiel Musik, Gedichten oder Bildender Kunst (siehe Bildband).

Die praktische Umsetzung vollzieht sich auf mehreren Ebenen: etwa durch die Digitalisierung der wiederentdeckten regionalen Wege in einer interaktiven Karte im großregionalen Projektraum, die Erfassung der verbliebenen Zeugnisse der mittelalterlichen Baukultur am Wegesrand und deren Kennzeichnung mit Wegezeichen. Dazu gehören eine Beschilderung der Orte und die Einbindung der unterschiedlichsten Projektpartner*innen vor Ort. Neben der Internetseite und der Beschilderung erfolgt die Vermittlung der Leitidee über Einweihungsveranstaltungen und die Veröffentlichung/Verbreitung von feinsinnig gestalteten Publikationen, die das Wegenetz, die Bezugspunkte und den Leitgedanken zweisprachig vermitteln.

Darüber hinaus interpretieren „Denkbilder“ an verschiedenen Orten auf künstlerische Art und Weise historische Darstellungen von Tugenden/Werten. Zudem werden Kooperationspartner*innen und Pilgerführer*innen geschult sowie geführte meditative Wanderungen angeboten.

Das Projekt verzichtet somit auf eine aufwändige Infrastruktur und wächst mit den vorhanden personellen und finanziellen Ressourcen organisch und ohne Zeitdruck kontinuierlich zu einem vernetzenden Gemeinschaftswerk über Grenzen hinweg.

„Steinerne Zeitzeugen“ – Mittelalterliche Baukultur am Wegesrand

Die mittelalterlichen Kulturdenkmäler, die sich entlang der historischen Wegeachsen im Projektraum wie eine Perlenkette auffädeln, bieten dazu authentische und inspirierende Schauplätze. Auf sechszehn wiederentdeckten Wegeachsen auf insgesamt rund 1.600 km stellen mittlerweile über 350 im Projektraum erfasste mittelalterliche Kleinode einen reichen Fundus an Zielpunkten.

Sukzessive werden die erfassten mittelalterlichen Kulturdenkmäler, unterstützt von den Partner*innen vor Ort, mit einer steinernen Jakobsmuschel als Wegezeichen und einem Informationsschild gekennzeichnet und öffentlichkeitswirksam vorgestellt. Die steinernen Jakobsmuscheln werden von Jugendlichen im Rahmen von Qualifizierungsmaßnahmen von Hand gefertigt und tragen alle eine Datierung. Die „geschmückten“ mittelalterlichen Kleinode werden so zu Zielpunkten und bieten damit lokal, aber auch überregional die Gelegenheit zu vielseitigen individuellen Pilgertouren innerhalb des Projektraumes. Entlang der Wegerouten von Kloster Hornbach nach Saarbrücken/ Sarreguemines finden sich noch weitere Wegezeichen (Wegeornamente aus Feldkalksteinen, in Stein gehauene Sternenmotive aus mittelalterlichen Baudenkmälern der Umgebung), die an die versunkenen alten Wege erinnern (siehe Wanderkarten und Internet).

Ein Erprobungsraum der Inhaltsvermittlung – Wertebildung unterwegs und vor Ort

Das eigentliche Experimentierfeld des Projektes ist das Spektrum an Wahrnehmungsverhalten beim Pilgerwandern und dessen Bereicherung für Menschen. Auch darin ist sein Modellcharakter verankert. Die spannende Frage ist, inwieweit sich ein individuelles Gefühl von Frieden verändert bzw. entwickelt, wenn Menschen ihre Wanderschaft als einen Weg der Erkenntnis begreifen, sich unterschiedlichen Werten einer humanistisch ausgerichteten Gesellschaft bewusst werden, unterwegs kulturelles Erbe als spirituelle Orte entdecken und auf poetische Art und Weise entsprechende Impulse erhalten.

Befragungen, die bereits in der Anfangszeit des Projektes gemacht wurden, deuteten eine Persönlichkeitsentwicklung an, die sich bei Menschen einstellt, wenn sie sich bewusst für eine Pilgerwanderung auf den Wegen der Jakobspilger entschieden haben. Offenbar steht dieser Art des Unterwegsseins einerseits für ein ausgeprägtes Interesse nach Selbstfindung sowie spiritueller Erfahrung und anderseits entsteht dabei unbewusst eine hohe Affinität für poetische und kulturelle Impulse. Im Verlauf des Projektes wurde erkennbar: Wenn diese Impulse in Verbindung mit kulturellem Erbe und den Entwicklungsmöglichkeiten einer freien, friedensstiftenden und auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Gesellschaft zur Verfügung gestellt werden, kann neues Denken entstehen. Kontinuierlich erprobt und niedrigschwellig in der Praxis ergründet werden diese Erkenntnisse mit der oben bereits angedeuteten Methodik der „kleinen Gesten“.

Der „Sternenweg“ ist jedoch nichts Fertiges, eher ein Ausloten im Prozess auf der Suche nach Möglichkeitsräumen, in denen sich die Ideen von gutem Leben und friedvollem Miteinander entfalten können.

Projektträger

Der Regionalverband Saarbrücken steuert prozessorientiert die grenzüberschreitende Entwicklung des Projektes. Die Wegezeichen entstehen im Rahmen von Qualifizierungsmaßnahmen für arbeitssuchende Menschen. Kooperationspartner sind die St. Jakobus-Gesellschaften (Rheinland-Pfalz, Saarland, Lothringen, Elsass), viele Landkreise, Städte, Gemeinden, kirchliche und kulturtouristische Institutionen entlang der Routen des Projektraumes sowie das Institut für Europäische Kulturstraßen des Europarates.

2018/19 lieferte das Projekt einen Beitrag zum Europäischen Kulturerbejahr. Ein Bildband dokumentiert das europäische Modellprojekt auf poetische Weise. Die zugehörige Internetseite vermittelt den Leitgedanken, kulturgeschichtliche Hintergründe und Impulse zum Weiterdenken und bietet touristische Informationen zum Pilgerwandern. Mittels einer interaktiven Karte besteht die Möglichkeit zur Routenplanung und das Lokalisieren der erfassten mittelalterlichen Kleinode entlang der Wege der Jakobspilger im Projektraum.

Peter Michael Lupp  ist als Kulturreferent im  Regionalverband Saarbrücken tätig. Zu seinen Themen gehören hier die Entwicklung von prozessorientierten Strategien zur kulturellen und nachhaltigen Entwicklung, das Kulturelle Erbe, die regionale Baukultur, die behutsame Inwertsetzung von bedeutsamen [poetischen] Orten, die Kunst im öffentlichen Raum und eine die Prozesse begleitende engagierte Kunst sowie die grenzüberschreitende Zusammenarbeit.

Kontakt: peter.lupp@rvsbr.de, www.sternenweg.net

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