Reihe: COVID-19

COVID-19: Einblicke aus Forschungsländern der Friedensakademie

Mit weitreichenden Folgen für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft hat die COVID-19-Pandemie die Welt in eine beispiellose Krise gestürzt. Vier Friedensakademie-Mitarbeiter*innen blicken auf die Lage in ihren Forschungs- oder Heimatländern und berichten von der Bedrohung indigener Völker im brasilianischen Amazonas, den Auswirkungen der Pandemie auf den Frieden in Kolumbien, einer zusätzlichen Gefährdung des fragilen Friedens in Liberia sowie dem Ausbleiben wichtiger Einnahmen für Diamantenschürfer[1] in Sierra Leone. In allen beschriebenen Fällen legt die COVID-19-Pandemie strukturelle Ungleichheiten offen, trifft vulnerable Bevölkerungsgruppen besonders hart und liefert damit Potential für neue Konflikte.

Auch in dieser Krise sind die schon benachteiligten Menschen wieder die Verletzlichsten – Ein Blick nach Brasilien

Ein Beitrag von Rebecca Froese

Eigentlich wäre ich vor einigen Tagen zur nächsten Feldforschung in den Südwestamazonas aufgebrochen, doch das ist natürlich in der derzeitigen Situation undenkbar. Zudem ist es nicht absehbar, wann das Reisen in die Region wieder möglich sein wird und ob ich andere Menschen damit einem erhöhten Risiko aussetzen würde. Mich bedrückt, was unsere Kooperationspartner*innen vor Ort berichten und was wir derzeit aus der ganzen Welt hören; von fehlenden Beatmungsgeräten über gewaltsame Polizeiaktionen zur Durchsetzung von Quarantäneregelungen bis hin zu bedenklichen Gesetzesveränderungen, die, von COVID-19 überschattet, im Hintergrund verabschiedet werden.

Insbesondere im Amazonas begünstigt die derzeitige Situation die Goldgräberstimmung. Die durch die große Entfernung vieler Amazonas-Bundesstaaten zur Hauptstadt Brasília und durch die neoliberale Politik von Präsident Bolsonaro ohnehin unterbesetzen und unterfinanzierten Institutionen sind durch COVID-19 in der Ausübung ihrer Arbeit gegen illegale Abholzung und illegalen Goldbergbau weiter geschwächt worden. Durch die wirtschaftliche Krise der letzten Jahre wurde vielen Menschen infolge eines währungsbedingten Preisverfalls und geringerer lokaler Einnahmen die Lebensgrundlage genommen. In Kombination mit der geringen Wahrscheinlichkeit einer Strafverfolgung während COVID-19, zieht dies immer mehr Menschen in den Goldbergbau, teilweise illegal, teilweise staatlich gefördert. Das hat nicht nur verheerende Folgen für die Umwelt, sondern gefährdet durch die drohende Einschleppung des Virus insbesondere auch lokale Gemeinschaften. Vor allem betroffen sind bisher isolierte indigene Völker, deren Immunsystem kaum auf derartige Viren vorbereitet ist und für die schon eine harmlose Form von Grippe tödlich enden kann, da eine entsprechende Hintergrundimmunität durch vorhergehende Infektionen mit Coronaviren nicht vorhanden ist. Zudem haben die indigenen Menschen kaum Zugang zu Gesundheitsversorgung und Präventionsmitteln wie Masken und Desinfektionsmitteln, da der Staat es in vielen Fällen versäumt hat, das Gesundheitssystem bis in die oft entlegenen Regionen auszudehnen oder dies privaten Initiativen überlassen hat.

Ein Blick zurück in die 1970er Jahre kann uns eine Vorstellung des Ausmaßes dieser Bedrohung geben. Als die Masern durch ausweitenden Straßenbau und Goldgräber zu den Yanomami eingeschleppt wurden, kostete das in einigen Regionen 50% der Menschen das Leben. Der leichtfertige Umgang mit COVID-19 sorgt auch Brasiliens Nachbarländer, da die Grenzen im Amazonas oft fließend sind und eine Ausbreitung nur schwer nachvollziehbar und kontrollierbar ist. So wird in Kolumbien aufgrund der steigenden Zahl von COVID-19 Opfern aus indigenen Gemeinden bereits von einem drohenden Ethnozid gesprochen. Trotz dieser Gefahr haben die Behörden in den Regionen bisher wenig unternommen, um diese Menschen zu schützen. Im Gegenteil, die brasilianische Regierung versucht zurzeit sogar, in Zusammenarbeit mit der Indigenenbehörde (FUNAI) eine Gesetzesänderung auf den Weg zu bringen, welche die traditionellen Rechte der Indigenen auf ihr Land stark einschränkt und nur noch demarkierte und titulierte Landrechte anerkennt. Wie diese Initiative ausgeht, bleibt abzuwarten. Es ist zu hoffen, dass die Allgegenwärtigkeit von COVID-19 diese starken Einschnitte nicht überschattet und Indigene nicht nur gesundheitlich, sondern auch im Kampf um ihre Rechte benachteiligt werden. Es zeigt sich einmal mehr, dass auch in dieser Krise die sowieso schon benachteiligten Menschen unserer Gesellschaft wieder die Verletzlichsten sind.

Trotz des Aufbaus von Institutionen in Brasilien und hoffnungsvoller Rückblicke auf die wichtigen wirtschaftlichen und sozialpolitischen Reformen Anfang der 2000er, die viele Menschen aus der Armut holten, haben viele von diesen marginalisierten Menschen das Vertrauen in den Staat verloren. Was bleibt einer Bevölkerung, wenn der Staat keine ausreichenden Lösungen anbietet? Die Strategie, die viele Indigene schon seit Jahrzehnten verfolgen, ist sich selbst zu organisieren und gegenseitig zu unterstützen. Spezielle Schutzmechanismen in der derzeitige Krise sind zum Beispiel eigene Aufklärungs- und Informationskampagnen in den sozialen Medien, wie Podcasts zu Verhaltensempfehlungen oder die Aufforderung an Gemeinschaften, ihre Aktionen per Video unter #CombateCoronaNaAldeia (Corona im Dorf bekämpfen) mit anderen zu teilen. Ob diese autonomen Organisations- und Schutzmechanismen ausreichen, werden wir in ein paar Wochen sehen. Nicht vergessen sollten wir aber, dass jeder Staat die Pflicht hat, alle Menschen während einer Krise gleich zu behandeln und das Recht auf Leben an erste Stelle zu setzen.

© Hiller

Rebecca Froese ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Landnutzungskonflikte und der Friedensakademie Rheinland-Pfalz an der Universität Koblenz-Landau. Für ihre Dissertation forscht sie zu Umweltgovernance und Landnutzungskonflikten an der Grenze von Brasilien, Bolivien und Peru.

 

Gewalt auf dem Land und gegen führende Aktivist*innen in Zeiten von COVID-19: Ist das der Frieden, den Kolumbien will?

Ein Beitrag von Zabrina Welter

COVID-19 hält mich bereits seit mehr als einem Monat in meiner Heimatstadt Bogota fest. Im Schlafzimmer meiner Kindheit sitzend, könnte ich mich nicht glücklicher fühlen, diese schwierige Zeit an der Seite meiner Familie zu verbringen. Dieses Gefühl der Dankbarkeit hat jedoch jedes Mal, wenn ich eine kolumbianische Zeitung aufschlage, einen fahlen Beigeschmack. Wider Erwarten wirkt sich die Pandemie durch einen Rückgang konfliktbedingter Gewalt, beispielsweise durch einen COVID-19-bedingten Waffenstillstand der Guerillagruppe Ejército de Liberación Nacional (ELN), nicht positiv auf den Frieden aus. Stattdessen liefern Gewalt auf dem Land und gegen führende Aktivist*innen neues Konfliktpotential.

Kolumbiens interner bewaffneter Konflikt geht auf eine lange Geschichte politischer Gewalt, hoher sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheiten sowie die ungleiche Verteilung von Land, politischer Macht und Reichtum zurück. In den 1960ern bildeten sich linksgerichtete Rebellengruppen, um mit Gewalt gegen diese Ungleichheiten zu kämpfen. Es folgte ein jahrzehntelanger Konflikt mit komplexen und dynamischen Akteurskonstellationen. Im Jahr 2012 begann die Regierung Friedensgespräche mit der wichtigsten Guerillagruppe, den Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC). Der sogenannte Friedensprozess gipfelte 2016 in der Unterzeichnung eines Friedensabkommens, welches Vereinbarungen zu fünf Themen enthält: umfassende Landreform, politische Teilhabe, Lösung des Problems der illegalen Drogen, Sonderjustiz und Entschädigung für die Opfer, und Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration der Rebellen. Die Unterzeichnung dieses Abkommens motivierte die Regierung und die letzte noch aktive Guerillagruppe ELN zur Aufnahme formeller Friedensverhandlungen 2017, jedoch gab es bisher keine wesentlichen Fortschritte.

Obwohl wir seit zwei Monaten unter Ausgangsperre stehen, hört die Gewalt gegen führende Aktivist*innen nicht auf. Diese setzen sich unter anderem für die Opfer des bewaffneten Konflikts, Indigene, Afrokolumbianer*innen, ländliche Gemeinschaften, enteignete Landbesitzer*innen, und die Unterstützung von auf den Koka- und Marihuana-Anbau angewiesenen ‚campesinos‘ (Kleinbäuer*innen) ein. Seit Jahren machen diese Aktivist*innen auf die Auswirkungen von Gewalt und Ungerechtigkeit aufmerksam, fordern entsprechende Maßnahmen und begeben sich dadurch in Gefahr. Seit Beginn des Jahres wurden mindestens 84 führende Aktivist*innen ermordet, davon 16 seit Beginn der Ausgangssperre. Durch ihren Einsatz ziehen führende Aktivist*innen beispielsweise den Zorn von kriminellen Gruppen, die in den illegalen Drogenanbau und illegalen Bergbau involviert sind, auf sich. Auch ihr Eintreten für die Rechte enteigneter ‚campesinos‘ mit Landnutzungsansprüchen ist vielen Landbesitzer*innen, die direkt oder indirekt an Enteignungen beteiligt sind, ein Dorn im Auge. In der gegenwärtigen Situation müssen führende Aktivist*innen nicht nur durch drohende Angriffe von Guerrillas und kriminellen Gruppen um ihr Leben fürchten, sondern zusätzlich auch noch der Bedrohung durch die Pandemie standhalten.

Auch ländliche Bevölkerungsgruppen sind existentiell bedroht, da die Ausgangssperre ihre Lebensgrundlage maßgeblich beeinträchtigt. Tatsächlich hat die Pandemie die strukturelle Vulnerabilität der Regionen aufgezeigt, in denen Faktoren wie bewaffnete Gewalt, Ungerechtigkeit und unzureichende staatliche Präsenz aufeinandertreffen. Ein gutes Beispiel ist der Fall des illegalen Drogenanbaus, auf den Teile der ländlichen Bevölkerung angewiesen sind. Infolge des Friedensabkommens verfolgt die kolumbianische Regierung zwei Strategien zur Lösung des Problems der illegalen Drogen: ein umfassendes Programm zur Substitution illegalen Anbaus, das Kleinbäuer*innen bei der Umstellung des Anbaus von Drogenpflanzen auf profitable legale Kulturpflanzen unterstützt, sowie die erzwungene Ausrottung der Drogenpflanzen durch Entwurzelung oder Sprühen von Pestiziden. Nun nutzt die Regierung die Ausganssperre zu ihrem Vorteil, um gewaltsame Vernichtungen von Kokapflanzen (forced eradication operations) in mindestens sechs Departements durchzuführen, darunter auch in Gebieten, die Teil des umfassenden Substitutionsprogramms sind. Dies verletzt die Rechte vieler Familien, die im Zuge des Friedensvertrags Teil jener Programme zur Substitution illegaler Anbaukulturen geworden sind. Forderungen von ‚campesinos‘, NGOs und lokalen Behörden, diese Operationen zumindest während der Pandemie einzustellen, ignoriert die nationale Regierung und verwehrt damit betroffenen Gemeinschaften das Recht auf Gesundheit und Ernährungssicherheit. Folglich fürchten ‚campesinos‘ nicht nur die Ausbreitung von COVID-19, sondern auch den Verlust ihrer Lebensgrundlage – und Spannungen im Land steigen. Da frage ich mich: Ist das der Frieden, den wir in Kolumbien wollen?

Zabrina Welter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz im Forschungsschwerpunkt ‚Umwelt- und Ressourcenkonflikte‘ und an der Universität Freiburg am Lehrstuhl Sustainability Governance. Sie forscht im Bereich der Post-Konflikt-Governance von natürlichen Ressourcen und Environmental Peacebuilding mit Schwerpunkt Kolumbien.

 

Ein stabiler Frieden rückt für Liberia in noch weitere Ferne

Ein Beitrag von Christina Ankenbrand

Als ich mich Anfang Januar zur Feldforschung nach Liberia aufmachte, mehrten sich die Meldungen zu einem bis dahin unbekannten Corona-Virus. Kurz vor meiner Rückkehr wurde am 27. Januar der erste ‚Corona-Fall‘ Deutschlands bestätigt. Besonders in Liberia beobachtete man die weltweiten Entwicklungen mit Sorge, denn die prägenden Erinnerungen an die verheerende Ebola-Epidemie in Westafrika von 2014 bis 2016 sitzen tief. Damals starben über 4.800 Personen in Liberia, zahlreiche Kinder verloren einen oder beide Elternteile, Ebola-Überlebende erfuhren Stigmatisierung und soziale Ausgrenzung. Die Ebola-Epidemie war in vielerlei Hinsicht ein schwerer Rückschlag für die Entwicklung des krisengeplagten Landes, dessen wirtschaftliche, soziale und politische Situation seit Ende des Bürgerkriegs 2003 ohnehin auf wackeligen Beinen steht. Die Sorge ist groß, dass sich die COVID-19-Pandemie in ähnlicher Weise sowohl auf die gesundheitliche und wirtschaftliche Lage als auch auf die politische Stabilität des Landes auswirkt und den fragilen Frieden des Landes zusätzlich bedroht. Viele Konfliktfaktoren wie Armut und Ungleichheit, Korruption, Nepotismus, ein dysfunktionales Sozial- und Gesundheitssystem sowie geschlechterspezifische Gewalt prägen Liberias Alltag nach wie vor stark und werden durch die COVID-19-Pandemie wohl weiter verstärkt. Friedens- und Staatsbildung sind besonders wichtig für Zeiten wie diese, doch das Misstrauen gegenüber der Regierung ist groß, auch weil soziale Infrastruktur und gesundheitliche Versorgung sich über die Jahre kaum verbessert haben. Fehlendes Vertrauen in die Regierung und ein mangelndes Sozial- und Gesundheitssystem machen wirksame Maßnahmen zur Bekämpfung von COVID-19 extrem schwierig. Zudem könnte eine Vernachlässigung anderer lebensbedrohlicher Krankheiten wie Malaria und Tuberkulose zahlreiche weitere Todesopfer kosten.

Liberias erster COVID-19 Fall wurde am 16. März offiziell. Bisher gibt es 199 bestätigte Fälle, davon 20 mit Todesfolge, die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Soziale Distanzierung ist kaum durchsetzbar, insbesondere in den dicht besiedelten Armenvierteln der Hauptstadt Monrovia. Die derzeitigen Maßnahmen wie Ausgangssperren zwischen 15 und 6 Uhr sind für Großteile der Bevölkerung problematisch, denn die meisten Liberianer*innen haben kaum Rücklagen und sind darauf angewiesen, täglich zu arbeiten und dicht besiedelte Märkte zum Ein- oder Verkaufen zu besuchen. Dort scheinen sich soziale Interaktionen aufgrund der beschränkten Ausgangszeiten tendenziell noch zu intensivieren.

Auch droht die sich einstellende globale wirtschaftliche Rezession Liberia, eines der ärmsten Länder der Welt, wirtschaftlich besonders hart zu treffen. Der Export von Rohstoffen sinkt in vielen Ländern Afrikas wegen eines Nachfragerückgangs und Transportschwierigkeiten, die Versorgung mit lebenswichtigen Importgütern wird durch Liefer- und Zahlungsengpässe erschwert. Liberia ist stark vom Export von Rohstoffen wie Eisenerz und Gold sowie landwirtschaftlichen Produkten wie Kautschuk oder Palmöl abhängig. Ein Nachfragerückgang wird nicht nur zum Ausbleiben wichtiger Staatseinnahmen führen, sondern bedroht die Arbeit und Lebensgrundlage vieler Menschen. In der Konsequenz wird die Armut weiter zunehmen. Auch im Diamantensektor, mit dem sich meine Forschung zu Governance natürlicher Ressourcen und menschlicher Sicherheit beschäftigt, sind die Auswirkungen von COVID-19 spürbar. Aufgrund der nationalen und internationalen Reisebeschränkungen können Diamantenhändler momentan weder zu den Minen fahren und den Diamantenschürfern Diamanten abkaufen, noch können sie Diamanten ins Ausland exportieren. Dadurch verschlechtert sich die ohnehin schon prekäre Situation vieler Diamantenschürfer und ihrer Familien. Für sie sowie für den Großteil der liberianischen Bevölkerung rückt die COVID-19-Pandemie einen Frieden im Sinne eines Lebens ohne Angst und Not in noch weitere Ferne. Tatsächlich ist für viele Liberianer*innen die Angst vor drohendem Hunger, sozialen Unruhen und weiteren Folgen von COVID-19 größer als die vor der Pandemie selbst.

© Hiller

Christina Ankenbrand ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz und forscht zu Governance natürlicher Ressourcen und menschlicher Sicherheit in Post-Konfliktgesellschaften, gefördert von der Deutschen Stiftung Friedensforschung.

 

Einige Hygienemaßnahmen sollten in Sierra Leone auch zukünftig im Kampf gegen andere Krankheiten beibehalten werden

Ein Beitrag von Emanuel Hermann

Bis Ende März war ich in Sierra Leone, um im Rahmen meiner Masterarbeit zu Projekten für einen sozial- und umweltverträglichen Kleinbergbau (‚ethically sourced minerals‘) zu forschen. Diese Projekte versprechen unter anderem fairere Preise für Rohdiamanten und eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Minen. Projekte dieser Art werden häufig in einer Kooperation von zivilgesellschaftlichen und industriellen Akteur*innen implementiert und wurden als Reaktion auf die Debatte um Konfliktrohstoffe wie die sogenannten ‚Blutdiamanten‘ im Kleinbergbausektor eingeführt. Im Zuge der globalen Entwicklungen und zunehmenden Reisebeschränkungen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie entschied ich mich, früher als geplant nach Deutschland zurückzureisen. Das verkürzte meine auf neun Wochen angesetzte Feldforschung um zwei Wochen. Obwohl zum Zeitpunkt meiner Abreise in Sierra Leone noch kein Fall einer COVID-19 Infektion bekannt war, hatte die Regierung auch dort bereits mit den Vorbereitungen für den Fall eines Virus-Ausbruchs begonnen. In der Hauptstadt Freetown wurden etwa vor vielen öffentlichen Gebäuden Vorrichtungen zum Händewaschen aufgebaut, teilweise Fieber gemessen sowie Beschränkungen für die gemeinschaftliche Nutzung von Verkehrsmitteln eingeführt. Einen Tag nach meiner Abreise Ende März wurde der internationale Flughafen in Freetown geschlossen, Quarantäne-Verordnungen für Einreisende aus betroffenen Ländern eingeführt und auch die Landesgrenzen nach Liberia und Guinea abgeriegelt. Die Regierung verkündete am 24. März einen einjährigen Ausnahmezustand, der dem Präsidenten den Beschluss und die Umsetzung von Maßnahmen erlaubt, die er zur Eindämmung des Virus für notwendig hält. Anfang April wurde daraufhin eine dreitägige Ausgangssperre verhängt, um die Kontaktpersonen der bis dahin sechs bestätigten COVID-19 Fälle zu ermitteln und unter Beobachtung zu stellen. Nichtsdestotrotz konnte die Ausbreitung des Virus auch in Sierra Leone nicht verhindert werden. Inzwischen sind 307 Infektionen und 18 Todesfälle bestätigt und über 2.051 Menschen befinden sich in Quarantäne.

Über Social Media stehe ich weiterhin in Kontakt mit einigen Mineninhabern, die im Kono District im Osten des Landes Teil eines Projekts für sozial- und umweltverträglichen Kleinbergbau (‚ethically sourced minerals‘) sind. Zwar gibt es in Kono noch keinen bestätigten Fall und die Arbeit in den Minen ist weiterhin möglich, doch beeinflusst die aktuelle Lage die Arbeit der Diamantenschürfer erheblich. So können momentan beispielsweise keine Diamanten im Projektrahmen verkauft werden, da die zuständigen Diamantenankäufer aus dem Ausland stammen und im Moment nicht vor Ort sind. Dadurch, dass viele Diamantenschürfer aber auf unmittelbare Einnahmen angewiesen sind, können einige in naher Zukunft gezwungen sein, ihre Diamanten außerhalb des Projekts zu voraussichtlich deutlich schlechteren Preisen zu verkaufen. Zudem befindet sich das Projekt noch in der Pilotphase und könnte, falls es sich als unrentabel herausstellt, vorzeitig beendet werden. Allerdings könnten einige COVID-19 bedingte Maßnahmen auch positive Konsequenzen mit sich bringen, die es sich lohnen würde, auch nach der Krise beizubehalten. So könnte eine neu eingerichtete Konstruktion zum Händewaschen die Arbeiter auch in Zukunft vor Krankheiten wie Hepatitis oder Typhus schützen. Ich beobachte die Lage im Land weiterhin aufmerksam und hoffe sehr, dass Sierra Leone eine weitere Ausbreitung des Virus verhindern und damit eine Situation wie in den Jahren 2014 bis 2016, als das Ebolavirus mit weitreichenden Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft den Alltag bestimmte und über 3.500 Menschen starben, vermeiden kann.

Emanuel Hermann arbeitet als studentischer Mitarbeiter an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz und studiert Development Studies am Graduate Institute for International and Development Studies in Genf. Im Rahmen seiner Masterarbeit forscht er zu Initiativen für einen sozial- und umweltverträglichen Diamantenkleinbergbau,

 

[1] Bei Erzählungen zu den Diamantensektoren Liberias und Sierra Leones haben wir bewusst auf eine geschlechtergerechte Sprache verzichtet, da beispielsweise Diamantenschürfer und Händler bis auf sehr wenige vereinzelte Ausnahmen männlich sind. Offiziell gibt es einige Lizenzhalterinnen, doch haben viele von ihnen in der Realität oftmals wenig Befugnis, da Entscheidungen in der Regel von männlichen Familienmitgliedern getroffen werden.

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